{"id":82147,"date":"2023-06-09T00:01:34","date_gmt":"2023-06-08T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82147"},"modified":"2022-02-20T18:52:26","modified_gmt":"2022-02-20T17:52:26","slug":"die-geigerzaehler-hoeren-auf-zu-ticken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/09\/die-geigerzaehler-hoeren-auf-zu-ticken\/","title":{"rendered":"Die Geigerz\u00e4hler h\u00f6ren auf zu ticken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">I.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willkommen im club! h\u00e4tt ich beinah gesagt. Freilich, es schlafen haupts\u00e4chlich tote in den sesseln. Und Klaus M. Rarisch geht in keinen club, auch nicht in den exklusiven, den ich meine, dessen schriftf\u00fchrer Albert Vigoleis Thelen ist. Doch, die ULTIMISTEN, lange her; 1957, seitdem steht die zeit. TOP eins: expertise \u00fcber einen der\u2019s noch kann. Und einer, der noch lebt, hebt die brauen: Martin Pohl in Berlin. Der hat das gleiche schwere nervige barock in seinen versen, vom piratensong bis zu Firdausis ghazel, den deutschen kreuzweg von Gryphius und Hofmannswaldau herauf \u00fcber die sch\u00e4delst\u00e4tte der expressionisten bis zu den finisten und den wenigen gl\u00f6cknern und kathedralkastellanen unserer tage. Diese gedichte kommen mit so geballter metaphorik und verskunst daher, da\u00df sie mich erst einmal entmutigen. Hart die gedanken ineinander verschr\u00e4nkt, kein wort zu viel. Sparsam hinein gewebt bilder von gro\u00dfer lyrischer sch\u00f6nheit. Und manche zeile wie ein peitschenschlag, federnd, gespannt, in scharf eingezogenem atem. Dann sp\u00fcre ich dahinter eine ungeheure einsamkeit, eine fast gewaltsam niedergehaltene z\u00e4rtlichkeit, und ich h\u00f6re mich von den untert\u00f6nen in die verse hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literaturhistorisch ist er mir \u00fcber: die verweise entschl\u00fcsselt, wie ich die falotten kenne, heute nicht mal mehr ein germanist. Ich will auch nicht den ver\u00e4stelungen seines metaphorischen strebewerks nachsp\u00fcren. Ich stelle nur fest, da hat sich einer eine eigene bildwelt erarbeitet und f\u00fchrt sie in hoch verdichteter sprache zu einer form, die er als einer der wenigen in den flacht\u00e4lern nach dem krieg virtuos fortf\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am st\u00e4rksten ist er in der auseinandersetzung mit der kirche, der gei\u00dfel, von deren schl\u00e4gen das abendland vernarbt ist. Ich sp\u00fcre, wie er sich in abscheu wendet von dem geronnenen blut, das die weltformel der gotik zerfri\u00dft. Diese sonette k\u00f6nnten in alexandrinern geschrieben sein; die drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriege der welt brennen hinter den h\u00e4usern. In diesen sonetten, wie auch in denen gegen den krieg, sind \u00fcber aller sprachherrschaft die ersch\u00fctterungen sp\u00fcrbar, die Rarisch, jahrgang 36, in fr\u00fcher zeit heimgesucht haben m\u00fcssen, und sei es nur im r\u00fcckgriff auf volksliedwendungen und sentimentale genitive. \u203aSkepsis, Mut &amp; Pazifismus\u2039, so hie\u00df das motto der Ultimisten, und seine \u00e4tzlaugenattentate auf kriegshetzer sind t\u00f6dlich wie zeichnungen von Grosz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">II.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vigoleissche begriff der T\u00fcchte f\u00e4llt mir ein, diese mischung aus sprachgewalt und einer metaphorik, bis zum kalauer hoch gebolzt, dazu eine durchg\u00e4ngig erotische ader mit pilarisierendem einschlag, falls jemand versteht was ich meine: verklemmtheit in erster ableitung. Wortmacht also und ein bildungshorizont wie aus vorkriegszeiten, kapriole und vereinzelung; Vigoleis gibt eine me\u00dflatte f\u00fcr dies schicksal ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der einen seite: kein zweifel da\u00df da genau das, was gemeint ist, glasklar und virtuos ausgedr\u00fcckt wird, auf der anderen seite \u2013 die themen stammen fast vollst\u00e4ndig aus dem alten allgemeinmenschlichen unverbindlichen bildungskatalog: literatur, mythos, landschaft, tod. Bei aller Bennschen bissigkeit gewinnen die gedichte und der mensch dahinter wenig profil. Die sprache hat, bei ausgepr\u00e4gt eigenen bildern, keinen eigenen ton. Bekanntes wird brillant aufgegriffen, aber als standpunkt ergibt sich wenig mehr als da\u00df da einer gern angreift. Wo er angreift, wird es problematisch. Positiv zitiert er von der antike bis zur menschheitsd\u00e4mmerung, also das unbestrittene kulturerbe; auf alles zeitgen\u00f6ssische kann er nur noch vehement speien. Da\u00df der langhaarj\u00fcngling Handke eins dr\u00fcber kriegt: d\u2019accord. Und von b\u00f6llgrass bis zur Klagenfurter preisverleihung gibt es auch genug zu rotzen. Aber ich werde das gef\u00fchl nicht los da\u00df da nur ein zur\u00fcckgesetzter \u00fcber die erfolgreichen giftet. Rarisch k\u00f6nnte gelassen sein. Wie las ich k\u00fcrzlich in einer rezension \u00fcber van Gogh: Bis zur rente mu\u00df schon durchhalten, wer seine zeitgenossen bekehren will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rarischs credo, etwa im Antisonett: Alles eitle nichtsk\u00f6nner, und ich der letzte wahre verseschmied! verhilft einem vors\u00e4tzlich unzeitgem\u00e4\u00dfen nicht einmal zur anerkennung der wenigen initiierten. Da geht selbst die wichtige zeitsatire einiger sonette unter. Das riecht nach Kohl (gro\u00df geschrieben, also nicht der dr) und wollsocken, so als ob sich einer heutzutage \u00fcber \u203aBeatlesm\u00e4hnen\u2039 mokierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">III.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie gut verstehe ich da\u00df einer, der sich jahrzehnte \u00fcber verkannt f\u00fchlt, dem einzigen, der sich je die m\u00fche einer fundierten kritik gemacht hat, mit einem selbstkommentar antwortet! da\u00df einer aus so reich ausgebildeter innenwelt sich einmal in eigener person zu wort meldet, wie menschlich ist das! ich stelle also mein erstes unbehagen \u00fcber diese scheinbare eitelkeit zur\u00fcck und versuche, ob Rarischs selbstinterpretation von drei seiner sonette mir zur deutung der \u00fcbrigen aufschl\u00fcsse gibt. Denn manches, mu\u00df ich gestehen, verstehe ich nicht. Manchmal hebt ein sonett mit donnergepolter an, dr\u00f6hnt majest\u00e4tisch durch die stollen, um am ende in einen furz auszulaufen, kalauer wie \u203aRetter oder Rettich\u2039. Manchmal sp\u00fcrt man auch wie einzelne w\u00f6rter nur um des klangs willen eingesetzt sind. Im selbstkommentar vertritt Rarisch eine theorie des abgestuften vokalklangs, nach der selbst Petrarca oder Platen fast nur unreine sonette geschrieben h\u00e4tten. Hinter Platens versemarmor standen die kommissare eines judenpogroms. Sollte hinter diesen sonetten reinster wortmusik einfach ein fieser alter streithammel stecken? wo liegen Rarischs cacata carta? einige sind versteckt in zeitsatiren von rang: im Hochhuth sonett gegen den Furchtbaren Juristen Filbinger, oder im sonett \u00fcber Barschels ehrenwortkonferenz, das ohne die peinlichkeit der badewannenszene auskommt. Wo sonst hat einer solche satirische sch\u00e4rfe derart erlesen verpackt? freilich hat er sich auch da im vorhinein zur wirkungslosigkeit verdammt, vordergr\u00fcndig durch die alterth\u00fcmliche form, wesentlich durch schroffe distanz zu allem auch nur irgendwie zeitgeistigen. Aber warum dann die pose des verkannten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rarischs brillanz in form und sprachbeherrschung erzeugt kopfgeburten aus der studierstube, wie beim sp\u00e4ten Arno Schmidt. Vielleicht braucht ein literarisches pr\u00e4zisionswerk wie dieses, um zu funktionieren, die reine luft Borgesscher leseabteile. Vielleicht spricht seine biografie eine andere sprache. Ab von allen forderungen nach Rellwanz und Innowatzjohn: bei einem lebendigen autor sollte man sich an einer spezifischen weltsicht reiben k\u00f6nnen, um eine andere, sei es br\u00fcderliche oder gegen-position zur programmpflege eigener realit\u00e4t zu beziehn. Klaus M.Rarisch wird immer ein fremder im literaturbetrieb bleiben. Aber es k\u00f6nnte sein stolz sein, lieber wenige wasserspeier an der kathedrale der zukunft zu metzen als fertigplatten zu pressen f\u00fcr die Malls der Gegenwart.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Geigerz\u00e4hler h\u00f6ren auf zu ticken<\/strong>. 99 Sonette mit einem Selbstkommentar von\u00a0Klaus M. Rarisch<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Rarisch.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-82151 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Rarisch.gif\" alt=\"\" width=\"149\" height=\"250\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">hier<\/a>. Eine faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>. Zur Lyrik von HEL findet sich hier ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54994\">Rezensionsessay<\/a> von Holger Benkel. Eine <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hel\/helbenntjes.htm\">H\u00f6rprobe<\/a> des Autors findet sich auf MetaPhon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. Willkommen im club! h\u00e4tt ich beinah gesagt. Freilich, es schlafen haupts\u00e4chlich tote in den sesseln. Und Klaus M. Rarisch geht in keinen club, auch nicht in den exklusiven, den ich meine, dessen schriftf\u00fchrer Albert Vigoleis Thelen ist. 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