{"id":81514,"date":"2022-02-11T00:00:49","date_gmt":"2022-02-10T23:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81514"},"modified":"2022-02-17T20:03:12","modified_gmt":"2022-02-17T19:03:12","slug":"tschandragupta","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/11\/tschandragupta\/","title":{"rendered":"Tschandragupta"},"content":{"rendered":"<p class=\"tre01\" style=\"text-align: right;\">Meinem Sohn Paul<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Tschandragupta ist siebenzig Jahre alt. Am fr\u00fchen Morgen wird ihn sein Sohn erschlagen. So ist es Sitte im Stamm. Und vor ihren Zelten schreien die Weiber und ihre S\u00f6hne klatschen mit ihren H\u00e4nden einen wilden Freudentaumel. Der neue H\u00e4uptling zerbei\u00dft das Genick eines Elefantenkalbes, springt dreimal \u00fcber seinen Stamm, der steht aufgerichtet, ein Haupt, da er tr\u00e4gt seines K\u00f6nigs Dach. Und Tschandragupta, des erschlagenen greisen Tschandraguptas Sohn, liebt des Melechs Tochter. Sie lockt ihn \u00fcbers Meer. Und an einem Gebettag des Jehovavolkes nimmt der junge H\u00e4uptling heimlich sein Weib, bringt es in sein heidnisches Land. Und die Tochter des Melechs schenkt ihm einen Sohn, den nennt Tschandragupta: Tschandragupta und nach seines Weibes Vater, dem Melech. Und Tschandragupta, der Abtr\u00fcnnigen Sohn, hat Sehnsucht nach den Juden. Die Heidenm\u00e4dchen lieben ihn, eine opfert ihm ihr Federkleid. Er fliegt an allen Sternen vorbei zu den Juden. Und die Leute von Jericho glauben, ein Engel sitze vor dem Tor und bringen den Schlafenden auf ihren H\u00e4nden in die Stadt. Gehen in das Haus des obersten Priesters und holen ihn nach dem H\u00fcgel, worauf Jehovas Tempel steht. Denn sie haben den heiligen Fremdling unter der Balsamstaude auf weichem Moos gebettet, und die Tochter des obersten Priesters w\u00e4scht seine F\u00fc\u00dfe mit der Quelle. Da spaltet der Wind des Fremdlings Federkleid, \u2013 er erwacht \u2013 und die Leute sehen, da\u00df er kein Gottgesandter ist und sie h\u00f6hnen ihn. Aber ein Deuter \u00e4ngstigt die Entt\u00e4uschten: Der dort ist Schaitan. Der Oberpriester nimmt den verh\u00f6hnten Gast in sein Haus. Der sehnt sich nach den Juden, beschenkt die M\u00e4nner auf den Pl\u00e4tzen und schlichtet ihren Streit und gewinnt so der Juden Herz. Und den Frauen hilft er die Rosen pfl\u00fccken. Nur Schl\u00f4me, seines gastlichen Hauses Tochter, gewahrt er nie, und doch ist sie die fr\u00fcheste an den Hecken. Und Tschandragupta schnitzt R\u00e4ucherbecken aus Elefantenzahn f\u00fcr den Altar Jehovas. Aber der oberste Priester verschm\u00e4ht sie sanft. Da wird Tschandragupta traurig und mit ihm Schl\u00f4me, des obersten Priesters einziges Kind. Und sie bittet ihren Vater, die fromme Gabe seines Gastes nicht zu verachten; der ehrw\u00fcrdige Knecht Jehovas aber wendet sein Angesicht. Da geht Tschandragupta und f\u00e4llt die St\u00e4mme der schwarzen Rosen, Jehova einen Altar zu bauen, aber der oberste Priester wehrt ihm schmerzlich. Nun weint des H\u00e4uptlings Tschandraguptas Sohn und heimlich in ihren Schleiern Schl\u00f4me, des treuen Knecht Jehovas einzige Tochter. Und sie schilt ihren Vater seines Hochmuts. In der D\u00e4mmerung besteigt sie den H\u00fcgel, auf dem der Tempel Gottes steht, entfaltet ihr Angesicht und l\u00e4\u00dft ihre Haare spielen wie Eva vor dem Sch\u00f6pfer und beginnt ihrem Gotte zu schmeicheln, erinnert ihn an den Schmerz der Liebe, da er noch Zebaoth hie\u00df und das blinde Weib im Paradies ihn hinterging, und ihre Gebete werden Liebkosungen, und so vers\u00fcndigt sich des obersten Priesters einziges Kind. Den H\u00fcgel herab steigt sie, stolpert \u00fcber ihres Hauses Gast, der sitzt unter der Balsamstaude und sehnt sich nach den Juden. Glieder waren aus seiner Glieder Glieder gewachsen, die sich sehns\u00fcchtig verschlungen hielten, wie die vielarmigen G\u00f6tzen seiner Heimat. Seitdem Tschandragupta in der Stadt weilt, bieten alte, fratzenhafte Weibchen in den Winkeln der Stra\u00dfe oder in den Gruben hinter ihren H\u00e4usern heimlich verbotene Spielereien den stillen M\u00e4dchen von Jericho feil. In Urnen halten die Freundinnen Schl\u00f4mes die kleinen Heidenliebesg\u00f6tter gefangen und l\u00e4cheln so eigen im Schlaf mit ihnen. Aber Tschandragupta sinnt, das hartherzige Herz des Priesters zu gewinnen. M\u00fchsam gr\u00e4bt er nach Gold in den W\u00e4ldern der Oase und belegt den H\u00fcgel, auf dem der ersehnte Gottestempel steht, mit seinem Flei\u00df. Pr\u00e4gt ein St\u00fcck Leben seines Nackens nach der edelsten M\u00fcnze des Judenlandes und legt das atmende Gold zu dem verglommenen. Und die Leute der Stadt sehen von ihren D\u00e4chern den strahlenden H\u00fcgel. Eilen in des Oberpriesters Haus: \u00bbDie Sonne ist vom Himmel gefallen!\u00ab Aber der wei\u00df, wer alles die Pracht ges\u00e4et, verbirgt sein Angesicht; denn er hat den Fremdling lieb. Und Schl\u00f4me h\u00e4ngt sich an ihres Vaters Scho\u00df, bittet ihn, den frommen Wunsch des J\u00fcnglings zu erf\u00fcllen. Aber er sendet ungeduldig von den ehrlichen Hirten zwei zu dem H\u00fcgel, da\u00df sie sammeln sollen das Gold in S\u00e4cken und nicht ein St\u00e4ubchen verloren gehe. Ist doch die lebendige M\u00fcnze aus goldenem Fleisch und Blut schon abhanden gekommen. Da pocht der Deuter an das Haus des f\u00fcrsorglichen Priesters, warnt ihn des beleidigten Volkes wegen: Der Enkel des Melechs wird dein einziges Kind t\u00f6ten. Aber der zuversichtliche Priester erinnert ihn an den Morgen, da er den sanften Heiden seines Hauses beschimpfte und die Leute be\u00e4ngstigte. Die sammeln sich auf den Pl\u00e4tzen in murrenden Scharen und ziehen vor ihres Oberpriesters Haus. Die M\u00e4nner rei\u00dfen an seinen starken Wurzeln und die Weiber springen wie Katzen um seine Balken. Und sie fordern von ihm, da\u00df er den friedfertigen Fremdling zu Jehova f\u00fchre. Beschimpfen ihren obersten Priester einen Dieb an Jehovas Gaben. Und Schl\u00f4me steht auf dem Dach, die Stadt sieht zum erstenmal ihr nacktes Angesicht. Wie eine lechzende Flamme seufzt ihre Stimme und sch\u00fcrt das Volk gegen ihren Vater auf. Vor seines ehrw\u00fcrdigen Raumes Pforte lauscht Tschandragupta, seine Augen sind eingesunken und sein Atem hungert. Da kommt \u00fcber ihn das Fieber seines Stammes nach verlorener Schlacht. Mit ge\u00f6ffnetem Rachen irrt der Fremdling an die W\u00e4nde der H\u00e4user vorbei. Die verscheuchten Rosen der Hecken flattern auf, sein Atem peitscht die B\u00e4ume und Str\u00e4ucher um. \u00dcber die tobende Menge setzt er, \u00bbwer wagt Schaitan zu bezwingen!\u00ab Bis zu den Knien waten die bebenden Hirten heimw\u00e4rts ihren L\u00e4mmern voraus, die sind von Menschensaft bespritzt. Um den H\u00fcgel, worauf der Tempel steht, kreist Tschandragupta, ein b\u00f6ser Stern, ihm rinnt das Blut schwarz aus den Poren. Und die Leute gedenken des Deuters und kriechen auf Knieen, auf dem Leibe kriechen sie \u00fcber die D\u00e4cher und dringen so in des Oberpriesters Haus. Fordern sein Opfer, hat er doch soviel Ungl\u00fcck gebracht \u00fcber die bl\u00fchende Stadt. Und Schl\u00f4me salbt ihre Glieder wie zur Hochzeit, sie hatte des Deuters Warnung vernommen. Und sie schwingt sich herab, eine zarte Wolke von der H\u00f6he ihres Hauses und wandelt l\u00e4chelnd immer n\u00e4her dem t\u00f6dlichen Ku\u00df. Es finstern die Sterne wie das Haupt des H\u00e4uptlings; das drohte ihr unz\u00e4hlige Male auf dem Vorhang der heiligen Ger\u00e4tschaften. \u00dcber die Namen der Wildv\u00e4ter, die in heidnischen Zeichen und Bildern gepr\u00e4gt sind in Tschandraguptas Fleisch, flie\u00dft Schl\u00f4mes geweihte S\u00fc\u00dfigkeit, \u00fcber seine goldenen Lenden hinab, wie rosenfarbener Honigseim. Zwischen seinen Z\u00e4hnen tr\u00e4gt er verz\u00fcckt sein letztes Opfer, ihren Leib hin \u00fcber Jericho. Die schmeichelnde Dunkelheit beleckt die Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, die Brunnen bluten nicht mehr. Und aus des Oberpriesters Haus, in den Schleiern Schl\u00f4mes tritt Tschandragupta wie die Frauen der Stadt. O und sein Wesen so liebevoll tastend, wie ein kindtragendes Weib. Zwischen den schaudernden Frauen, hinter den Gittern setzt er sich in den Tempel und seine Gebete t\u00f6nen zwischen seinen Lippen, sanftes Gurren der Taube. Niemand hemmt den Wandel des Melech\u2019s Enkel. Auch im ergrauten Feierkleid der tempelalte Knecht nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Prinz von Theben<\/strong>, ein Geschichtenbuch von\u00a0Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Paul Cassirer, Berlin\u00a01920<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-81508 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-260x369.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>A<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">b 1910 wendet sich Else Lasker-Sch\u00fcler allm\u00e4hlich von der weiblichen Erz\u00e4hlposition ab und l\u00e4sst Jussuf \u2013 der in etwa als biblischer Joseph genommen werden kann \u2013 zu Wort kommen.Im vorliegenden ziemlich archaischen\u00a0Geschichtenbuch tritt Jussuf, der titelgebende Prinz von Theben, allerdings nur in der Geschichte <\/span><i style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Abigail der Dritte<\/i><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"> auf und stirbt am Ende dieser \u00fcberschaubaren Episode. Folgerichtig ist in den nachstehenden letzten drei Geschichten des Buches h\u00f6chstens von dem toten Prinzen die Rede. <\/span>Die erste Geschichte \u2013 <i>Der Scheik<\/i> \u2013 und die letzte \u2013 <i>Der Kreuzfahrer<\/i> \u2013 sprechen unter anderen jeweils die S\u00fchne\u00a0zwischen den Religionen an und machen somit das restliche, zumeist schaurig-schreckliche Geschehen ein klein wenig ertr\u00e4glicher.<\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meinem Sohn Paul Tschandragupta ist siebenzig Jahre alt. Am fr\u00fchen Morgen wird ihn sein Sohn erschlagen. So ist es Sitte im Stamm. Und vor ihren Zelten schreien die Weiber und ihre S\u00f6hne klatschen mit ihren H\u00e4nden einen wilden Freudentaumel. 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