{"id":81749,"date":"2013-01-22T00:01:12","date_gmt":"2013-01-21T23:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81749"},"modified":"2022-06-06T10:48:46","modified_gmt":"2022-06-06T08:48:46","slug":"friedrich-von-schennis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/22\/friedrich-von-schennis\/","title":{"rendered":"Friedrich von Schennis"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Der Baron ist eine Sch\u00f6pfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. Mein Bruder nannte ihn den Marquis; ich dachte immer, k\u00f6nnte ich den Marquis sehen. Eines Tages sah ich den Marquis in gepuderter Per\u00fccke, in blauem Samtrock, die Rokokoh\u00e4nde zwischen feinen Spitzen, lustwandeln \u00fcber die Wege von Sanssouci auf seinem Bild in der Nationalgalerie. So \u00fcberall im Rahmen atmet er mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu liegt er auf seiner Palette. Und aus den Rosen des Parkes steigt sein Duft und die Stirn des Schlosses bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis ist ein And\u00e4chtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen und seinem wilden Zynismus lauscht er nach Gott. Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist sch\u00f6n, sein Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf seiner feinen Haut. Die f\u00e4ltet sich schmerzlich dann, wenn sein Auge die Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit ohne Zeremonie. Ich wundere mich nicht, da\u00df er den Philister ha\u00dft, den Sonntags- und Alltagsphilister; noch eindringlicher aber empfinde ich seine Verachtung gegen den freigewordenen B\u00fcrgersohn, den Studenten der Kunst. \u00bbDie Kunst kann man nicht erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis, K\u00f6nig aller K\u00f6nige?\u00ab Ich sitze neben ihm und bin der Prinz von Theben. Und zu seiner Linken versteht ein Arzt des Rausches die unbek\u00fcmmerten Launen des Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt das Gaukelspiel des Herzens. Wir m\u00fcssen mit ihm Champagner trinken, er will Begleiter zur Vergessenheit haben. Aber ich wei\u00df, der Baron kann nicht vergessen, er kann wohl trunken, doch nicht betrunken werden. Ich vergie\u00dfe den sch\u00e4umenden Luxus; der herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren, meinen gl\u00e4sernen Kelch. Das h\u00e4tte Friedrich der Gro\u00dfe auch in seiner Fl\u00f6tenlaune getan; der Baron stammt aus der Zeit der Fl\u00f6tenkonzerte. Er hat kein Alter, er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Tr\u00e4gt der Marquis nicht seine Per\u00fccke wie auf der Schlo\u00dflandschaft in der Galerie, so ist sein Haar aschblond, sein Auge ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt sich immer wie zum Holen einer Sch\u00f6nen zum Menuett. Seine Freude und seine Schwermut sind J\u00fcnglinge, und darum ha\u00dft er den Tod und m\u00f6chte ihn vergessen im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter Blitze, die treffen und Br\u00e4nde werden. Wenn der Mond gegangen ist \u00fcber den Garten, dann werden wir auch nach Hause gehen, ich will noch \u00fcber Friedrich von Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind adlig und blaubl\u00fctig. Liszt, der Musikpapst, Wagner und der Gro\u00dfherzog von Weimar sind seine stolzesten Werke, und die vielen Liebeslandschaften h\u00e4ngen in Nischen minniglicher Schl\u00f6sser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Baron ist eine Sch\u00f6pfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. 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