{"id":81930,"date":"2024-04-02T00:01:30","date_gmt":"2024-04-01T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81930"},"modified":"2022-05-09T05:43:06","modified_gmt":"2022-05-09T03:43:06","slug":"interpretationen-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/04\/02\/interpretationen-4\/","title":{"rendered":"Interpretationen 4 &#8211; Howl"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">I began typing, not with the idea of writing a formal poem, but stating my imaginative sympathies, whatever they were worth.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Allen Ginsberg<\/span><\/p>\n<p class=\"id-storyelement-paragraph\" style=\"margin: 0cm; margin-bottom: .0001pt; text-align: justify; line-height: 15.0pt;\"><span style=\"font-family: Times;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Howl<\/em> ist das bekannteste Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers Allen Ginsberg. Abgeschlossen wurde \u201eHowl\u201c mit der Vorstellung eines Gedichts \u2013 und dessen Vortrag im Oktober 1955 in San Francisco machte Ginsberg \u00fcber Nacht ber\u00fchmt. Es wurde \u201eThe Poem that Changed America\u201c eine als Fortf\u00fchrung von Walt Whitmans \u201eLeaves of Grass\u201c, als Gedicht, das im Sinne <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/thema\/ezra-pound\">Ezra Pounds<\/a> die Sprache v\u00f6llig erneuert habe mit seinen stakkatohaften Phrasen, wilden Juxtapositionen, mal mit der Stimme des Dichters, dann mit der des Hipsters vorgetragen. Es ist dem Kollegen und Freund Carl Solomon gewidmet, den Ginsberg am New York State Psychiatric Institute kennengelernt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Howl<\/em> gilt als herausragendes Gedicht der <em>Beat Generation<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Howl<\/em> besteht aus drei Teilen und einer \u201eFu\u00dfnote\u201c. Der erste Teil ist der l\u00e4ngste und bekannteste; die anderen Teile und die Fu\u00dfnote entstanden erst nach dem ersten Vortrag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Teil wird eingeleitet mit<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the Negro streets at dawn looking for an angry fix<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und f\u00e4hrt dann in einer Aneinanderreihung von Szenen \u2013 oft als Relativs\u00e4tze verbunden \u2013 fort. Diese Szenen enthalten sowohl autobiographische und biographische Passagen aus dem Leben der Beat Generation als auch abstrakt-metaphysische und religi\u00f6se Symbolik. Wiederkehrende Themen sind Drogen, Jazzmusik und Wahnsinn vor dem Hintergrund der Vereinigten Staaten von Amerika in den 1950ern. Die Verse reimen sich nicht, werden aber durch den Klang der Worte zusammengehalten. Dabei benutzt Ginsberg auch Slang-W\u00f6rter:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>yacketayakking screaming vomiting whispering facts and memories and anecdotes and eyeball kicks and shocks of hospitals and jails and wars<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem entsprechenden Vortrag wirkt dieser Teil tats\u00e4chlich wie ein langes Geheul oder eine Wehklage. Es ist auch dem j\u00fcdischen Kaddisch nachempfunden, eine \u00dcbernahme, die Ginsberg sp\u00e4ter in seinem zweiten dichterischen Hauptwerk <em>Kaddish<\/em> explizit wiederholte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Teil stellt nach der Klage des ersten die Frage, wer oder was verantwortlich f\u00fcr das beschriebene Elend ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>What sphinx of cement and aluminum bashed open their skulls and ate up their brains and imagination?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Antwort ist <em>Moloch<\/em>, der nun mit verschiedenen Attributen belegt wird. Interpretationen deuten <em>Moloch<\/em> oft als die Gro\u00dfstadt, aber auch als das Geld oder den Kapitalismus. Im Gedicht bleibt dies jedoch offen, zumal <em>Moloch<\/em> auch als metaphysische und psychische Macht erscheint:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Moloch, who entered my soul early! Moloch, in whom I am a consciousness without a body!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den direkten Anklagen und Verfluchungen des <em>Moloch<\/em> im zweiten Teil ist der dritte Teil von vers\u00f6hnlicherem Ton bestimmt. Er er\u00f6ffnet mit der direkten Anrede an Carl Solomon, der sich in der Irrenanstalt <em>Rockland<\/em> befindet. Die nach jedem Vers wiederholte Beschw\u00f6rung lautet<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>I\u2019m with you in Rockland<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">w\u00e4hrend sich der Sprecher zu immer fantastischeren Visionen steigert, die im Einsturz der Mauern von <em>Rockland<\/em> und einer Art Heimkehr des Angesprochenen enden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Footnote to Howl wird vom wiederholten Wort <em>holy<\/em> bestimmt und spricht, im Vergleich zum Gedicht sehr optimistisch, alles Geschehen heilig:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Everything is holy! everybody&#8217;s holy! everywhere is holy! everyday is in eternity! Everyman&#8217;s an angel!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1957 beschlagnahmte die Polizei 520 Exemplare des Buches <em>Howl and other poems<\/em>, in dem das Gedicht ver\u00f6ffentlicht worden war. Gegen den Verleger Lawrence Ferlinghetti wurde Anklage erhoben. Insbesondere die Zeile<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>who let themselves be fucked in the ass by saintly motorcyclists, and screamed with joy<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">galt als obsz\u00f6n. Ferlinghetti wurde von der American Civil Liberties Union unterst\u00fctzt, und nach dem Anh\u00f6ren mehrerer Literaturwissenschaftler sprach das Gericht Ferlinghetti frei und billigte dem Gedicht eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung zu. Durch den Prozess, \u00fcber den landesweit berichtet wurde, gewannen das Gedicht und der Autor gro\u00dfe Bekanntheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht enth\u00e4lt eine Vielzahl von Verweisen und teilweise nicht leicht verst\u00e4ndlichen Anspielungen. Erw\u00e4hnt werden unter anderem Ginsbergs Liebhaber Neal Cassady (als \u201eN.C.\u201c), Ginsbergs dichterisches Vorbild William Blake, aber auch Plotin und Anspielungen auf die Shoah (damit bleibt er allerings weit hinter der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81870\">Todesfuge<\/a> zuruck).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ginsberg vermittelte mitunter den Eindruck, das Gedicht in kurzer Zeit in einem Rauschzustand geschrieben zu haben. Dies konnte widerlegt werden; tats\u00e4chlich arbeitete er mehrere Monate, vielleicht sogar Jahre, an dem Werk. Es wirkt dennoch wie ein eruptier Gef\u00fchlsausbruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Howl and Other Poems, <\/strong>by Allen Ginsberg, was published in the fall of 1956 as number four in the Pocket Poets Series from City Lights Books.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ginsberg_-_geheul.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81932 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ginsberg_-_geheul-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ginsberg_-_geheul-203x300.jpg 203w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ginsberg_-_geheul-260x384.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ginsberg_-_geheul-160x236.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Ginsberg_-_geheul.jpg 378w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a>. Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I began typing, not with the idea of writing a formal poem, but stating my imaginative sympathies, whatever they were worth. Allen Ginsberg \u00a0 Howl ist das bekannteste Gedicht des US-amerikanischen Schriftstellers Allen Ginsberg. 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