{"id":81507,"date":"2022-01-22T00:01:33","date_gmt":"2022-01-21T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81507"},"modified":"2022-02-17T20:04:48","modified_gmt":"2022-02-17T19:04:48","slug":"der-scheik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/22\/der-scheik\/","title":{"rendered":"Der Scheik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Meiner teuren Mutter<\/span><\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Mein Vater hat mir schon so oft die Geschichte aus dem Leben meines Urgro\u00dfvaters erz\u00e4hlt, ich glaube nun, ich habe sie selbst erlebt &#8230; Nicht einmal der Insektenabwehrer durfte hinter dem gro\u00dfen Strau\u00dfenwedel dem Gespr\u00e4che lauschen, das mein Urgro\u00dfvater, der Scheik, allabendlich f\u00fchrte mit seinem Freund, dem j\u00fcdischen Sultan Mschattre-Zimt. Vom schlichten Dach des j\u00fcdischen Sultans f\u00fchrte eine Wolke her\u00fcber zum gastlichen Dach meines Urgro\u00dfvaters des Scheiks, des obersten Priesters aller Moscheen. Oft verga\u00df der Scheik sein Abendgebet zu sprechen vor Ungeduld nach seinem Freund. Der schritt nicht versp\u00e4tet, nicht verfr\u00fcht \u00fcber die g\u00f6ttliche Br\u00fccke. Sie spielten: Enti. Durch kleine Kan\u00e4le liefen die Kugeln und fielen in die Rinnen des goldenen Spiels; oder gewannen bei geschicktem Wurfe, indem sie vorher Halt machten in dem ersten, zweiten oder dritten Kreis des Bretts. Das Haften der Kugel im dritten Kreis geh\u00f6rte zum Ausnahmegl\u00fcck; wenn es also geschah, wu\u00dfte es der ganze Palast. Die \u00dcberraschung meines Urgro\u00dfvaters machte sich in einem Lachen Luft (namentlich wenn er der Gewinnende war), welches die W\u00e4nde der S\u00e4le unter ihnen ersch\u00fcttern lie\u00df. Um Mondaufstieg brachten zwei Sudanneger den beiden k\u00f6niglichen Freunden Getr\u00e4nke und \u00fcbliches Rauchwerk. Der Scheik rauchte den Opium unverd\u00fcnnt und Mschattre-Zimt r\u00fcgte immer sch\u00e4rfer den Schaden des Giftes auf seines Freundes Leib.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Mschattre-Zimt besa\u00df in seiner Sammlung au\u00dfer den Bl\u00f6cken der Gesetztafel des Sina\u00ef, auch unter andern eines der B\u00fccher Mose, ein medizinisches, naturwissenschaftliches Werk in althebr\u00e4ischer Schrift. Diesem verdankte er seine medizinischen Kenntnisse, mit denen er sich aber nur im \u00e4u\u00dfersten Falle hervortat. Denn der j\u00fcdische Sultan war kein Menschenfreund. Und selbst \u00fcber seinen Freund den Scheik \u00e4u\u00dferte er sich in gleichg\u00fcltigster Weise, was aber nur aus \u00fcbergro\u00dfer Vorsicht geschah.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Mein Urgro\u00dfvater hatte dreiundzwanzig S\u00f6hne, unter ihnen einen Zwilling. Der j\u00fcngste der dreiundzwanzig S\u00f6hne war mein Gro\u00dfvater und hie\u00df: Sch\u00fb. Der setzte sich heimlich vor den Eingang des Daches; er war Geschichtsschreiber und erhielt der Nachwelt in Bildern und Sternen, was die zwei B\u00e4rtigen miteinander sprachen. Ob Allah oder Jehovah der einzige Gott der Erde sei \u2013 wurde zum streitenden Amen ihres Abends. Wie die Kugeln des goldenen Spiels \u00fcberst\u00fcrzten sich schlie\u00dflich ihre Worte und Geb\u00e4rden. Der Scheik verga\u00df sich in seiner W\u00fcrde so weit, da\u00df er die Kr\u00fcge der Getr\u00e4nke wie ein unerzogener Knabe \u00fcber die Zinnen seines Daches warf, bis die Tr\u00e4nen vor Ersch\u00f6pfung aus seinen Augen rannen. Aber Mschattre-Zimt stand aufgerichtet auf meines Gro\u00dfvaters Dach, seine gro\u00dfen, braunen Augen l\u00e4chelten sch\u00fcchtern. Mit einem Schweigen, \u00fcber das mein Urgro\u00dfvater das Ende der Dunkelheit mit K\u00fcmmernissen sann, verlie\u00df der j\u00fcdische Sultan vor Mitternacht das Dach. Und wenn Sch\u00fb am Morgen, von seinem Vater bewogen, den j\u00fcdischen Sultan schon bei der ersten Waschung \u00fcberraschte, kam es nicht selten vor, da\u00df dieser sich verschwor, niemals wieder seinen Vater zu besuchen; heimlich aber dachte er: In ganz Bagdad findet Jehovah keinen j\u00fcdischen Knecht, auf den er mit gr\u00f6\u00dferem Wohlgefallen blicken w\u00fcrde wie auf den mohammedischen Priester aller Moscheen. Denn Mschattre-Zimt bewunderte heimlich den ungez\u00e4hmten Eifer seines Freundes. \u2013 An einem Feiertage der Juden zerri\u00df mein Urgro\u00dfvater, der Scheik, der oberste Priester aller Moscheen, seine Kleider; sch\u00fcttete Asche auf sein gl\u00e4nzendes Haar &#8230; Mschattre-Zimt war am Morgen gestorben. Der Scheik folgte zu Fu\u00df, inmitten seiner dreiundzwanzig S\u00f6hne dem schlichten Sarge seines Freundes, der zur Ruh bestattet wurde nach seines Gesetzes Gerechtigkeit wie der \u00e4rmste der Gemeinde. Der Scheik sprach dreiundzwanzig Gebete und eins, dreiundzwanzig am Grabe des j\u00fcdischen Sultans nach seiner S\u00f6hne Zahl und eins in hebr\u00e4ischer Sprache zu Ehren seines Freundes. Dann wurde er schweigsam und blickte tr\u00fcbe wie der Himmel zur Regenzeit. Und Sch\u00fb, der j\u00fcngste seiner dreiundzwanzig S\u00f6hne, sa\u00df an seines Vaters Seite, vor seiner Lippe, wie vor einem verschlossenen Tor. \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">Es war ein Jahr nach Mschattre-Zimts Tod, als es ganz geheimnisvoll an die Wand des Palastes klopfte. Mein Urgro\u00dfvater sa\u00df an der Tafel, um ihn seine dreiundzwanzig S\u00f6hne, und speiste. Die schwarzen Diener, die gegangen waren, den Gast einzulassen, sahen niemand, der Einla\u00df begehrte; es klopfte unaufh\u00f6rlich \u2013 aber sie brachten denselben Bescheid. Da erhob sich Babel, er war der \u00e4lteste Sohn der Dreiundzwanzig, aber er brachte den sp\u00e4ten Gast nicht, der die Ruhe seines Vaters st\u00f6rte. Und es gingen alle die dreiundzwanzig S\u00f6hne, einer nach dem andern, durchsuchten den Palast, zerst\u00f6rten das dichte Laub der Str\u00e4ucher und lauerten vor der Mauer des Gartens wie Sp\u00fcrhunde. Aber der Scheik, mein Urgro\u00dfvater, legte sein Feierkleid an und er lie\u00df seine F\u00fc\u00dfe mit dem \u00d6le des Tigris betr\u00e4ufeln. Seine S\u00f6hne folgten ihm in die unterirdischen Gew\u00f6lbe der Stadt; aber die K\u00f6nigsmumien schliefen. Und in den Moscheen opferten ahnungslos die Priester und weihten Allah ihre Nacht. Und sie beugten sich vor dem Scheik und k\u00fc\u00dften seine geheiligten F\u00fc\u00dfe. Durch die Stra\u00dfen von Bagdad wehte ein klagender Wind, der kam von der Richtung des j\u00fcdischen Friedhofs her; aber die S\u00f6hne weigerten sich, auf ihres Vaters Wunsch ihm zu folgen. Er zwang sie. Denn der Pf\u00f6rtner des Friedhofs war ein Schl\u00e4fer und die dreiundzwanzig S\u00f6hne meines Urgro\u00dfvaters mu\u00dften eine Leiter bilden von der \u00e4u\u00dferen bis herab zur Erde der inneren Friedhofmauer und \u00fcber die lebendigen Stufen seiner S\u00f6hne: Babel, Mohammed, Ingwer, Bey, Nessel, Hassan, B\u00f4r, Abdul, Hafid, Sch\u00e2l, Neu, Isma\u00ebl Jildiz, Amre, S\u00e4uel, Nachod, Asra, Gyl und Gabel, Abel, Bab, Haman, Sch\u00fb, gelangte der Scheik in den stillen Garten. Mschattre-Zimt war aus seinem Grabe gestiegen, um seine feinblitzende Stirne den Turban Mose \u2013 und die Hand hatte er erhoben wie er sie erhob gl\u00e4ubig zu seinem Gotte, wenn er den Freund vor Mitternacht erz\u00fcrnt zu verlassen pflegte. Seine braunen sch\u00fcchternen Augen waren aus den H\u00f6hlen getreten, verwitterte Kuppeln, rissige Synagogen. Ein Schauer ergriff den Leib des Scheiks. Vers\u00f6hnend legte er den Freund zur\u00fcck in seine Gruft.<\/p>\n<p class=\"norm\" style=\"text-align: justify;\">In dem Tore von Bagdad ruhen eingeschnitten die Bilder meines Urgro\u00dfvaters, des Scheiks, des obersten Priesters aller Moscheen, und seines Freundes, des j\u00fcdischen Sultans Mschattre-Zimt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Prinz von Theben<\/strong>, ein Geschichtenbuch von\u00a0Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00a0Paul Cassirer, Berlin\u00a01920<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-81508 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-211x300.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-260x369.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler-160x227.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prinz_ElseLaskerSchueler.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a><\/span><\/span><\/div>\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">\n<p>Ab 1910 wendet sich Else Lasker-Sch\u00fcler allm\u00e4hlich von der weiblichen Erz\u00e4hlposition ab und l\u00e4sst Jussuf \u2013 der in etwa als biblischer Joseph genommen werden kann \u2013 zu Wort kommen.<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>Im vorliegenden ziemlich archaischen\u00a0Geschichtenbuch tritt Jussuf, der titelgebende Prinz von Theben, allerdings nur in der Geschichte <i>Abigail der Dritte<\/i> auf<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>und stirbt am Ende dieser \u00fcberschaubaren Episode. Folgerichtig ist in den nachstehenden letzten drei Geschichten des Buches h\u00f6chstens von dem toten Prinzen die Rede. Die erste Geschichte \u2013 <i>Der Scheik<\/i> \u2013 und die letzte \u2013 <i>Der Kreuzfahrer<\/i> \u2013 sprechen unter anderen jeweils die S\u00fchne\u00a0zwischen den Religionen an und machen somit das restliche, zumeist schaurig-schreckliche Geschehen ein klein wenig ertr\u00e4glicher.<\/p>\n<p><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meiner teuren Mutter Mein Vater hat mir schon so oft die Geschichte aus dem Leben meines Urgro\u00dfvaters erz\u00e4hlt, ich glaube nun, ich habe sie selbst erlebt &#8230; Nicht einmal der Insektenabwehrer durfte hinter dem gro\u00dfen Strau\u00dfenwedel dem Gespr\u00e4che lauschen, das&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/22\/der-scheik\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":180,"featured_media":98103,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2738],"class_list":["post-81507","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-else-lasker-schueler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/180"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81507"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98107,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81507\/revisions\/98107"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98103"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}