{"id":81501,"date":"2024-02-11T00:01:19","date_gmt":"2024-02-10T23:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81501"},"modified":"2022-06-12T14:54:31","modified_gmt":"2022-06-12T12:54:31","slug":"ich-raeume-auf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/11\/ich-raeume-auf\/","title":{"rendered":"Ich r\u00e4ume auf!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Meine Anklage gegen meine Verleger<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich entschlossen, ohne R\u00fccksicht auf meine noch ungedruckten Manuskripte, aufzur\u00e4umen. Einer von uns Dichtern mu\u00df seinen Ehrgeiz opfern, auf seine Sehnsucht verzichten, den Nachklang seiner Sch\u00f6pfung zu erleben, ihr ins Antlitz zu blicken. Ich bin bereit, und unentwegt gehe ich gegen den verdammungsw\u00fcrdigsten Buchhandel vor. Ich werde die H\u00e4ndler aus ihren Tempeln jagen, die wir Dichter ihnen aufgerichtet haben. Ich streite f\u00fcr mich und f\u00fcr alle Dichter, vor allen Dingen f\u00fcr die Dichtung, die schlie\u00dflich immer von neuem erlischt im geschw\u00e4chten K\u00f6rper. Ich r\u00e4ume auf, mich treibt die Gerechtigkeit, bin heilig zwangserf\u00fcllt und rufe Ihnen, hochzuverehrendes Publikum, ermahnend zu: Wir wollen aufr\u00e4umen! Bis unser Ruf durch den Spalt der Wolken himmelschreiend in die Ewigkeit dringt. R\u00e4umen Sie auf mit mir, h. P., da es sich auch hier handelt um eine Weltordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist der Prinz Jussuf von Theben, die Else Lasker-Sch\u00fcler, die Blume meines Verlags!\u00ab pflegte mich mein Hauptverleger: Paul Cassirer, stolzen Mutes seinen G\u00e4sten vorzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie gr\u00f6\u00dfte Dichterin der Jetztzeit.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich dann seinen Lobgesang, allerdings geschmeichelt, r\u00fcgte, erkl\u00e4rte mir mein Hauptverleger, ich sei nicht allein die gr\u00f6\u00dfte Dichterin der Jetztzeit, sondern die Dichterin aller Zeiten. Verzeihen Sie, h. P., diesen wortgetreuen Bericht, er soll Ihnen ja nur zum Beweis dienen in meiner Anklage, warum mein Hauptverleger, Paul Cassirer, der Herausgeber meiner gesammelten B\u00fccher und der nachfolgenden, also meiner zw\u00f6lf B\u00fccher, sich selbst verurteilt zur ewigen Schmach. Ich r\u00e4ume auf f\u00fcr mich, f\u00fcr die lebenden und toten Dichter. Gehungert haben wir ja alle und es konnte oft durch den Ertrag unserer B\u00fccher vermieden werden. Statt dessen etablierten wir b\u00fccherlustige Herren, die eben aus Laune, wie Albert Flechtheim frech, aber ehrlich hinwarf, den Querschnittverlag er\u00f6ffnete, um ihn dann mal wieder nicht gerade abzugeben, doch in eine Gesellschaft mit h\u00f6chst gerissener Haft umzuwandeln, aus der er nun zwar schon l\u00e4ngst ausgetreten sein will. Er h\u00f6rt n\u00e4mlich nicht gern klagen\u2026 Da\u00df aber die gr\u00f6\u00dfere H\u00e4lfte des Querschnitts ihm zuf\u00e4llt, \u00fcber diese Frage brauchen wir Opfer uns keine grauen Haare wachsen lassen. Sein Vorbild entlastet irgendwie in seiner Schuld gegen mich, den frisch gebackenen zweiten Inhaber und Verleger der Firma Querschnitt: Albert Dreyfu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kolorierte gerade mein Buch: Theben in der Galerie Flechtheim und wurde unfreiwillig Ohrenzeuge der mannigfaltigen Vertrauensbr\u00fcche, die nach kaum vollzogener Verlagsehe sich Alfred Flechtheim gegen seinen Kompagnon Albert Dreyfu\u00df zuschulden kommen lie\u00df. T\u00e4glich versuchte Flechtheim vor mir und den angestellten Damen dem armen Albert Dreyfu\u00df einen Idiotenstempel auf dem allerwertesten Pegasus seiner Dichterstirn zu dr\u00fccken, b\u00fcrdete ihm nach Mutwillen Kosten auf. Ja, Alfred Flechtheim ist und bleibt ein Schalk und er h\u00e4tte sich den Bauch vor Lachen gehalten \u00fcber die Naivit\u00e4t seines Gesch\u00e4ftsteilhabers. Am Ostersonntag trat er in mein l\u00e4utendes Dachzimmer, legte ein Schokoladenosterei in mein Strickk\u00f6rbchen und erkundigte sich dann zart, wieviel elektrisches Licht ich wohl beim Kolorieren in der Galerie Flechtheim verbraucht haben k\u00f6nne? Die Summe erschien ihm doch h\u00f6chst verd\u00e4chtig. Ich verweigerte ihm die Aussage, den ehemaligen Poeten in seinem eintr\u00e4chtlicheren Beruf, nicht kopfscheu zu machen, denn den Verlag Querschnitt avancieren zu lassen, Arm in Arm mit Flechtheim, befriedigte des ahnungslosen Poeten Alberts erwachendes Herz. Hingegen operierte Flechtheim weit verschwenderischer drauf los. Morgens erfrischt vom Sektbade \u00fcbersch\u00e4umt der Rest seines Geldes seine Duzfreunde, die lieben Maler, mit Rutenbegleitung, Tritten und ehrenr\u00fchrigen Beschimpfungen. Es handelt sich allerdings um Summen, die die K\u00fcnstler f\u00fcr ihre Bilder und Skulpturen zu fordern l\u00e4ngst berechtigt sind. Senor Alfredos versteht au\u00dferdem mit einer Fertigkeit zu jonglieren, da\u00df es einem schwindlig vor Augen werden kann. So schlo\u00df er sich im Nu zwei meiner Zeichnungen f\u00fcr die f\u00fcnftausend Mark, die ich ihm schuldete, die dazumal jedes meiner Bilder zu rahmen kostete, einfach in sein Fach. Aber ich verlangte sie baldigst zur\u00fcck, endlich in der Lage, ihm bar meine Schuld abzuzahlen. Meinen Fahnentr\u00e4ger erwarb er sich selbst mit billigster Grandezza. \u00dcberall erobert nun der spanische Rheinl\u00e4nder, Alfred Flechtheim, Salons. Er tut mit seiner spanischen Abkunft und pf\u00e4ndet sich selbst, indem er mit dem spanischen Pflaster sein Furunkel, sein wahres Milieu verklebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir beide sind gleichen Blutes, Prinz von Theben\u00ab, br\u00fcllte er mich bei jeder Begegnung schon von weitem an. Ich sagte ihm einmal:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte es auf eine Blutuntersuchung ankommen lassen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war im Romanischen Caf\u00e9, vor etwa drei Monaten. Ich ahnte schon, da\u00df f\u00fcr mich kein Sonntag mehr kommen w\u00fcrde und \u00e4u\u00dferte es auch einem meiner verehrten Freunde, der mit mir trauernd am Tische sa\u00df. Ich war wieder mit einem Verlag hereingefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz gro\u00dfer ehrenw\u00f6rtlicher Versprechungen und juristischen Schutzes, den man mir, mich vor Flechtheim warnend, dringend empfahl. Diese berechtigte Vorsicht gab Herrn Flechtheim wahrscheinlich Mut zur \u00f6ffentlichen Beschimpfung, die sich sonst zwischen vier W\u00e4nden und den anliegenden viermal acht W\u00e4nden seiner Galerie beschr\u00e4nkte. Jeden Tag, h. P., bewegte mich dieselbe Frage, wie es m\u00f6glich ist zu begreifen, da\u00df eine so gemeine Kreatur von den feinsten Menschenqualit\u00e4ten zu leben berechtigt ist? K\u00f6nnen Sie mir darauf antworten, h. P.? Und verstehen Sie, da\u00df ich endlich aufr\u00e4umen m\u00f6chte? Ich r\u00e4ume auf! Und zwar nicht durch die Blume eines lyrischen Gedichts oder durch das Rauschen des Lindenbaums einer sentimentalen Novelle, oder durch das Guckloch eines Schl\u00fcsselromans. Nein, ich klage die \u2013 Verbrecher \u2013 h\u00e4tte ich beinahe gesagt, ich klage die Verleger an, die die Dichtungen auf den M\u00e4rkten f\u00fcr ihre Taschen ausschreiben. Ich kenne kaum einen Dichter, der nicht mit grenzenloser Mi\u00dfachtung sich \u00fcber seinen Verleger \u00e4u\u00dfert. Aus Idealismus hat wohl selten ein Verleger B\u00fccher gedruckt, da\u00df wohl auch kaum zu verlangen ist. Es kommt uns Dichtern ja auch nur darauf an, mit gewissenhaften und gro\u00dfz\u00fcgigen Verlegern zu tun zu haben. Aber ich m\u00f6chte Ihnen, h. P., weiter erz\u00e4hlen, was sich am Sonntagabend im Romanischen Caf\u00e9 abspielte. Bevor ich mich zu meinem Freunde an den Tisch setzte, begab ich mich in den kleineren Raum des Caf\u00e9s, wo mir von einem stark von K\u00fcnstlern besetzten Tisch der Maler Rudolf Levy zurief:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFrau Lasker-Sch\u00fcler, ich habe mir heute ihr neuestes Buch Theben gekauft und mache Ihnen mein Kompliment.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst, nachdem wir uns begr\u00fc\u00dft hatten, gewahrte ich an dem langen Tisch Herrn Flechtheim, der mich vor versammelter Gesellschaft mit undelikatesten Redensarten schm\u00e4hte. Im Verlagsteil seiner Galerie war ich ja t\u00e4glich Ohrenzeuge gewesen, wenn er sich grinsend nach dem Stuhlgang seiner Angestellten erkundigte. Er r\u00fchmt sich seiner Perfidien, sie seien rheinisch. Ich aber und hoffe auch Sie, h. P., Sie finden es schweinisch. Das sagte ich ihm. Seine Angestellten, unter ihnen seine Nichte, mu\u00dften sich wohl oder \u00fcbel an des Chefs Exzesse gew\u00f6hnen. Ich bekam einmal, ohne wehleidig oder hysterisch zu sein, einen Schreikrampf, wahrscheinlich durch die Folgen aller Ratlosigkeit. Die Prokuristin aber fa\u00dfte den Entschlu\u00df, den Chef Flechtheim nicht mehr ernst zu nehmen und f\u00fcr ihre Untergebenen im Verlag Kapitalien herauszuschlagen, der Hausknecht geh\u00f6rte auch zu ihrem Regimente. Ebenfalls Nichtuntergebene erteilte das ger\u00fcstete Fr\u00e4ulein manchen Trick. Ihr wurde indes ein \u00fcber den andern Tag gek\u00fcndigt, oder von Flechtheim zu Rat gezogen, bis sie die wahre Intrige vom Meister abgekl\u00fcgelt hatte. Und sie inszenierte einen Streik unter den Leuten des Bureaus, sich gut und vor allen Dingen sich unentbehrlich Kind zu machen, der mit dem Ultimatum endete: Arbeitsverweigerung oder ihre Abdankung! Ich warnte das tapfere Fr\u00e4ulein H., wenigstens den Huskneit, den ehemaligen Burschen, nicht gegen seinen Herrn aufzuhetzen, da er den doch im Grunde liebe. Sp\u00e4ter reiste sie, wie man mir erz\u00e4hlte, als Flechtheims Agentin, mit einigen Mustergem\u00e4lden und einem P\u00e4ckchen Querschnittware f\u00fcr Half und Half im Auftrag der Firma in das geheimnisvolle Land China. Ich floh mit meinen bunten Bleistiften, ich die gepeinigte Ohrenzeugin, aus dem entw\u00fcrdigten Hause, da\u00df ich je im Leben betrat. Ich floh heim in meine kleine Kaj\u00fcte, in mein Wolkenmeer und kolorierte dort mein Buch: Theben, fertig. Dieses Luxuswerk sollte mich ja aus allen mi\u00dfliebigen Verh\u00e4ltnissen retten, so beteuerte mir Alfred Flechtheim. Ich arbeitete zweieinhalb Monate allein am Kolorieren der Bilder meines Buches 520 \u00e0 zehn sich wiederholenden Bildern im Glauben an eine bessere Zukunft. Er hatte mir die H\u00e4lfte des Reingewinns von jedem Exemplar versprochen \u2013 netto.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist netto \u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dieser schwierigen Frage brodelte in der Prokuristin ein menschliches R\u00fchrsam und sie fl\u00fcsterte mir darauf leise beim Verabschieden zu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSputen Sie sich, denn wenn ich erst fort bin, werden Sie betrogen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wem sollte ich von dieser Gesellschaft Glauben schenken. Manchmal besuchte mich meine Freundin mit den Worten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNach dem Ehrenopfer sehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am ersten Tage meiner T\u00e4tigkeit, im Querschnitt der Galerie, lie\u00df Flechtheim f\u00fcr mich Schokolade holen, die sich die zur\u00fcckgesetzte Prokuristin beleidigt, aber doch in ihrem Schreibtisch einschlo\u00df. Vielleicht gedachte sie ihres Chefs Untaten den s\u00fc\u00dfen Beigeschmack zu nehmen. Und wie mir auch die Maler in der n\u00e4chsten Umgebung Flechtheims gewogen sein m\u00f6gen \u2013 der Kaffee im Romanischen Hause wird ihnen immer wieder im Halse steckenbleiben und wie Blut tr\u00f6pfeln in ihr Herz, da man ihresgleichen beleidigte. Flechtheims Ausschreitungen entheiligen den K\u00fcnstler, die Kunst, der wir alle angeh\u00f6ren von Anbeginn. Sich vergegenw\u00e4rtigen sollten sich nur die von ihm so oft erniedrigten k\u00fcnstlerischen unter ihnen wertvollen Maler, da\u00df er sie n\u00f6tiger bedarf wie sie ihn, falls es ihnen weiter an tieferen Ehrgef\u00fchlen mangeln sollte. Diesem ehrgeizigen Kunsth\u00e4ndler und Verdiener, der ebensogut in den Gassen mit Pelzen handeln k\u00f6nnte, es ihm nur schneller warm werden w\u00fcrde, der \u00fcber den Rhein nach Berlin an die Spree kam, Cassirer zu \u00fcberbieten, mit Versprechungen und aufdringlichen Schmeicheleien sich zu guter Letzt an eine Dichterin wagte, sie um ihre letzte Hoffnung zu betr\u00fcgen, ihr Schaffen sich aber um die Fratze legte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbRottet ihn aus, sage ich Euch! Ich sage Euch, rottet ihn aus!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrscheinlich aus Furcht vor meiner ihn in Kenntnis gesetzten Brosch\u00fcre ver\u00f6ffentlichte er als literarischen Einfall im Querschnittheft meine Anrede in meinem letzten Schreiben an ihn, allerdings verschwieg er seinen Inhalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeehrter Herr Rattenk\u00f6nig!\u00ab so scheint diese Titulierung ihm Freude zu machen. Solche Kreaturen sind ja nur beim Schwanze zu packen, immer wieder bei dem Ahn, dem Urnagetier. Seine Antwort auf meinen entsetzten, aus meinem d\u00fcrftigen Quartier gerichteten Brief lautete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein verehrter Prinz! Ich k\u00fcsse Euch Euren roten Pantoffel, aber ich habe mit dem Querschnittverlag nichts mehr zu tun, bin immer Eurer Hoheit ergebener Freund Alfred Flechtheim.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Zeit standen meine Luxusb\u00fccher: \u00bbTheben\u00ab, A-Ausgabe, mit hundert Buchmark, B-Ausgabe mit f\u00fcnfzig Buchmark im Buchh\u00e4ndlerheft verzeichnet. Augenblicklich, 7. Oktober 1923, erh\u00f6ht auf hundertf\u00fcnfzig und f\u00fcnfundsiebzig Buchmark. Also wurde schon im August 1923 f\u00fcr mein Buch Theben Milliarden vom Verlag gefordert. Es sind nach den Berichten des Querschnittverlags ein Viertel B\u00fccher verkauft und ich erhielt bis auf den heutigen Tag, 11. April 1924, f\u00fcr meine A- und B-Thebenb\u00fccher ungef\u00e4hr 66 Millionen und 11 Billionen Mark, allerdings werden mir, wie \u00fcblich, meine B\u00fccher angerechnet, die ich mir bestellte; es handelt sich bis jetzt etwa um vier B\u00fccher, von denen ich drei meinen Freunden zum Geschenk machte. Bei der Herausgabe meines Luxuswerkes erhielt ich nach Verlagsordnung einige Freiexemplare, eine A-Ausgabe und drei B-Ausgaben, au\u00dferdem f\u00fcr das 2\u00a0\u00bdmonatige Kolorieren der Bilder und m\u00fchsamen tausenden Namensz\u00fcgen, dank der energischen Forderung des Anwalts, eine Million Mark, und zwar je eine halbe Million Mark halbmonatlich sofort ausgezahlt im Juni 1923. Eine realere Aufkl\u00e4rung wird imstande sein, h. P., der Rechtsanwalt Dr. Fritz Kalischer, mein Bevollm\u00e4chtigter, Ihnen zu geben. Schon subskribiert standen, bevor mit dem Druck des Buches und Lithographieren meiner Bilder begonnen wurde, 31 Namen auf der Liste, die voraussichtlich ihre Bestellung \u00bbauch bei eventueller Preiserh\u00f6hung\u00ab nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen w\u00fcrden. Und ich bitte h\u00f6flich um die Namen derjenigen, die mein Buch Theben erwarben. Denn ich will aufr\u00e4umen f\u00fcr mich und f\u00fcr alle Dichter aller K\u00fcnste. Von einem der Inhaber meines Eigentums Theben bin ich vom ersten Tage des Vertriebs der Herausgabe genau unterrichtet gewesen. Denn er erzielte auf die erste Seite des Buches noch neben den Gedichten und Bildern glorreiche Widmung der Dichterin und Zeichnerin. Alfred Flechtheim. Ich zitterte an Leib und Seele, wie ich an Flechtheims Tisch zur\u00fcckeilend im Romanischen Caf\u00e9 ihm zurief: da\u00df, wenn mein Bruder noch lebte, der gr\u00fcne Husar, seiner Heimat D\u00fcsseldorf sich der Hochachtung der ganzen Schwadron erfreute, ihn f\u00fcr seine schamlosen Redensarten einige Ohrfeigen verabreichen w\u00fcrde. Und wieder wandte ich mich zu der verstummten Tafelrunde, meiner lieben mittellosen Freunde unter den Ostjuden gedenkend, der innigen Dichter, die der gro\u00dfe rheinische Westjude t\u00e4glich als Lumpengesindel ihrer armen Kleidung wegen zu titulieren pflegte. Wenn meine ostj\u00fcdischen Freunde sich auch keineswegs mit dem seidengef\u00fctterten Mantel Flechtheims messen k\u00f6nnen, \u00bbso ist ihr betender Talmudfinger, reiner als ihre unlautere Seele, Herr Flechtheim\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das nahm er ruhigen Gem\u00fctes hin oder er tat nur so. Er ist dumm und gerissen, Dummheit ist aber mit Geld zu st\u00e4rken. Dieser Mann, der mit seiner spanischen Herkunft renommiert, ist weder der muntere Typ des Rheinl\u00e4nders, noch besitzt er vom stolzen Glanz des Spaniers auch nur ein Minimum. Ich darf es aus eigener Erfahrung behaupten und unsere Blutuntersuchung ergab v\u00f6llige Ungleichheiten. Aus Idealismus hat noch nie ein Verleger B\u00fccher gedruckt, die es meines Wissens taten, sind wenige. Es w\u00fcrde auch nie ein Dichter ein solches Opfer verlangen. Es kommt uns ja nur, wie schon gesagt, darauf an, mit gewissenhaften Verlegern zu tun zu haben, mit gro\u00dfz\u00fcgigen, die uns seelisch und k\u00f6rperlich schonen, noch dazu in dieser Zeit. Vor ihr kostete Reichsein alles. Heute kostet Armsein mehr. Ich verlange mein Recht und das Recht f\u00fcr den Dichter aller K\u00fcnste. Keineswegs tut dem Dichter \u00bbbittere Not\u00ab gut; solche Rezepte sind Gesch\u00e4ftskniffe der Herren Verleger, ihr Gewissen, wenn sie so etwas \u00c4hnliches besitzen sollten, leichthin entlastend, vom Publikum allzu voreilig nachgeleiert. Ist es so unumg\u00e4nglich vonn\u00f6ten, zum Kr\u00fcppel geworden zu sein, Tiefstes zu gestalten? Glauben Sie etwa, die Melone gibt, im Keller ohne Licht und Trank gewachsen, s\u00fc\u00dferen Saft? Die Dichtung, im weitestgehenden Sinne arglos, sieht die Welt im Bach, eine Hirtin des Worts, der man nicht mit spitzfindigen Kontrakten kommen soll. Man h\u00fcte sich, im kleinsten Bindewort lauert der Bazill. Der Dichter verurteilt, gleichzeitig erw\u00e4hlt und berechtigt, Trauer und Freude intensiver get\u00f6nter zu empfinden, als der t\u00e4gliche Mensch, bleibt der Leidtragende auf Erden, zumal seine kargen Verh\u00e4ltnisse, seine W\u00fcnsche vergiften. Und ich wiederhole, es ist nicht unumst\u00f6\u00dflich von Nutzen, zum Kr\u00fcppel von den Herren Verlegern geschlagen zu werden, auf unser Schwanenlied lauschend zur endg\u00fcltigen sicheren Aktie ihres Verlags. Dreimal schon bei meiner Ehre gr\u00fcndete ich f\u00fcr Vorkriegsmillion\u00e4re den Verlag, indem ich ihnen meine Dichtungen vertrauend \u00fcberlie\u00df. Meine lieben Dichtungen, so nenne ich sie \u2013 sie blieben wei\u00df und blind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich bin erwacht, ich bin erwacht, h. P., und es ist Zeit aufzur\u00e4umen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben Sie meine Dichtungen gelesen und die meiner verehrten Freunde, mit deren Gedichte meine Verse eintr\u00e4glich spielen? R\u00fccken Sie n\u00e4her zueinander, da\u00df ich mein Herz auf Ihren Scho\u00df legen kann, Sie mir ins Gesicht blicken und mein Mund warm zu Ihnen spricht, zu elterlichen Richtern, die sich emp\u00f6ren \u00fcber das Unrecht, da\u00df man Eurer Dichterin, Euren Dichtern zuf\u00fcgt, deren Gedichte Euch die Welt vervielfachen, Euch entr\u00fccken in eine Paradiesinnerlichkeit, in der man nur durch den Zauber der Dichtung schon im Leben heimzulanden vermag. \u2013 Den drei Vorkriegsmillion\u00e4ren, denen ich sozusagen den Verlag er\u00f6ffnete mit meinem innerlichsten Besitz, ich brachte jedenfalls Zug hinein, hei\u00dfen: Kurt Wolff in M\u00fcnchen, dazumal noch etabliert in Leipzig, Paul Cassirer und zu guter Letzt Alfred Flechtheim, beide zu Berlin. Letztere Herren besitzen eigentlich Bildergalerien und machen Geld im Kunsthandel. So ein Verlag nebenbei, dazu noch von guten Autoren angelegt, kommt den Schlaubergern wohl zustatten. Es ging soweit, da\u00df mir Herr Cassirer Aufgaben mit nach Hause zu geben versuchte, ja in diktatorischem Ton, jedoch meine Klage konsequent \u00fcberh\u00f6rte. Ich war gen\u00f6tigt, mir irgendwie t\u00e4glich Geld zu schaffen, gehetzt durch die Stra\u00dfen zu rennen, schlie\u00dflich \u00fcber die bunten G\u00e4rten meines Herzens hinweg; manch sch\u00f6nes Wort zertrat ich. Ich hatte ja beim Erscheinen meiner gesammelten B\u00fccher und der nachfolgenden zwei mein Geld erhalten und ich konnte noch froh sein, da ich ihm nichts mehr schuldete. Hingegen Alfred Flechtheim, der letzte der spanischen Rheinl\u00e4nder, emp\u00f6rt \u00fcber seines Kollegen H\u00e4rte, versicherte mir, mit einem Rheinl\u00e4nder, wie ich als Rheinl\u00e4nderin aus Erfahrung wissen m\u00fc\u00dfte, sei ein ganz anderes Arbeiten. Er kannte meine Familie im Rheinland und mein Schicksal brach ihm fast das Herz\u2026 Wie \u00fcber so eine Br\u00fccke gegen\u00fcber der Galerie Flechtheim, das L\u00fctzowufer mit der K\u00f6nigin-Augusta-Stra\u00dfe verbindet, holte sich der pfiffige Kaufmann meine Seele, die Fahne meiner Dichtung und hi\u00dfte sie auf sein Dach. Ich hoffe, das diese Br\u00fccke heute abend noch einst\u00fcrze unter ihrer Mitemp\u00f6rung, h. P. \u2013 Wir Dichter, die wir uns t\u00e4glich mit den Unterdr\u00fcckten jeder Klasse auflehnen, sind und bleiben gegen unser eigenes Los engherzig? Und habe doch jeder wahre K\u00fcnstler \u2013 Gewissen. Sonderbar, wir benehmen uns sogar sch\u00e4big zu uns selbst und diese von den Verlegern hochbegr\u00fc\u00dfte Askese imponiert mir nicht mehr! Mein Entschlu\u00df steht unersch\u00fctterlich fest: Aufr\u00e4umen! Hei\u00dft er: Die H\u00e4ndler aus dem Tempel jagen! Denn die Kunst ist uns Dichtern aller K\u00fcnste ein teures Heimathaus. Wir verlangen ja nur das, was zur Erhaltung unseres anvertrauten Schatzes, nennen wir es Begnadigung, notwendig ist. Zumal Reichwerden, wie Beispiel zeigt, allzuoft ein g\u00e4nzliches Verarmen bedeutet. Geld ist der sicherste Pr\u00fcfstein des Menschen, und es doch im h\u00f6heren Sinne nur auf den Gewinn der Seele ankommt, \u00fcber die der Verleger skrupellos spaziert. Ginge auch seine verlustig, um unsere Seele ist es schade. \u2013 Die Arbeiter ziehen in langen Z\u00fcgen durch die Stra\u00dfen, \u00fcber die Pl\u00e4tze, vom Oberhaupt geordnet, weltgeordnet bis vor die Tore der Schornsteine. Ja, nach uns \u00e4ndert sich auch die Erde, der Mond und die Sterne und uns dr\u00e4ngt es, uns nach Gottes Sch\u00f6pfung zu reihen, immer wieder. Die wahrhaftige Fr\u00f6mmigkeit. Was tun wir aber schlie\u00dflich? Wir lassen alles beim alten von damalsher, von heutehin und auch ich komme sp\u00e4t, aber nicht zu sp\u00e4t: Aufzur\u00e4umen! Lang ist es her, als ich auf dem Scho\u00df meiner teuren Mutter sa\u00df, sie mit mir spielte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEinwortsagen!\u00ab Einwortsagen, nannten wir geheimnisvoll ein Spiel, das meine Mutter, eine Weile wenigstens, von meinen Qu\u00e4lereien befreite. Ich langweilte mich n\u00e4mlich immer so\u2026 Meine Mutter rief wichtig \u00bbSchokolade\u00ab und ich erwiderte ein sich darauf reimendes Wort. Meine Mutter: Tinte \u00bbFinte\u00ab (Flinte), \u00bbPaul\u00ab, \u00bbfaul\u00ab! bis mein viel \u00e4lterer Bruder, der mir seiner Herbheit wegen imponierte und ich ihn darum wohl auch \u00bbMann\u00ab nannte, sich einmischte, auf das Wort \u00bbhoch\u00ab, das ungeschickt reimende Wort \u201eKoch\u201c w\u00e4hlte und ich zu ersticken drohte vom dumpfen Schall der Paarung, ja geradezu au\u00dfer mir geriet, vom Knie meiner besorgten Mutter wild auf den Teppich purzelte. Ich z\u00e4hlte zwei Jahre. Im vierten lernte ich zum Zeitvertreib von der Gouvernante schreiben. Jedem Buchstaben malte ich ein Tuch um den Hals, da er fror, es war im Winter. F\u00fcnfj\u00e4hrig dichtete ich meine besten Gedichte; meine Mutter fand immer die bekritzelten Papierflocken, die mir aus meinem Kleidert\u00e4schchen beim Herausholen von Lieblingskn\u00f6pfen meiner Knopfsammlung entkamen. Die rettete mich vor meinen kleinen Selbstmord. Ich hatte mich bis dahin so gelangweilt und ich erinnere mich, als ich entschlossen auf den Turm unseres Hauses kletterte, von dem man \u00fcber die Stadt Elberfeld hinweg noch hinter dem Sauerl\u00e4ndischen Gebirge bei lichtem Wetter den Rhein flie\u00dfen sehen konnte und auf die Menschen herabschrie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch langweile mich so!\u00ab und erst als die vielen vielerlei gro\u00dfen und kleinen blauen, gr\u00fcnen, lila, roten, gelben, wei\u00dfen Kn\u00f6pfe ankamen aus den Knopffabriken meiner Heimat, mit der mich meine teure Mutter \u00fcberraschte, die meine teure Mutter f\u00fcr mich zum Spielen bestellt hatte, milderte sich betr\u00e4chtlich mein \u00dcbel. Ich legte Knopf an Knopf, je vier oder f\u00fcnf, ebenm\u00e4\u00dfige Reihen in Zwischenr\u00e4umen auf den gro\u00dfen Tisch und f\u00fchrte dann mein klein Fingerchen \u00fcber die Knopfreihen der abgeteilten Knopfstrophen. Wenn ich dann durch die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit der Knopfgr\u00f6\u00dfen mit der Fingerspitze stolperte oder gar mit dem ganzen Finger abglitt, schrie ich laut auf, genau wie ich mich heute k\u00f6rperlich verletzt f\u00fchle, durch einen Vokal oder Konsonanten, der St\u00f6rungen im Ma\u00df oder Geh\u00f6r undefiniert verursacht. Aber einer der herrlichsten Kn\u00f6pfe durfte \u00fcberall liegen, wo er wollte; er war aus Jett, bes\u00e4et mit goldenen Sternlein und ich staunte ihn an. Er war das Himmelreich meiner Kn\u00f6pfe und hie\u00df: Josef von \u00c4gypten. So oft neckt man mich mit einem Ausdruck, der sich immer wiederhole in meinen Gedichten. Es ist wahrscheinlich der sternbes\u00e4ete Knopf. \u2013 Vom Wunsch beseelt, mehr von meiner Kindheit, von meiner unvergleichlichen Mutter zu h\u00f6ren, gew\u00e4hre ich mir heute nicht; n\u00fcchtere Dinge und Undinge dr\u00e4ngen mich, Ihnen, h. P., zu unterbreiten, die ich mir ferner mit meiner Seele zu verh\u00e4ngen als Fahrl\u00e4ssigkeit anrechne. Ich r\u00e4ume auf, f\u00fcr mich, f\u00fcr meine dichtenden Freunde, f\u00fcr die lebenden und toten Dichter, zun\u00e4chst im Interesse der Dichtung. Die Gedichte meines ersten Buches: Styx, das im Verlag Axel Juncker erschien, dichtete ich zwischen 15 und 17 Jahren. Ich hatte damals meine Ursprache wiedergefunden, noch aus der Zeit Sauls, des K\u00f6niglichen Wildjuden herstammend. Ich verstehe sie heute noch zu sprechen, die Sprache, die ich wahrscheinlich im Traume einatmete. Sie d\u00fcrfte Sie interessieren zu h\u00f6ren. Mein Gedicht Weltflucht dichtete ich u. a. in diesem mystischen Asiatisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">Weltflucht:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ich will in das Grenzenlose<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Zu mir zur\u00fcck,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Schon bl\u00fcht die Herbstzeitlose \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Vielleicht ist es zu sp\u00e4t \u2013 zur\u00fcck<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ob ich sterbe zwischen euch<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Die ihr mich erstickt mit euch.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">F\u00e4den m\u00f6chte ich um mich ziehen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wirrwarr endend,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Verwirrend,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Zu entfliehen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Meinw\u00e4rts.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Elbanaff:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Min salihihi wali kinahu<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Rahi hatiman<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">fi is bahi lahu fassun \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Min hagas assama anadir,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wakan liachad abtal,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Latina almu lij\u00e1dina binassre.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wa min tab ihi<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Anahu jatelahu<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wanu bilahum.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Assama ja saruh<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">fi es supi bila uni<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">El fidda alba hire<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Wa wisuri \u2013 elbanaff!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">O ja, das erste Buch Gedichte aus jungem Fleisch und Blut und Seele, ein arglos wundersch\u00f6nes Gesch\u00f6pf unter dem Stern verk\u00fcndet. Man hebt es aus der Krippe des heiligen Stalls, darin auch der Dichter zu wohnen pflegt, nimmt es behutsam in den Arm und f\u00fchrt sein erstes Buch, in Wei\u00df gebunden, spazieren. So tat ich das wenigstens, liebes h. P., und wenn ich auch gerade nicht mit dem Kleinod aus einem Stall trat, so war\u2019s aus einem Verlie\u00df meiner Verhei\u00dfung. Hinter Holzgittern wohnte ich zur Zeit des ersten Buches in einem ehemaligen Flaschenraum, in einem der K\u00e4fige des Kellers, den der Portier mir geheimnisvoll, aber gro\u00dfz\u00fcgig f\u00fcr f\u00fcnfundsiebzig Pfennige monatlich auf seine Rechnung und Gefahr vermietet hatte. Und als ich gelegentlich in einem Kreise meinen Traum erz\u00e4hlte, der mich oftmals in der Nacht beschlich, sorgten die betroffenden Anwesenden f\u00fcr ein wirkliches Zimmer. Ich tr\u00e4umte, ich sei Gem\u00fcse \u2013 kam eine Ratte, eine gro\u00dfe schwarze Ratte, beknabberte mich. Meine ernsteste Narbe, h. P. Und ich behaupte, die ich von Kind auf, zur Hellseherei neige, da\u00df diese Gabe eine normale ist, die nur im Laufe der Jahrtausende eingegangen, wie die Sinne einst ganz erl\u00f6schen und von minderwertigen, geht es so weiter in der Welt, ersetzt werden. \u2013 Der Verleger Axel Juncker, in Kenntnis von meinem Manuskript, dessen Gedichte ich mit Erfolg im Verein der Kommenden vorzutragen Gelegenheit hatte; auch einige Zeitschriften interessieren sich f\u00fcr meine Produktionen und nun zu guter Letzt ein mutiger Verleger, der mich bat, mein Manuskript zur Durchsicht f\u00fcr den eventuellen Druck ihm anvertrauen zu wollen. Axel Juncker, ein D\u00e4ne, sprach gutes verst\u00e4ndliches Deutsch, als ich ihm meine Gedichte herzklopfend zur Pr\u00fcfung \u00fcbergab. Auf der ersten Seite stand in gro\u00dfen Buchstaben der Name meines Buches: Styx: \u2013 Schon nach einigen Tagen traf der \u00fcbliche erste Brief des ersten Verlegers ein, der ungef\u00e4hr so lautete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHochverehrte Dichterin. Es gereicht meinem Verlage zur gro\u00dfen Ehre, Ihre sch\u00f6nen Gedichte zur Durchsicht empfangen zu haben. Dieselben sind so interessant wie originell und aus diesem Grunde eben \u2013 Kaviar f\u00fcr\u2019s Volk. Was f\u00fcr ihren Wert zeugt, aber ein Risiko f\u00fcr den Verlag bedeutet. Ich will es dennoch versuchen. Sprechen Sie einmal bei Gelegenheit vor, wenn Sie an meine Buchhandlung vorbeikommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit hochachtungsvollem Gru\u00dfe<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Axel Juncker.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Der lie\u00df sich Zeit! \u2013 Mir im Fl\u00fcgelkleide machte das Sorge. Ich hatte selbstverst\u00e4ndlich keine Zeit mehr. Eilte am folgenden Tage schon zu dem phlegmatischen Verleger hin, der mich aber prompt hinter dem Glas seiner Ladent\u00fcre erwartete. Und er hatte sich nicht get\u00e4uscht. Damals noch verkaufte er B\u00fccher in der Potsdamer Stra\u00dfe, die er sp\u00e4ter in ein Knusperhaus, in den buntgef\u00e4rbten Buchladen am Kurf\u00fcrstendamm von Franzkowiak transportieren lie\u00df. Dieser Hex Axel! Zwei Kontrakte wurden mir Gl\u00fcckskind zur Unterschrift unterbreitet, die ich gef\u00e4lligst unterschrieb: Else Lasker-Sch\u00fcler. Ein starker Name, der zum ersten Male f\u00fcr mich zeugte. Wir beide, heute, unzertrennbar vereint, ein Verh\u00e4ngnis! Andere Dichter steuerten zu den Druckkosten ihres ersten Buches bei und mir wurde es erlassen. Mein zweites Buch war mein Peter-Hille-Buch. Vor seinem Tode w\u00fcnschte der Prophet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbTino\u00ab, so nannte er mich, sollte es dichten. Diesen, f\u00fcr mich ehrenvollen Wunsch erf\u00fcllte ich mit lauterem Stolz und heller Freudigkeit. Wandelte mit dem heiligen Manuskript, mit meiner blauen Bibel zwischen meinen H\u00e4nden \u2013 wohin auch \u2013 immer zum Altar. Diese Bibel mit der Erde zu verewigen, die den gro\u00dfen dichtenden Heiligen bewahrt, erschien mir als w\u00fcrdiges Amen unserer Wanderung. Aber die gemeinschaftlichen Spielgef\u00e4hrten erinnerten mich daran, da\u00df alle Menschen von des dichtenden Propheten Erdenzeit berechtigt seien, zu erfahren und sein Leben, von mir geschildert, erwarteten. Der Verleger erwartete allerdings mich vor allem, den Kontrakt in der Hand, f\u00fcr den ich ihm ein Seelenheil \u00fcberreichte, f\u00fcr 50 Mark, h. P., f\u00fcr 50 Mark \u2013 wie paradox. Trotz meines zerrissenen Kittels in der Fr\u00fchjahrssonne, deren schmeichelnde Hand Axel Juncker bewog, statt mich mit f\u00fcnfzig mit hundert Mark abzufertigen. Ich habe also gewisserma\u00dfen notgedrungen f\u00fcr hundert Mark meinen ehrfurchtsvollen Freund, den unantastbaren Propheten und Dichter St. Peter Hille verkauft und h\u00e4tte doch nicht ein K\u00f6nigreich f\u00fcr das jahrelange Mythenleben an seiner himmelreichen Seite wandelnd, eingetauscht. Vier bis sechs Peter-Hille-B\u00fccher lagen hinter Schaufenstern nebeneinander in etlichen Buchhandlungen Berlins ausgelegt. Auf jeden Betrachtenden und Vor\u00fcbereilenden blickte von seinem Bucheinband das eine Auge des Peter-Hille-Wotankopfes, den einst der Maler Stassen von ihm vorahnend gemalt hatte. Denn wirklich war nach dem Ableben des gewaltigen Menschen das eine der im Leben schon verkl\u00e4rten Augen nach dem Willen des H\u00f6chsten ausgeflossen zur\u00fcck in die Weltlichkeit. Ganz Westfalen, wo ich damals den horchenden Leuten von ihm aus meinem Peter-Hille-Buch erz\u00e4hlte, besa\u00dfen es. In einem der Ruinenschl\u00f6sser der F\u00fcrsten Salm-Salm im Heimatschlo\u00df des Dichters, zeigte mir der Bibliothekar dankbar, mein schlichtes frohes Buch in Brokat gekleidet. Peter Hille war der Sohn des F\u00fcrsten Salm und seiner Mutter einer Glockenblume gewesen. \u2013 Mein drittes Buch: Die N\u00e4chte der Tino von Bagdad, fiel wiederum Juncker zum Opfer. Aber die sehr anregenden orientalischen Erz\u00e4hlungen w\u00fcrden die ersten zwei B\u00fccher, die nicht allzu gut gingen, betonte A. J., mit sich ziehen. Honorieren k\u00f6nne er mir dieses Buch nicht, da sein Verlag noch r\u00fcckst\u00e4ndig stehe mit den ersten zweien. Er habe eben die Werke einer Dichterin und nicht die B\u00fccher einer Journalistin gedruckt. Die Folgen seien uns gemeinschaftlich beschieden zu tragen. Ich ahnte ja damals nicht, da\u00df ich keinen Einwandfreien mit der Herausgabe der ersten drei B\u00fccher betraut hatte und so wurde nun im Buche Tinos t\u00fcchtig eingeheizt, Dampf entwickelt, die vorangegangenen B\u00fccher \u00fcber den B\u00fcchermarkt zu ziehen. Ich fragte mich zum erstenmal, ob es nicht noch Verleger g\u00e4be au\u00dfer Juncker. Gelesen wenig im Leben, h\u00f6chstens Tiergeschichten aus meiner Mutter Bibliothek, was mir gen\u00fcgte, blieb ich verschont vom Drum und Dran. L\u00e4cheln Sie ungl\u00e4ubig, h. P.?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichtlesen war immer mein Manko. Heute noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Desto hingebender berauschten mich meiner Mutter Erz\u00e4hlungen, ihre Napoleonschw\u00e4rmerei, der mit dem Schwerte den V\u00f6lkern eine Weltgeschichte schrieb. Er war ihre gro\u00dfe Liebe gewesen. Auch lauschte ich auf ihre Ehrfurcht zu Goethe und weinte, wenn sie mir von dem Hungertode Heinrich Heines erz\u00e4hlte. Sie war\u2019s, die den Keim vertrauend in mein st\u00fcrmisches Kinderherz pflanzte, aufzur\u00e4umen! \u2013 F\u00fcr meine drei B\u00fccher, f\u00fcr den Styx, f\u00fcr das Peter-Hille-Buch, f\u00fcr die N\u00e4chte der Tino von Bagdad erhielt ich im ganzen? Raten Sie, h. P.? 100 Mark, d. h. f\u00fcr zwei der drei B\u00fccher habe ich nie einen Pfennig von Juncker empfangen. Er weigerte sich sogar, mir von meinen eigenen B\u00fcchern auch nur eins umsonst zu geben, selbst wenn es zur Besprechung von mir, der Dichterin, verlangt wurde. Pl\u00f6tzlich verstand er kein Deutsch mehr. Ich hatte ja die paar Freiexemplare erhalten und damit basta! Ich begann meine B\u00fccher schlie\u00dflich ab und zu, nicht imstande sie zu kaufen, vom Ladentisch zu rauben. Jedesmal hetzte der schnaubende Axel von der Achse seines Ladenkarrens den jungen Verk\u00e4ufer auf die R\u00e4uberin, die im k\u00fchnen Satz auf eine Elektrische sprang und die Zunge lang dem verdutzten Lehrling nachstreckte. \u2013 In einer Augustnacht schrieb ich mein Schauspiel die Wupper. In einer Nacht. Allerlei gute Geister, M\u00fccken, Nachtfalter und auch Leuchtk\u00e4ferchen setzten sich auf meine dichtende Hand und gemeinsam mit dem Finger des morgenr\u00f6tlichen Lichtstrahls durchbl\u00e4tterte ich die vielen beschriebenen Seiten. Bange Jahre gegoren, flo\u00df die Wupper durch das Gew\u00f6lbe meines Herzens aus dunkler Erinnerung gepre\u00dft, eine alte schwere Schauspielauslese, eine b\u00f6se Arbeiterm\u00e4r, die sich nie begeben hatte, aber deren Wirklichkeit phantastisch ergreift. Erich \u00d6sterheld, der Leiter des Verlags \u00d6sterheld, bat mich, meine Wupper verlegen und vertreiben zu d\u00fcrfen. Ich ehrte seine Verbl\u00fcffung, mich selbst nicht honorieren zu k\u00f6nnen, nicht dazu imstande zu sein. Nicht ihm geh\u00f6re der Verlag \u00d6sterheld, sondern Herrn Cohn. Das stimmte. Der Inhaber des Verlags \u00d6sterheld war der kleine Cohn, und ich habe ihn gesehen. Mit allergr\u00f6\u00dftem Interesse setzte sich mein verstorbener Freund, Erich \u00d6sterheld, f\u00fcr die Auff\u00fchrung meiner Wupper ein, aber ihr Bett w\u00e4re dennoch eingetrocknet, wenn nicht einer der Dramaturgen des Deutschen Theaters, Heinz Herald, die Auff\u00fchrung meines Schauspiels durchgesetzt h\u00e4tte. Ich kam zu den letzten Proben angereist vom Lago Maggiore auf dringende Depesche, die mich aus reicher Landschaft in das gesteinige Milieu meiner Arbeiterwelt abf\u00fchrte. Cohns Sparsamkeit erkl\u00e4rte sich in der Migr\u00e4ne seiner Milz, die koste ihn Unsummen. W\u00e4re dieser Cohn in seines gutm\u00fctigen, verachtenden Onkels Alth\u00e4ndlerladen in der Leibnizstra\u00dfe in die Lehre gegangen, vielleicht h\u00e4tte er dort zwischen Schr\u00e4nken und Gef\u00e4\u00dfen, Kanapee und Sessel, \u00d6lbildern, vermoderten Kleidern, alten Schm\u00f6kern von Geschichtsb\u00fcchern, Geschirren, wo in einer Urgro\u00dfmuttersilberhochzeitstasse ein Herz gefunden. Weil mich gerade als J\u00fcdin die kleinste unfaire Handlung des j\u00fcdischen Verlegers schwerer (ja schmerzlich) ber\u00fchrt, als der etwaige Diebstahl eines Christen, der B\u00fccher verlegt, eines Kunsth\u00e4ndlers, der B\u00fccher verkauft, betone ich die Leute meines Glaubens. Ich sehne mich nicht danach, mit dieser Gesellschaft identifiziert zu werden. Propheten und die gro\u00dfen K\u00f6nige trennen den tief erleuchteten Juden von dem lauen; den klugen, von dem schlauen. Aber wer Augen hat zu sehen und Ohren zu h\u00f6ren, wei\u00df, da\u00df sich in Verlagsgesch\u00e4ften Jude und Christ teilen in gleichen Ziffern. So ist es, und ich werde aufr\u00e4umen und mich nicht irreleiten lassen, vom Bedenken etwaiger antisemitischer Folgen, ins Boxhorn treiben lassen, es verstopfen f\u00fcr alle Zeiten. Wer w\u00fcrde sich nach mir entschlie\u00dfen, wieder hineinzublasen: Brand! L\u00fcften nicht schon nach erster Vorlesung eines Teiles meiner Brosch\u00fcre einige von meinen Kollegen vor mir heimlich nur noch ihren Hut \u2013 aber sie l\u00fcften. Unaufgefordert habe ich mich ja zu ihrem Rechtsanwalt erhoben, f\u00fchre unsere gemeinschaftliche Klage, die bis jetzt nur im \u00e4u\u00dfersten Falle unter Ausschlie\u00dfung des Publikums zugunsten der Angeklagten vorsichtig vorgebracht wurde von uns allen. Unsere k\u00f6nigliche Kunst machte Kreatur zu ihrem Tyrann. Meine Klage ist nicht j\u00fcdisch, noch christlich, meine Klage ist weder beschnitten noch getauft, meine Klage ist ein Chor vieler, vieler, vieler Dichterseufzer, sie m\u00f6gen Ihnen, h. P., die ich im Begriff bin, h. P., Ihnen zu einem traurigen Volksliede zu binden, im Ged\u00e4chtnis haften bleiben. Denken Sie an die unsagbaren lieben Volkslieder und ihre Dichter und Tondichter, die in Dachstuben verendeten. Wo wollen wir unser Haupt hinlegen, unsere Sch\u00f6pfungen einpflanzen \u2013 es macht den Eindruck, als ob sich erst nach dem Weltuntergang sich irgendwo f\u00fcr uns ein richtiger geretteter Boden findet. Was g\u00e4be mir selbst Jerusalem, feilb\u00f6te man die Wunder meiner Schw\u00e4rmerei wie Ware, schachernd auf den M\u00e4rkten. Was haben wir Dichter mit H\u00e4ndlern zu tun, fabrizieren wir etwa Gedichte oder Bilder, Skulpturen und Melodien?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So piet\u00e4tlos der Gedanke auch sein mag, \u2013 ob Gott nicht selbst jung und ungeduldig seine Sch\u00f6pfung: Die Welt, dem Satan zu verlegen gab, der nun seinen Nutzen herauszieht? In h\u00f6llischen Farben gebunden und eitel goldenen Lettern liegt das Buch des Ewigen auf dem Tisch der Ewigkeit, \u00fcber das er seine Allmacht verlor?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn Zank und Hader enthalten sicher nicht die Zeilen Gottes, das Innere des Buches der Welt. In ihm halten sich umschlungen Stein und Gebein, Wasser und Grund, die kleine Muschel am Strand dr\u00f6hnt noch das Nachtgebet seines Meeres. Sind unsere Verleger nicht Knechte des Satans, Teufel, die uns im Leben schon das Fegefeuer unter den F\u00fc\u00dfen anz\u00fcnden? Gleicht die Not des Dichters nicht der katastrophalen Piece des Zirkus, die mich schon als Kind ersch\u00fctterte. Wer h\u00e4tte nicht mit dem silberwei\u00dfen Schimmel gebebt, der sich allabendlich der unentrinnbaren Umarmung der Kobra aussetzen mu\u00dfte. Ihr gleicht die feuchte erwachende Morgenstunde, die herannahende Not, der schleichenden M\u00e4rchennot des Dichters, die sein reicher Verleger so oft in einem sorglosen Abend zu verwandeln vermag. Sind wir K\u00fcnstler nicht erhabene Gottsucher, ehrfurchtsvoll nach unserm unerreichbaren Ebenbild. Warum m\u00fcssen wir gerade die schweren Steine aufheben, unsern zum Himmel strebenden Weg zu ebnen? Denn \u00fcberwinden wir K\u00fcnstler nicht alle das Schlechte doch einmal in uns und kehren heim? Wer unter uns h\u00e4tte nicht schon tief die Einsamkeit stark erlebt im gedr\u00e4ngten sich am\u00fcsierenden Menschenkn\u00e4uel l\u00fcsterner Feste. Gott der Geborene, Satan, der Entstandene zwischen Mensch und Mensch. Das himmlische Gewitter, bevollm\u00e4chtigt vom Herrn, verstummt ersch\u00f6pft vor der lauen, fahlen Spitzfindigkeit des Satans. Beharrlich weigert der sich, die Welt dem Alldichter, den allm\u00e4chtigen Vers, zur\u00fcckzugeben. In ihm schmachtet gefangen die Kraft der Liebe wie in unsern Gedichten, die dem Verleger zur Ernte dienen. Buchen Sie es f\u00fcrder im Kalender der Dichtung: Auf tausend und einen Dichter f\u00e4llt je ein ebenb\u00fcrtiger Verleger. Es handelt sich also um eine tiefreligi\u00f6se Frage mit dem Dichter und seinem Verleger; wir ahnen das, da wir \u00fcber alle Dinge schweben. Der Verleger aber ist phantasieloser, beharrt auf seinen Standpunkt, der unumschr\u00e4nkte Bescheidwisser und Engelmacher. Ich vernahm einmal ein Gespr\u00e4ch zweier Verleger, das mit der Bemerkung endete:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSonderbare Heilige g\u00e4be es zwischen uns.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser sonderbare Heilige war ein gro\u00dfer Dichter, der den Entschlu\u00df fa\u00dfte, ihn nur leider vor\u00fcbergehend ausf\u00fchren konnte, seine B\u00fccher selbst zu verlegen: Gerhard Hauptmann. Es scheiterte an seiner minimalen Routine; wo sollte er die auch herhaben? Sein S. Fischer kennt die Stellen in den S\u00fcmpfen des Verlags weit besser als er. Und ich m\u00f6chte nur noch bescheiden bemerken, da\u00df es darauf ankommt, zu erwachen, um vorerst mal aufzur\u00e4umen. Es t\u00e4te uns K\u00fcnstlern, also allen Dichtern gut, recht tief Atem zu holen. Parole: Mit dem Kopf durch die Wand! Wir k\u00f6nnen mit dem Kopf durch die Wand. Organisieren wir uns doch wie die Arbeiter, machen wir unsere Kunst staatlich. Unser blauer Tempel geh\u00f6rt nicht einem Geldmenschen, er geh\u00f6rt der Menschheit. Werden wir des Staates: Athener! Allerlei Literaturen traten hinter der B\u00fchne der Revolution als geistige Arbeiter auf, trugen ein rotes B\u00e4ndchen als Blutabzeichen im Knopfloch. Sie bl\u00e4hten geistig ihren Mund auf, versalzten die siedende Br\u00fche im eisernen schlichten Topf zum \u00c4rgernis der m\u00fcden, verarbeiteten k\u00f6rperlichen Arbeiter, die auch ohne geistiges Gew\u00fcrz der schwirrenden Geister \u00fcber der harten spartanischen Suppe zum Resultat gekommen w\u00e4ren. Die K\u00fcnstler, die ihren Leib der Gerechtigkeit zur Verf\u00fcgung stellten, sind zu z\u00e4hlen. Bewegt beuge ich meine Knie vor meinen dichtenden, schlichten M\u00e4rtyrerfreunden Apostata. Zwei von ihnen, Gustav Landauer, der Jakobus, und Levin\u00e9, der erzengelhafte, fielen ihrer Erl\u00f6sungsballade zum Opfer. Dem ersten ri\u00df man den gewaltigen roten Pocher aus der Brust, dem zweiten durchbohrte man im Gef\u00e4ngnishof der Schl\u00e4fe g\u00fctigen Stern. Und noch zwei Dichter schmachten schon jahrelang. Warum eigentlich? Und warum befreit sie niemand \u2013 aus der Festung Bayerns? Erich M\u00fchsam und der Toller. Diese vier Menschen der Liebe, die alle \u00e4u\u00dfere Pracht verschm\u00e4hten und den N\u00e4chsten liebten, wie sich selbst, ja \u00fcber sich hinaus, unsere K\u00f6nige. Wie sie auch kritisiert werden m\u00f6gen, ihr ehrlicher blutiger Vers bleibt ewiglich zu respektieren. Er wurde ihr Todesspruch. Der Dichter vermag eher eine Welt als einen Staat aufzubauen. Wir Dichter aller K\u00fcnste wollen uns zusammenschlie\u00dfen, da\u00df wir stark werden. Wir wollen vor die Tore unserer Ausbeuter ziehen. Bin ich auch \u00fcberzeugt und mir ganz klar, da\u00df ein ganzes Heer von uns, und wenn jeder einzelne in tausend Zungen redete, nicht einen Verleger \u00fcberw\u00e4ltigt. Ja nicht einmal unsere Klage Eindruck auf ihn macht. Aber wir sind doch in der Lage, ihn abzuschaffen, dem Teufel den R\u00fccken zu drehen. Der Heilige, der den Satan \u00fcberw\u00e4ltigt, befreit in sich jedesmal Gottes Sch\u00f6pfungswerk, die Atemfreiheit, worauf es ankommt. Ich werde religi\u00f6s, ich will mich nicht gehen lassen, aber hingeben meiner Sache, unserer Sache. Ich trage eine gro\u00dfe Last, h. P., indem ich mir diese Klage von Stadt zu Stadt aufb\u00fcrde, ein Tausendherz flammt in meinen Armen, aus ihm schreien viele, viele, viele viele lebende Dichter und hauchen aus ihre letzte Not, alle toten Dichter. \u2013 Die Frage, wie ich mir eine \u00c4nderung in den Verl\u00e4gen und Kunsts\u00e4len vorstelle, m\u00f6chte ich dem Staate zu regeln \u00fcberlassen, ordnet er doch die Sch\u00f6nheit der Anlagen seiner St\u00e4dte, warum nimmt er sich nicht schon l\u00e4ngst der Kunst an, die ihre Einwohner schm\u00fcckt. Ich stehe hier, Euch meine Br\u00fcder, die Dichter aller K\u00fcnste, und Sie, h. P., zu erwecken, zu sammeln. Den Plan der \u00c4nderung \u00fcberlasse ich einem organisatorischen kunstliebenden Menschen im Staate, der uns einen Boden zu legen versteht, \u00fcber den wir ferner vorurteilsfrei und heiter schreiten k\u00f6nnen, zu k\u00f6nnen verm\u00f6gen. Mir indes fiel nur diese Klage in den Scho\u00df von Jahrenhoch, die zum Himmel schrien, und ich glaube an ihre Wahrhaftigkeit und wir wollen alle, h. P., an ihre Wahrhaftigkeit glauben. Ich will aufr\u00e4umen auf dem blaugedeckten Altar der Dichtung; wenn die nicht w\u00e4re, g\u00e4be es kein Entr\u00fccken, keine Auferstehung. \u2013 Sich unsichtbar zu erhalten, ben\u00f6tigt der Dichter seinen Versteck, wir w\u00e4ren sonst \u2013 sicher sogar \u2013 eher vergriffen wie unser Buch, wie unser Bild, wie unser Lied. Instinktiv bewahrt der wahre Leser zwischen sich und dem Dichter seine sehns\u00fcchtige Perspektive. Sonst wird\u2019s meist Kitsch f\u00fcr beide. Ich weigerte mich fast immer entschieden Einladungen zu akzeptieren mit dem Programm:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbZum Butterbrot und einer Tasse Tee.\u00ab Oder \u00bbwir machen keine weiteren Umst\u00e4nde\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich liebe sogar hochzeitliche Umst\u00e4nde, dem Dichter, sollte man hochzeitlich decken, da man sich doch mit seinem Wort zu verm\u00e4hlen gedenkt. Sieg brachten meine hebr\u00e4ischen Balladen meinem Judenvolke in Schl\u00f6ssern und H\u00fctten, und die Faust fing ich auf, ein abtr\u00fcnnig Wort, das meinen armen Judenbruder verletzen sollte. In den Gassen sind die Minderwertigen nicht zu suchen, ihre Kunst ist gottgebenedeiter wie der witzelnde Humor des j\u00fcdischen literarischen Kommis, der beileibe nicht Gottes Himmelsohr erreicht. Zum Widerwillen waren mir immer die Witze, ob sie aus Judenmunde oder \u00fcber christlicher Zunge kichernd schl\u00fcpften. Wie eintr\u00e4glich w\u00e4re es, wenn Seele und K\u00f6rper gleichwertig reich geschm\u00fcckt durch dieses Leben wandeln w\u00fcrden, zumal der K\u00fcnstler Geschmack besitzt. In Elberfeld im Wuppertal, in der meine teuren Eltern so viel Gutes taten, besuche ich alle Jahre die heimatlichen Gr\u00e4ber und wandle durch die G\u00e4nge unsers morschen Hauses. Mich besternend betrachtete ich als Kind so gerne das ehrfurchtsvolle k\u00fcnstlerische Priesterantlitz meines Urgro\u00dfvaters, der Oberrabbuni vom Rheinland und Westfalen in religi\u00f6sem und politischem Heile seiner Gemeinde Oberhaupt, so weihevolle Jahre Frieden brachte. Die Legende erz\u00e4hlte: Er habe sein Herz aus der Brust nehmen k\u00f6nnen, was er nach k\u00fchnen staatlichen Konferenzen zu tun pflegte, um den Zeiger des roten Zifferblatts wieder nach Gottosten zu stellen. Mein Urgro\u00dfvater liebm\u00fctterlicherseits, spanischer Jude, Gro\u00dfkaufmann, Pablo von Elkan, Vater des Vaters meiner jungverwaisten teuren Mutter. Der \u00fcbersiedelte unter dem in England angenommenen Namen Kissing nach S\u00fcddeutschland und pflanzte auf den Bergen: Wein. Nahm sich eine Dichterin, die wundersch\u00f6ne Johanna Kopp, die Tochter einer angesehenen bayerischen Judenfamilie zur Frau. Wir Enkel noch tragen ihren blauen Ehering, schauen Sie mir ins Auge, um der dunklen Kuppel. Von meinem Vater, dessen Tod man in den Zeitungen mit den Worten den Lesern k\u00fcndete, der Till Eulenspiegel von Elberfeld ist fr\u00fch am Morgen gestorben, ehrt es mich, Ihnen, h. P., zu berichten, da\u00df er, der vierte Bruder der 23 Geschwister, sich des Lebens ausgelassenster Laune erfreute in seiner Geburtsstadt Hexeng\u00e4seke zu Westfalen. Dieses kleine St\u00e4dtchen, ber\u00fchmt durch seine tiergeschnittenen Hecken, diente meinem Vater zu seinen unsterblichen Streichen. Den letzten, der f\u00fcr ihn h\u00e4tte ernste Folgen nach sich ziehen k\u00f6nnen, absolvierte er mit I. in der geistlichen Kaplanstadt Paderborn, wo er das Gymnasium t\u00e4glich schw\u00e4nzte. Von der Menschen- und Schinkenknochenaff\u00e4re spricht man noch heute im Biedermeierzimmer der altmodischen H\u00e4user beim Kaffee, die dazumal die Einwohner in Schreck und Spannung versetzte, des Spukes Aufkl\u00e4rung mit Besserungsanstalt oder hoher Geldstrafe zweier Sekundaner f\u00fcr meinen 16j\u00e4hrigen Vater: Sch\u00fcler und seinem Freunde Paderstein endete, deren V\u00e4ter weiland wohl oder \u00fcbel die S\u00fcnden der Kinder heimzahlten. Mit Vorliebe besch\u00e4ftigte sich mein Vater mit dem Bauen der H\u00e4user, namentlich der Aussichtst\u00fcrme der Stadt und ihrer Umgegend, die sich immer zu hoch verstiegen, jedenfalls der Nachbarschaft Sorge f\u00fcr Haus und Hof, der Herbstst\u00fcrme eingedenk, verursachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWegen so ein paar verfluchte vermaledeite St\u00e4lle bin ich gezwungen, meinem Bau den Kopf abzuschlagen!\u00ab dr\u00f6hnte meines Vaters choranschwellende Stimme fr\u00fchmorgens durchs Haus. Man vernahm sie schon aus einem anderen Stadtviertel der Stadt, die schwamm geradezu auf seinem vollen Bariton. Wir Kinder im Versteck lauschten noch ungewi\u00df, was sie bringen k\u00f6nnte. Ich mu\u00dfte mit ihm als sein j\u00fcngstes Kind die Gerippe der Neubauten besteigen, bebten zwar beide wie Espenlaub, und einmal erinnerte ich mich, wie die Arbeiter auf meines Vaters Kommando zwischen Luft und knarrenden Brettern zwei Fahnenst\u00f6cke in Form einer Riesennull bogen und brachen und sie dann oben auf das noch unbefestigte Dach hi\u00dften mit einem schwarz-wei\u00df-roten Fetzen daran. Das wehende Bilanzr\u00e4tsel, die Null, besch\u00e4ftigte schon beim Aufwachen die ganze Stadt, da\u00df mein Vater aber jeden Fragenden, sich sch\u00fcttelnd vor Lachen, l\u00f6ste op Wupperdhaler plattd\u00fctsch:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEch hann meck verstiegen, lewe L\u00fcte, fragt nur ming Elsken, eck han verdeck keng Kastm\u00e4nnecken m\u00e4hr \u00f6m B\u00fctel.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das hat niemand meinem Vater geglaubt. Er war gezwungen ein reicher Mann zu sein, bis zu seinem Tode und nach seinem Ableben bescherte er die Leute noch mit seinen ihn \u00fcberlebenden Anekdoten. Damals war noch eine herzliche Zeit. Von den Armen nahm mein Vater keinen Mietzins, denn wer in seinem Hause wohnte, der wohnte auch in seinem Herzen. Und ich bin stolz darauf, da mein Vater sich ganz ausgab, kein Heimatloser heimatlos blieb, die eigene Tochter f\u00fcr seine Weitherzigkeit zeugt, nicht eine Stube besitzt, gar ein Fleckchen erbte. Schwatzs\u00fcchtigen wurde es nicht schwer, mich mit allerlei sensationseifrigen Ger\u00fcchten zu bekleben, der wollte das, jener dies von mir erfahren haben. Ich fl\u00fcchtete immer durch die liebevollen B\u00e4ume des Waldes, \u00fcber Wiesen, ich liebe jede Blume \u2013 heute eile ich ans Meer und \u00fcberall blicke ich nach einem heimatlichen Boden aus, wer von uns h\u00e4tte den gefunden und nicht erlitten des Heimwehs qualvollste Angst. Fand ich denn einmal die Heimat \u2013 in deinem Auge \u2013 durfte ich auch dort nicht rasten. In der Nacht meiner tiefsten Not erhob ich mich zum Prinzen von Theben. Welchen Ahnen nachfolgte ich, welche Mumie salbte meine entschlossene Tat? \u2013 Immer wieder tauche ich vom k\u00fchlen Strand meiner Brosch\u00fcre in die lockende Welle meines Blutes, sie dr\u00e4ngt \u00fcber Sie zu kommen, Sie von meiner Anklage Ernst zu \u00fcberzeugen. Ich stehe vor Ihnen, h. P., anzuklagen, keineswegs zu schw\u00e4rmen, aber aufzur\u00e4umen, bin des Verlegers Kehraus und des Dichters warnendes Beispiel. \u2013 H\u00fcte sich der arglose Lyriker, mit seinem Herrn Verleger buchverwandt zu werden, danach trachten die meisten der Herausgeber. \u2013 Wer nie sein Brot mit Tr\u00e4nen a\u00df, der i\u00dft es in dieser buchverheirateten Sippschaft gemeinschaftlich am Tisch. Allerdings erwarteten meiner \u00dcberraschungen unter dem Schnee der Serviette k\u00fchlen Mittagsmahle, bei dem man einfriert, da\u00df einem das Recht zur Auflehnung nimmt. Mit diesen Presenten verschlo\u00df mir lange Paul Cassirer den Mund, den Eingriff in mein eigenes Recht. Er arbeitete ja f\u00fcr eine Dichterin, f\u00fcr meinen Idealismus, der von Luft lebte, wie durfte er mir mit Gewinn kommen. Sein Verlag hatte eben Verst\u00e4ndnis f\u00fcr seine Dichter, darauf wurde strengstens gesehen, h. P. Als meine gesammelten B\u00fccher, funkelnagelneu, sch\u00f6n und zugegeben \u2013 ganz nach meinem Geschmack, noch einmal im Verlage Paul Cassirer im Begriff zu erscheinen waren, betonte mein Hauptverleger zwar seiner Reichskanzlerin, \u00bbzwischen Else Lasker-Sch\u00fcler und Paul Cassirer existiert kein Kassenschrank\u00ab! Mit diesem Beschlu\u00df aber schlo\u00df er ihn zu. In den Wintern\u00e4chten, wie oft habe ich im Dunkel des Zimmers meine Bettvorlage wie ein Dieb vom Fu\u00dfboden aufgehoben und schob sie noch \u00fcber die fremde d\u00fcnne Decke. Ich begann vor Hunger tiefer zu atmen, trank die Luft und kaute an ihrem Balsam. Ich erz\u00e4hle Ihnen diese alte Begebenheit ohne Streuzucker, reiche sie Ihnen so im Vorbeierz\u00e4hlen, eine Trag\u00f6die immerhin, und dem sie just passiert, bricht sie von neuem das Herz entzwei. Ich will Ihnen nichts zu erfahren vorenthalten, h. P., und lege Ihnen, indem ich Ihnen hier meine Brosch\u00fcre vortrage, meine Verleger der allerh\u00f6chsten Justiz, die des Herzens \u00fcbergebe, meine Beichte ab. Der gro\u00dfe Dichterf\u00fcrst, Richard Dehmel, ergrimmte immer wieder \u00fcber die Verlagsangelegenheiten seiner Frau, der tiefen Dichterin Paula Dehmel, meiner Engeline. Schon auf Erden trug sie zwei Fl\u00fcgel und schwebte \u00fcber alle Undinge. Auf dem Weg zu ihr erkannte sie mich schon:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas kommt dort von der H\u00f6h\u2019\u00ab \u2013 an meinem Pfeifen noch fern vom Tore &#8230;. \u00bbDas Flackerlicht von Horeb kommt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber heute flackere ich nicht mehr, ich brenne geliebte Spielgef\u00e4hrtin im Himmel, ich rauche \u2013 ein feuerspeiender Berg, ich speie gl\u00fchenden Aschenregen, Unmenschen zu versch\u00fctten, aufzur\u00e4umen f\u00fcr mich, f\u00fcr Dich, f\u00fcr die Lebenden, f\u00fcr die toten Dichter, f\u00fcr die Dichtungen aller Ewigkeiten. Ich f\u00fchle es, h. P., die toten Freunde und Freundinnen stehen auf und wie sollten die Lebendigen z\u00f6gern mit mir, einig zu sein in meiner Klage? Ihr Echo begleite fortan mein Wort! Aus dem Grabe des charmanten Detlef von Liliencron vernehme ich einen Trommelwirbel, der mich anfeuern soll wider die Verleger! Er pflegte ihnen mit angeborener Junkerh\u00f6flichkeit freim\u00fctige Briefe zu schreiben, die mit der Anrede begannen, freilich \u00fcberzeugt von des Verlegers vorsichtigem Ehrgef\u00fchl\u2026 Allwertester, geliebter Lump usw. Er las mir bei einer Bowle in seiner Mietsvilla so ein Schreiben klirrend selbsteigen vor und betonte, durch die R\u00e4ume seines Hauses sp\u00e4hend, da\u00df es nur so auss\u00e4he, als ob er \u2013 aber ihm nicht einmal einer der St\u00fchle der Behausung geh\u00f6re, geschweige die Villa selbst. Und Frau Anna, seine vielgelesenen B\u00fccher, nicht einmal das Notwendigste f\u00fcr die Kleidung ihrer Kinder einbringe. Zwei herzige Kirschb\u00e4umchen traten Hand in Hand ins Zimmer. \u2013 Rein juristisch gepr\u00fcft stimmen auf dem geduldigen Papier die Zahlengewebe der geschickten Spinne im Mittelpunkt der Abrechnung. Bis jetzt fingen sie uns arme schimmernde Brummfliegen ein und sogen uns total aus. Bis jetzt brummten wir blo\u00df, auch ich, die ich dem feingesponnenen Netz wohl die Fl\u00fcgel lassen mu\u00dfte, aber mit dem Herzen entkam. Diese Anklage, h. P., f\u00fchrt mein Herz, m\u00f6ge es der erste Satz sein, den ein Herz spricht, und kein auskl\u00fcgelndes Hirn. Unklar und ungerechter Dinge, wollte ich behaupten, da\u00df jedes Buch, namentlich das lyrische, sofort in Auflagen gekauft wird. Ich denke nicht daran, eine solche phantastische Behauptung aufzustellen. Auf reifliche Feststellungen st\u00fctzt sich meine Klage. Von Fred Hildenbrandt las ich k\u00fcrzlich im Berliner Tageblatt einen feinen Essay \u00fcber die unfaire Handlungsweise eines Kunsth\u00e4ndlers in Berlin, der, wie ich wei\u00df, auch einmal in den J\u00fcnglingsjahren, gleich Paul Cassirer, idealistisch der Eltern Ratschlu\u00df entfloh. Auch Stephan Zweig regte sich neulich gegen den Verleger und Kunsth\u00e4ndler und gestern \u00fcbersandte man mir Herbert Eulenbergs Artikel in der Weltb\u00fchne ebenfalls, der sich wie Sternheim gegen den Verleger wendet. Die Verlags- und Kunstkatastrophe liegt scheint\u2019s in der Luft; viele Dichter folgten seit kurzem ihrem Impuls, Licht in eine dunkle Angelegenheit zu bringen. Leider, da\u00df meist des Juristen Zuziehung nur Himbeer auf die bittere Kontraktpille bedeutet. Der Tierschutzverein (Verzeihung) f\u00fcr Literatur im altmodisch geborenen G\u00e4nsestil erfreut sich zun\u00e4chst der besten Gesundheit, und Kartoffelpuffer ohne den Generalanwalt Herrn Dr. Gronemann und seinen Assessoren im entferntesten beleidigen zu wollen. Als er sich noch mit der Schriftstellerei befa\u00dfte, brachte er mal in seinem Journal: Das Dromedar\u2026 mein Bild. Bitte! Nun erfreut er sich einer immerfort gut gearteten dampfenden Pfeife, Zipfelm\u00fctze und gestickten Pantoffeln; wenn wir im Schutzasyl noch Kaffee kochen k\u00f6nnten, ben\u00f6tigten wir nicht mehr den romanischen Wartesaal. Der Verleger, der sich f\u00fcr die Dichtung einsetzt, unterstellt sich in jedem Fall dem h\u00f6heren Gesetze. Er verhilft ja Seelisches festzulegen, zu verbreiten. Dieses verantwortungsvolle Amt vergegenw\u00e4rtige sich der Verleger gef\u00e4lligst einmal sorgf\u00e4ltig. Er betreibt aber ein Gesch\u00e4ft, wir sind sein Metier, wir Dichter. Er gehe doch einmal in sich! Falls er keine Angst versp\u00fcrt, m\u00f6ge es ihm unheimlich werden um seines Herzens Kirchhof. Wie viele Dichter brachte er seelisch, wer wei\u00df, ganz unter die Erde. \u2013 Der junge Dichter betrachtet seinen ersten Verleger seines ersten Buches als seinen Priester; bis sein Verlagsehrw\u00fcrden sich entpuppt, keineswegs dem Weltlichen entsagte mit dem Erscheinen des jungen Werkes. Amen. Eine unverge\u00dfliche brave Erfahrung machte ich mit einem vor\u00fcbergehenden Verleger: Heinrich E. Bachmeier, eine so bald entschwundene Existenz auf dem Gebiete des Verlags, mediale Erscheinung in der Warschauerbr\u00fcckengegend zu Berlin. Als mein Retter in den Fluten der Spree erwarb er sich meines Liebesromanmanuskripts: Mein Herz. Es war an einem Abend, abgemagert kam der Mond, zu leben hat es sich f\u00fcr ihn und auch f\u00fcr mich nicht mehr gelohnt und wir beschlossen, da die Spree gut temperiert, uns beide zu ers\u00e4ufen. Auf \u2013 und ausprobiert! Mein Selbstmord w\u00e4re au\u00dferdem meinen Verlegern zur stattlichen Reklame willkommen gewesen und ich f\u00fchle mich seit der Unterlassung irgendwie ihnen verpflichtet! &#8230;?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letzte dichterische Besprechung meines j\u00fcngst erschienenen Gro\u00dfbuches \u00bbTheben\u00ab endete mit einer Mahnung des begabten Erbprinzen Heinrich von Reu\u00df an meine Verleger. Auch Paolo Monelli versucht in seinem herrlichen Essay \u00fcber mich in der Stampa auf italienisch meine Verleger aufzuwecken. Welche H\u00e4nde bl\u00e4ttern in meinem kostbaren Bilderbuch Theben? Beugst du dich \u00fcber seine Gedichte, seine Zeichnungen? Oder stieren dreiste Augen meine Heiligenbilder an und plappern genie\u00dfende Lippen meine Feiertagsgedichte her? Es ist Mode, auch kostbare B\u00fccher im Salon auf Marmortischchen liegen zu haben. Das wei\u00df der Verleger und denkt an seinen Vorteil. Mein Buch \u00bbTheben\u00ab, es ist meine Mutter, mein Vater, mein Kind, mein Bruder, meine Schwester, meine Spielgef\u00e4hrtin und mein Vers\u00f6hnungstag, meines Herzens Synagoge Abendmahl. Erheben Sie sich im Geist mit mir, h. P. \u2013 Hinter dem Kinderstuhl seines blutjungen Papstes, dem damaligen Ernst Erik Schwabach, fl\u00fcsterte der Dr. Franz Blei; der Weg nach Rom war ihm wahrscheinlich zu weit. So unter dem Einflu\u00df des geistreichen Rampollas er\u00f6ffnete Erik Ernst, der Riesenknabe (der gar nicht ohne dichtete), seinen Verlag in Form eines Spielladens. Gerade vielleicht darum bewarb er sich um meinen \u00bbPrinzen von Theben\u00ab, mein eben vollendetes Manuskript. Auch begann er neben seiner Markensammlung meine Verse zu sammeln, sie herauszugeben: Die gesammelten Gedichte. Was mich, offen gesagt, zu Erik Ernst einnahm. Die Liebe zu meinen Zeichnungen. F\u00fcr die 200 Mark, die mir monatlich vom Verlag in einem hellrosanen Kontrakt zustanden, mietete ich mir eine Wohnung in Halensee, aus der ich aber bald wieder fl\u00fcchten mu\u00dfte. Der Krieg begann, Erik Ernst heiratete schnurstracks, und zwar Erna L\u00fcbke, die Tochter eines Zahnarztes. St\u00fcrzte sich ein echter Makkab\u00e4er nach der Hochzeit in die Schlacht. Erna h\u00fctete das Heim. Einst war sie ein bescheidenes B\u00fcrgerm\u00e4dchen gewesen, der das viele und wenn schon j\u00fcdische Geld in den Kopf zu steigen begann, die christliche Nebenliebe au\u00dfer acht lie\u00df, von christlicher Teilung nichts wissen wollte. Ihre grausamen Antworten auf unsere r\u00fchrenden ge\u00f6ffneten Pumpbriefe an Erik Ernst pflegten uns zu verh\u00f6hnen. Daf\u00fcr deklamierte der Gemahl im Sch\u00fctzengraben unsere Gedichte den Kameraden vor, ein sparsamer Trost! (Aber er meinte es gut.) Ein wohl angelegter bescheidener Mensch war Erik Ernst Schwabach, ihn verh\u00e4rtete sicher weniger der l\u00e4ngst \u00fcberstandene Reichtum als Erna. Er pflanzte ein dickes St\u00e4dtchen in die Neumark, s\u00e4ugte es selbst, aber er mag es auch gekauft haben mit seinem Rittergut zusammen, denn die Kirche lie\u00df er den Einwohnern renovieren; den Tempel seiner Dichterin vermodern. Er erinnert sich \u00fcberhaupt nicht mehr, meine Gedichte verlegt zu haben, sich meiner Person erst nach geraumer Zeit dunkel. Ich war n\u00e4mlich mal bei ihm, mir Butter und Zucker von den Erzeugnissen seiner K\u00e4lber und Plantagen zu holen, aber er, der mit meiner Seele Honig einst zu prahlen pflegte, in K\u00f6rben sammelte, der Imker, er hatte nicht mal ein Viertel Pfund Butter einer Margarinekuh f\u00fcr mein krankes Kind, nicht ein einziges Zuckerrohr seiner Felder. Ich Tor, ich meine so eins, das man hinter sich schlie\u00dfen kann. Dieser Riesenknabe edlen Blutes erkaltete zu einer starren M\u00fcnze. Ich warf sie entschlossen, aus dem Garten tretend, eines Orgelmanns Affen in den bettelnden Hut. Er w\u00fcrde, er, Schwabach, heute nicht mehr einen Zehrpfennig \u00fcber den Rand seines Egoismus werfen. \u2013 Dann kam der Mai, den ich so gerne habe, aber Ihnen meine Trostlosigkeit zu schildern, h. P., fehlt mir jede R\u00fccksichtslosigkeit. Ich lag wo in einer Ecke der Stra\u00dfe zwischen Halensee und Grunewald unbegraben, heimatlos noch im Tode. Ein einfacher Spatz setzte sich auf meinen Fu\u00df, er gab sich alle M\u00fche, mir etwas vorzusingen, ein Garten bl\u00fchte schon und meiner Mutter Wolke besprengte meine fiebernde Stirn:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuf die jungen Rosenstr\u00e4ucher, f\u00e4llt vom Himmel weicher Regen und die Welt wird immer reicher. Oh mein Gott, mein nur alleine, ich verdurste und verweine in dem Segen. Engel singen aus den H\u00f6hen, heut ist Gottes Namenstag, der allwei\u00df hier vom Geschehen. Und ich kann es nicht verstehen, da ich unter seinem Dach, oft so traurig erwach.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war vor dem Wirt gefl\u00fcchtet, meine M\u00f6bel hatte ich in der Eile zum Ersatz der Miete zur\u00fcckgelassen. Aber das waren alles nur Ableger im Vergleich meiner seelischen Pl\u00fcnderung. In meines Herzens Einfalt wuchs nichts mehr. Armes Land. Erstickt waren die Worte meiner Schw\u00e4rmerei. Ich glaube, ich habe zu l\u00e4cheln verlernt bis auf den heutigen Tag. Ihnen das geringste zu verschweigen, h. P., zumal ich aufzur\u00e4umen gedenke, hie\u00dfe das Geschick des Dichters Ihnen unterschlagen. Ich will aufr\u00e4umen, s\u00e4ubern unsern Tempel mit der reinen Quelle des Zornes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz Werfel kam zuf\u00e4llig gegangen, er wu\u00dfte Rat, indem er Kurt Wolff in M\u00fcnchen kannte, sogar aus dem Effeff kannte und f\u00fcr seine Ehrenhaftigkeit und die seiner ganzen Familie Hochadel b\u00fcrge. \u00bbWas wollen Sie? Der Mann ist Korpsstudent in Bonn gewesen und zweifellos sicher!\u00ab Wahrhaftig wir vernahmen pl\u00f6tzlich von weit \u00fcber den Neckar, aus den Ruinen der W\u00f6lfe Ahnen: Die Landgrafen heulen. Jedenfalls traf schon nach zwei Stunden der R\u00fcckantwort Gelddepesche aus Leipzig ein: Else Lasker-Sch\u00fcler sofort zur Besprechung her\u00fcberkommen. Kurt Wolff. Wieder wurden Karten \u2013 ich meine Kontrakte gewechselt, unterzeichnet. In seine Obhut nahm von jetzt an v\u00e4terlich Kurt Wolff meine B\u00fccher, die zu honorieren der \u00e4sthetische Wolff sich weigerte, selbstredend aus Geschmacksgr\u00fcnden! Der \u00e4sthetische Wolff. Jedoch er machte mir, h. P., f\u00fcr meine drei B\u00fccher monatlich ein \u201eGeschenk\u201c von hundert Mark. \u00bbGerne, gerne, kleine Else Lasker-Sch\u00fcler.\u00ab Es handelte sich um meine gesammelten Gedichte, den Prinzen von Theben und um ein neues Manuskript, einem Essaybuch. Zwischen sternenbes\u00e4ten Orangefarben erblickten die Gedichte das Licht der Welt, die sich von ihrer Sch\u00f6pferin gegenseitig Gott wei\u00df was erz\u00e4hlten. Georg Heinrich Meyer von S\u00e4ckingen, der Lektor, ein Trompeter auf dem Bock des Verlages Kurt Wolff, so dick er auch war und sein wird, wir haben ihn alle ins Herz geschlossen. \u00bbDabei lebe ich ausschlie\u00dflich nur von Cola, Cola, Kinder, mich f\u00fcr Euch tatkr\u00e4ftig zu erhalten.\u00ab Ein braver Mensch, er ist der einzige, der von der Colafrucht i\u00dft und s\u00fcndlos bleibt; ein Asket auf paradiesischen Verlagsgefilden. Der Wohnungsnot gem\u00e4\u00df nachts mit einem Baderaum teilend, beengt und beschr\u00e4nkt mit seinem Weibchen vorlieb nimmt in der Villa Kurt Wolff. Unser armer Georg Heinrich Meyer, betusamer Adam aus S\u00e4ckingen, flei\u00dfig st\u00f6\u00dft er stets f\u00fcr uns ins Verlagshorn. In dem vegetarischen Speisehaus Erbse am Lembachplatz, tief ergriffen von seiner Selbstlosigkeit, jeder von uns 50 Mark Vorschu\u00df in der begl\u00fcckten Tasche, a\u00dfen wir ihm zur Ehre und Gesundheit: vegetarische Kotelette mit Kola-Blattsalat und sangen beim \u00dcbersch\u00e4umen das Boa-Lied:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn der Retirade, schlafen nachts im Bade, in der Wanne Weiher, Georg Heinrich und Frau Meyer. Aus der Belletage, in der Equipage, Steigen zwei paar Beine, Im Laternenscheine, Wolff und seine k\u00fchle, Hildegard Em\u00fclie!\u00ab \u2013 Ein entz\u00fcckendes Autogramm erhielt ich vor einigen Monaten aus M\u00fcnchen: \u00bbMein herzlieber Prinz Jussuf! Ich freue mich t\u00e4glich \u00fcber Ihre charmanten Gedichte sowie auch \u00fcber Ihre k\u00f6stlichen Erz\u00e4hlungen und es bricht mir schier das Herz entzwei, das unser goldener Ph\u00f6nix, ja, der sind Sie, im Spatzennest seine Eier ausbr\u00fcten mu\u00df. Aber Jussufs Genie ist gefeit vor allen \u00c4u\u00dferlichkeiten, seine Erzeugnisse gewinnen nur an G\u00fcte. Anbei ein Tausendmarkschein, verlieren Sie ihn nicht im Gedr\u00e4nge der Hauptstadt, mein Liebling, und tun Sie was f\u00fcr sich. Ach! Noch 25000 gesammelte Gedichtb\u00fccher, die H\u00e4lfte, liegen noch vom b\u00f6sen, b\u00f6sen E. Schwabach in unserm Verlag. Allerdings 21000 Mark, mein lieber Jussuf, sandten wir Ihnen seit zehn Jahren doch schon. Ein nettes S\u00fcmmchen, m\u00fcssen Sie zugeben? Ihr treuer Freund und Berater Georg Heinrich Meyer. P. C. Mein Weibchen, die Moosrose \u2013 l\u00e4\u00dft unsern Prinzen gr\u00fc\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wat sagen Sie nun? Kann ich so einem Menschen b\u00f6se sein? Teppiche hingegen, kostbare Antiquit\u00e4ten schm\u00fccken des Raubgrafen Kurt des Wolffs Behausung. Wir Dichter r\u00fchmen uns, beigesteuert zu haben. K\u00fcrzlich verm\u00e4hlte er seine kleine Schw\u00e4gerin mit dem begabten Komponisten, Sohn des Malers Professors Graf von Kalckreuth. Die Hochzeit, schwatzten sich halt die M\u00fcnchener in die Ohren, habe der gro\u00dfz\u00fcgige Schwager vom Erl\u00f6s meiner gesammelten Gedichte gefeiert. Soweit ich nun den jungen Grafen Kalckreuth kenne und zu beurteilen vermag, w\u00e4re ihm, auch selbst nur von der Buchuntat ahnend, zwischen dem Genu\u00df der leckeren, aber schwarzen Speisen, beim Toast der Myrthe der Tr\u00e4nentrank in der Kehle steckengeblieben. Warum, h. P., weigerte sich Kurt Wolff entschieden, auf dem ihm gebotenen hohen Cassirerpreis, auf meine flehentliche Bitte, mir zu den freigelassenen zwei B\u00fcchern meine gesammelten Gedichte zur\u00fcckzuerstatten? Sie m\u00fcssen ihm doch sehr gefallen haben. Gedankenstrich! Endlich aber erreichte mein neuer Verleger, Paul Cassirer, Wolffs Einverst\u00e4ndnis zu einer zweiteiligen, zweiten Ausgabe meines Buches: Gesammelte Gedichte, die beim Erscheinen meiner gesammelten Werke nicht fehlen konnten. Ich taufte dieses Zwillingsbuch selbst: Das goldene: Die Kuppel, das silberne: Die hebr\u00e4ischen Balladen. \u2013 In einer fernen Stadt schwer erkrankt, bat ich Herrn sowie Frau Wolff um einen kleinen Vorschu\u00df, den sie mir k\u00fchl abschlugen. Bei meinem ersten Ausgang konnte ich mich nicht enthalten, dem freigebigen Paare, eine Huldigungsdepesche zu \u00fcbersenden, \u00fcber deren Inhalt die Postbeh\u00f6rde n\u00e4here Aufkl\u00e4rung erw\u00fcnschte und nach meiner Aussage vom Postdirektor selbst energisch versch\u00e4rft wurde. Die Grausamkeit, h. P., des \u00e4sthetisch hold l\u00e4chelnden M\u00fcnchener Wolffs \u00fcberbietet die des sibirischen. Was sind diese Verleger eigentlich f\u00fcr Leute? Was treibt sie zu dem Buchhandel? Wahrhaftiges Interesse etwa an der Kunst? Man mu\u00df die Buchschieber mal unter sich beobachtet haben; die B\u00f6rse ist ein Kasperletheater dagegen. Handelte es sich um irgendein geistiges Interesse, sich mit uns Dichtern zu befassen, so g\u00e4be sich zwischen Verleger und Autor naturgem\u00e4\u00df ein gesunderes Verh\u00e4ltnis und der Verleger, der famose Mathematiker, w\u00fcrde sich nicht noch die Wurzel aus den Dichtungen seiner Dichterlieferanten ziehen. Man vergleiche mal mit ihm den einfachsten Obsth\u00e4ndler, der seine \u00c4pfel- und Birnenb\u00e4ume in seiner Laubenkolonie wohl pl\u00fcndert, aber sie gewissenhaft begie\u00dft; schon um sie zu erhalten f\u00fcr seinen Erwerb. Oder sollte es sich bei vielen Verlegern um Doppelkriminalf\u00e4lle handeln? Reiche Leute, die aus eigenm\u00fctiger Laune sich Verlage er\u00f6ffnen, mit ihnen spielen, ihre dichtenden Puppen, Arme und Beine ausrissen (wir liegen ja alle in der Rumpelkammer); aus der wir dem nichts ahnenden geldeinlegenden Kompagnon \u00fcbergeben werden. Abgeklappertes Spielzeug im blendenden Scheine des gemachten Namens. Befinden sich unsere B\u00fccher im Verlag eines Verlegers oder im Bordell eines Seelenverk\u00e4ufers? Es ist die h\u00f6chste Zeit aufzur\u00e4umen, h. P. Sie legten den gr\u00f6\u00dften lebenden Dichtermenschen St. Peter Hille in ein Kinderbett, betteten ihn knapp, eine teuflische Weltkatastrophe. Diesmal vollf\u00fchrt von christlichen Pharis\u00e4ern. Ich erz\u00e4hle Ihnen heute nichts N\u00e4heres von St. Peter Hille, von solchen Dichtern soll man wahrhaft nur tr\u00e4umen. \u2013 Verwechseln Sie, bitte, h. P., den Dichter nicht mit dem Poeten, dem Mann in dem Papiermonde, mit der trillernden Lerche im vergoldeten Busen. Der Dichter, sage ich Ihnen, ist der B\u00e4ndiger aller B\u00e4ndiger, er b\u00e4ndigt das Wort, z\u00e4hmt es und verleiht ihm Fl\u00fcgel. Er ist der z\u00fcchtende Aristokrat, der Torero der Kunstarena, ihm geh\u00f6rt die Weisung: Es soll der Dichter mit dem K\u00f6nig gehen. Nat\u00fcrlich kulturell zu verstehen. Darum f\u00fchlen wir Dichter aller K\u00fcnste uns auch nur unter uns geborgen. Zur Kunst wird jede Darbietung, der einem dichterischen Zustand vorangeht. Ich behaupte sogar, der K\u00fcnstler, der den Ehrgeiz \u00fcberwunden hat, liegt nur an dem Nirwana der Inspiration, dem Hinschlaf, dem Entstr\u00f6mtsein des Herzens: Platzmachen f\u00fcr Gott. Der Reeder, der das Gespensterschiff oder den Imperator, den gewaltigsten Meeresdampfer baute, inspirierte der Geist. Die Baumeister, die den Turm zu Babel aufrichteten, mein Vater, der seinen T\u00fcrmen die K\u00f6pfe mit ihren Zinnenkronen der Sturmgefahr wegen \u201evermalmedeit\u201c! abschlagen mu\u00dfte, reihe ich auf die Schnur der K\u00fcnstler. Ebenso den Schauspieler, der sich verzaubern kann, von Gestalt zu Gestalt, erlebt den dichterischen Zustand. Wer erblickte in Wahrheit je St. Peter Hille \u2013 so entr\u00fcckt war er. Wer spendete Franz Marc, dem Messiasmaler der Tiere, all die Seligkeit, da er selbst das rei\u00dfendste Tier verkl\u00e4rte. Ich denke an einen Chemiker, der mir beteuerte, seine Salze und S\u00e4uren und giftigen Pr\u00e4parate vertragen sich, falls er sich mit ihnen alleine im Laboratorium befinde vorz\u00fcglich. Und Albert Einstein, der grandiose Abenteurer, in ihm bummeln, schwelgen, entz\u00fccken sich, paaren sich und streiten sich, schleifen und ordnen sich alle Gestirne der Welt. H\u00f6rten Sie mal Max Alsberg verteidigen oder Justizrat Gerhardt oder Fritz Kalischer, die mit dem Ziegel des Worts dem Angeklagten das Tor der Freiheit bauen. Auch des Arztes Diagnose ist eine hellseherische, ist ein Kunstwerk, vermag er in des Patienten K\u00f6rper zu kriechen. Ja selbst der Kaufmann, falls er nicht Gold verdient, sondern gr\u00e4bt, n\u00e4hert sich dem Elementaren. Die Inspiration ist raum- und zeitlos, vor allem unsichtbar. Je tiefer ein Volk, desto unsichtbarer sein Gott. Die Eingebung, die der Inspiration folgt, ja \u00fcber sie hinausschwebt, gestaltet sich und wird greifbar; indem wir sie hinschreiben, malen, mei\u00dfeln, t\u00f6nen lassen, wird zur Glut der Wange, Augenleuchten. Wir Gottminiat\u00fcren erschaffen Weltminiat\u00fcren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZuerst war das Wort.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichter also, mu\u00df man wohl schon in jeder wahren Kunst sein. Ich habe noch nie einen Dichter, einen K\u00fcnstler oder irgendeinen k\u00fcnstlerischen Menschen kennengelernt, der nicht selbst in seiner Abtr\u00fcnnigkeit, religi\u00f6ser, als ein gl\u00e4ubiger B\u00fcrger gewesen w\u00e4re. Des katholischen Gro\u00dfpriesters Dr. Sonnenschein wie des Rabbiners Dr. Becks Predigt wird zur Sinfonie, sie verm\u00f6gen Gott entstr\u00f6men zu lassen um ihrer Gemeinde Seele. Erstaunt, ja fast verbl\u00fcfft betrachte ich die Bildhauereien der Neger, der Heidenpriester. Furchtbare Holzgesichter, Kokosfratzen, K\u00f6pfe mit zackigen Augenbrauen, weitgepre\u00dften Nasen, G\u00f6tzen. Ja, S\u00fcnde ist in ihrem Lande keine S\u00fcnde. Gastfreundschaft aber, die uns hier mangelt, ist ihnen das H\u00f6chste! Die heiligen Eigenschaften ihrer St\u00e4mme neben mannigfaltiger Rachegel\u00fcste, gro\u00dfherziger Schutz und des \u00f6fteren launige Menschenfresserei. Sind wir Dichter der K\u00fcnste etwa nicht Priester? Unsere Kunst nicht unser Gottbeiuns? Was der Satan unserm Gott ist, aller Verleger Plural, ist uns Dichtern, der Verleger. Ja, Dichtung hei\u00dft vornehmstes Leben, ihr Tod nur ein Kunstschlaf, unproduzierende Zeit, der immer wieder eine \u00fcberraschende Auferstehung folgt. Der K\u00fcnste edle Eigenschaft hei\u00dft: \u00bbEwigkeit\u00ab. Wir sollten sie hegen. Wie man von moderner oder unmoderner Kunst sprechen kann, habe ich nie begriffen, Kunst ist ein Erzeugnis, ein Element, es gibt nur eine ewige Kunst. Weiht den K\u00fcnstler doch schon der entr\u00fcckte Blick des Lauschenden wie des Dilettanten Gr\u00f6\u00dfenwahn, die Schmeichelei der Gesellschaft, die ihn so gerne ladet, wohlig tut. Jeder wahre Dichter unter den K\u00fcnstlern erreicht die Zeit, Kunst und Dilettantismus zu unterscheiden, Lebendes und Lebloses, Beweglichkeit oder Stillstand, Gutes oder Schlechtes. Bildung ist keine Kultur; Verwilderung keine Wildnis. Des Dilettanten Erzeugnis ist unlebendig Ding, erfreut sich nicht am Wechselspiel der Atmung. Des Urwalds Ader\u00e4sten verwachsene Selbsturspr\u00fcnglichkeit, nat\u00fcrliche Harmonie und Disharmonie. Verstehe man unter Dilettantismus nicht etwa gestorbenes Schaffen. Dem Tod geht Leben voran. Dilettantismus ist Angefertigtes und nicht Erschaffenes. Au\u00dfer dem f\u00e4lschenden Dilettanten gibt es noch weitere zwei Einbrecher in unsern Tempel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Kitsch.\u00ab Wo wir den finden, bewillkommnen wir ihn, eine wiedergefundene Kindererinnerung. Wie bestaunte ich die entz\u00fcckenden mysteri\u00f6sen S\u00e4chelchen auf der Kommode unserer K\u00f6chin und erst im Zirkus oder in den Zaubervorstellungen das Flitternde und Schimmernde. Ein unkindlicherer Eindring aber in unserm Hause, ist der Kunstgewerbliche. Mit dem Namen, unserer h\u00f6chsten Werte tauft er sein Gewerbe. Schl\u00e4gt seinen duftenden Bazar auf im Vorhof unseres heiligen Hauses. Kunst ist kein Gewerbe, wie auch der Mensch oder ein Tier oder gar ein Gott kein Gewerbe ist. Unecht ist der Trost der Obergewerblichen \u2013 mit dem er seine Gewerblichen segnet. Zugegeben, unter ihnen befinden sich geschickte Arbeiter. Kunst ist keine Besch\u00e4ftigung, h. P., Spiel keine Spielerei. Liebelt das Kunstgewerbliche mit der Zierlichkeit des Goldpant\u00f6ffelchens seiner Stoffpuppen, so ist es mir doch sympathischer, malt der K\u00fcnstler mal frech und geschmacklos, dem Weib des Amenophis einen Schnurrbart an. Sehr oft feiert das Kunstgewerbe mit der Kunst Hochzeit. Maschine mit Organismus. Zwischen f\u00fcnf Finger etwa einen batikgemalten Zeigefinger. Wie empfinden Sie das, h. P.? Schaudern Sie nicht? So verh\u00e4lt es sich mit der Kunst und dem Kunstgewerbe. M\u00f6gen dem Gedicht, dem Bilde, der Skulptur oder der Vertonung, ja sogar mehrere Glieder fehlen, immer bleibt es dennoch K\u00f6rper, da es vom Odem belebt, atmet und sich so unterscheidet vom Machwerk und nicht mit ihm vor dem Rad gespannt, noch unter die R\u00e4der kommen darf. Der Meister der Kunst erkennt die Lebensf\u00e4higkeit jedes Kunstwerks und bemi\u00dft nach der Ewigkeit seinen Wert. Aber gleichfalls ist er auch imstande, der Dinge Lebensunf\u00e4higkeit festzustellen. Empf\u00e4ngt der Dichter nicht mit offenem Herzen, ein begl\u00fccktes Schulkind, das ehrliche Lob?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinne sitzen wir alle noch auf der Schulbank. Heinrich Heine machte es sogar zur Bedingung im Ehekontrakt: Wenn Du meine Gedichte nicht lobst, so lasse ich mir von Dir scheiden. Tats\u00e4chlich, ein anst\u00e4ndiger Mensch hat sein lebelang Primaner zu bleiben, h. P., begeistert zu sein, in der Nachmittagsstunde sich schwerm\u00fctig der D\u00e4mmerung anzuschlie\u00dfen, sich nach Liebesabenteuern zu sehnen, nach Liebe und nicht nach ehrgeizigen Auszeichnungen. Aber wieder ist der Verleger der St\u00f6renfried; mit der Rute sollte man aufr\u00e4umen; wir verlieren den entz\u00fcckenden \u00dcbermut, die Erfrischung des Herzens trocknet ein, der Bach unserer Kindlichkeit tr\u00fcbt sich. Ja, warum z\u00f6gerte ich solange \u2013 aufzur\u00e4umen? Donnerwetter, die Sintflut \u00fcber sie! \u2013 H\u00f6rten Sie, h. P., den letzten Fall: Der Fall Cassirer! Gymnasiast war er auch einmal, der Paul Cassirer! In sp\u00e4teren Jahren pflegte er ihn zu spielen, er lernte seine Rolle auswendig, abwechselnd mit der seines Klassenlehrers. Die Prima sympathisch schw\u00e4nzend, schrieb der Paul lieber einen begabten Roman. Ich zweifle nicht daran, da\u00df, er talentiert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchon aus Erfahrung pr\u00fcfe ich\u00ab, erkl\u00e4rte mir Herr Cassirer, \u00bbjedes mir eingeh\u00e4ndigte Manuskript\u00ab. Das Erlebnis mit S. Fischer haftet noch in seinem Ged\u00e4chtnis, der dem Siebzehnj\u00e4hrigen den ungelesenen Roman mit den Worten zur\u00fcckerstattet: \u00bbEr ist total talentlos.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fischer, geb. Schneider, verw. B\u00e4cker, kauend an einer Schrippe in seinem Verlag, mit den Kunden konferierend, zu beobachten, ist geradezu ein George-Grosz-Originalbild. Man glaubt sich in einer Portierloge zu befinden. H. P. Cassirer, der weltm\u00e4nnische Kunstmann, l\u00e4\u00dft seine Zigarette zwischen seinen Lippen balancieren, aber auch mir blies er leider Dunst in die Augen. Wurde ich nicht seines Gewissens wei\u00dfer Vorhang, erholte er sich nicht im Gedicht meiner Palme?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine hebr\u00e4ischen Balladen, die ich vor Jehovahs Tempel kniend dichtete, er Paul Cassirer, hatte sie erscheinen lassen, der Welt gegeben. Allerdings eine fromme Tat! Abla\u00df! Der heilige Pfennig f\u00e4llt lange schon in seine Kassette. Loyal, er legt Wert darauf, die jungen K\u00fcnstler, ob sie dichten oder malen, in seinem Konferenzzimmer einfach selbsteigens zu empfangen. Korrektere Verordnungen erteilte sp\u00e4ter des Verlages gewordener Aktion\u00e4r, Walther Feilchenfeld, ehemaliger literarischer Kommis, seinen T\u00fcr\u00f6ffnern. Auf b\u00fccherbl\u00fchender Flur harren die Dichter seines Rufes. Indes von Land zu Land, von Erdteil zu Erdteil weltreist Paul Cassirer seit Jahren, ein Hai, der sich insbesondere von alten Meistern ern\u00e4hrt. Wie oft versicherte er mir, in allen Menschen mag er sich t\u00e4uschen, \u00bbnur in Ihnen darf ich mich nicht t\u00e4uschen\u00ab. Ich w\u00fcnschte mir nichts sehnlicher, bei meiner Ehre, als da\u00df er mich nicht weiter entt\u00e4uschen m\u00f6ge, seinen Wunsch respektieren zu k\u00f6nnen. Nicht ich habe ihn, er aber mich im Vertrauen betrogen, ich wiederhole, h. P., das krasse Wort \u201ebetrogen\u201c\u00ab, da diesem Manne ein unverbl\u00fcmtes Wort geb\u00fchrt und kein Feilchenspro\u00df. Ich schrieb vor vielen Jahren einen Essay sogar in Versen \u00fcber P. C., den er sich bescheiden (seine weltm\u00e4nnische Eigenschaft) in seinen Schreibtisch schlo\u00df als privaten Besitz. Ich nannte ihn den Kunstmann der Kunsth\u00e4ndler, da er keineswegs wie diese, mit wenigen Ausnahmen, ohne Begabung ist. Paul Cassirer ist sogar genial. W\u00e4re sein Vater als armer Mann gestorben, und sein Sohn Paul statt Kunsth\u00e4ndler, Schriftsteller geblieben, er s\u00e4\u00dfe als Erster hier vor dem Podium in der ersten Reihe und applaudierte nach Herzenslust. Es kennt ihn wohl niemand besser als ich; es war wie von der Schule her, wenn wir uns so unterhielten, als ob wir auf einer Bank nebeneinander gesessen h\u00e4tten und bei meinem Abfall von ihm schlug ich mir das Herz wund. Wie entt\u00e4uscht mu\u00dfte mich dieser Mensch haben. Ich bin mir schuldig, den Dichtern, der Dichtung und auch Ihnen, h. P., gr\u00fcndlich aufzur\u00e4umen, keinen faulen Stamm aus Sentiment ungekennzeichnet zu lassen. Ein Ausnahmefall unter den Verlegern dieser Paul Cassirer, ein k\u00fcnstlerischer Mensch, der sich die Knospe im Blute selbst abt\u00f6tete aus Liebe zum Gesch\u00e4ft. Sein Vater durfte ruhig \u00fcber den aus der Bahn geratenen Sohn getrost die Augen schlie\u00dfen. Ein zum K\u00fcnstler geborener Mensch, der an sein Edelstes Hand legte, um der H\u00e4ndler der Kunst zu sein, schlie\u00dflich sich noch beim Hinblick meiner Erzeugnisse sich einen Verlag er\u00f6ffnete. Ja, er entwickelte sich nicht allein zu einem \u00fcblichen Verleger, er wurde ein sentimentaler Verleger und Kunsth\u00e4ndler, ein sentimentaler Teufel und beherrscht die Dichter der beiden K\u00fcnste. Ich fordere Sie auf, h. P., vor dieser Macht das Gewehr, wenn sie eins bei sich haben, zu pr\u00e4sentieren. Vermi\u00dft man auch bei dem Kunstmann die Verantwortung f\u00fcr den Zug, der durch ihn zu laufen sich gew\u00f6hnte. Er ist der Kaufmann von Paris, der von dem Dollarpreise redet und redet \u00bbverbiete mir das Nein und Ja, das Weinen und Lachen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er redet gro\u00df und weit wie durch die Lupe. Er redet einen Wolkenkratzer. Der Zuh\u00f6rer springt todesmutig endlich durch eines der offenen Fenster, entkommend, ermattend auf die Stra\u00dfe. Aber man verehrt ihn noch im Sturz, ja man verehrt ihn noch, wenn man ihn vollst\u00e4ndig erkannt hat, der Unwahrheiten \u00fcberf\u00fchrte; man verehrt ihn: ein b\u00f6ser Spazierg\u00e4nger im Hirn des anderen; er verstopft den Kernpunkt, man verstummt, aber man verehrt ihn, weint mit ihm f\u00fcr das Unrecht, das einem selbst geschieht. Wer h\u00e4tte nicht Paul Cassirer weinen sehen \u2013 ich m\u00f6chte lieber sagen, hysterisch in Tr\u00e4nen erlebt, wenn es sich um Geld handelte. Niemand darf es in seiner Umgebung finanziell zu etwas bringen; ich glaube um meine Person bangte er am meisten. Trotzdem er meine Scheu in Geldangelegenheiten ehrt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie machen mir doch nicht vor, Prinz, da\u00df Sie um Geld kommen\u00ab!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hielt \u00fcberm\u00e4\u00dfig von mir, noch heute. Ich war sogar imstande, nach seiner festen \u00dcberzeugung, wirklich nur von Luft zu leben. Daf\u00fcr g\u00f6nnte er sich im Strudel des Verdienens kein Rasten mehr. Immerhin ein Fuchs unter den L\u00fcchsen, ein Hai, der von Meer zu Meer schwimmt, sich von alten Meistern ern\u00e4hrt. Von tausend Mark an bekommt Cassirer Weinkr\u00e4mpfe, die sich steigern mit der Zahl des Fordernden. Drei Briefe schrieb ich diesem Hauptverleger vor drei Jahren etwa in kurzen Zwischenr\u00e4umen, die er mir alle drei gr\u00fcn unterstrichen, aber ungelesen, zur\u00fcckerstattete. Zensur: Gemeinheit. Gemein erscheinen ihm Hunger, Gerechtigkeit, Einsicht. Ich riet ihm dann im letzten der drei Schreiben einen gewissenhaften Arzt zu konsultieren, zumal ihm noch seines guten Fundaments wegen zu helfen sei. Er aber vertr\u00e4gt nur Mundtote in seiner Umgebung. Wenn er so dahin f\u00e4hrt in seinen zwei Autos, ein Imperator, taucht auf, taucht unter \u2013 h\u00e4tte ich ihn gern immer als einen solchen verehrt. Er sank in meinen Augen, ein Verlust f\u00fcr mich, ein gr\u00f6\u00dferer f\u00fcr ihn. Aber nicht ich habe sein Vertrauen verscherzt, er aber das meine, ganz und gar. Denn meine B\u00fccher schm\u00fccken seinen Verlag, sein Gewissen, sein Haus, seine Person, seinen Tisch. Ich l\u00e4ge trotz meiner zahlreichen B\u00fccher lange an Bleichsucht gestorben unter der Erde, wenn nicht Gl\u00fccksf\u00e4lle mir immer wieder das Leben erkauften. Die zehn B\u00fccher meiner gesammelten Ausgabe und die zwei nachfolgenden liegen im Verlage Cassirer, Viktoriastr. 2, und haben, mich scheint\u2019s vergessen, schon Jahre. Im Anfang sprach das Wort: Paul Cassirer erteilt gerne Worte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFrau Lasker-Sch\u00fcler, wenn Ihre Umgebung erf\u00e4hrt, Ihre B\u00fccher erscheinen fortan bei mir, werden Sie unausgesetzt angepumpt werden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte Ihnen nicht wieder mit Zahlen kommen, h. P., offen gestanden, ich habe keine Lust mehr, m\u00f6chte Ihnen nur aufrichtig mitteilen, da\u00df anf\u00e4nglich Paul Cassirer burschikos gesagt, sich nicht lumpen lie\u00df. Beim Erscheinen der gesammelten B\u00fccher im Jahre 1919 sollte mir die Summe von 50000 Mark abz\u00fcglich der vorangegangenen Honorare im Kassenschrank Cassirer aufbewahrt werden. 27000 Mark verblieben mir. Ich wurde mein eigener Dieb. Au\u00dferdem lief mein Budget liebensw\u00fcrdig weiter, bis die Briefe Peter Hilles an mich und der Wunderrabbiner von Barcelona 1921 im Cassirer-Verlag erschienen. F\u00fcr die beiden B\u00fccher \u00e0 3000 Auflage erhielt ich 9500 Mark. Das hei\u00dft: 2500 Mark, nachdem mir, trotz Flehen und Mordioschreien, die laufenden Honorare 6000 M. abgezogen wurden. Au\u00dferdem sperrte man mir meiner eingetretenen Phantasielosigkeit wegen, ich lieferte nichts, das Portefeuille. Das Zifferngem\u00e4lde habe ich meinem Bevollm\u00e4chtigten Dr. Kalischer \u00fcberlassen zu zeichnen, er beantwortet mit Freude jede Anfrage. Immer mehr wurde Krieg, immer n\u00e4her r\u00fcstete die Revolution.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLenin!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch auf ihren Verlagsthron zitterten die Buchtyrannen. Paul Cassirer lie\u00df mich im Galaton vor seinen Ledersessel rufen. Er sprach:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebe Frau Lasker-Sch\u00fcler, verehrter Prinz von Theben, machen Sie sich keine Sorge, falls der Bolschewismus kommen sollte, Sie haben das, was wir, meine Frau und ich haben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Atemlos verlie\u00df ich den Raum, bog um die Ecke der Viktoriastra\u00dfe in die brennende Bellevuestra\u00dfe ein, schrie mit den Arbeitern, die in langer, feuerspeiender Prozession, der Gefahr nicht achtend, \u00fcber die gepflasterte Erde stampften. Ich stampfte auch. Dieser Paul Cassirer, auch er hatte mich zu locken verstanden und zwar ihm mein Lebenswerk zu \u00fcberlassen. Ich habe ihm meine B\u00fccher nicht angeboten, er hat sie gefordert. So sch\u00f6n auch ihre Herausgabe ausfiel, so war es dennoch eine Herausforderung, deren Duell ich erlag; nicht allein, h. P., k\u00f6rperlich, nein seelisch und das macht die wahre Erledigung des Dichters aus. Ich r\u00e4ume auf, verehrte Dichter und h. P., r\u00e4umt mit mir auf. Wir wollen aufr\u00e4umen! Den letzten Tropfen meines Ehrgeizes opfere ich hier mit der Vorlesung dieser Brosch\u00fcre. Wer wird noch von mir ein Buch drucken wollen, welcher Verleger dennoch sich bereit erkl\u00e4ren. M\u00f6gen meine Dichtungen mit mir \u00fcber die Meere schwimmen und versinken in den Grund der Welt. Wir aber, h. P., wollen nicht ruhen, weiter aufzur\u00e4umen. H\u00f6rt ihr mich, meine lieben Dichterfreunde, solange noch ein Atemzug in unsern Lungen auf und niedergeht, wollen wir nicht ruhen, f\u00fcr die Dichtung aller Kunst zu k\u00e4mpfen. Ich bin auferwacht, wacht auf mit mir; denn in Ihre H\u00e4nde will ich mein Testament legen, diese Anklage, sie erz\u00e4hlt von einer Dichterin und Euren Dichtern lebenden und toten. R\u00e4umt auf mit mir, die Gerechtigkeit tr\u00e4gt unsere Fahne. An den Todesschellen \u00fcben die Engel schon mein Sterbelied. Aber ich will den letzten Atemzug nicht tun, dessen Streckung ein Weg hinterl\u00e4\u00dft, den man auf Erden nicht zu reisen imstande ist, in die Ewigkeit, bevor ich euch, meine Spielgef\u00e4hrten, Ihnen, h. P., und des Landes Staat, mein letztes Wort \u00fcbergeben habe, diese drei letzten Worte, die den Anfang unserer Marseillaise bilden sollen:<\/p>\n<p>Ich r\u00e4ume auf!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"uber01\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich r\u00e4ume auf!<\/strong>, Meine Anklage gegen meine Verleger, von Else Lasker-Sch\u00fcler, erschien im Lago-Verlag, Z\u00fcrich, 1925<\/p>\n<div id=\"attachment_75724\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75724\" class=\"size-medium wp-image-75724\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-260x417.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75724\" class=\"wp-caption-text\">Else Lasker-Sch\u00fcler aka Prinz Yussuf (1912) &#8211; dieses Photo diente als Vorlage f\u00fcr das Covermotiv der \u00b4Anklage gegen meine Verleger`: &#8222;Ich r\u00e4ume auf!&#8220;<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dichterin Else Lasker-Sch\u00fcler schrieb diese Anklage vor knapp 100 Jahren, sie f\u00fchlt sich Anfang der Zwanziger Jahre von der Gerechtigkeit getrieben und r\u00e4umt, ohne R\u00fccksicht auf ihre noch ungedruckten Werke, mit ihren Verlegern auf, von denen sie glaubt, auf sch\u00e4ndliche Weise ausgebeutet zu werden. Karl Marx und seine Theorien \u00fcber den Mehrwert scheinen dabei Pate gestanden zu haben: \u201eEin Schriftsteller ist ein produktiver Arbeiter, nicht insofern er Ideen produziert, sondern insofern er den Buchh\u00e4ndler bereichert, der den Verlag seiner Schriften betreibt, oder sofern er der Lohnarbeiter eines Kapitalisten ist.\u201c Mit drei Verlegern legt sie sich besonders an: dem Hauptverleger Paul Cassirer, dem Kunsth\u00e4ndler Alfred Flechtheim und dem Verleger Kurt Wolff. Sie trifft sie in ihren B\u00fcros, privat oder auch im Romanischen Caf\u00e9 in Berlin. Alle drei Verleger wurden vor dem Ersten Weltkrieg zu Million\u00e4ren und bereicherten sich angeblich an ihrem \u201einnerlichsten Besitz\u201c. Else Lasker-Sch\u00fcler selbst lebt in gro\u00dfer Armut und ist gezwungen, ihre eigenen B\u00fccher vom Ladentisch zu rauben. Ja, sie muss in dunklen Kellerr\u00e4umen hausen, sich nachts mit Bettvorlegern zudecken, um nicht zu frieren. Sie denkt sogar daran, sich in der Spree zu ertr\u00e4nken. Doch sie unterl\u00e4sst es, weil der Selbstmord ihren Verlegern nur als stattliche Reklame willkommen w\u00e4re. Sinnvoller scheint es ihr alle anderen Dichter und Schriftsteller aufzufordern, sich zu organisieren, wie die Arbeiter, knapp 50 Jahre nahm sie damit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/08\/revisited\/\">Verband Deutscher Schriftsteller<\/a> vorweg). Die Dichtung aller Dichter kann unm\u00f6glich nur einem Geldmenschen geh\u00f6ren; sie geh\u00f6rt der ganzen Menschheit. Um ihre Dichterfreunde und die Menschen f\u00fcr dieses Ziel zu sensibilisieren, zog Else Lasker-Sch\u00fcler mit ihrer Streitschrift durch die St\u00e4dte und liest sie \u00f6ffentlich vor.<\/p>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" data-md=\"61\">\n<div role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>KUNO w\u00fcrdigte die Poetin mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr die <em>Kulturnotizen<\/em> weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Anklage gegen meine Verleger Ich habe mich entschlossen, ohne R\u00fccksicht auf meine noch ungedruckten Manuskripte, aufzur\u00e4umen. Einer von uns Dichtern mu\u00df seinen Ehrgeiz opfern, auf seine Sehnsucht verzichten, den Nachklang seiner Sch\u00f6pfung zu erleben, ihr ins Antlitz zu blicken.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/11\/ich-raeume-auf\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":180,"featured_media":98108,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2738],"class_list":["post-81501","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-else-lasker-schueler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81501","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/180"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81501"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81501\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103603,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81501\/revisions\/103603"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98108"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}