{"id":81516,"date":"2022-03-11T00:01:18","date_gmt":"2022-03-10T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81516"},"modified":"2022-02-18T14:55:40","modified_gmt":"2022-02-18T13:55:40","slug":"der-derwisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/11\/der-derwisch\/","title":{"rendered":"Der Derwisch"},"content":{"rendered":"<p class=\"tre01\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Franz Marc und Mareia<\/span><\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Die englischen Damen reiten jeden Abend auf ihren Eseln die hei\u00dfe Gr\u00e4berstra\u00dfe entlang, die heiligen Katzen hinter den Gittern der Gr\u00e4ber blicken schon weltlich. Der Derwisch tanzt. Die Ladies mit den hellen Augen like the spring h\u00f6ren auf zu zwitschern, aber die blauen Schleier ihrer H\u00fcte zittern. Mein Herz wird t\u00e4glich magerer in der Brust, wie die Mondh\u00e4lfte in den Wolken. Die zarten H\u00e4lse der Abendl\u00e4nderinnen heben sich aus dem Rand ihrer durchsichtigen Kleider, darinnen ihre Leiber wie in gl\u00e4sernen Vasen stehen. Ich aber trage den lammblutenden Hirtenrock Jussufs, wie ihn seine Br\u00fcder dem Vater brachten. Und die jungen Dromedare und Kamele weide ich, tr\u00e4nke sie mit dem Wasser der Brunnen. Und abends, wenn der Derwisch tanzt vor der kleinen rissigen Moschee, schenke ich den jungen H\u00f6ckertieren meine Datteln und Feigen, da\u00df sie nicht nach mir schreien. Nie hat ein Sohn oder eine Tochter der Stadt in die Augen des Derwischs gesehen, es warteten heimlich die Prinzessinnen Kairos vor seiner Wimper finsterer Sonne. Alle goldenen Bilder k\u00fc\u00dften die Moschee, da sie den Derwisch gebar. Ich reiche ihm Labung im Kelch der Derwischlilie und blase den aufgewirbelten Sand Ismael Hamed zu, der lehnt am Dorn der Oase und hat das Jenseits verloren. In einer S\u00e4nfte tragen Priesterknaben den ersch\u00f6pften Priester schaumgeronnen in das Priestertum. Auf ihren Eseln reiten die englischen Damen die hei\u00dfe Gr\u00e4berstra\u00dfe bergab am gl\u00e4nzenden Pupillengitter vorbei, der buntbetenden Nacht zu. Kostbare, allahgeweihte Teppiche fallen von den D\u00e4chern der H\u00e4user bis auf die Steine der Stra\u00dfe und erwarten die roten F\u00fc\u00dfe des Feiertags Jom \u2019aschuras. Der treibt am 10. des Monats Muharram das Blut der Stadt; den Enkel Mohammeds, der an diesem Tage bei Kerbela get\u00f6tet wurde, lebendig zu halten. Ich jage meine Dromedare hintereinander und Kamele nach Karawanenart. Durch die Stra\u00dfen springen schon in tollen Spr\u00fcngen M\u00e4nner, ihre Schultern schaukeln auf und ab, wie die irdenen Kr\u00fcge des Brunnens. Christenhunde fl\u00fcchten vor Steinw\u00fcrfen, den Juden ist das Menschvergie\u00dfen ein Greuel. Vornehme Araber, Staatsleute, Priester in gestickten Satteln ziehen auf hochm\u00fctigen Pferden vorbei. Unter die Hufe unz\u00e4hliger Tierbeine werfen sich unz\u00e4hlige Leiber. Mir klebt das Blut schon schwarz auf den Lippen. Blutweihrauch entstr\u00f6mt den Poren der Stadt. An die ge\u00f6ffneten Haremsfenster dr\u00e4ngen sich die Frauen. Sichelaugen, mandelgoldene, zimtfarbene, Schw\u00e4rme von schillernden Nilaugen, schweben \u00fcber den t\u00f6dlichen Zug. Mit Peitschenhieben z\u00fcchtigen sich die jungen Heiligen, andere wetzen Waffen an der S\u00e4ule ihres R\u00fcckens. Waghalsig \u00fcber die Gel\u00e4nde des Daches beugen sich die englischen Ladies, werfen halbaufgebl\u00fchte Nachtschleierknospen und Mondschatten \u00fcber den Derwisch. Der sitzt auf einem Kamel, allahtrunken und tr\u00e4gt die wei\u00dfe Taube Mohammeds, das Licht des Jenseits auf dem goldenen Ast seines beringten Fingers. Ich schreie. Der Derwisch winkt. Ein junger Edelmohammedaner wirft sich unter seinen frommen Reiterschritt; aber ich besteige den hinteren Buckelteil seines Tieres und halte mich am Schwanze fest, da es zu stolpern droht \u00fcber zermalmte Leichen. Manchmal wendet der Derwisch seine goldene Stirne leise gegen meine. Von Gold sind die feinen Fl\u00fcgel seiner Nase. Meine Glieder halten den Odem ein und lauschen Melodieen nach: Am Tigris steht ein Palast, der geh\u00f6rt meinem Vater und meiner Mutter, die schlummern schon sieben Jahre im Gew\u00f6lbe. Meiner Mutter H\u00e4nde sind zwei einbalsamierte Sterne, und der Bart des wei\u00dfb\u00e4rtigen Paschas fiel: ein silberner Vorhang \u00fcber stolze Vorfahren. Und ich vertauschte den Prinzessinnenschleier mit dem armseligen Rock der Weide. Nun bindet Ismael-Hamed die jungen Lasttiere. Ich erz\u00e4hle: \u00bbBockn\u00e4sig ist Abba sein langhaariges Kamel, und Rebb wirft mit dem Schwanzwedel meinen Fez vom Kopf, und meine Kamelin liebt Amm, ein Dromedar aus Ismael-Hameds Herde.\u00ab Der l\u00e4chelnde Derwisch beugt den Oberk\u00f6rper feierlich im Wandel: Nacht und Tag \u2013 die glitzernden Perlenquasten des k\u00f6niglichen Sattels klingen \u00fcber Beduinenh\u00e4nde, wie \u00fcber braune Teppichfransen. Unser Tier sinkt in eine Blutlache, warm tr\u00f6pfelt es von meinem Gesicht, es sind lebendige Regentropfen, bald naht die Zeit des segnenden Himmels: Allah begie\u00dft die Welt mit seinem Saft. Aber Ismael-Hamed wird die duftenden Wunder, die wachsen werden, nicht sehen, er h\u00e4lt den Kopf in seinem Nacken versteckt. Schm\u00e4chtige Knaben wetteifern um den schnellen Weg ins funkelnde Jenseits, aber unser Kamel will nicht \u00fcber ihre verhungerten K\u00f6rper traben. Der Kinder Lockrufe \u00fcbert\u00f6nen die wilden Gebete der Halbpriester. Mich beschn\u00fcffelt schon die Plattnase eines Einh\u00f6ckers und dr\u00e4ngt mit seiner Gurgel ungeduldig nach meinem R\u00fccken. Der Derwisch gibt den kleinen Bettlern ein Zeichen, sich zu entfernen. \u00bbHerr, warum verschlie\u00dft du ihnen das Tor zum goldenen Garten? Und wei\u00dft doch, da\u00df ihre V\u00e4ter sich auflehnen wider den Koran. Sollen sie b\u00fc\u00dfen wie Ismael-Hamed der Hirte? Er tr\u00e4gt statt des Lichtes das finstere Bild seines ungl\u00e4ubigen, geschlagenen Vaters in der Brust und sch\u00e4mt sich, mich anzublicken, weil er so arm ist. Und ich vertr\u00e4umte, ein verkl\u00e4rter Grund hinter deiner frommen Sch\u00f6nheit, ihm ein Jenseits zu suchen im Damast des reichen Zuges. Herr, verzeih\u2019 mir den b\u00f6sen Gedanken, ich hoffte, da\u00df einer der Geweihten verl\u00f6re seine Seligkeit vor der d\u00e4mmernden Stufe des Todes!\u00ab Nach der Richtung der zerlumpten Kinder tastet f\u00fcrsorglich der erschrockene Derwisch. Die bauen ihr Leben auf, Kopf auf Kopf, und spielen Pyramide. Ich h\u00e4nge \u00fcber den R\u00fccken des Tieres allem Blute nach, aber die Wimper des Priesters ergreift mich; der Schatten seiner leeren Augenh\u00f6hlen f\u00e4llt \u00fcber die blutende Stadt. In Allah ruht sein fromms\u00fcchtiger Vater, der ihm die runden Lichte ausgestochen hat. Wir waten rot \u00fcber aufspritzendes Grellrot. Wir reiten in einem Gem\u00e4lde. Der Nil ist rot gemalt. Ich zerschlage mir die Stirne an den harten S\u00e4ulen der H\u00e4user, ich bin im Finstern, meine Augen frieren. Ich habe im Grauen seiner heimlichen Gr\u00e4ber mein Jenseits verloren, es fiel in Ismael-Hameds des Hirten Scho\u00df. In der warmen Milch einer Kamelkuh badet er meine erstarrten F\u00fc\u00dfe, aber mein Gesicht legt sich schon im Wind zur Seite. Blumen bl\u00fchen; in Wasserfalten geh\u00fcllt schwemmt der Nil die verwesten Leiber jenseits weilender Seelen ans Ufer. Ich erkenne die drei Beduinen an ihrer Schlankheit und den Edelmohammedaner an seinem G\u00fcrtel wieder. Die armseligen, spielenden Kinder zerstampfte ein tanzender Pferdehuf; es fehlen ihnen die bettelnden H\u00e4ndchen. \u2013 \u00dcber Kairo schwebt der Gebetschein des Korans.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Prinz von Theben<\/strong>, ein Geschichtenbuch von\u00a0Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Paul Cassirer, Berlin\u00a01920<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-81508 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-260x369.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>A<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">b 1910 wendet sich Else Lasker-Sch\u00fcler allm\u00e4hlich von der weiblichen Erz\u00e4hlposition ab und l\u00e4sst Jussuf \u2013 der in etwa als biblischer Joseph genommen werden kann \u2013 zu Wort kommen.Im vorliegenden ziemlich archaischen\u00a0Geschichtenbuch tritt Jussuf, der titelgebende Prinz von Theben, allerdings nur in der Geschichte <\/span><i style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Abigail der Dritte<\/i><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"> auf und stirbt am Ende dieser \u00fcberschaubaren Episode. Folgerichtig ist in den nachstehenden letzten drei Geschichten des Buches h\u00f6chstens von dem toten Prinzen die Rede.<\/span><\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">\n<p>Die erste Geschichte \u2013 <i>Der Scheik<\/i> \u2013 und die letzte \u2013 <i>Der Kreuzfahrer<\/i> \u2013 sprechen unter anderen jeweils die S\u00fchne\u00a0zwischen den Religionen an und machen somit das restliche, zumeist schaurig-schreckliche Geschehen ein klein wenig ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<p><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz Marc und Mareia Die englischen Damen reiten jeden Abend auf ihren Eseln die hei\u00dfe Gr\u00e4berstra\u00dfe entlang, die heiligen Katzen hinter den Gittern der Gr\u00e4ber blicken schon weltlich. Der Derwisch tanzt. 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