{"id":82124,"date":"2013-05-06T00:01:43","date_gmt":"2013-05-05T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82124"},"modified":"2021-04-05T15:22:04","modified_gmt":"2021-04-05T13:22:04","slug":"autobiographische-notiz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/06\/autobiographische-notiz\/","title":{"rendered":"Autobiographische Notiz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\">geschrieben 1913<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef Schertel) in M\u00fcnchen geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu gelegenen \u2013 aller Kunst und heiteren Geselligkeit ge\u00f6ffneten \u2013 Hause mit parkartigem Garten gl\u00fcckliche, eindrucksreiche Kindheitsjahre. Meine Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus R\u00fccksicht auf ein beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem dritten oder vierten Jahre an \u00fcberallhin mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsa\u00df in Erinnerung, die im wesentlichen in einer von zwei unerm\u00fcdlichen Juckern gezogenen Kutsche zur\u00fcckgelegt wurde. Dazwischen und sp\u00e4ter waren es dann die (damals noch l\u00e4ndlichen) bayerischen Seed\u00f6rfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, We\u00dfling und noch sp\u00e4ter schlesische D\u00f6rfer am Zobten und im Vorland des Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch die Lebensf\u00fchrung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, da\u00df er ihn, als eifriger J\u00e4ger, bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese Jahre waren grundlegend f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis zur Natur, das ihm sp\u00e4ter die M\u00f6glichkeit gab, zeitweise v\u00f6llig in ihr aufzugehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie waren aber auch n\u00f6tig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von au\u00dfen wie von innen. Was sich bisher, gehegt und verw\u00f6hnt, daheim und im Freien so durchgespielt hatte \u2013 mein Spielen bildet f\u00fcr mich ein eigenes sonniges Kapitel \u2013 zeigte sich dem \u00e4u\u00dferen Leben, wie es vor allem in der Schule herantrat, weniger gewachsen. Es war, als w\u00e4re das Leidenserbe der Mutter, das doch erst zw\u00f6lf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein f\u00fchrte, schon damals \u00fcbernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen ein, die ihn wohl nicht h\u00e4tten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht irgend etwas in ihm ebenso z\u00e4he f\u00fcr ihn gestritten und ihn \u00fcber das Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht h\u00e4tte. Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam nicht hatte geben k\u00f6nnen, ihm nun aus geistigen Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich auf H\u00f6hen des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren g\u00f6ttlichen Sinn wiedergewonnen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugef\u00fchrt haben, <i>Friedrich Kay\u00dfler<\/i>, dem die Sammlung \u203aAuf vielen Wegen\u2039 (und wieviel anderes!) mit dem Danke geh\u00f6rt: \u203aW\u00e4r der Begriff des Echten verloren \/ In Dir w\u00e4r er wiedergeboren\u2039.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Gl\u00fcck philosophischer Gespr\u00e4che. Schopenhauer, vor allem, auch schon die Lehre von der Wiederverk\u00f6rperung traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu \u00fcbertragen, f\u00fchrte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik Ibsens teure Person kennen und durfte in den \u00dcbersetzungen von \u203aBrand\u2039 und \u203aPeer Gynt\u2039 mich innerlichst mit ihm verbinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Jahr 1901 sah mich \u00fcber den \u203aDeutschen Schriften\u2039 Paul de Lagardes. Er erschien mir \u2013 Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet \u2013 als der zweite ma\u00dfgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch stimmen mochte, da\u00df sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify\">Zu Niblum will ich begraben sein,<br \/>\nam Saum zwischen Marsch und Geest &#8230;<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify\">Zu Niblum will ich mich rasten aus<br \/>\nvon aller Gegenwart.<br \/>\nUnd schreibt mir dort auf mein steinern Haus<br \/>\nnur den Namen und: \u203aLest Lagarde!\u2039<br \/>\nJa, nur die zwei Dinge klein und gro\u00df:<br \/>\nDiese Bitte und dann meinen Namen blo\u00df.<br \/>\nNur den Namen und: \u203aLest Lagarde!\u2039<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify\">Das Inselchen Mutterland dorten, nein,<br \/>\ndas will ich nicht verschm\u00e4hn.<br \/>\nHolt mich doch dort bald die Nordsee heim<br \/>\nmit steilen, st\u00fcrzenden Seen \u2013<br \/>\ndas Muttermeer, die Mutterflut &#8230;<br \/>\no wie sich gut dann da drunten ruht,<br \/>\ntief fern von deutschem Geschehn!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Inzwischen war dem F\u00fcnfunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen Entscheidendes geworden. Natur und Mensch hatten sich ihm endg\u00fcltig vergeistigt. Und als er eines Abends wieder einmal das <i>Evangelium nach Johannes<\/i> aufschlug, glaubte er es zum ersten Male wirklich zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die n\u00e4chsten Jahre \u2013 des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens \u2013 \u00fcberstand er so, wie er sie \u00fcberstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, sich irgendwohin zur\u00fcckzuziehen, wo er in v\u00f6lliger Unbekanntheit seine Tage h\u00e4tte vollenden d\u00fcrfen. Er war doppelt geworden und in der wunderlichen Verfassung, sich, sozusagen, gro\u00df oder klein schreiben zu k\u00f6nnen. (In \u203aEinkehr\u2039, \u203aIch und Du\u2039 und einer Sammlung Aufzeichnungen findet sich Einiges aus diesem Abschnitt.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er konnte in einem Kaffeehause sitzen und f\u00fchlen: \u203aSo von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und sich unterhalten, und durch das m\u00e4chtige Fenster die drau\u00dfen hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der Glaswand eines gro\u00dfen Beh\u00e4lters, \u2013 und dann und wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du! \u2013 Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als sie, mit SICH selber redet und wer sie aus meinen Augen als SICH erkennt und aus ihren nur als sie!\u2039 &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und doch war solches Erkennen nur erst ein Oberfl\u00e4chen-Erkennen und darum letzten Endes noch zur Unfruchtbarkeit verurteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So kam das Jahr 1908 \u2013<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify\">\u203aDa traf ich Dich, in \u00e4rgster Not: den Andern!<br \/>\nMit Dir vereint, gewann ich frischen Mut.<br \/>\nVon neuem hob ich an, mit Dir, zu wandern,<br \/>\nund siehe da: Das Schicksal war uns gut.<br \/>\nWir fanden einen Pfad, der klar und einsam<br \/>\nempor sich zog, bis, wo ein Tempel stand.<br \/>\nDer Steig war steil, doch wagten wir&#8217;s gemeinsam.<br \/>\nUnd heut noch helfen wir uns, Hand in Hand.\u2039<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Andre war <i>Sie<\/i>, die mein Leben fortan teilte; der Pfad war der Weg theosophisch-anthroposophischer Erkenntnisse, wie sie uns heute, in einziger Weise, durch <i>Rudolf Steiner<\/i> vermittelt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In dieser Pers\u00f6nlichkeit lebt ein gro\u00dfer spiritueller Forscher \u203aein ganz dem Dienste der Wahrheit gewidmetes Leben\u2039 vor uns und f\u00fcr uns dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vor ihm darf auch der Unabh\u00e4ngigste sich von neuem besinnen und revidieren, vor ihm hat dies jedenfalls der getan, der immer am liebsten dem Worte nachleben wollte: \u2013 Vitam impendere vero.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-82047 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-206x300.jpg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-260x379.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-160x233.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420.jpg 288w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><\/em><em>&#8222;In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das hei\u00dft Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniat\u00fcr-Schiff, sondern die Walnu\u00dfschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapit\u00e4n. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen d\u00fcrfen und nicht so sehr blo\u00df bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses &#8218;Kind im Menschen&#8216; ist der unsterbliche Sch\u00f6pfer in ihm [&#8230;].&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>geschrieben 1913 Ich wurde am 6. 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