{"id":8164,"date":"2012-10-12T15:48:07","date_gmt":"2012-10-12T13:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8164"},"modified":"2019-10-05T15:04:53","modified_gmt":"2019-10-05T13:04:53","slug":"keine-kulturrevolution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/12\/keine-kulturrevolution\/","title":{"rendered":"Keine Kulturrevolution"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/rotehirse_dvd.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8172\" title=\"rotehirse_dvd\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/rotehirse_dvd-226x300.jpg\" alt=\"\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/rotehirse_dvd-226x300.jpg 226w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/rotehirse_dvd.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><\/a>Endlich mal ein Nobelpreistr\u00e4ger, zu dem KUNO auf Anhieb etwas einf\u00e4llt: <em>Rotes Kornfeld<\/em> (chinesisch \u7ea2\u9ad8\u7cb1 H\u00f3ng G\u0101oliang, w\u00f6rtlich: \u00bbRote Hirse\u00ab), das erste Regiewerk von Zhang Yimou, mit der g\u00f6ttlichen Gong Li in der Hauptrolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das meinungsbildende Feuilleton meldet sich umgehend zu Wort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernhard Bartsch <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/literatur\/literaturnobelpreis-mo-yan--der-herr-der-halluzinationen,1472266,20575098.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">beschreibt<\/a> in der <em>FR<\/em> die unterschiedlichen Reaktionen in China auf den Nobelpreis f\u00fcr Mo Yan. Die Staatsmedien sind erfreut,\u00a0 Verleger Lu ist verhalten (<em>Auf meiner Liste habe ich noch mindestens sieben Autoren, die ich besser finde, nur ist von denen fast nichts \u00fcbersetzt<\/em>), Regimekritiker wie Dai Qing sind entsetzt.\u00a0<em>Mo Yan tut man mit einer derartigen Diskussion wom\u00f6glich unrecht<\/em>, meint Bartsch \u00fcber den Schriftsteller, der 1955 in einem Bauerndorf geboren wurde. <em style=\"text-align: justify;\">Zwar hat er sich nie auf die Seite der Dissidenten gestellt, doch mit Propaganda hat seine Literatur nichts zu tun. &#8230; Wegen der Kulturrevolution brach Mo nach der f\u00fcnften Klasse die Schule ab und arbeitete in einer \u00f6rtlichen Fabrik. Abends h\u00f6rte er den Geschichten der Bauern von Gaomi zu. \u203aIn unserer Gegend gab es gro\u00dfartige Erz\u00e4hler, die die wildesten Anekdoten zum Besten geben konnten\u203a, so Mo Yan. \u203aDas war schon fr\u00fch mein Traum: wie diese Bauern endlos Geschichten erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen.<\/em>\u2039<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das scheint er tats\u00e4chlich zu k\u00f6nnen, liest man, was Sabine Vogel \u00fcber die B\u00fccher Mo Yans <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/literatur\/romane-von-mo-yan--hauptziel-kommunismus--nebenziel-yichis-taverne--,1472266,20575312.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zu sagen<\/a> hat: <em>Mo Yan ist keiner der hierzulande so beliebten Regimegegner, aber ein Opportunist ist er auch nicht gerade. Dazu sind seine Werke viel zu deutlich auf der Seite der Geknechteten und Entrechteten. Sie sind Chinesen, arme Bauern und Landarbeiter zumeist, aber ihr Leid ist so universell wie die Tyrannei der M\u00e4chtigen. Es sind Menschen, die schuldhaft sind, gemein, niedertr\u00e4chtig, geil, versoffen, grobschl\u00e4chtig, ungebildet, n\u00e4rrisch, und in ihrem \u00dcberlebenswillen unschlagbar komisch \u00fcber ihren Tod durch Ers\u00e4uft- oder Abgestochenwerden hinaus.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/GongLi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8178\" title=\"GongLi\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/GongLi-300x196.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"196\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/GongLi-300x196.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/GongLi.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Johnny Erling <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/welt_kompakt\/kultur\/article109781800\/Wer-viel-sagt-sagt-vieles-falsch.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">res\u00fcmiert<\/a> in der WELT die Reaktion in China auf den Literaturnobelpreis f\u00fcr Mo Yan: <em>Die Regierung, die den Nobelpreis f\u00fcr Gao Xingjian und Liu Xiaobo nie akzeptiert hat, scheint erfreut. Der K\u00fcnstler Ai Weiwei reagierte kritisch: Er sagte der Welt: \u203aIch akzeptiere das politische Verhalten von Mo Yan in der Realit\u00e4t nicht. Er ist m\u00f6glicherweise ein guter Schriftsteller. Aber er ist kein Intellektueller, der die heutige chinesische Zeit vertreten kann. Moderne Intellektuelle haben eine tiefgehende Beziehung zur aktuellen Realit\u00e4t unseres Landes. Einen Nobelpreis an jemanden zu geben, der von der Realit\u00e4t abgehoben lebt, ist eine r\u00fcckst\u00e4ndige und unsensible Verfahrensweise. Dennoch gratuliere ich ihm dazu.\u2039<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann der Mitte und der Dissident, sie geh\u00f6ren zusammen, so <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=a1&amp;dig=2012%2F10%2F12%2Fa0117&amp;cHash=7dcad6eb64f2c64584a384e2ffada5b3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kommentiert<\/a> Dirk Knipphals in der <em>taz<\/em> die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Dissidenten Liao Yiwu und die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an den chinesischen Schriftsteller Mo Yan, der seine <em>Sujets jenseits der direkten politischen Auseinandersetzungen w\u00e4hlt<\/em>. Letzteres k\u00fcnde <em style=\"text-align: justify;\">vor allem davon, dass die Akademie an einen Raum \u00fcber oder jenseits aller kultureller oder politischer Grenzen glaubt, in dem die Autoren in ihren B\u00fcchern frei \u00fcber die Lebenserfahrungen der Menschen in ihren jeweiligen Zeiten und Gesellschaften schreiben k\u00f6nnen<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den vorderen Seiten der <em>taz<\/em> <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2012%2F10%2F12%2Fa0176&amp;cHash=7bcafd005cc99c852a0756e8989be3c3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">portr\u00e4tiert<\/a> Susanne Messmer den Preistr\u00e4ger und seine <em>realistischen, manchmal magischen und m\u00e4rchenhaften Dorfromane<\/em>, die <em>deftig und derb<\/em> seien. Im Gespr\u00e4ch <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2012%2F10%2F12%2Fa0175&amp;cHash=5f7e553cabe70eae078326fd69c1c2e2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bezeichnet<\/a> die deutsche Sinologin und Literaturwissenschaftlerin Eva M\u00fcller Mo Yan als den\u00a0<em>seit den achtziger Jahren bedeutendsten Erz\u00e4hler Chinas<\/em>. Felix Lee hat die unterschiedlichen Reaktionen im Internet <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=sw&amp;dig=2012%2F10%2F12%2Fa0174&amp;cHash=93fb511e3df2b2baeb3b0a2b9f541f96\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gesichtet<\/a>, wo Blogger unter anderem kritisieren, dass niemand den Nobelpreis erhalten solle, <em>der Mao Tse-Tung lobt<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ludger L\u00fctkehaus <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/literatur\/kein-sprachloser-1.17676416\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bietet<\/a> in der NZZ einen Abriss \u00fcber das Werk des frischgebackenen Literaturnobelpreistr\u00e4gers Mo Yan, das er als <em>vielschichtig und nicht nur im politischen Sinn schwierig zu verorten<\/em> beschreibt.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Eine politische Entscheidung kann Tim Neshitov im <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/schriftsteller-ausgezeichnet-chinese-mo-yan-erhaelt-literaturnobelpreis-1.1493021\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Literaturnobelpreis<\/a> f\u00fcr Mo Yan in der SZ nicht erkennen: Vielmehr zeigt sich ihm in der Auszeichnung eines chinesischen Autors, der vom Regime offen durch \u00dcbersetzungsf\u00f6rderungen gest\u00fctzt wird, dass die schwedischen Jurymitglieder der Ansicht sind,\u00a0<em>dass Weltliteratur auch in einer vor sich hin mutierenden Autokratie entstehen kann<\/em>. Zudem wei\u00df Neshitov: <em>Epische Beschreibungen des chinesischen Volksleidens stellen eine literarische Aufarbeitung von Chinas j\u00fcngster Geschichte dar, die ja politisch kaum aufgearbeitet wird. Deswegen erf\u00fcllen Mo Yans Werke, unabh\u00e4ngig von ihrer literarischen Qualit\u00e4t, eine gesellschaftliche Funktion.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Plakat1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-8179\" title=\"Plakat\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Plakat1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"214\" \/><\/a>Mark Siemons <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/der-preistraeger-mo-yan-und-sein-land-eine-ueberfuelle-an-daemonen-11922279.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">fragt<\/a> sich in der FAZ, was von der Vergabe des Literaturnobelpreis an <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/autor\/mo-yan.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mo Yan<\/a> zu halten ist, der sich den Grenzsetzungen des chinesischen Regimes als Schriftsteller immerhin offen beugt. Dennoch sei es aber\u00a0<em>verfehlt, ihn f\u00fcr einen Staatsschriftsteller zu halten. Vielmehr hat er eine kaleidoskopische Art des Schreibens erfunden, an deren Vielstimmigkeit, Komik, Archaik, oft auch Obsz\u00f6nit\u00e4t jede Zensur irrewerden muss. Mo Yans Literatur ist kein harmloser Kompromiss mit Funktion\u00e4rsvorstellungen, sondern ein \u00e4u\u00dferst kraftvoller Zugriff auf eine elementare Geschichte unterhalb des auf Ideen und Dogmen ausgerichteten Radars der Staatsorthodoxie.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich mal ein Nobelpreistr\u00e4ger, zu dem KUNO auf Anhieb etwas einf\u00e4llt: Rotes Kornfeld (chinesisch \u7ea2\u9ad8\u7cb1 H\u00f3ng G\u0101oliang, w\u00f6rtlich: \u00bbRote Hirse\u00ab), das erste Regiewerk von Zhang Yimou, mit der g\u00f6ttlichen Gong Li in der Hauptrolle. 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