{"id":81532,"date":"2022-06-11T00:01:10","date_gmt":"2022-06-10T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81532"},"modified":"2022-06-10T21:16:49","modified_gmt":"2022-06-10T19:16:49","slug":"abigail-der-erste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/11\/abigail-der-erste\/","title":{"rendered":"Abigail der Erste"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kete Parsenow der Venus<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wurde Melech, als er noch im Mutterleibe war. Die Melechmutter klagte, denn Abigail weigerte sich zur Welt zu kommen. Der lag in seiner Mutter Prachtleib wohl geborgen und schnarchte so laut, da\u00df man seinen Schlummer vom Palaste aus bis \u00fcber den Flu\u00df, im Osten der Stadt vernahm. Der junge Melech wollte nicht zur Welt kommen. Und Diwag\u00e2tme, seine Mutter, gewann einen Umfang, der \u00fcber das K\u00f6nigskissen hinauswuchs, und man polsterte f\u00fcr ihren hohen Leib ein Gemach des Palastes aus, darin sie sich ausdehnte von Tag zu Tag. Der junge Melech lebte nun in ihrem Leibe zwanzig Jahre und weigerte sich zur Welt zu kommen. Da berief die Melechmutter von jeder Vereinigung ihrer Stadt einen Mann, der ihr raten sollte. Von den Jehovanitern den vornehmsten Priester, von den roten und gelben Adames je einen der Viehz\u00fcchter, auch den liebwertesten Zebaothknaben, der der Gespiele ihres Sohnes Abigail h\u00e4tte werden sollen. Und der Marktplatz wurde geh\u00f6hlt und mit weichen Schafsfellhaaren ausgestopft, denn Diwag\u00e2tme, die Mutter des eigensinnigen Abigail, konnte ihres Leibes wegen nicht mehr im Palast bleiben, und also geschah auf Raten ihres \u00e4rztlichen Beistands, da\u00df sie behutsam trugen eines Mittags unz\u00e4hlige Sklavenh\u00e4nde, begleitet von der Musik der Dudelsackpfeifer und Schellen und Trommeln auf ihren neuen Sitz mitten auf dem Marktplatz in Theben. Abigail weigerte sich zur Welt zu kommen. Aber einmal h\u00f6rte ihn seine Mutter eine himmlische Melodie sagen und sie dachte an das hohe Lied Salomos, doch sie verschwieg der Stadt und sogar den N\u00e4chsten ihrer Umgebung das neue Geheimnis ihres Leibes. Abigail, ihr Sohn war ein Dichter und kein Regent; ihr sein Beharren in der dunklen, sorgenlosen Nacht wohl verst\u00e4ndlich, den anderen ein immermehr zunehmendes R\u00e4tsel. Von dem Bewahren des Geheimnisses wurde Diwag\u00e2tme krank; Schatten bedeckten ihre strahlenden Augen, und stumm wurde sie vor Furcht, doch einmal einzuflechten den Dichtgeist ihres Sohnes in ein gleichg\u00fcltiges Gespr\u00e4ch, zumal sie keine andere Freude empfand, als die beim Vernehmen des hohen Liedes ihres Sohnes. Sie mochte sich auch nicht mehr betasten lassen von dem kleinen Staate, der sich um ihren Leib wie um eine Insel bildete, Umschau hielt und Messungen anstellte. Der beharrende Melech aber lebte weiter vom Fleisch und Blut seiner Mutter, und sie f\u00fchlte ganz genau, da\u00df er eine Vorliebe f\u00fcr einige Gerichte hatte; da\u00df er nur dichtete beim Genusse s\u00fc\u00dfen Blutes, wenn seine Mutter verzuckerte Rosen verzehrte. Aber immer, wenn sich die ungeduldigen B\u00fcrger der Stadt seiner Mutter n\u00e4herten, verkroch er sich ganz tief in seiner einsamen, pochenden Heimat, bis er eines Tages das Herz seiner Mutter gewaltig mit seinem Fu\u00df in die Rippen stie\u00df und Diwag\u00e2tme t\u00f6tete. Da weigerte sich der Mutterm\u00f6rder nicht mehr \u2013 zur Welt zu kommen aus der erstarrten Nacht. Diwag\u00e2tme wurde begraben, aber ihn, den Sohn, setzte man auf den Thron im Palast. Abigail der Erste sa\u00df nackt auf dem Thron in seiner letzten Haut, die war zart und neu und unber\u00fchrt. Und er f\u00fcrchtete sich in der offenen Welt \u2013 seine H\u00e4nde suchten immer W\u00e4nde und der Tag tat seinem Auge weh. Aber seine B\u00fcrger trugen ihn auf ihren Schultern durch die Stadt, durch die Lande \u2013 ihren Wundermelech! Sch\u00f6n war Abigail, jedes seiner Glieder ausgeruht; nicht eine Farbe an ihm nur hingeworfen! Die T\u00f6chter Thebens geh\u00f6rten alle ihm, die hatten durch die lange Erwartung, in der die Stadt lebte, fragende Augen und ge\u00f6ffnete, l\u00e4chelnde Lippen, und trugen eine Blume im Haar mit offenem Kelch f\u00fcr den Schmetterling. Abigail aber kroch in jeder Jungfrau Leib und er sehnte sich nur noch nach dem Mond, wenn er rund und weich am Himmel pochte. Da, einmal in der Fr\u00fche brannte sein Palast; nun starb Abigail der Erste, der Sohn Diwag\u00e2tmes, die das Geheimnis mit ins Grab nahm, da\u00df ihr Sohn ein Dichter war. Er stand und schritt und lief zum erstenmal auf seinen F\u00fc\u00dfen, die sonst, ein verw\u00f6hnter K\u00f6nig, auf den Schultern seiner B\u00fcrger ruhten. Der Palast stand in wilden Flammen, als Abigail es bemerkte, sich an der S\u00e4ule des Geb\u00e4udes herablie\u00df, ohnm\u00e4chtig zusammenbrach und von einer Karawane, die im Morgendunkel noch tr\u00e4umte, \u00fcberritten wurde. So endete Abigail, der Sp\u00e4tgeborene von Theben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Prinz von Theben<\/strong>, ein Geschichtenbuch von\u00a0Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Paul Cassirer, Berlin\u00a01920<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-81508 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-260x369.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>A<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">b 1910 wendet sich Else Lasker-Sch\u00fcler allm\u00e4hlich von der weiblichen Erz\u00e4hlposition ab und l\u00e4sst Jussuf \u2013 der in etwa als biblischer Joseph genommen werden kann \u2013 zu Wort kommen.Im vorliegenden ziemlich archaischen\u00a0Geschichtenbuch tritt Jussuf, der titelgebende Prinz von Theben, allerdings nur in der Geschichte <\/span><i style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Abigail der Dritte<\/i><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"> auf und stirbt am Ende dieser \u00fcberschaubaren Episode. Folgerichtig ist in den nachstehenden letzten drei Geschichten des Buches h\u00f6chstens von dem toten Prinzen die Rede.<\/span><\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">\n<p>Die erste Geschichte \u2013 <i>Der Scheik<\/i> \u2013 und die letzte \u2013 <i>Der Kreuzfahrer<\/i> \u2013 sprechen unter anderen jeweils die S\u00fchne\u00a0zwischen den Religionen an und machen somit das restliche, zumeist schaurig-schreckliche Geschehen ein klein wenig ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">Else Lasker-Sch\u00fcler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld.<\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kete Parsenow der Venus Er wurde Melech, als er noch im Mutterleibe war. Die Melechmutter klagte, denn Abigail weigerte sich zur Welt zu kommen. 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