{"id":81600,"date":"2013-02-11T00:01:19","date_gmt":"2013-02-10T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81600"},"modified":"2022-06-06T11:05:54","modified_gmt":"2022-06-06T09:05:54","slug":"bei-julius-lieban","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/11\/bei-julius-lieban\/","title":{"rendered":"Bei Julius Lieban"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspa\u00df aus seinem Leben zu erz\u00e4hlen. Wir sitzen in seinem kleinen Gemach auf gemondeten und gestreiften Diwans, Herr Lieban, sein T\u00f6chterchen Eva und ich. Herr Lieban erz\u00e4hlt von Wanderz\u00fcgen nach dem S\u00fcden. Wunderbar ahmt er die Begeisterung des temperamentvollen Publikums nach; eine ganze Reihe verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vor\u00fcber. Noch heute spricht man in Florenz davon, wie er eines Tages angeflogen kam und gesungen und es hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure seiner Heimat: \u00bbDein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!!\u00ab Und wieder zarter einsetzend: \u00bbDein ist mein Herz und soll es ewig bleiben \u2026\u00ab Und bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf dem Trittbrett und im Waggon gestanden. Jedes trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet. \u00bbArivederla, Signor Giulio, arivederla!\u00ab Ein halbes Kind war er damals noch, aber Herr Lieban ist noch heute neunzehnj\u00e4hrig mit seinen kurzen, schwarzen Ringelrangelrosenlocken und den dunklen Schalkaugen. \u2013 Mutwillig, sturmwillig \u00fcber die weichen Teppiche \u2013 hin und her flattern die Portieren. \u00bbHab\u2019 im eigenen Hause keine Ruhe \u2013 h\u00f6ren Sie, da klingelt\u2019s wieder.\u00ab In diesem Salon unterschreibt Maestro ein Engagement, in jenem erwarten ihn bittende Lippen. Einige Damen in Pelz und Federh\u00fcten sehe ich durch den Perlenvorhang auf niedlichen Rokokost\u00fchlen sitzen. Herr Lieban soll in einer Wohlt\u00e4tigkeitsvorstellung singen, Herr Lieban kann nicht abschlagen, das wissen alle schon. Mit zugehaltenen Ohren eilt er pl\u00f6tzlich wieder an uns vorbei; aus dem Studierzimmer dringen schmerzliche T\u00f6ne einer harrenden Sch\u00fclerin. \u00bbSie stimmt ihre Kehliatur\u00ab, fl\u00fcstert mir schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban wei\u00df gar nicht, was er zuerst erledigen soll. Klein-Eva und ich sind ganz alleine \u2013 Klein-Eva hat ebenfalls einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare hat sie; sie will nicht zur B\u00fchne gehen \u2013 der Vater hat ihr zu viel Schlimmes von dort erz\u00e4hlt. Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann, bitte ich ihn, auf sein T\u00f6chterchen zeigend, mir auch etwas Schlimmes von dort zu erz\u00e4hlen. Er nickt einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater so verwundet hat. \u00bbJa, ich kann\u2019s nicht verschmerzen\u00ab, sagt Herr Lieban, \u00bbgenau f\u00fcnfundzwanzig Jahre sind\u2019s her, ich spielte den Mime in der Premiere des \u203aSiegfried\u2039 im Berliner Viktoriatheater. Wagner stand hinter der B\u00fchne, und es geschah, da\u00df man mich nach dem zweiten Akte verlangte und den Sch\u00f6pfer verga\u00df. Wagner st\u00fcrmte fort und lie\u00df sich am Abend nicht mehr sehen. Aber das, was ich nicht verschmerzen kann, ist: als wir am andern Tag den Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden uns am Eingang des Theatersaals aufgestellt hatten, Wagner unsere Ehrfurcht in Form einer Gabe zu F\u00fc\u00dfen zu legen, da\u00df er da jedem von uns lebhaft die Hand dr\u00fcckte, an mir vor\u00fcberschritt, meinen Gru\u00df nicht beachtete und mir zurief: \u203aSie haben mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.\u2039 Sehen Sie, das habe ich nie verschmerzen k\u00f6nnen, gerade weil er ein Gottk\u00fcnstler ist.\u00ab Eva sagt: \u00bbVater hat\u2019s gedruckt im Buch stehen\u00ab \u2013 sie springt aus der T\u00fcre und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch. Herr Lieban mu\u00df l\u00e4cheln. Aber seufzend mit der Puppe im Arm begleitet mich Eva die Treppe hinunter. Durch die Villenallee nach Hause zu lese ich im Vor\u00fcbergehen an der Litfass\u00e4ule Julius Liebans Namen. Er singt heute Abend den David, den finsterulkigen Schusterjungen. Den David kann kein anderer singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die einmal an einem Freudentage ein Gott erschaffen hat. Seine Lieblingslieder rauschen durch Seideng\u00e4rten, und mit Silberglocken behangen klingen seine Schelmenges\u00e4nge und tragen bunte Tracht. \u00bbEs ist zum K\u00fcssen \u2026\u00ab einer sagt\u2019s dem andern unter den gro\u00dfen Lichtsternen entz\u00fcckt ins Ohr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong>\u00a0von Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Mit einer Einbandzeichnung\u00a0der Verfasserin.\u00a0Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin\u00a01920<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-76746 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-214x300.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-260x364.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays-160x224.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Elses_Essays.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspa\u00df aus seinem Leben zu erz\u00e4hlen. 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