{"id":81959,"date":"2024-07-07T00:01:39","date_gmt":"2024-07-06T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81959"},"modified":"2024-07-06T23:53:37","modified_gmt":"2024-07-06T21:53:37","slug":"interpretationen-7","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/07\/07\/interpretationen-7\/","title":{"rendered":"Interpretationen 7 &#8211; Nur zwei Dinge"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur zwei Dinge ist ein Gedicht des Lyrikers Gottfried Benn. Es ist datiert auf den 7. Januar 1953 und wurde erstmals in der Frankfurter Ausgabe der <em>Neuen Zeitung<\/em> vom 26. M\u00e4rz 1953 ver\u00f6ffentlicht. Im Mai desselben Jahres erschien es in Benns Gedichtsammlung <em>Destillationen<\/em>. Den letzten durch Benn pers\u00f6nlich herausgegebenen Band, die <em>Gesammelten Gedichte<\/em> aus seinem Todesjahr 1956, beschlie\u00dft <em>Nur zwei Dinge<\/em> vor dem lyrischen Epilog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht blickt in einer Du-Ansprache auf ein Leben zur\u00fcck, stellt die Sinnfrage und findet die Antwort im Ertragen des Vorbestimmten. Nach der Einsicht in die allgemeine Verg\u00e4nglichkeit schlie\u00dft das Gedicht mit einer Gegen\u00fcberstellung von Leere und gezeichnetem Ich. Im Gegensatz zu den abstrakten, nihilistischen Aussagen steht die geschlossene und eing\u00e4ngige Form des Gedichts, die durch traditionelle Stilmittel gepr\u00e4gt ist. Dabei lassen chiffrenhafte Formeln vieldeutige Interpretationen zu. <em>Nur zwei Dinge<\/em> geh\u00f6rt zu den popul\u00e4rsten Gedichten Gottfried Benns und wurde auch als seine pers\u00f6nliche Lebensbilanz verstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erste Strophe des dreistrophigen Gedichts lautet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDurch so viel Formen geschritten,<br \/>\ndurch Ich und Wir und Du,<br \/>\ndoch alles blieb erlitten<br \/>\ndurch die ewige Frage: wozu?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies wird als Kinderfrage bezeichnet. Erst sp\u00e4t hat das Du des Gedichts erkannt, was es im Leben zu ertragen gelte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201edein fernbestimmtes: Du mu\u00dft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts der allgemeinen Verg\u00e4nglichkeit, wof\u00fcr beispielhaft Rosen, Schnee und Meere genannt werden, bleibt als Fazit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201ees gibt nur zwei Dinge: die Leere<br \/>\nund das gezeichnete Ich.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht besteht aus drei Strophen. Die vier Verse der beiden Au\u00dfenstrophen stehen im Kreuzreim und enden abwechselnd mit einer Hebung oder Senkung. Die Binnenstrophe wird mittels eines zus\u00e4tzlichen Paarreims auf f\u00fcnf Verse erweitert. Durch den Einschub als Parenthese f\u00e4llt der achte Vers aus dem Gedicht heraus, das sich ebenso gut ohne ihn lesen lie\u00dfe. Die Wirkung der zus\u00e4tzlichen Zeile ist laut Gisbert Hoffmann ein Ritardando, eine Verz\u00f6gerung des Strophenschlusses. Gleichzeitig verst\u00e4rkt sie den vorigen Vers 7, \u201ees gibt nur eines: ertrage\u201c, und macht ihn zum Mittelpunkt des Gedichts. Benn setzte das Stilmittel eines zus\u00e4tzlichen Verses in seinem Werk wiederholt in einzelnen Strophen ein, zwei seiner Gedichte bestehen vollst\u00e4ndig aus f\u00fcnfzeiligen Strophen. Die unruhige Wirkung der Metrik von <em>Nur zwei Dinge<\/em> erkl\u00e4rte Hoffmann mit der variierenden Anzahl von Silben pro Vers sowie den unregelm\u00e4\u00dfigen und unerwartet verteilten Versf\u00fc\u00dfen. Die allesamt dreihebigen Verse bestehen aus unterschiedlichen Kombinationen von Jamben und Daktylen mit Ausnahme der rein jambischen Verse 2, 3 und 8, des aus Anap\u00e4sten gebildeten Verses 4, sowie des abschlie\u00dfenden Verses 13, der als einziger mit einer Hebung beginnt und dadurch die Schlussformel akzentuiert. Allerdings sind auch abweichende Skandierungen m\u00f6glich, nach denen etwa Vers 4 betont, Vers 13 dagegen unbetont einsetzt und somit das Schema von Vers 9 wiederholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fehlt in der ersten Strophe des Gedichts noch jedes Subjekt, tritt an dessen Stelle ab der zweiten Strophe eine Du-Anrede. Dies kann als monologische Selbstansprache verstanden werden, allerdings wies Kaspar H. Spinner darauf hin, dass die Aussagen aus einem h\u00f6heren Bewusstsein heraus zum Du gesprochen werden. Dabei hebe die Du-Form die Verse \u00fcber eine Identifizierung des Autors als Sprecher hinaus, sie verleihe dem Gedicht eine Autonomie in der Aussageinstanz. W\u00e4hrend das \u201eDu\u201c die Rolle des lyrischen Ichs \u00fcbernehme, wandle sich das \u201eIch\u201c als substantiviertes Pronomen zum Objekt, im letzten Vers sogar mit Artikel und Adjektiv. Gernot B\u00f6hme und Gisbert Hoffmann sahen eine Aufspaltung des Ichs in ein fr\u00fches und ein sp\u00e4tes Ich. Letzteres wende sich auf der Grundlage des erworbenen Wissens an sein fr\u00fcheres Bewusstsein, sein biografisches Ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die literarische T\u00e4tigkeit von Gottfried Benn nimmt ihren Ausgang im avantgardistischen Aufbruchszenario der K\u00fcnste und inmitten der theoretischen Umw\u00e4lzungen in der Wissenschaft um 1910. Sie findet in der expressionistischen Dekade zu ihrer aggressiven Stimme durch eine Radikalisierung von \u00e4sthetizistischer Stimmung mit ihrer idiosynkratischen Mischung aus kultivierter Weltdistanz und introspektiver Selbstaufl\u00f6sung. In der Vielschichtigkeit stilistischer Str\u00f6mungen der Jahrhundertwende waren allenfalls unterschwellig Einheitsmomente eines Epochengef\u00fchls wirksam. Ex negativo etwa eine Aush\u00f6hlung des religi\u00f6sen Glaubens, das Por\u00f6s werden moralischer Verbindlichkeit, die Diskreditierung sittlicher Vernunft, Zweifel am wissenschaftlichen Fortschritt oder an sprachbasierter Kommunikations- und Erkenntnisf\u00e4higkeit. Unw\u00e4gbar Diffuses wie allgemeine Krisenstimmungen, soziale Anomien, entfremdetes Zeitgef\u00fchl wurde seit 1900 wieder diskursf\u00e4higer, einmal mehr kursierten in Europa Phantomschmerzen \u00fcber den Verlust ganzheitlicher Existenzbindungen und gesamtkultureller Einheit. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr wurden sowohl im Unglaubw\u00fcrdig werden \u00fcberkommener Gottesvorstellungen oder im Nichtankommen des (neu)romantischen kommenden Gottes gesucht als auch in den Folgen umgreifend gewordener Industrialisierung, Urbanisierung und Verwissenschaftlichung. Der von D\u00f6blin als &#8222;abtr\u00fcnnigen Christen&#8220; identifizierte Benn wird in der ber\u00fchmten Akademierede 1932 vom &#8222;Realit\u00e4tszerfall seit Goethe&#8220; sprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_4279\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Briefmarke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4279\" class=\"wp-image-4279 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Briefmarke.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"257\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4279\" class=\"wp-caption-text\">Noch nicht abgestempelt<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192\u00a0 Lyrik lotet das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen aus. Dies versucht auch ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/01\/ein-leben-ohne-poesie-waere-moeglich-jedoch-sinnlos\/\">Essay<\/a> zum Beginn des Lyrikjahres 2024.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nur zwei Dinge ist ein Gedicht des Lyrikers Gottfried Benn. Es ist datiert auf den 7. Januar 1953 und wurde erstmals in der Frankfurter Ausgabe der Neuen Zeitung vom 26. M\u00e4rz 1953 ver\u00f6ffentlicht. 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