{"id":81965,"date":"2024-08-01T00:01:32","date_gmt":"2024-07-31T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81965"},"modified":"2022-02-22T19:00:30","modified_gmt":"2022-02-22T18:00:30","slug":"interpretationen-8","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/01\/interpretationen-8\/","title":{"rendered":"Interpretationen 8 &#8211; Der Rabe"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>The Raven<\/em> ist ein erz\u00e4hlendes Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe. Es wurde zum ersten Mal am 29. Januar 1845 in der New Yorker Zeitung <em>Evening Mirror<\/em> ver\u00f6ffentlicht und schildert in 108 Versen den mysteri\u00f6sen, mittern\u00e4chtlichen Besuch eines Raben bei einem Verzweifelten, dessen Geliebte verstorben ist. Es ist eines der bekanntesten US-amerikanischen Gedichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der lyrische Erz\u00e4hler des Gedichtes h\u00f6rt, als er eines Nachts beim Lesen dem Schlaf schon nahe ist, ein sanftes Klopfen an der T\u00fcr. Vom Tod seiner Geliebten <em>Lenore<\/em> tief betroffen, hat er Trost in der Lekt\u00fcre seltsamer, m\u00f6glicherweise okkulter B\u00fccher gesucht, welche seine ohnehin gereizten Nerven weiter angespannt haben. So beschleunigen das Verglimmen des Kaminfeuers und das Rascheln der Gardinen seinen Herzschlag; um sich zu beruhigen, sagt er sich selbst, dass das Klopfen nur von einem sp\u00e4ten Besucher stammte. Doch als er die T\u00fcr \u00f6ffnet und dort niemand ist, wecken der Verlust seiner Geliebten sowie die seltsamen Lekt\u00fcren die irrationale Hoffnung in ihm, dass das Klopfen von Lenore sein k\u00f6nnte. Als er ins Zimmer zur\u00fcckkehrt, klopft es erneut, diesmal am Fenster. Er \u00f6ffnet es und ein stattlicher Rabe fliegt durchs Fenster in den Raum und setzt sich auf die B\u00fcste von Pallas Athene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler fragt den Raben nach seinem Namen, doch der Vogel kr\u00e4chzt nun \u201eNimmermehr\u201c (original <em>Nevermore<\/em>), worauf der Mann zu ergr\u00fcnden versucht, unter welchen Umst\u00e4nden der Rabe dieses Wort erlernt hat und was er damit meinen k\u00f6nnte. Auf die zu sich selbst gemurmelte Aufforderung, Lenore zu vergessen, antwortet der Rabe ungefragt auf ein Neues \u201eNimmermehr\u201c. Das erregt den Erz\u00e4hler, und er stellt dem Raben weitere Fragen: Ob es f\u00fcr seine Seele Linderung gebe und ob er Lenore im Himmel treffen werde. Beides beantwortet der Rabe mit \u201eNimmermehr\u201c. Vollkommen au\u00dfer sich fordert da der Mann den Raben auf, ihn zu verlassen, doch wiederum antwortet der Rabe in gewohnter Manier und verl\u00e4sst die B\u00fcste nicht. Das Gedicht endet damit, dass der Erz\u00e4hler beziehungsweise seine Seele in dem Schatten liegt, den der Rabe auf den Boden wirft, und von dort <em>nimmermehr<\/em> aufsteigen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poe kannte Charles Dickens\u2019 Roman <em>Barnaby Rudge,<\/em> in dem der Rabe des verwirrten Barnaby das Wort \u201eNobody\u201c sprechen kann, Horace Smiths\u2019 Roman <em>Zillah<\/em>, in dem ein Schausteller Kunstst\u00fccke mit einem Raben auff\u00fchrt, und Elizabeth Barrett Brownings Gedicht <em>Lady Geraldine\u2019s Courtship<\/em> mit dem folgenden Refrain: <em>\u201c<\/em><em>Ever, evermore the while in a slow silence she kept smiling.<\/em><em>\u201d<\/em> Der Name der verlorenen Geliebten bei Poe, Lenore, ist eine Anspielung auf die damals auch international noch immer ber\u00fchmte Schauerballade <em>Lenore<\/em> von Gottfried August B\u00fcrger aus dem Jahr 1774.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind keine weiteren Fassungen von Poes Gedicht erhalten, so dass die Entstehung nur durch Poes eigene Aussagen dazu nachvollzogen werden kann. Er habe, mit Unterbrechungen, zehn Jahre lang daran gearbeitet und so sei <em>Der Rabe<\/em> aus einem urspr\u00fcnglich geplanten kurzen Gedicht \u00fcber eine Eule entstanden. Insbesondere in <em>The Philosophy of Composition<\/em> legt Poe, wenn auch zeitlich gerafft, den Arbeitsprozess am Gedicht dar und betont dabei die planvolle oder sogar mathematische Komposition, die nichts dem Zufall \u00fcberlassen sollte. Darin betont er auch, welche Bedeutung der Rabe f\u00fcr ihn eigentlich hat, n\u00e4mlich als \u201eSinnbild <em>trauervoller und nie endender Erinnerung<\/em>\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wird vermutet, dass die letzte Fassung 1844 entstand. Poe bot sie <em>Graham\u2019s Magazine<\/em> in Philadelphia zur Ver\u00f6ffentlichung an, welches jedoch ablehnte. Die <em>American Review<\/em> in New York erwarb das Gedicht f\u00fcr ihr Februarheft im Jahr 1845, wo es unter dem Pseudonym Quarles erschien, einer Anspielung auf den englischen Dichter und Emblematiker Francis Quarles. Der <em>Evening Mirror<\/em> bekam die Erlaubnis f\u00fcr eine Ver\u00f6ffentlichung bereits am 29. Januar. Beide versahen das Gedicht mit einer anerkennenden Vorbemerkung. Noch im selben Jahr wurde <em>Der Rabe<\/em> in zahlreichen weiteren Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt und erschien im November 1845 titelgebend in Poes Gedichtband <em>The Raven and Other Poems<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl zwischen der zweiten und dritten Strophe die Perspektive von der Natur zum Menschen wechselt und sich das Thema von Reife und Vollendung zu einem einsamen Leben, widersprechen sich die Teile nicht, sondern erg\u00e4nzen einander. W\u00e4hrend die Vollendung der Natur gefordert wird, werden die Folgen einer fehlenden Vollendung im menschlichen Leben dargestellt. Im gedoppelten \u201eWer\u201c-Satz (V. 8f) dr\u00fcckt sich n\u00e4mlich eine Bedingung aus, d. h. dass Einsamkeit nicht in der Natur des Menschen liegt, sondern wird durch fehlende \u201eVollendung\u201c beim Finden einer Heimat oder in sozialer Hinsicht verursacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Form des Gedichts unterst\u00fctzt dies durch die wachsende Anzahl der Verse: In der dritten Strophe ist der umarmende Reim, der in der zweiten Strophe rein auftritt und in der ersten durch den Binnenreim (\u201eFluren\u201c, V. 3) realisiert wird, um einen Vers erweitert; dadurch wird die Strophe l\u00e4nger als erwartet, man m\u00f6chte fast sagen, dass sie wie ein einsamer Spaziergang in herbstlichen Alleen zu lange dauert, kein Ende findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild des \u201eHerbsttag[es]\u201c (s. Titel) wird in doppelter Bedeutung benutzt. Auf den ersten Blick dominiert die w\u00f6rtliche Bedeutung, die in den Naturbildern zum Ausdruck kommt, z. B. \u201eSchatten\u201c (V. 2), Winde (V. 3), Bl\u00e4tter (V. 12). Gerade durch den Bezug auf den Menschen und seine Vereinsamung gewinnt das Bild aber eine neue Bedeutungsebene: Das Finden einer Heimat und eines Platzes in der menschlichen Gesellschaft, d. h. das Finden einer erf\u00fcllten Lebensweise, muss zu einer bestimmten Zeit geschehen, weil es ein Verpassen des g\u00fcnstigen Zeitpunktes zum Verlust auf eine unbestimmte Dauer f\u00fchrt. Der Zeitpunkt k\u00f6nnte als Lebensalter gedacht sein (Herbst des Lebens wird das Alter genannt) oder als eine \u201edunkle Zeit\u201c im Leben, d. h. eine Zeit des Misserfolgs oder der Krankheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_99546\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99546\" class=\"wp-image-99546 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/08\/Edgar_Allan_Poe-e1645552770222.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-99546\" class=\"wp-caption-text\">Edgar Allan Poe 1848 (Daguerreotypie)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; The Raven ist ein erz\u00e4hlendes Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe. Es wurde zum ersten Mal am 29. Januar 1845 in der New Yorker Zeitung Evening Mirror ver\u00f6ffentlicht und schildert in 108 Versen den mysteri\u00f6sen, mittern\u00e4chtlichen Besuch eines&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/01\/interpretationen-8\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":99546,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1025],"class_list":["post-81965","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-edgar-allan-poe"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81965"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81965\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99548,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81965\/revisions\/99548"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99546"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}