{"id":81523,"date":"2022-04-11T00:01:08","date_gmt":"2022-04-10T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81523"},"modified":"2023-01-22T06:37:55","modified_gmt":"2023-01-22T05:37:55","slug":"ein-brief-meiner-base","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/11\/ein-brief-meiner-base\/","title":{"rendered":"Ein Brief meiner Base Schal\u00f4me"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Hafen von Konstantinopel liegen goldene Boote \u2013 Sterne &#8230;. Ich bin im Palaste meines Gro\u00dfoheims; wir Basen aus Bagdad duften nach altem Gem\u00e4uer, wir Prinzessinnen vom Tigris tanzen mit stummen Gliedern. Und ich verstehe die Sprache der Frauen des Harems nicht. Wei\u00df nicht, was sie veranla\u00dft, sich zu freuen oder sich gegenseitig zu \u00fcberwerfen. Sie sprechen nicht ihre Sultanssprache: \u00bbWir sprechen parisisch\u00ab, erkl\u00e4rt mir die Kleinste; ihre Haare sind rot, \u00bbchik\u00ab. Manchmal summt sie h\u00fcpfende Lieder. Ich hungere, schwebe \u00fcber die bunten Mosaikbilder der B\u00f6den; ich f\u00fcrchte mich vor den b\u00f6sen Speisen und Getr\u00e4nken, die heimlich in die Frauengem\u00e4cher geschafft werden. Verbotene Fleische essen sie und rote und gelbe murmelnde Getr\u00e4nke trinken wir, unsere K\u00f6pfe schaukeln immerzu. Auch sch\u00e4me ich mich vor dem Eunuchen, seine Augen stehen vorn\u00fcber, kranke Greise. Wenn ich an unsern Eunuchen denke \u2013 runde Mannakuchen sind seine Backen und seine Stimme dudelt lustig wie Gauklerfl\u00f6ten. Ich wollte, ich w\u00e4re wieder in Bagdad. Hier sitzt auf dem sch\u00f6nsten Kissen der Eunuche. Meine Tante und ihre T\u00f6chter knieen um ihn, ein Kranz von bunten Farben, sie tragen alle weite Hosen und meine alte Tante eine weite weite aus gebl\u00fcmtem Brokat. Mich langweilt ihr Lachen und ihre entbl\u00f6\u00dften Geb\u00e4rden, ich m\u00f6chte ins Bad steigen, aber ich sch\u00e4me mich, vor der kriechenden Stimme des Eunuchen, meinen Schleier vom Antlitz zu heben. Meine besessene Tante in der \u00fcberweiten Brokathose beginnt sich zu entkleiden; neugierig folgen die anderen Frauen den Belehrungen des Eunuchen. Ein gro\u00dfes Buch mit grausamen Bildern breitet er auf dem Teppich hin. Seine Stimme schl\u00e4ngelt sich ein l\u00fcsterner Bach um die fiebernden Sinne der Frauen. Hinter dem Vorhang unter der Taube des Mohammeds, die sanfte Beh\u00fcterin des Harems, stehen scharfe und zackige Gestelle, Peitschen und Pechfackeln. Meine Tanten und Basen haben mich heute Abend ganz vergessen; ich wei\u00df nur, da\u00df sie so spitz wie Dolchstiche durch meine Tr\u00e4ume schreien wie M\u00fctter, deren tote Kinder ihre Leiber zerfleischen. Ich bebe, der Eunuche ergreift eine der vielf\u00e4ltigen Peitschen; in Bleikugeln endet jeder Riemen; er wetzt sie einige Male wagerecht in der Luft, l\u00e4\u00dft sie dann langsam herab auf den weiten \u00fcberweiten allerwertesten Vollmond meiner fiebernden Tante prallen, die ihn, ich schw\u00f6re es bei Allah, nach allen Seiten hin ihm zuwendet, m\u00f6rderisch aufschreiend, kokett die Z\u00e4hne zeigend. Auf dem Divan sitzen ihre T\u00f6chter; neidisch entbl\u00f6\u00dfen sie ihre Br\u00fcste, die bl\u00fchen in gesprenkelten Goldnelken. Der Eunuche entnimmt dem Vorhang kleine spitze Nadeln. Ich schleiche auf Vieren \u00fcber den Teppich aus dem Frauengemach und stehe hinter dem Fenster des Vorraums. Ich m\u00f6chte in eins der kleinen Sternbote steigen, auf dem Bosporus \u2013 der Himmel ist ein einziger gro\u00dfer Stern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Prinz von Theben<\/strong>, ein Geschichtenbuch von\u00a0Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Paul Cassirer, Berlin\u00a01920<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-81508 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-260x369.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>A<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">b 1910 wendet sich Else Lasker-Sch\u00fcler allm\u00e4hlich von der weiblichen Erz\u00e4hlposition ab und l\u00e4sst Jussuf \u2013 der in etwa als biblischer Joseph genommen werden kann \u2013 zu Wort kommen.Im vorliegenden ziemlich archaischen\u00a0Geschichtenbuch tritt Jussuf, der titelgebende Prinz von Theben, allerdings nur in der Geschichte <\/span><i style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Abigail der Dritte<\/i><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"> auf und stirbt am Ende dieser \u00fcberschaubaren Episode. Folgerichtig ist in den nachstehenden letzten drei Geschichten des Buches h\u00f6chstens von dem toten Prinzen die Rede.<\/span><\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">\n<p>Die erste Geschichte \u2013 <i>Der Scheik<\/i> \u2013 und die letzte \u2013 <i>Der Kreuzfahrer<\/i> \u2013 sprechen unter anderen jeweils die S\u00fchne\u00a0zwischen den Religionen an und machen somit das restliche, zumeist schaurig-schreckliche Geschehen ein klein wenig ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">Else Lasker-Sch\u00fcler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld.<\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><\/div>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im Hafen von Konstantinopel liegen goldene Boote \u2013 Sterne &#8230;. Ich bin im Palaste meines Gro\u00dfoheims; wir Basen aus Bagdad duften nach altem Gem\u00e4uer, wir Prinzessinnen vom Tigris tanzen mit stummen Gliedern. 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