{"id":81972,"date":"2024-09-14T00:01:35","date_gmt":"2024-09-13T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81972"},"modified":"2023-07-22T08:34:54","modified_gmt":"2023-07-22T06:34:54","slug":"interpretationen-9","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/09\/14\/interpretationen-9\/","title":{"rendered":"Interpretationen 9 &#8211; wien: heldenplatz"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wien: heldenplatz ist ein Gedicht des \u00f6sterreichischen Lyrikers Ernst Jandl, das auf den 4. Juni 1962 datiert ist und erstmals 1966 in Jandls Gedichtsammlung <em>Laut und Luise<\/em> ver\u00f6ffentlicht wurde. Es geh\u00f6rt zu den bekanntesten und in der Sekund\u00e4rliteratur am ausf\u00fchrlichsten untersuchten Gedichten Ernst Jandls und ist ein modernes Beispiel politischer Lyrik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht bezieht sich auf den Wiener Heldenplatz, dessen weitl\u00e4ufige Fl\u00e4che Adolf Hitler am 15. M\u00e4rz 1938 bei der Verk\u00fcndung des Anschlusses \u00d6sterreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich f\u00fcr seine propagandistische Inszenierung n\u00fctzte. Seine Rede wurde von einer gro\u00dfen Menschenmenge \u2013 in der sich auch der zw\u00f6lfj\u00e4hrige Ernst Jandl befand \u2013 bejubelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Formal folgt <em>wien: heldenplatz<\/em> den Regeln einer gew\u00f6hnlichen Syntax, jedoch sind zahlreiche W\u00f6rter nach Jandls Worten \u201ebesch\u00e4digt\u201c. Sie sind durch semantisch vieldeutige Wortsch\u00f6pfungen ausgewechselt, die das Pathos des historischen Geschehens brechen und ihm zus\u00e4tzliche Bedeutungsebenen verleihen. Dabei bedient sich Jandl haupts\u00e4chlich der Motivkomplexe von Jagd, Germanenmythos, Religion und Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht besteht aus 15 Versen, die in drei Strophen untergliedert sind. Die erste Strophe widmet sich der Atmosph\u00e4re auf dem Heldenplatz. Er ist angef\u00fcllt von einer Menschenmasse, die l\u00e4rmt und von angespannter Hoffnung erf\u00fcllt ist. Explizit angesprochen werden die erregten Frauen in der Menge. In der zweiten Strophe tritt der Redner auf, der nicht namentlich genannt wird, sondern durch seinen Haarscheitel und eine heiser geschriene hysterische Stimme charakterisiert wird. Die dritte Strophe f\u00e4ngt den holpernden Sprachduktus des Redners ebenso ein wie den Inhalt seiner Rede, die zur Jagd auf alle Andersdenkenden bl\u00e4st, und eine erotisierende Wirkung auf die Menschenmasse hat, wobei erneut speziell auf das Hochgef\u00fchl der Frauen abgehoben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut der Eigenaussage Ernst Jandls lebt das Gedicht von einer \u201eSpannung zwischen dem besch\u00e4digten Wort und der unverletzten Syntax\u201c. Von den 69 W\u00f6rtern des Gedichts z\u00e4hlt Walter Ruprechter 47 Autosemantika, das hei\u00dft W\u00f6rter mit lexikalischer Bedeutung. Die Mehrheit unter diesen, n\u00e4mlich 28 W\u00f6rter, sind sprachliche Neusch\u00f6pfungen Jandls. Dennoch sind alle Neologismen eindeutig in ihrer syntaktischen Funktion als Substantiv, Verb oder Adjektiv erkennbar, was die Unverletzlichkeit der Syntax best\u00e4tigt. Das Gedicht bedient sich also einer konventionellen grammatikalischen Struktur und erh\u00e4lt seinen Effekt durch die Ersetzung der erwarteten Begriffe durch neue, ungew\u00f6hnliche und \u00fcberraschende Kunstw\u00f6rter mit abweichender und vieldeutiger Semantik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Lautstruktur des Gedichts dr\u00fcckt das Stakkato der dominierenden Plosiv- und Okklusivlaute die Aggressivit\u00e4t des Geschehens aus (\u201ed\u00f6ppelte der gottelbock\u201c). Geh\u00e4uft treten Zischlaute auf, die bedrohlich wirken, aber auch das Pathos des Geschehens unterlaufen. J\u00f6rg Drews benennt etwa \u201edas h\u00e4\u00dfliche \u201az\u2018\u201c, das immer wieder in die W\u00f6rter eingeflickt wird und ihnen einen Anklang von Niedertracht und Vulgarit\u00e4t verleiht. Das Gedicht ist reich an Assonanzen, es herrschen allgemein die hellen, optimistischen Vokale vor. Die zahlreichen schwach betonten Silben im Schwa-Laut erzeugen im Wechsel mit den stark betonten einen wellenf\u00f6rmigen, dynamischen Rhythmus. Es gibt keinen Endreim, aber einen h\u00e4ufigen Stabreim (\u201em\u00e4nnchenmeere\u201c, \u201estimmstummel\u201c, \u201en\u00f6ten n\u00f6rdlich\u201c etc.), was bereits formal den Germanenmythos des Dritten Reichs zitiert. Das Gedicht steht \u00fcberwiegend im Imperfekt, laut Peter Pabisch der Erz\u00e4hlform der \u201e\u201asch\u00f6nen\u2018 Sprache\u201c, und in der f\u00fcr Jandls Lyrik typischen durchg\u00e4ngigen Kleinschreibung mit doppelter Ausnahme der Wortsch\u00f6pfung \u201eSa-Atz\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>wien: heldenplatz<\/em> wurde zu einem der ber\u00fchmtesten Gedichte Ernst Jandls. Nach Einsch\u00e4tzung Anne Uhrmachers ist es das \u201ein der Sekund\u00e4rliteratur wohl am breitesten diskutierte Gedicht Ernst Jandls\u201c, das auch international \u00fcbersetzt und untersucht wurde. Es gilt allgemein als ein gelungenes Beispiel f\u00fcr politische Lyrik. J\u00f6rg Drews sprach von einem \u201eGedicht, in dem \u2013 ein rarer Moment in der deutschsprachigen Literatur angesichts der \u00fcblichen literarischen D\u00fcrftigkeit politischer Lyrik \u2013 die \u00e4sthetische Wahrheit nicht hinter der politischen Wahrheit herhinkt, sondern ihr gewachsen ist.\u201c Und er zog das Fazit: \u201eDas Gedicht geh\u00f6rt in jedes deutsche und \u00f6sterreichische Lesebuch \u2013 auf da\u00df die Leser sich die Z\u00e4hne dran ausbei\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Walter Ruprechter wies insbesondere darauf hin, dass <em>wien: heldenplatz<\/em> zu einer Zeit erschien, als in \u00d6sterreich Verdr\u00e4ngung und Restauration vorherrschten und man sich mit der Lebensl\u00fcge der ersten Opfer des Nationalsozialismus einrichtete, weswegen das Gedicht \u201enicht nur k\u00fcnstlerisch-formal, sondern auch moralisch zu w\u00fcrdigen\u201c sei. Erst mehr als 20 Jahre sp\u00e4ter sei die Thematik von einem weiteren gro\u00dfen \u00f6sterreichischen Literaten aufgegriffen worden, in Thomas Bernhards Drama <em>Heldenplatz<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_12993\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ernst_Jandl_and_Friederike_Mayro\u0308cker_public_reading_1974-11_Vienna_Austria2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12993\" class=\"size-full wp-image-12993\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ernst_Jandl_and_Friederike_Mayro\u0308cker_public_reading_1974-11_Vienna_Austria2.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"432\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ernst_Jandl_and_Friederike_Mayro\u0308cker_public_reading_1974-11_Vienna_Austria2.jpg 800w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Ernst_Jandl_and_Friederike_Mayro\u0308cker_public_reading_1974-11_Vienna_Austria2-300x162.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12993\" class=\"wp-caption-text\">Ernst Jandl und Friederike Mayr\u00f6cker anl\u00e4sslich einer Lesung, Wien 1974<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; wien: heldenplatz ist ein Gedicht des \u00f6sterreichischen Lyrikers Ernst Jandl, das auf den 4. 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