{"id":81940,"date":"2024-05-24T00:01:28","date_gmt":"2024-05-23T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81940"},"modified":"2022-02-23T07:21:22","modified_gmt":"2022-02-23T06:21:22","slug":"interpretationen-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/05\/24\/interpretationen-5\/","title":{"rendered":"Interpretationen 5 &#8211; Prometheus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prometheus ist der Titel einer Ode von Johann Wolfgang Goethe. Das Werk ging aus dem gleichnamigen Dramenfragment hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prometheus<\/em> wurde zwischen 1772 und 1774 verfasst. Wie auch die anderen Hymnen <em>Mahomets Gesang<\/em>, <em>Ganymed<\/em>, <em>An Schwager Kronos<\/em> entstand dieses Werk in Goethes Sturm-und-Drang-Zeit. Friedrich Heinrich Jacobi druckte die Hymne erstmals in seiner Schrift \u201e\u00dcber die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Mendelssohn\u201c unautorisiert und anonym ab. Goethe nahm sie erst 1789 in seine neu edierten Schriften auf und lie\u00df sie zusammen mit der Ganymed-Ode erscheinen. Die Form der Hymne (oder Ode) ist die lyrische Ausdrucksform, die dem Sturm und Drang am ehesten gerecht wird, denn in ihr treten mythische Figuren auf, die als Repr\u00e4sentanten der K\u00fcnstler des Sturm und Drang betrachtet werden k\u00f6nnen und die somit das Dilemma von Kunst und Leben verk\u00f6rpern. Ein Hauptanliegen des Sturm und Drang ist das \u00dcberwinden von \u00fcberkommenen Autorit\u00e4ten, und damit kann <em>Prometheus<\/em> als programmatisch f\u00fcr diese Epoche gesehen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einer Hymne handelt es sich normalerweise um einen Lobgesang; dieses Prinzip wird aber hier ins Gegenteil verkehrt, denn Prometheus preist die G\u00f6tter keineswegs, sondern erhebt eine Klage gegen sie, die von Vorw\u00fcrfen, aber auch Spott gepr\u00e4gt ist. Er spricht Zeus rebellisch, ja verachtungsvoll an und vergleicht ihn mit einem Kind, das seine Wut an der Welt ausl\u00e4sst, wie ein Knabe, der \u201eDisteln k\u00f6pft\u201c:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedecke deinen Himmel, Zeus,<br \/>\nMit Wolkendunst,<br \/>\nUnd \u00fcbe, dem Knaben gleich,<br \/>\nDer Disteln k\u00f6pft,<br \/>\nAn Eichen dich und Bergesh\u00f6hn; [\u2026]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der zweiten Strophe wirft er nicht nur Zeus, sondern allen G\u00f6ttern, vor, sich \u201ek\u00fcmmerlich\u201c (Vers 15) von den Opfern der Gutgl\u00e4ubigen zu ern\u00e4hren, und bekennt ebenso beleidigend: \u201eIch kenne nichts \u00c4rmer\u2019s\u00a0\/ Unter der Sonn\u2019 als euch G\u00f6tter\u201c (Verse 13\u201314). Auch er habe sich, verirrt und gutgl\u00e4ubig, in der Hoffnung auf ein offenes Ohr und Hilfe, an die G\u00f6tter gewandt\u00a0\u2013 doch nicht die G\u00f6tter h\u00e4tten ihm geholfen, sondern sein eigenes \u201eheilig gl\u00fchend Herz\u201c (Vers 34). Damit stellt sich Prometheus nicht nur mindestens ebenb\u00fcrtig neben die G\u00f6tter (er ist gleichsam selbst ein Gott und verhalf Zeus zu seiner Macht), Goethe nimmt zudem auch Bezug auf den Genie-Begriff des Sturm und Drang, dessen Vertreter unter einem Genie einen Menschen verstanden, der v\u00f6llig im Einklang mit sich selbst lebt, \u00fcber Welt und Natur erhaben ist und beinahe g\u00f6ttliche F\u00e4higkeiten besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den darauffolgenden Strophen 4 und 5 l\u00e4sst Goethe den Prometheus mehrere rhetorische Fragen stellen, mit denen er seine Vorw\u00fcrfe gegen die Olympier noch steigert. Prometheus wirft nun den G\u00f6ttern vor, weder geheilt noch gelindert zu haben, und verweigert ihnen seine Ehrfurcht. Nicht die G\u00f6tter, sondern die Zeit und das Schicksal h\u00e4tten ihn \u201ezum Manne geschmiedet\u201c (Vers 43). Kraft seines Entschlusses, die G\u00f6tter nicht zu achten, gewinnt er in der letzten Strophe gar die Macht, Menschen nach <em>seinem<\/em> Bilde zu formen. Diese Selbst\u00fcberh\u00f6hung wird mit den letzten Worten \u201ewie ich\u201c besiegelt und \u00fcber das ganze Gedicht hinweg mit unterschiedlich langen Versen und Strophen unterst\u00fctzt, die sich zu \u201a\u00fcberst\u00fcrzen\u2018 scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prometheus will die G\u00f6tter entthronen. Er sieht in ihnen mitleidlose, schmarotzerische und neidische Gestalten, die auf erb\u00e4rmliche Weise von Rauchopfern der Menschen abh\u00e4ngig sind. Diese Thematik ist typisch f\u00fcr die Epoche des Sturm und Drang, in der der Begriff des Genies eine etwas andere Bedeutung hatte als heute: Der geniale, sch\u00f6pferische Mensch sprengt\u00a0\u2013 nach damaliger Auffassung\u00a0\u2013 alle Fesseln und Beschr\u00e4nkungen und erstarkt an Schicksalsschl\u00e4gen, was auch hei\u00dft, dass er ihnen nicht ausweicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titan Prometheus steht damit f\u00fcr einen einsamen Sch\u00f6pfer, dessen Rebellion gegen die \u201ag\u00f6ttliche Ordnung\u2018 ihm die eigene Sch\u00f6pfungstat erst m\u00f6glich macht. Damit bezieht sich Goethe gewisserma\u00dfen in seiner Ode autoreferentiell auf sein eigenes K\u00fcnstlertum. Doch die Ode sagt heteroreferentiell auch etwas \u00fcber die neue Poetik der Sturm-und-Drang-Zeit aus: Losgel\u00f6st von konventionellen Religionsvorstellungen sowie auch von der inzwischen ritualisierten Empfindsamkeit (deren Gef\u00fchlsbetontheit Goethe hier jedoch \u00fcbernimmt), erm\u00f6glicht die prometheische Sch\u00f6pfungstat dem genialen Menschen einen vollen Ersatz f\u00fcr die Religion. Allerdings muss die Prometheus-Ode nicht grunds\u00e4tzlich als eine Absage an die Religion aufgefasst werden, sondern kann auch als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die Pantheismusdebatte der damaligen Zeit gelesen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht ist (bis auf den drittletzten und letzten Vers, welche dadurch herausgehoben werden) reimlos in freien Rhythmen geschrieben, die sich bei Goethe insbesondere in der Lyrik seiner Sturm-und-Drang-Zeit finden. Die Form unterstreicht so die Aussage des Gedichts. Die vielen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten in der Form spiegeln die f\u00fcr den Sturm und Drang typische Gef\u00fchlsbetontheit und K\u00fchnheit des Helden wider. In der ersten der sieben Strophen wird mehrmals der Imperativ benutzt, die Possessivpronomen \u201adein\u2018 und \u201amein\u2018 sind herausgehoben. Strophen 4\u20136 sind in Frageform geschrieben. Die Fragen verk\u00fcrzen sich dabei teilweise in der Art einer Stichomythie und zweifellos mit pathetischem Ausdrucksziel auf Versl\u00e4nge und darunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Knapp 200 Jahre vor <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81930\">Howl<\/a> zeigt sich Johann Wolfgang Goethe als Vorl\u00e4ufer von Allen Ginsberg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Johann_Wolfgang_Goethe_1811.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81943 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Johann_Wolfgang_Goethe_1811-231x300.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Johann_Wolfgang_Goethe_1811-231x300.jpg 231w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Johann_Wolfgang_Goethe_1811-260x337.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Johann_Wolfgang_Goethe_1811-160x208.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/Johann_Wolfgang_Goethe_1811.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Prometheus ist der Titel einer Ode von Johann Wolfgang Goethe. 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