{"id":81731,"date":"2003-02-11T00:01:26","date_gmt":"2003-02-10T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81731"},"modified":"2022-05-29T16:18:00","modified_gmt":"2022-05-29T14:18:00","slug":"scheidung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/02\/11\/scheidung\/","title":{"rendered":"Die Eisenbahn"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben auf dem Oller, wie die Wuppertaler die Bodenkammern zu nennen pflegen, befand sich das Laboratorium meines j\u00fcngsten Bruders, \u00bbdas Giftzimmer\u00ab, darin Flaschen mit verschiedenartigen Salzen und S\u00e4uren und allerlei Chemikalien seltsamsten Farbeninhalts standen. Namentlich die gr\u00fcnspangelben Schwefelw\u00fcrfel wirkten auf mich faszinierend. Mit Chemie und Naturwissenschaft besch\u00e4ftigte sich mein Bruder mit Vorliebe, aber auch kleine Lokomotiven zu bauen, machte ihm gro\u00dfe Freude. Man h\u00f6rte sie schon im untersten Treppenhaus pfeifen. Manchmal rief er mich in sein Laboratorium, wenn die niedlichen R\u00e4der der Dampfmaschine, wie die einer D-Zuglokomotive im vollen Tempo \u00fcber die Schienen rund um den breiten Tisch, durch den kleinen St. Gotthard, den mein Bruder ebenfalls gebaut und durchbrochen hatte, rasten. Meine zwei zierlichen Wachspuppenzwillinge: beide hie\u00dfen sie Meta, durfte ich in den Wagen I. Klasse setzen, eigens f\u00fcr sie angeh\u00e4ngt. Nur vor den Flaschen hatte ich eine unerkl\u00e4rliche Angst &#8230; in der blauen &#8230; sa\u00df ein Gespenst &#8230; Wenn mein Bruder die eine oder andere \u00f6ffnete, roch es so giftig in der Luft, ich glaubte ersticken zu m\u00fcssen. Aber er war ein Zauberer, denn er konnte aus gr\u00fcn und gelb blau zaubern und wieder zur\u00fcck. Zwei S\u00e4uren, die er zusammengo\u00df, wurden auf einmal lila und ein Tropfen vom Salpeter gen\u00fcgte, um aus Lila Rot zu verwandeln. Auf den Eckbrettern lagen \u00fcbereinander griechische und lateinische B\u00fccher und eine alte m\u00e4chtige Bibel in wei\u00dfen verwitterten Lederdeckeln. Mein Bruder war fromm. Doch mich interessierten seine Herbarien mit den zarten Zittergr\u00e4sern und sorgsam getrockneten Blumen, Winden, Wicken und Wei\u00dfdorn und eine gro\u00dfe K\u00f6nigskerze. Im Glasschrank stand seine M\u00fcnzensammlung, manche waren schon verrostet, und seine herrliche Steinsammlung. Der gro\u00dfe Lapislazuli hatte es mir angetan und der Kristall \u2013 noch im Berg. Wenn es Abend wurde, machte mein Bruder seine Aufgaben. Er besuchte die Prima im Gymnasium und gab mir Nachhilfestunden, denn ich tr\u00e4umte zuviel in der Schule. Addieren und multiplizieren konnte ich halbwegs bis 100, in der Geographie wu\u00dfte ich nur die St\u00e4dte und Fl\u00fcsse, wo ich schon gewesen war, oder das Meer, darin ich gepl\u00e4tschert hatte. Mein Bruder aber besa\u00df eine Himmelsgeduld, und zum Schlu\u00df erz\u00e4hlte er mir immer wieder meine Lieblingsgeschichte von Joseph und seinen Br\u00fcdern und zeigte mir das Bild dazu, wie er verkauft wurde. Eines Tages im Winter am Sonntag starb mein Bruder. Genau wie er zu unserer teuren Mutter gesagt hatte \u2013 am Sonntag. Ein Heiligenschein lag um seine Sonnenhaare \u2013 er l\u00e4chelte, er war reinen Herzens gewesen und schaute den lieben Gott. Ich trug einen Flor um den kleinen Arm und eine lange Kette mit schwarzen Glasperlen um den Hals. Die Kinder in der Schule beneideten mich heimlich darum, und ich kam mir so erwachsen vor. Aber einmal in der Fr\u00fche, ich schlief noch, stand mein toter Bruder vor meinem Bettchen und nahm mich bei der Hand. Wir stiegen bis auf den Oller in das Giftzimmer, dort go\u00df er Spiritus in den Kessel der Lokomotive, genau wie ein Heizer; dann raste sie nur so \u00fcber die Schienen \u2013 und er sagte zu mir: \u00bbDie gro\u00dfen Lokomotiven f\u00fchren in alle St\u00e4dte, ja, in alle L\u00e4nder der Welt, aber diese kleine bis in den Himmel hinein.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_75724\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75724\" class=\"size-medium wp-image-75724\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-260x417.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75724\" class=\"wp-caption-text\">Else Lasker-Sch\u00fcler aka Prinz Yussuf (1912)<\/p><\/div>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">Else Lasker-Sch\u00fcler wurde geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld. Sie starb am 22.1.1945 in Jerusalem.<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte die Poetin mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr die <em>Kulturnotizen<\/em> weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.V<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Oben auf dem Oller, wie die Wuppertaler die Bodenkammern zu nennen pflegen, befand sich das Laboratorium meines j\u00fcngsten Bruders, \u00bbdas Giftzimmer\u00ab, darin Flaschen mit verschiedenartigen Salzen und S\u00e4uren und allerlei Chemikalien seltsamsten Farbeninhalts standen. 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