{"id":81922,"date":"2024-03-20T00:01:13","date_gmt":"2024-03-19T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81922"},"modified":"2022-03-14T05:35:28","modified_gmt":"2022-03-14T04:35:28","slug":"interpretationen-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/03\/20\/interpretationen-3\/","title":{"rendered":"Interpretationen 3 &#8211; Brod und Wein"},"content":{"rendered":"<p>1<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,<\/p>\n<p>Und, mit Fakeln geschm\u00fckt, rauschen die Wagen hinweg.<\/p>\n<p>Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,<\/p>\n<p>Und Gewinn und Verlust w\u00e4get ein sinniges Haupt<\/p>\n<p>Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,<\/p>\n<p>Und von Werken der Hand ruht der gesch\u00e4fftige Markt.<\/p>\n<p>Aber das Saitenspiel t\u00f6nt fern aus G\u00e4rten; vieleicht, da\u00df<\/p>\n<p>Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann<\/p>\n<p>Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen<\/p>\n<p>Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.<\/p>\n<p>Still in d\u00e4mmriger Luft ert\u00f6nen gel\u00e4utete Gloken,<\/p>\n<p>Und der Stunden gedenk rufet ein W\u00e4chter die Zahl.<\/p>\n<p>Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,<\/p>\n<p>Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond<\/p>\n<p>Kommet geheim nun auch; die Schw\u00e4rmerische, die Nacht kommt,<\/p>\n<p>Voll mit Sternen und wohl wenig bek\u00fcmmert um uns,<\/p>\n<p>Gl\u00e4nzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen<\/p>\n<p>\u00dcber Gebirgesh\u00f6hn traurig und pr\u00e4chtig herauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wunderbar ist die Gunst der Hocherhabnen und niemand<\/p>\n<p>Wei\u00df von wannen und was einem geschiehet von ihr.<\/p>\n<p>So bewegt sie die Welt und die hoffende Seele der Menschen,<\/p>\n<p>Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet, denn so<\/p>\n<p>Will es der oberste Gott, der sehr dich liebet, und darum<\/p>\n<p>Ist noch lieber, wie sie, dir der besonnene Tag.<\/p>\n<p>Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten<\/p>\n<p>Und versuchet zu Lust, eh\u2032 es die Noth ist, den Schlaf,<\/p>\n<p>Oder es blikt auch gern ein treuer Mann in die Nacht hin,<\/p>\n<p>Ja, es ziemet sich ihr Kr\u00e4nze zu weihn und Gesang,<\/p>\n<p>Weil den Irrenden sie geheiliget ist und den Todten,<\/p>\n<p>Selber aber besteht, ewig, in freiestem Geist.<\/p>\n<p>Aber sie mu\u00df uns auch,da\u00df in der zaudernden Weile,<\/p>\n<p>Da\u00df im Finstern f\u00fcr uns einiges Haltbare sei,<\/p>\n<p>Uns die Vergessenheit und das Heiligtrunkene g\u00f6nnen,<\/p>\n<p>G\u00f6nnen das str\u00f6mende Wort, das, wie die Liebenden, sei,<\/p>\n<p>Schlummerlos und vollern Pokal und k\u00fchneres Leben,<\/p>\n<p>Heilig Ged\u00e4chtni\u00df auch, wachend zu bleiben bei Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch verbergen umsonst das Herz im Busen, umsonst nur<\/p>\n<p>Halten den Muth noch wir, Meister und Knaben, denn wer<\/p>\n<p>M\u00f6cht\u2032 es hindern und wer m\u00f6cht\u2032 uns die Freude verbieten?<\/p>\n<p>G\u00f6ttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht,<\/p>\n<p>Aufzubrechen. So komm! da\u00df wir das Offene schauen,<\/p>\n<p>Da\u00df ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.<\/p>\n<p>Fest bleibt Eins; es sei um Mittag oder es gehe<\/p>\n<p>Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maas,<\/p>\n<p>Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden,<\/p>\n<p>Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann.<\/p>\n<p>Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlokkender Wahnsinn,<\/p>\n<p>Wenn er in heiliger Nacht pl\u00f6zlich die S\u00e4nger ergreift.<\/p>\n<p>Drum an den Isthmos komm! dorthin, wo das offene Meer rauscht<\/p>\n<p>Am Parna\u00df und der Schnee delphische Felsen umgl\u00e4nzt,<\/p>\n<p>Dort ins Land des Olymps, dort auf die H\u00f6he Cith\u00e4rons,<\/p>\n<p>Unter die Fichten dort, unter die Trauben, von wo<\/p>\n<p>Thebe drunten und Ismenos rauscht im Lande des Kadmos,<\/p>\n<p>Dorther kommt und zur\u00fck deutet der kommende Gott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seeliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,<\/p>\n<p>Also ist wahr, was einst wir in der Jugend geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge,<\/p>\n<p>Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!<\/p>\n<p>Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gef\u00e4\u00dfe,<\/p>\n<p>Wo mit Nectar gef\u00fcllt, G\u00f6ttern zu Lust der Gesang?<\/p>\n<p>Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Spr\u00fcche?<\/p>\n<p>Delphi schlummert und wo t\u00f6net das gro\u00dfe Geschik?<\/p>\n<p>Wo ist das schnelle? wo brichts, allgegenw\u00e4rtigen Gl\u00fcks voll<\/p>\n<p>Donnernd aus heiterer Luft \u00fcber die Augen herein?<\/p>\n<p>Vater Aether! so riefs und flog von Zunge zu Zunge<\/p>\n<p>Tausendfach, es ertrug keiner das Leben allein;<\/p>\n<p>Ausgetheilet erfreut solch Gut und getauschet, mit Fremden,<\/p>\n<p>Wirds ein Jubel, es w\u00e4chst schlafend des Wortes Gewalt<\/p>\n<p>Vater! heiter! und hallt, so weit es gehet, das uralt<\/p>\n<p>Zeichen, von Eltern geerbt, treffend und schaffend hinab.<\/p>\n<p>Denn so kehren die Himmlischen ein, tiefsch\u00fctternd gelangt so<\/p>\n<p>Aus den Schatten herab unter die Menschen ihr Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unempfunden kommen sie erst, es streben entgegen<\/p>\n<p>Ihnen die Kinder, zu hell kommet, zu blendend das Gl\u00fck,<\/p>\n<p>Und es scheut sie der Mensch, kaum wei\u00df zu sagen ein Halbgott,<\/p>\n<p>Wer mit Nahmen sie sind, die mit den Gaaben ihm nahn.<\/p>\n<p>Aber der Muth von ihnen ist gro\u00df, es f\u00fcllen das Herz ihm<\/p>\n<p>Ihre Freuden und kaum wei\u00df er zu brauchen das Gut,<\/p>\n<p>Schafft, verschwendet und fast ward ihm Unheiliges heilig,<\/p>\n<p>Das er mit seegnender Hand th\u00f6rig und g\u00fctig ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>M\u00f6glichst dulden die Himmlischen di\u00df; dann aber in Wahrheit<\/p>\n<p>Kommen sie selbst und gewohnt werden die Menschen des Gl\u00fcks<\/p>\n<p>Und des Tags und zu schaun die Offenbaren, das Antliz<\/p>\n<p>Derer, welche, schon l\u00e4ngst Eines und Alles genannt,<\/p>\n<p>Tief die verschwiegene Brust mit freier Gen\u00fcge gef\u00fcllet,<\/p>\n<p>Und zuerst und allein alles Verlangen begl\u00fckt;<\/p>\n<p>So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaaben<\/p>\n<p>Selber ein Gott f\u00fcr ihn, kennet und sieht er es nicht.<\/p>\n<p>Tragen mu\u00df er, zuvor; nun aber nennt er sein Liebstes,<\/p>\n<p>Nun, nun m\u00fcssen daf\u00fcr Worte, wie Blumen, entstehn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>6<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und nun denkt er zu ehren in Ernst die seeligen G\u00f6tter,<\/p>\n<p>Wirklich und wahrhaft mu\u00df alles verk\u00fcnden ihr Lob.<\/p>\n<p>Nichts darf schauen das Licht, was nicht den Hohen gef\u00e4llet,<\/p>\n<p>Vor den Aether geb\u00fchrt m\u00fc\u00dfigversuchendes nicht.<\/p>\n<p>Drum in der Gegenwart der Himmlischen w\u00fcrdig zu stehen,<\/p>\n<p>Richten in herrlichen Ordnungen V\u00f6lker sich auf<\/p>\n<p>Untereinander und baun die sch\u00f6nen Tempel und St\u00e4dte<\/p>\n<p>Vest und edel, sie gehn \u00fcber Gestaden empor &#8211;<\/p>\n<p>Aber wo sind sie? wo bl\u00fchn die Bekannten, die Kronen des Festes?<\/p>\n<p>Thebe welkt und Athen; rauschen die Waffen nicht mehr<\/p>\n<p>In Olympia, nicht die goldnen Wagen des Kampfspiels,<\/p>\n<p>Und bekr\u00e4nzen sich denn nimmer die Schiffe Korinths?<\/p>\n<p>Warum schweigen auch sie, die alten heilgen Theater?<\/p>\n<p>Warum freuet sich denn nicht der geweihete Tanz?<\/p>\n<p>Warum zeichnet, wie sonst, die Stirne des Mannes ein Gott nicht,<\/p>\n<p>Dr\u00fckt den Stempel, wie sonst, nicht dem Getroffenen auf?<\/p>\n<p>Oder er kam auch selbst und nahm des Menschen Gestalt an<\/p>\n<p>Und vollendet\u2032 und schlo\u00df tr\u00f6stend das himmlische Fest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>7<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber Freund! wir kommen zu sp\u00e4t. Zwar leben die G\u00f6tter,<\/p>\n<p>Aber \u00fcber dem Haupt droben in anderer Welt.<\/p>\n<p>Endlos wirken sie da und scheinens wenig zu achten,<\/p>\n<p>Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns.<\/p>\n<p>Denn nicht immer vermag ein schwaches Gef\u00e4\u00df sie zu fassen,<\/p>\n<p>Nur zu Zeiten ertr\u00e4gt g\u00f6ttliche F\u00fclle der Mensch.<\/p>\n<p>Traum von ihnen ist drauf das Leben. Aber das Irrsaal<\/p>\n<p>Hilft, wie Schlummer und stark machet die Noth und die Nacht,<\/p>\n<p>Bi\u00df da\u00df Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,<\/p>\n<p>Herzen an Kraft, wie sonst, \u00e4hnlich den Himmlischen sind.<\/p>\n<p>Donnernd kommen sie drauf. Indessen d\u00fcnket mir \u00f6fters<\/p>\n<p>Besser zu schlafen, wie so ohne Genossen zu seyn,<\/p>\n<p>So zu harren und was zu thun inde\u00df und zu sagen,<\/p>\n<p>Wei\u00df ich nicht und wozu Dichter in d\u00fcrftiger Zeit?<\/p>\n<p>Aber sie sind, sagst du, wie des Weingotts heilige Priester,<\/p>\n<p>Welche von Lande zu Land zogen in heiliger Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>8<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nemlich, als vor einiger Zeit, uns d\u00fcnket sie lange,<\/p>\n<p>Aufw\u00e4rts stiegen sie all, welche das Leben begl\u00fckt,<\/p>\n<p>Als der Vater gewandt sein Angesicht von den Menschen,<\/p>\n<p>Und das Trauern mit Recht \u00fcber der Erde begann,<\/p>\n<p>Als erschienen zu lezt ein stiller Genius, himmlisch<\/p>\n<p>Tr\u00f6stend, welcher des Tags Ende verk\u00fcndet\u2032 und schwand,<\/p>\n<p>Lie\u00df zum Zeichen, da\u00df einst er da gewesen und wieder<\/p>\n<p>K\u00e4me, der himmlische Chor einige Gaaben zur\u00fck,<\/p>\n<p>Derer menschlich, wie sonst, wir uns zu freuen verm\u00f6chten,<\/p>\n<p>Denn zur Freude, mit Geist, wurde das Gr\u00f6\u00dfre zu gro\u00df<\/p>\n<p>Unter den Menschen und noch, noch fehlen die Starken zu h\u00f6chsten<\/p>\n<p>Freuden, aber es lebt stille noch einiger Dank.<\/p>\n<p>Brod ist der Erde Frucht, doch ists vom Lichte geseegnet,<\/p>\n<p>Und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins.<\/p>\n<p>Darum denken wir auch dabei der Himmlischen, die sonst<\/p>\n<p>Da gewesen und die kehren in richtiger Zeit,<\/p>\n<p>Darum singen sie auch mit Ernst die S\u00e4nger den Weingott<\/p>\n<p>Und nicht eitel erdacht t\u00f6net dem Alten das Lob.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>9<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja! sie sagen mit Recht, er s\u00f6hne den Tag mit der Nacht aus,<\/p>\n<p>F\u00fchre des Himmels Gestirn ewig hinunter, hinauf,<\/p>\n<p>Allzeit froh, wie das Laub der immergr\u00fcnenden Fichte,<\/p>\n<p>Das er liebt, und der Kranz, den er von Epheu gew\u00e4hlt,<\/p>\n<p>Weil er bleibet und selbst die Spur der entflohenen G\u00f6tter<\/p>\n<p>G\u00f6tterlosen hinab unter das Finstere bringt.<\/p>\n<p>Was der Alten Gesang von Kindern Gottes geweissagt,<\/p>\n<p>Siehe! wir sind es, wir; Frucht von Hesperien ists!<\/p>\n<p>Wunderbar und genau ists als an Menschen erf\u00fcllet,<\/p>\n<p>Glaube, wer es gepr\u00fcft! aber so vieles geschieht,<\/p>\n<p>Keines wirket, denn wir sind herzlos, Schatten, bis unser<\/p>\n<p>Vater Aether erkannt jeden und allen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Aber indessen kommt als Fakelschwinger des H\u00f6chsten<\/p>\n<p>Sohn, der Syrier, unter die Schatten herab.<\/p>\n<p>Seelige Weise sehns; ein L\u00e4cheln aus der gefangnen<\/p>\n<p>Seele leuchtet, dem Licht thauet ihr Auge noch auf.<\/p>\n<p>Sanfter tr\u00e4umet und schl\u00e4ft in Armen der Erde der Titan,<\/p>\n<p>Selbst der neidische, selbst Cerberus trinket und schl\u00e4ft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brod und Wein ist eine Elegie von Friedrich H\u00f6lderlin, mit 160 Versen die umfangreichste der sechs gro\u00dfen Elegien und zugleich eines der ber\u00fchmtesten Gedichte H\u00f6lderlins \u00fcberhaupt. Schon Norbert von Hellingrath meinte zu Beginn des 20. Jahrhunderts: \u201ees wird immer die beste Grundlage bleiben zum Eindringen in H\u00f6lderlins Gedankenwelt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht wurde wahrscheinlich im Winter 1800\/1801 vorl\u00e4ufig fertiggestellt, sp\u00e4ter aber nochmals \u00fcberarbeitet. Schon der erste Entwurf zur Elegie ist dem 26 Jahre \u00e4lteren Schriftsteller Wilhelm Heinse gewidmet (\u201eAn Heinze\u201c), den H\u00f6lderlin im Juli 1796 kennengelernt hatte, als er sich mit Susette Gontard auf der Flucht vor den franz\u00f6sischen Truppen in Kassel aufhielt. Die Widmung bezeugt also die Hochsch\u00e4tzung des v\u00e4terlichen Freundes und seines Romans \u201eArdinghello\u201c, enth\u00e4lt aber auch einen versteckten biographischen Hinweis auf \u201eDiotima\u201c, die Geliebte Susette Gontard.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Elegie trug im ersten Entwurf und in der ersten Reinschrift noch den Titel \u201eDer Weingott\u201c, erst in den \u00dcberarbeitungen erscheint auch die neue \u00dcberschrift \u201eBrod und Wein\u201c, die im Zusammenhang mit einer neuen Akzentsetzung steht: Zun\u00e4chst war das Gedicht ganz auf Dionysos ausgerichtet, erst sp\u00e4ter wird es an entscheidenden Stellen so umgedichtet, dass eine Doppelsinnigkeit entsteht, die auf Dionysos und Christus zugleich verweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6lderlin hat das Gedicht aber nie zum Druck gegeben. Nur die erste Strophe wurde von Leo von Seckendorf nicht autorisiert im \u201eMusenalmanach f\u00fcr das Jahr 1807\u201c unter dem Titel \u201eDie Nacht\u201c herausgegeben. Diese Strophe beeindruckte Clemens Brentano so nachhaltig, dass er urteilte:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Niemals ist vielleicht hohe betrachtende Trauer so herrlich ausgesprochen worden. [\u2026] Ich halte sie (= \u201eDie Nacht\u201c) f\u00fcr eines der gelungensten Gedichte \u00fcberhaupt. Es ist diese eine von den wenigen Dichtungen, an welchen mir das Wesen eines Kunstwerkes durchaus klar geworden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ganze Gedicht blieb dagegen bis Ende des 19. Jahrhunderts unbekannt. Es wurde erstmals 1894 in einer kleinen Biographie publiziert, aber dem Vergessen entrissen wurde es erst \u2013 so wie H\u00f6lderlins Gedichte \u00fcberhaupt \u2013 dank der Herausgabe der Werke H\u00f6lderlins durch Norbert von Hellingrath zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab Friedrich Bei\u00dfner dann das Gedicht in der Form heraus, in der es bis heute meist gedruckt und zitiert wird. In den 70er Jahren begann die Frankfurter Ausgabe zu erscheinen (der 6. Band, in dem die Elegien enthalten sind, erschien 1976), in der die Handschriften als Faksimiles und in Umschrift ver\u00f6ffentlicht wurden, so dass zum ersten Mal die gesamten Korrekturen und Ver\u00e4nderungen, die H\u00f6lderlin an dem Gedicht vornahm, also die verschiedenen Textstufen sichtbar wurden. Schon Bei\u00dfner hatte im Anhang seiner Ausgabe auf einige \u201eLesarten\u201c aufmerksam gemacht, aber erst durch die Frankfurter Ausgabe entbrannte die Diskussion um den Stellenwert der einzelnen Fassungen und die Aufmerksamkeit wurde auf die sogenannte Sp\u00e4tfassung der Elegie gelenkt. Da aber eine Abschrift der letzten \u00dcberarbeitung nicht erhalten ist, bleibt offen, wie sie aussah und wie die sp\u00e4teren Korrekturen zu bewerten sind. Die Meinungen der Germanisten dazu gehen auseinander: D.E. Sattler und Wolfram Groddeck konstruieren in der Frankfurter Ausgabe aus dem Text und den Korrekturen eine letzte Fassung, und Groddeck ist in seiner Studie von 2012 der Meinung, dass in den sp\u00e4ten Eingriffen \u201eein radikaler Revisionsprozess zu erkennen [ist], der den Textbestand der Reinschrift nicht sosehr weiterentwickelt, sondern in gewisser Weise dekomponiert\u201c. Sein Interesse gilt ganz der Sp\u00e4tversion der Elegie, dem \u201e\u2018hypothetischen Text\u2018, als dem Surrogat der verschollenen Druckvorlage f\u00fcr die definitive Sp\u00e4tversion der Elegie\u201c. Jochen Schmidt argumentiert dagegen, dass H\u00f6lderlin die sp\u00e4teren \u00c4nderungen \u201ein ganz anderem Stil und z. T. auch mit ganz anderer Konzeption eingetragen hat\u201c \u2013 darin kommt er Groddecks sp\u00e4terer Haltung durchaus nahe \u2013, folgert daraus aber, dass sie deshalb \u201enicht mit den Partien des urspr\u00fcnglichen Textes zu einer neuen \u201aFassung\u2018 verbunden werden\u201c k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der zweiten Reinschrift hat die Elegie eine kompositorisch vollkommene Form erreicht. Sie besteht aus neun Strophen, von denen je drei eine Einheit bilden, also aus drei Strophentriaden (3 \u00d7 3 Strophen), und jede Strophe enth\u00e4lt wiederum 3 \u00d7 3 Distichen. Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass das Gedicht ein Distichon zu wenig hat, es umfasst statt der zu erwartenden 81 nur 80 Distichen. Schmidt sieht darin ein Versehen H\u00f6lderlins, w\u00e4hrend Groddeck eine tiefergehende Absicht H\u00f6lderlins vermutet, denn das fehlende Distichon betrifft gerade diejenige Strophe, \u201ewo der Mangel der g\u00f6tterfernen Gegenwart am direktesten ausgesprochen wird, die siebte. [\u2026] Der formal-kompositorische \u201aMangel\u2018 kann daher durchaus auch als ein formsemantisches Indiz gelesen und gedeutet werden, indem die Elegie \u201aideal\u2018 81 Distichen enth\u00e4lt, &#8218;real&#8216; aber nur.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der \u201aidealen\u2018 Komposition beruht die gesamte Text-Architektur nicht nur auf der Drei-, sondern auch auf der Zweizahl: Die Distichen bestehen aus zwei Versen zu je zweimal drei Versf\u00fc\u00dfen. Zugleich hat \u201ejede Strophe [\u2026] neben der triadischen Form auch eine h\u00e4lftige Struktur, indem im f\u00fcnften Distichon bzw. im \u00dcbergang vom neunten zum zehnten Vers die M\u00f6glichkeit einer Sinnz\u00e4sur oder einer Sinnzentrierung gegeben ist.\u201c Au\u00dferdem befindet sich genau in der Mitte des Gedichts eine bedeutsame Aussage, die ebenfalls eine entscheidende Z\u00e4sur markiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Elegie geht es um die Abwesenheit und die Vergegenw\u00e4rtigung des G\u00f6ttlichen in der Welt. Sie ist eine Klage um den Verlust von erf\u00fclltem Leben in einer entfremdeten Welt und zugleich eine hymnische Feier dessen, \u201ewas den Menschen \u00fcberragt, das Erhabene in der Natur, in der Gemeinschaft und der Liebe, letztlich ist es das G\u00f6ttliche\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht wird durchzogen vom Gegensatz zwischen Tag und Nacht, der sich zun\u00e4chst ganz real auf den Wechsel der Tageszeiten bezieht. Doch dann geht die Tag-Nacht-Thematik ins Metaphorische \u00fcber und bezieht sich auf den geschichtsphilosophischen Gegensatz von gotterf\u00fcllter und g\u00f6tterloser Zeit: Die Nacht wird zur unerf\u00fcllten geschichtlichen Gegenwart und der Tag steht einerseits f\u00fcr die glanzvolle, erf\u00fcllte Zeit der griechischen Antike und andererseits f\u00fcr eine ersehnte zuk\u00fcnftige Zeit der Erf\u00fcllung, in der Gegenwart und Vergangenheit dialektisch verbunden und in neuer Einheit aufgehoben sind. Die Elegie f\u00fchrt von der Erfahrung der gegenw\u00e4rtigen <em>Nacht<\/em>, die aber in sich schon die M\u00f6glichkeit der Erinnerung birgt, in der ersten Strophentrias (Strophe 1 \u2013 3) zur Vergegenw\u00e4rtigung des griechischen <em>Tags<\/em> in der zweiten Strophentrias (Strophe 4 \u2013 6) und m\u00fcndet in der dritten Strophentrias erneut in der <em>Nacht<\/em>, diesmal als einer Zeit der Erwartung und inneren Vorbereitung auf die ersehnte Zeit der Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Tag-Nacht-Metaphorik und ihrem geschichtlichen Sinn verbinden sich zwei Empfindungen: Trauer und Freude, die zugleich auch Schl\u00fcsselbegriffe des Gedichts sind. Diese zwei Empfindungsarten wechseln im Gedicht h\u00e4ufig, also auch innerhalb der Strophen, je nachdem, um welche geschichtsphilosophische Epoche es geht und welche Haltung der Sprechende gerade einnimmt. So verschr\u00e4nkt die Elegie also den elegischen Ton im engeren Sinn, die Trauer, mit der Freude \u00fcber die (zugleich imaginierte und erlebte) Gegenwart des G\u00f6ttlichen, also mit dem hymnischen Ton.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zentrum des Gedichts steht die Gestalt des Dionysos, des Weingotts in der griechischen Mythologie. Der urspr\u00fcngliche Titel lautete <em>Der Weingott<\/em>. Dionysos ist auch der Gott der Nacht, der dionysischen Begeisterung, des inspirierten Wahnsinns, der Gott der Dichter und der Freudengott. Er erscheint zum ersten Mal in der 3. Strophe als der \u201ekommende Gott\u201c (V. 54). In der 2. Strophentrias (4. \u2013 6. Strophe) weitet sich der Blick auf die griechischen G\u00f6tter der Antike insgesamt, die als <em>Himmlische<\/em> (V. 55, 71, 81, 95) und als <em>selige G\u00f6tter<\/em> (V. 91) benannt werden. Am Ende der 6. Strophe wird dann zum ersten Mal auf Christus angespielt, sp\u00e4ter auch in den Versen 129\/130, und in der Schlussstrophe verschmilzt die Dionysos-Gestalt mit der des Christus (V. 155\/156). Dieser allumfassende Gott hinterl\u00e4sst den Menschen die Gaben Brot und Wein, als tr\u00f6stliches <em>Zeichen<\/em> (V. 131) seiner Gegenwart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begriffe <em>Brot<\/em> und <em>Wein<\/em> symbolisieren nicht nur die Bestandteile des Abendmahls in der christlichen Liturgie, sondern auch die Gaben der Demeter und des Dionysos. Christliche und antike Konnotationen werden miteinander verschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>***<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-98741 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedrich-Ho\u0308lderlin-224x300.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"300\" \/>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 &nbsp; Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse, Und, mit Fakeln geschm\u00fckt, rauschen die Wagen hinweg. 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