{"id":81548,"date":"2022-09-11T00:01:30","date_gmt":"2022-09-10T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81548"},"modified":"2022-02-24T16:04:33","modified_gmt":"2022-02-24T15:04:33","slug":"singa-die-mutter-des-toten-melechs-des-dritten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/11\/singa-die-mutter-des-toten-melechs-des-dritten\/","title":{"rendered":"Singa, die Mutter des toten Melechs des Dritten"},"content":{"rendered":"<p class=\"tre01\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Erik-Ernst Schwabach und seinem Gemahl<\/span><\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Singa, die Mutter des toten Melechs, sa\u00df in ihrem Gemach wie eine Mumie verh\u00fcllt, und das Volk trauerte mit ihr drei Jahre lang. Bis sie die tr\u00fcben Schleier von ihrem Angesicht ri\u00df, dem hei\u00dfen Psalm der Liebe zu lauschen, der die Erde aller Stra\u00dfen aufw\u00fchlte, das Rauschen des Flusses d\u00e4mpfte, sich in die Herzen der Menschen schlich und ihre Heimlichkeiten offenbarte. Dann kamen die erregten Zebaothknaben zu der Melechmutter in den Palast, ihre Gesichter trugen die Z\u00fcge ihres Sohnes und in ganz Theben war keine Prinzessin, deren Mund sich nicht in die feinen Lippen des Melechs verwandelt hatte. Und Singa selbst entdeckte mit Verwunderung, da\u00df ihre H\u00e4nde dem Spielzeug \u00e4hnelten, mit dem der noch kleine Abigail auf ihrem Scho\u00df zu spielen pflegte. Und die Sklavinnen l\u00e4chelten um Abigails Mutter, wie ihr holder Liebling so eigen. Gesteinigt wurde derjenige, welcher fallen lie\u00df einen st\u00f6renden Laut von seinen Lippen, denn die Melechmutter sandte ihre schwarzen Diener, die des H\u00f6rens kundig waren, die Quelle des Zauberpsalms zu suchen, sie brachten keinen Bescheid; und eine H\u00e4ndlerin, die den M\u00e4gden in den unteren Palastr\u00e4umen T\u00fccher und Glasperlen verkaufte und zur Mutter Singa verlangte, wurde nicht vorgelassen. Aber sie versteckte sich hinter einem Muskatbusch und rief in der Dunkelheit: \u00bbMelechmutter, Melechmutter, ich habe einen Sohn, der ist Viehknecht und er hat ein Ohr, das geht ihm bis zur Lende!\u00ab An jeder Wand jedes Hauses legte er es an, bis es abgenutzt und nicht gr\u00f6\u00dfer war, wie das der Dienerschaft im Palast. Und er wu\u00dfte, von wo der sehns\u00fcchtige Gesang kam. Da lie\u00df die Mutter des liebenden Abigail des Dritten alle die Edelt\u00f6chter der Stadt zu sich in den Palast kommen, w\u00e4hlte die anmutigste, sie mit dem k\u00f6niglichen Tempel zu verm\u00e4hlen. Die Braut aber erh\u00e4ngte sich vor der schauerlichen Hochzeit. Auch die \u00fcbrigen T\u00f6chter der Stadt weigerten sich, in den Tempel zu gehen und Singa bot ihr Geschmeide jeder T\u00e4nzerin und jedem Freudenm\u00e4dchen hin f\u00fcr den Liebesgang, bedr\u00e4ngte die H\u00fctten der armseligsten Hirtinnen und k\u00fc\u00dfte die M\u00e4gde. Auf dem Acker die \u00c4hren und die St\u00f6cke der Weinberge begannen zu brennen und die Herzen der Menschen in Theben waren zu Asche verfallen und die Fl\u00fcgelgestalten an den Brunnen der G\u00e4rten flogen auf. Und Singa, die Mutter des Melechs, lie\u00df ihre Wangen jung malen, ihre Lippen schminken wie zur Liebesnacht, und sie trug goldene Ringe an den Zehen und D\u00fcfte im Haar und all Volk stand um den Tempel, bis sie ihn zerzaust verlie\u00df; ihre Glieder waren zerfressen, die Fetzen ihrer jungen Kleider hingen ihr um den Leib und ihre zerdr\u00fcckten Augen tr\u00e4nten. Seitdem schlichen alle B\u00fcrger der Stadt \u00fcber die Pfade wie auf dem Weg zum Friedhof und ihre Wohnungen wurden leise wie Gottesh\u00e4user. So endet die Geschichte des dritten Abigail, dessen Liebe so viele Opfer forderte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Prinz von Theben<\/strong>, ein Geschichtenbuch von\u00a0Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Paul Cassirer, Berlin\u00a01920<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-81508 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-260x369.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>A<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">b 1910 wendet sich Else Lasker-Sch\u00fcler allm\u00e4hlich von der weiblichen Erz\u00e4hlposition ab und l\u00e4sst Jussuf \u2013 der in etwa als biblischer Joseph genommen werden kann \u2013 zu Wort kommen.Im vorliegenden ziemlich archaischen\u00a0Geschichtenbuch tritt Jussuf, der titelgebende Prinz von Theben, allerdings nur in der Geschichte <\/span><i style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Abigail der Dritte<\/i><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"> auf und stirbt am Ende dieser \u00fcberschaubaren Episode. Folgerichtig ist in den nachstehenden letzten drei Geschichten des Buches h\u00f6chstens von dem toten Prinzen die Rede.<\/span><\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">\n<p>Die erste Geschichte \u2013 <i>Der Scheik<\/i> \u2013 und die letzte \u2013 <i>Der Kreuzfahrer<\/i> \u2013 sprechen unter anderen jeweils die S\u00fchne\u00a0zwischen den Religionen an und machen somit das restliche, zumeist schaurig-schreckliche Geschehen ein klein wenig ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">Else Lasker-Sch\u00fcler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld.<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erik-Ernst Schwabach und seinem Gemahl Singa, die Mutter des toten Melechs, sa\u00df in ihrem Gemach wie eine Mumie verh\u00fcllt, und das Volk trauerte mit ihr drei Jahre lang. 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