{"id":81319,"date":"2010-08-01T00:00:07","date_gmt":"2010-07-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81319"},"modified":"2021-10-03T19:23:39","modified_gmt":"2021-10-03T17:23:39","slug":"elberfeld-im-wuppertal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/08\/01\/elberfeld-im-wuppertal\/","title":{"rendered":"Elberfeld im Wuppertal"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion.<\/span> Am 01.08.1929 ist die Stadtgr\u00fcndung von Wuppertal im Rahmen des Gesetzes \u00fcber die kommunale Neugliederung des rheinisch-westf\u00e4lischen Industriegebiets erfolgt. Zu dieser Zeit wohnte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">die Elfenfelderin<\/a>\u00a0<span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Else Lasker-Sch\u00fcler bereits in Berlin.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wohnten am Fu\u00dfe des H\u00fcgels. Steilauf ging&#8217;s von dort in den Wald. Wer ein rotes, springendes Herz hatte, war in f\u00fcnf Minuten bei den Beeren. Sonntags kamen ganze Familien vom Berge gestiegen, an unserm Haus vorbei. Die Kinder trugen am Arm kleine K\u00f6rbe, bis an den Rand gef\u00fcllt, aber man sah schon ihren blaugef\u00e4rbten M\u00e4ulchen an, was sie gepfl\u00fcckt hatten zur Beilage der Eierkuchen zum Sonntagabendbrot. Ich bin immer so stolz auf unseren gro\u00dfen Wald gewesen, in den man, ob man&#8217;s wollte oder nicht, beim Heraufklettern der Sadowastra\u00dfe hineinblicken mu\u00dfte. An ihrem Fu\u00dfe lag mein Elternhaus, au\u00dferhalb der Stadt, denn erst sp\u00e4ter wurde unsere Gegend der Westen. Immer str\u00f6mte aus dem Walde frischer, gr\u00fcner Atem und kr\u00e4ftigte die Lunge. Und jeder Baum, jeder Strauch, der mir heute begegnet, erinnert mich an unseren Wald, in dessen friedliche Augen ich blickte, lachend als Kind. Wenn die Gewitter kamen von den vier Himmelsrichtungen, die schwarzgez\u00fcckten Reiter nahten, setzte sich meine teure Mama auf den Balkon, der zwischen Osten und Westen in der Luft frei zu schweben schien. So war&#8217;s einem. In kleinen Nachen glaubte man zu sitzen zwischen den Luftwellen; das bewog meine k\u00fchne Mutter zum Einsteigen. Es blitzte aus vier Wolken. Da in Form einer Zacke, dort im Osten stach ein brennender Dolch in die wogende erregte wolkige Himmelsbrust. Mein Vater erinnerte sich seines ehrw\u00fcrdigen Gro\u00dfvaters, des wei\u00dfb\u00e4rtigen Rabbunis vom Rheinland und von Westfalen. Der betete ersch\u00fcttert vom ehrw\u00fcrdigsten Schauspiel der L\u00fcfte, sich besternend vor Jehova. Mein Vater jedoch hatte einfach Sorge f\u00fcr\u00a0seine Georginen und Stiefm\u00fctterchen auf den Beeten unseres Gartens; und vor allen Dingen bangte es ihn um seinen reifenden sauren Kirschbaum und seinen Wunderstrauch. Der trug n\u00e4mlich zweierlei Fr\u00fcchte auf einmal. Mein Papa hatte die Stachelbeere und die Johannisbeere zusammengebracht, sie beide eingeladen und mit des G\u00e4rtners Hilfe die zwei verm\u00e4hlt. Sie wuchsen seitdem eintr\u00e4chtig an einem Zweig und Stengel, worauf mein Vater sehr stolz war, ungef\u00e4hr wie ein Staatsmann, dem es gelang, Staaten zu vereinigen. Ihm d\u00fcnkte das jedenfalls ebenso wichtig. Doch am schwersten bewegte ihn die herrliche Trauerrose! Die hing wie aus einem F\u00fcllhorn \u00fcppig hingegossen auf den eben gestickten zarten Grasteppich. Viele, viele, viele wei\u00dfe Rosen (ich fand sie gar nicht so traurig aussehend) schimmerten, eine Prachtschleppe gebreitet im Abendrot. Und zu guter Letzt tauchten vor meines Vaters betenden Augen die Ger\u00fcste seiner Neubauten auf, die, noch ohne Stein und M\u00f6rtel, an die Gerippe erinnerten, an denen das Fleisch und das klebende Blut fehlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach solch einem starken Gewitter kamen immer Arbeiter gelaufen, die ihm Kunde brachten, das oberste Stockwerk oder ein Dach seiner D\u00e4cher w\u00e4re auf das Dach eines benachbarten Hauses gest\u00fcrzt \u2013 und mein Vater kam aus den Prozessen nicht heraus, zu denen die Leute der Stadt str\u00f6mten wie zu einem Lustspiel und die mit einer Einigung endigten. Nicht selten brachte mein Vater die Kl\u00e4ger mit heim. Dann ging das Kneipen los, die Nacht hindurch, vom sp\u00e4ten Nachmittag angefangen, h\u00f6rten wir die Klienten sich zutrinken, sich kugeln vor Lachen, nach jedem Toast, den mein Vater wie kein Mensch auf der Welt zu halten verstand, mit allem Lachgew\u00fcrz,\u00a0das in der Speisekammer seines breiten, krachenden Herzens zu finden war. Fr\u00fch am Morgen erholte sich die Proze\u00dfgesellschaft in unserem lieblichen G\u00e4rtchen. In meinem Bett weckte mich die choralanschwellende Stimme meines Vaters, die alle anderen Stimmen \u00fcbert\u00f6nte, und ich wu\u00dfte, jetzt machte er die G\u00e4ste auf die kristallisierenden Kieselsteinchen, die die Pfade bedeckten, aufmerksam. F\u00fcr diese Steine, da\u00df sie nur nicht einsinken w\u00fcrden in den Scho\u00df der Erde, h\u00f6rte ich meinen 12j\u00e4hrigen schneewei\u00dfhaarigen Papa manchmal auch ohne Gewitteranla\u00df zum Herrgott beten. So klein ich auch noch war, es r\u00fchrte mich doch vor\u00fcbergehend. Am Sonntag fuhren wir oft in die Umgegend von Elberfeld \u00fcber die Ronsdorfer Chaussee; zu beiden Seiten herrliche, versunkene W\u00e4lder, rechts und links T\u00e4ler von unsagbarem Gl\u00fcck und schwarzem Gl\u00fchen. Wir begegneten singenden Handwerksburschen. Wenn sie sehr m\u00fcde waren, lie\u00dfen meine Eltern sie auf den Bock steigen. Ich mu\u00dfte dann vom Bock herunter. Meine sch\u00f6nen Schwestern bl\u00fchten wie Blumen im rosa und blauen Kleide, und meine Br\u00fcder, falls sie zu Hause waren aus ihrem Pensionat in St. Goarshausen, marschierten zu Fu\u00df mit ihren Freunden, die stets in meine Schwestern verliebt waren, schon voraus. Ich trug mit Vorliebe rote Kattunkleidchen, ein geschenktes Kl\u00fcmpchen steckte immer versteckt in einem meiner beiden T\u00e4schchen. Ich liebte meine Mama inbr\u00fcnstig, sie war meine Freundin, mein Heiligenbild, meine St\u00e4rkung, meine Absolution, mein Kaiser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sie sah sicherlich Napoleon Bonaparte aus, darum hatte sie auch eine Napoleon-Sammlung. Mein Papa war einer von den Jungens, mit denen ich R\u00e4uber und Gendarms\u00a0spielte. Und seine Autorit\u00e4t bewahrte er sich immer wieder, da er mir nach dem Sturm eines Streites eine D\u00fcte Bonbons zu kaufen pflegte. Wir gingen zusammen in den Zirkus, aber wehe, wenn ich lange machte mit dem Anziehen und wir im letzten Moment kamen und ich dann noch dazu \u00bbnochmal \u2013 mu\u00dfte\u00ab \u2013 wir die erste Nummer vers\u00e4umten. Er brummte dann die ganze Vorstellung lang und verfluchte mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr sein Fluchen hatte er schon zu Hause von den Eltern Haue bekommen. Wenn auch die Bauern in Westfalen ihn daf\u00fcr liebten, wo er geboren wurde als vierter Sohn der 23 Kinder. Mit drei Jahren sprang er schon \u00fcber die Tierhecken und machte alle Streiche, die man zu machen hat als Junge. F\u00fcr das Theater in Elberfeld hatte mein Vater ein besonderes Faible. Brachte er zu Tische auch nicht immer Schauspieler nach Hause, so waren es mindestens Kunstreiter. Es mu\u00dfte dann gehext werden, ein, zwei, drei G\u00e4nge mehr, und dem August von Renz legte er stets ein Knallbonbon in die Serviette. Mein lieber Vater, meine teure Mutter, in der seltsamen dunklen Arbeiterstadt mit den Tausenden von Schornsteinen \u00fcber dem Wuppertal in den Rheinlanden! Einsam wandle ich nun durch die engen ber\u00fcckenden Stra\u00dfen, steige die vielen H\u00fcgel hinan, pl\u00f6tzlich steht eine hohe Treppe vor einem, angelangt blickt man in einen Garten voller Veilchen und die wunderbaren lilaen Schaumkrautwiesen! In meinem Heimathause wohnen nun viele Parteien, doch wenn sich das Abendrot, Rubinen des Himmels in seinen Fenstern spiegelt, ist es mir, der Engel Gabriel bewache es ganz allein. Ja, das tr\u00f6stet mich. Ich lege auf das Grab meiner Mutter ihre Lieblingsblume, das waren Reseden, bringe meinem Vater Veilchen und unter der gebrochenen S\u00e4ule schl\u00e4ft der j\u00fcngste meiner Br\u00fcder, ein Heiliger, sch\u00f6n wie Apollon \u2013 er starb reinen Herzens. In der N\u00e4he meiner Eltern liegt meine kleine Freundin Hanni begraben. Ich erbte ihre Puppe: Ingeborg. Die hatte blaue Augen wie sie und ein Kettchen um den Hals wie sie. Wenn das gro\u00dfe Tor des alten Judenfriedhofes sich hinter mir schlie\u00dft, ist wieder ein Tag vergangen. Sp\u00e4te Sonne geleitet mich sorgsam die vielen Stufen herab bis in das Innere der lebhaften Stadt Elberfeld.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_75724\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75724\" class=\"size-medium wp-image-75724\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-260x417.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75724\" class=\"wp-caption-text\">Else Lasker-Sch\u00fcler aka Prinz Yussuf (1912)<\/p><\/div>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">Else Lasker-Sch\u00fcler wurde geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld. Sie starb am\u00a022.1.1945 in Jerusalem.<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte die Poetin mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr die <em>Kulturnotizen<\/em> weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 \u00a0<\/strong>Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni aus der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_xE7BPCey68\">Schwebebahn<\/a>\u00a0zwischen Elberfeld und Barmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion. 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