{"id":82120,"date":"2023-05-06T00:01:57","date_gmt":"2023-05-05T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=82120"},"modified":"2022-02-25T14:51:47","modified_gmt":"2022-02-25T13:51:47","slug":"die-versammlung-der-naegel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/06\/die-versammlung-der-naegel\/","title":{"rendered":"Die Versammlung der N\u00e4gel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir m\u00fcssen auf jeden Fall eine neue Versammlung einberufen\u00ab, sagte der lange Drahtstift zu dem kleinen Blaustift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas w\u00e4re allerdings h\u00f6chst notwendig!\u00ab erwiderte dieser. \u00bbAber wie eine Proklamation verfassen, da keiner von uns schreiben kann?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAls ob wir nicht eine Feder bitten k\u00f6nnten, du Hasenhirn!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie du mit deinem krummen R\u00fcckgrat dich trefflich eignen w\u00fcrdest, aufzusuchen. Einem einzigen B\u00fcckling, wie du einer bist, d\u00fcrfte ihr Herz nicht widerstehen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Drahtstift suchte sich mit einem Fluche aufzurichten, aber umsonst, er war wirklich Invalide.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbStreitet euch doch nicht!\u00ab rief da pl\u00f6tzlich eine feine Stimme dazwischen. \u00bbIch will euch ja gern helfen. Ich bin zwar nur eine Zeichenfeder, aber ich werde mir schon M\u00fche geben!\u00ab Dabei sah sie den kleinen Blaustift sehr munter an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der war gleich Feuer und Flamme, und nachdem der Lange durch ein paar z\u00e4rtliche Blicke wieder bes\u00e4nftigt war, begann man, sich eifrig dem gedachten Plane hinzugeben, und kam schlie\u00dflich \u00fcberein, die Proklamation auf ein kleines Zigarettenmundst\u00fcck, das nebenbei in einer Aschenschale lag, zu schreiben und sie der Zimmerspinne zur Bef\u00f6rderung anzuvertrauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach vielem Hin und Her gewann das Schriftst\u00fcck endlich folgende Fassung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Unterzeichneten beehren sich, auf die erste Stunde nach Lampen-Untergang zwischen dem n\u00e4chsten Sonn-Tag und Mond-Tag die achtbaren und hochl\u00f6blichen Herren N\u00e4gel aus s\u00e4mtlichen Reichen und Unterreichen von Zimmerland zu einer neuen Versammlung einzuberufen, deren Zweck die in voriger Versammlung leider mi\u00dfgl\u00fcckte Wahl eines neuen Oberhauptes ist. Zum Ort der Versammlung ist die gro\u00dfe t\u00fcrkische Wiese der Unterprovinz Teppich gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit landsm\u00e4nnischen Gr\u00fc\u00dfen in geziemender Ehrerbietung<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Lang<\/em>, Drahtstift a. D., <em>Kurz<\/em>, Blaustift z. D.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Pultstadt, Herberge zur Offenen Schachtel.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Tusche, die Zeichenfeder, diesen Aufruf s\u00e4uberlich und mit vielen Schn\u00f6rkeln auf das Zigaretten-Mundst\u00fcck \u00fcbertrug, begaben sich Lang und Kurz auf die Fliegenjagd, um der Zimmerspinne einen, der Wichtigkeit des Auftrags entsprechenden, Botenlohn anbieten zu k\u00f6nnen. Nachdem sie wohl ein halbes Dutzend Fliegen gespie\u00dft, kehrten sie zur Herberge zur\u00fcck und \u00fcberlie\u00dfen es dem frischen Blutgeruch, das feinnasige Weiblein herbeizuziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ihre Erwartung betrog sie nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gesch\u00e4ftig kam die Zimmerspinne herzu und lie\u00df sich gern auf die Sache ein, zumal sie sich eine interessante Reise und viel Ehre davon versprach. Geschickt kroch sie in das R\u00f6llchen hinein, so da\u00df sie es nun wie ein Panzerhemd um den Leib hatte, und begab sich so, von den Segensw\u00fcnschen der drei begleitet, die Fliegen hinter sich herschleifend, auf ihre verantwortliche Wanderschaft &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sonntag war seinem Ende nahe und Kurz, Lang und Tusche in begreiflicher Aufregung\u00a0&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich ward es finster in Zimmerland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Reichsunget\u00fcm, von dem niemand wu\u00dfte, was es war, das sich aber best\u00e4ndig in Zimmerland hin und her bewegte und wegen seiner stets unvorhergesehenen beispiellosen Gewalttaten wie ein schrecklicher Gott oder Teufel gef\u00fcrchtet ward, tappte noch einmal unheimlich auf und ab, warf sich dann zu Boden und schlief unter f\u00fcrchterlichem Schnaufen und Schnarchen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJetzt wird es Zeit!\u00ab sagte Kurz leise und machte sich mit Lang und Tusche nach der Unterprovinz Teppich auf den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war schon viel Volks versammelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Menge Offiziere mit messingenen Helmen eilten die t\u00fcrkische Wiese eifrig auf und nieder; die hatten Ordnung zu halten und die ganze Feierlichkeit einzuleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Ecke hatten sich die Dachpappenleute um einen schwarzen Schmied zusammengeschart und lie\u00dfen aus ihrer drohenden Haltung erkennen, da\u00df sie sich jeder Neuwahl eines aristokratischen K\u00f6nigs aufs hartn\u00e4ckigste widersetzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Male kam Bewegung in die Massen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gro\u00dfen, von Kopf bis zu Fu\u00df in schwarzer Eisenr\u00fcstung, betraten unter Vormarsch des Riesenstift-Regiments und des Corps der Blaustift-Pagen den durch Hakenspie\u00dfe gesperrten Teil des Versammlungsfeldes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle, au\u00dfer den Dachpappenleuten, nahmen einen Augenblick die H\u00fcte ab, so gro\u00df war der Eindruck dieser m\u00e4chtigen Herren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun begann der Herold, ein baumlanger Offizier mit pr\u00e4chtigem Goldhelm, seine Schriftst\u00fccke zu verlesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt aber, als nun die Wahl selbst vor sich gehen sollte, erhob sich ein solcher L\u00e4rm und Zank, ein solches Stampfen und S\u00e4belklirren, da\u00df Lang sich fast weinend zu Kurz umwandte und \u2013 &#8211; \u2013 Aber was mu\u00dfte er sehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz und Tusche lagen sich in den Armen und k\u00fcmmerten sich nicht um das was um sie vorging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein vollkommenes Tohuwabohu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da pl\u00f6tzlich ward eine Totenstille, und alles stand starr und stramm wie ein Haufen preu\u00dfischer Soldaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Reichsunget\u00fcm hatte sich gew\u00e4lzt und sah mit gl\u00e4sernen Augen auf die Unterprovinz Teppich und das \u00fcbrige Zimmerland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo sind denn die Bilder?\u00ab sagte das Unget\u00fcm zu sich \u2013 \u00bbund der Spiegel und die Wandbretter und die Gardinen? Was ist denn das \u2013 die W\u00e4nde sind ja ganz kahl, als ob alles heruntergenommen und in die Ecken gestellt w\u00e4re!?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberdem schliefen seine Augen wieder ein, und es w\u00e4lzte sich wieder auf die andere Seite. Die t\u00fcrkische Wiese war im Nu geleert. Wortlos eilte jeder nach Hause.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas man doch f\u00fcr verr\u00fccktes Zeug zusammentr\u00e4umt!\u00ab sagte am n\u00e4chsten Morgen der junge Arzt lachend zu seiner Wirtin, die ihm den Kaffee brachte. \u00bbDenken Sie sich &#8230;\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-82047 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-206x300.jpg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-260x379.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420-160x233.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/10\/Morgenstern-h420.jpg 288w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><\/em><em>&#8222;In jedem Menschen ist ein Kind verborgen, das hei\u00dft Bildnertrieb und will als liebstes Spiel- und Ernst-Zeug nicht das bis auf den letzten Rest nachgearbeitete Miniat\u00fcr-Schiff, sondern die Walnu\u00dfschale mit der Vogelfeder als Segelmast und dem Kieselstein als Kapit\u00e4n. Das will auch in der Kunst mit-spielen, mit-schaffen d\u00fcrfen und nicht so sehr blo\u00df bewundernder Zuschauer sein. Denn dieses &#8218;Kind im Menschen&#8216; ist der unsterbliche Sch\u00f6pfer in ihm [&#8230;].&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbWir m\u00fcssen auf jeden Fall eine neue Versammlung einberufen\u00ab, sagte der lange Drahtstift zu dem kleinen Blaustift. \u00bbDas w\u00e4re allerdings h\u00f6chst notwendig!\u00ab erwiderte dieser. \u00bbAber wie eine Proklamation verfassen, da keiner von uns schreiben kann?\u00ab \u00bbAls ob wir nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/06\/die-versammlung-der-naegel\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":220,"featured_media":99780,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2891],"class_list":["post-82120","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-christian-morgenstern"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/220"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=82120"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82120\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100556,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/82120\/revisions\/100556"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99780"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=82120"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=82120"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=82120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}