{"id":81314,"date":"2022-12-28T00:01:58","date_gmt":"2022-12-27T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81314"},"modified":"2022-02-24T19:04:30","modified_gmt":"2022-02-24T18:04:30","slug":"arthur-aronymus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/28\/arthur-aronymus\/","title":{"rendered":"Arthur Aronymus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Wenn hinter den Fenstern der H\u00e4user Westfalens die Weihnachtsb\u00e4ume angez\u00fcndet wurden, erz\u00e4hlte der Vater meines Vaters, also mein Gro\u00dfvater, seinen dreiundzwanzig Kindern die himmelschreiende Trag\u00f6die aus seiner Jugendzeit, die sich am Heiligen Abend der Christenheit abspielte mit allen Schrecknissen beizender Gew\u00fcrze. Die \u00e4lteren Kinder meines Gro\u00dfvaters best\u00e4tigten d\u00fcster im Singsang und Geb\u00e4rden, ein Chor der Rache, die \u00dcbeltaten an ihrem auserw\u00e4hlten Volk. Nur mein kleiner Papa scharrte bisweilen ungeduldig mit den N\u00e4geln seiner derben Jungensstiefel \u00fcber den Fu\u00dfboden oder an den Nu\u00dfbaumbeinen des gro\u00dfen Tisches, da\u00df seinen dreiundzwanzig Geschwistern, zu gleicher Zeit, das Herz vor Schreck aussetzte, sein dreiundzwanzigstes aber h\u00fcpfte vor Vergn\u00fcgen dem auflauschenden Vater fast ins Gesicht. Der hatte Angst vor M\u00e4usen, wenn er es auch nicht zugab. Den armen Kroatenjungens kaufte er die teuerste Mausefalle ab, sie hinten und vorne auf den Verschlu\u00df pr\u00fcfend. Heute jedoch beherrschte er seine Antipathie gegen \u00bbdiese aufdringlichen Nagetiere\u00ab. Am schwersten verdro\u00df Arthur Aronymus, den kleinen Enfant terrible, die weit \u00fcber den Inhalt sich ausdehnende Schauergeschichte des sich Zeit lassenden, erz\u00e4hlenden Vaters. Die beiden Freunde h\u00f6rte er schon lange pfeifen vor dem Zaun des Gartens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie heute brannten die Tannenb\u00e4ume hinter den Scheiben der geistlichen Hauptstadt Westfalens, als sich das blutige Pogrom abspielte. Unschuldig vergossenes Judenblut klagte \u00fcber die Grenzen des Heimatlandes, dunkel \u00fcber den Rhein und pochte an die Judenherzen anderer Reiche; im unheimlichen Echo an die Erdteile der Welt. An den geschm\u00fcckten Zweigen der hohen Tannenb\u00e4ume im\u00a0Rathaussaale, in der Aula der Schulen, hatte man kleine Judenkinder wie Konfekt aufgeh\u00e4ngt. Zarte H\u00e4ndchen und blutbespritzte F\u00fc\u00dfchen lagen, verfallenes und totes Laub, auf den Gassen des Ghettos umher, wo man den damaligen Juden gestattete, sich niederzulassen. Entbl\u00f6\u00dfte K\u00f6rper, sie eindringlicher mi\u00dfhandeln zu k\u00f6nnen, bluteten zerrissen auf Splittern der Fenstergl\u00e4ser gespie\u00dft, unbeachtet unter kaltem Himmel. Die innere Stadt zu betreten ohne Erlaubnisschein, war dem gr\u00f6\u00dften Teil der j\u00fcdischen Gemeinde streng untersagt. Einigen Familien, unter anderen die meiner Gro\u00dfv\u00e4ter, gestattete die Beh\u00f6rde, sich frei zwischen den andersgl\u00e4ubigen Einwohnern zu bewegen. Mein kleiner Papa klatschte in die H\u00e4nde, die blutige Historie begann ihn, schon im vorigen Jahr an dieser Stelle angelangt, zu interessieren. Er hatte ja den Gro\u00dfpapa Rabbuni, den Vater seiner lieben Mutter so lieb gehabt, auch er war sein Lieblingsenkel gewesen. Wie oft schlich der Hohepriester heimlich nach dem Mittagsbrot mit seinem drolligen Enkelkinde in den Zuckerladen gegen\u00fcber seines Hauses. Ja, er blinzelte ihm des \u00f6fteren w\u00e4hrend des schlichten Mahles verst\u00e4ndnisvoll zu, der gro\u00dfe, ehrf\u00fcrchtige Jude, von der ganzen Stadt geehrt, von Jude und Christ; Freund des Bischofs Lavater von Westfalen. Jeden Abend, nachdem die beiden F\u00fcrsten ihr einfaches Abendbrot eingenommen hatten, trafen sie sich in einem kleinen Gastzimmer im Goldenen Halbmond. Der nahm nicht zu und nahm nicht ab, genau wie das freundschaftliche B\u00fcndnis, das die beiden Hohenpriester unver\u00e4ndert vereinigte. Sie salbten die Stunden vor dem Schlafengehen mit gottgef\u00e4lligem \u00f6l, suchten himmlisches Gold in heiligen Gespr\u00e4chen; zwei verb\u00fcndete Gottgr\u00e4ber. Denn im Grunde glaubten sie\u00a0beide an den alleinigen, unsichtbaren Herrn, den Ewigen, den K\u00f6nig der Welt. Und wenn auch geh\u00e4ssige Nachbarn versuchten, meinen wei\u00dfgewordenen Urgro\u00dfvater, meines kleinen Papas Gro\u00dfvater, ihm, nach dem l\u00e4ngst in Gott ruhenden Bischof zu beweisen, der bisch\u00f6fliche unantastbare Freund sei weiland in den h\u00f6llischen Plan des Judengemetzels eingeweiht gewesen, ohne es verhindern zu k\u00f6nnen usw. \u2013 pflegte mein emp\u00f6rter kleiner Vater, au\u00dfer sich geraten, durch das Verleuchten im Auge des Rabbunis, die b\u00f6sen Leute mit seinen kleinen aber starken F\u00e4usten zu bearbeiten. All die alten Kinderbilder vom Gro\u00dfpapa-Rabbuni waren \u00bber\u00ab ja selbst, auch seine Mutter behauptete, sie seien zum Verwechseln \u00e4hnlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Natur hatte ihn nach des Gro\u00dfpapas Antlitz verschnitten und er war sehr stolz darauf. Sechs Jahre z\u00e4hlte mein kleiner Papa und trampelte ins siebente mitten hinein. Ihn nahm seine liebe Mutter am liebsten mit zu Besuch zum lieben Gro\u00dfvater; dem sein Bart ber\u00fchrte fast schon den kleinen Teppich aus Persien, den er sich in jungen Jahren auf einer religi\u00f6sen Forschungsreise durch die morgenl\u00e4ndischen Bibliotheken mitgebracht hatte. Des kostbaren Teppichs Fransen wurden t\u00e4glich gepflegt. Wie lauter Finger vieler frommer H\u00e4nde hob ein Abendwehen bisweilen sie manchmal empor. Um den ehrerbietigen Kopf trug der heilige Gro\u00dfvater einen Turban; am Alltag einen schwarzen, einen wei\u00dfseidenen am Sabbat. Und es schmeichelte ihn doch etwas, wenn Pilger kamen aus exotischen L\u00e4ndern und ihn verglichen mit dem \u00c4u\u00dfern des m\u00e4chtigen Sultans vom Bosporus. Hingegen verhinderte er liebevoll, wenn sie sich niederbeugten, sein Gewand zu k\u00fcssen. Die V\u00e4ter meiner Urgro\u00dfeltern\u00a0meines noch kleinen Vaters Eltern-Eltern wohnten Haus an Haus in der katholischen Hauptstadt Westfalens. Ihre Kinder wurden schon in ihren Kinderjahren feierlich verlobt, um nach der Zeremonie des Gel\u00f6bnisses weiter ihre Spiele zu pflegen. Sie kletterten mit den Nachbarskindern auf \u00c4pfel- und Birnb\u00e4ume. Wenn sie sich dann sp\u00e4ter verehelichten \u2013 die Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlte, ihr wars wenigstens so gewesen, als ob sie ihren Bruder heirate. Eigentlich mochte sie den Edmund, den \u00e4lteren Bruder ihres Verlobten, viel besser leiden. Ein wildgewordener Stier, sprang ihr am Morgen ihrer Hochzeit schnaubend \u00fcber die Tierhecken G\u00e4seckes. Moritz, der gl\u00fcckliche Br\u00e4utigam, hatte sich dort ein Grundst\u00fcck gekauft, das er mit Hilfe t\u00fcchtiger Bauern beackerte. Meine Gro\u00dfmutter, meines Vaters Mama, sollte Gutsbesitzerin werden! Aber Edmund hatte blondgeringeltes Lockenhaar und schw\u00e4rmerische gelbe Augen; die schwarz\u00e4ugigen T\u00f6chter der Judenfamilie hatten sich alle in ihn schon verguckt. Der Moritz hingegen, mein Gro\u00dfvater, war ein ganzer Mann, fast zu hart im Ausdruck, ja seine k\u00fchlen Blicke trafen oft den N\u00e4chsten wie dunkle Dolche. Er duldete keinen Widerspruch und das war die einzige Untugend, die mein Urgro\u00dfvater, der milde Vater meiner Gro\u00dfmutter, gegen ihn einzuwenden hatte: Denn Gedanken und Worte weiten sich, im Horizont des freien Gaukelspiels, und verk\u00fcmmern ohne \u00fcbenden Widerspruch. Aber der verlobte junge Mann ging \u00fcber die Weisheiten seines priesterlichen Schwiegervaters verst\u00e4ndnislos hinweg. Wie die Mehrzahl seiner S\u00f6hne, Arthur Aronymus Geschwister. Von des Rabbunis g\u00f6ttlichspielender Weisheit hatte keiner von ihnen geerbt; aber seines kleinen Arthurs ungez\u00fcgeltes, urw\u00fcchsiges Temperament verglich sein Gro\u00dfvater mit der lachenden Beere an seinem Stamm. Hingegen betrachtete ihn der Vater mit den aus der Art geschlagenen schwarzen Schafen, die dem gro\u00dfen Sch\u00e4ferhund schon hin und wieder N\u00f6te bereiteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesmal lie\u00df der Vater es dabei bewenden, seines unverbesserlichen kleinen Aronymus&#8216; Lebhaftigkeit nur mit einer R\u00fcge eines ernsten Blickes zu beantworten. Denn auch seine Geschwister strebten dem Ende der d\u00fcsteren Ballade zu, allerdings mit geheuchelter Geduld \u00bbund Spucke\u00ab, dachte Arthur f\u00fcr sich, \u00bbf\u00e4ngt man eine Mucke\u00ab. Die spr\u00fchende Dora, seine \u00e4ltere Schwester, hatte sich mit ihm schon lange verst\u00e4ndigt in ihrer Zeichensprache, die nur sie beide zu entr\u00e4tseln vermochten. Die h\u00e4kelnde Regina aber sa\u00df aufgerichtet, pflichterf\u00fcllt, genau wie sie sich hingesetzt hatte, an dem gro\u00dfen Tisch und best\u00e4tigte jedesmal von neuem mit einem Kopfnicken, was der Vater erz\u00e4hlte. Elischen bl\u00e4tterte vom Beginn der Trag\u00f6die an in Goethes Hermann und Dorothea, begleitet vom Rhythmus der Dorfkirchenglocke. Auf den Scho\u00df der \u00e4ltesten Tochter, der sch\u00f6nen Fanny, setzte sich Lenchen, Arthurs Lieblingsschwesterlein. M\u00fcde legte es schon sein K\u00f6pfchen zur Seite und nur die Zwillinge, die beide \u00bbMeta\u00ab gerufen wurden, da man sie doch nicht auseinanderhalten konnte, hatten sich l\u00e4ngst zu ihrer Mutter gefl\u00fcchtet, rechts eine Meta, links eine Meta. Neben dem Gro\u00dfvater sa\u00df der liebe, leidende Alex im Krankenstuhl; und der kurzsichtige Max, Vaters Augapfel, placierte sich schon selbst stets neben dem Papa; um den Hals trug er ein Kinderlorgnon, aber verlor es immer wieder auf dem Spielplatz im Garten beim Zeichnen der Tiere im Sand. Menachem hie\u00df der \u00c4lteste!\u00a0Nach ihm kam Simeon; \u00bbGeizkragen!\u00ab schimpften ihn seine Geschwister, selbst dem Vater schien er zu materiell. Doch auch das allabendliche Dozieren seines pathetischen Julius ging ihm contre coeur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschwister belustigten sich, wenn er den Mund gro\u00df und weit, wie sich die Kinder das Maulwerk eines Gro\u00dfmoguls vorzustellen pflegten, aufsperrte. Eine gebratene Gans h\u00e4tte ohne M\u00fche hineinfliegen k\u00f6nnen. Aber der Berthold glich seinem Onkel Edmund, er hatte wie der, goldenes Lockenhaar und gro\u00dfe helle Augen und die christlichen Mitsch\u00fcler verschonten ihn. Fannys Tanzstundenfreund trat pl\u00f6tzlich in die Stube. Wenn auch nicht einem Pogrom, so war er doch Opfer einer Privatjudenhetze vor ein paar Jahren geworden. Er blickte seitdem aus seinem schwarzen wirklichen und aus einem k\u00fcnstlichen, hellblauen Glasauge; die dunklen waren alle in der Apotheke ausverkauft gewesen. Seitdem wurde er im Halbenface in Lokalen beim Glase Bier so oft f\u00fcr einen Christen gehalten, obgleich seine Nase, trotz betr\u00e4chtlicher L\u00e4nge, keinen Schaden erlitten hatte. Fanny schob ihn an Dora ab, der mitleidigen Schwester. Alle ihre Nippessachen, mit denen ein Mann eigentlich nichts anzufangen wei\u00df, hatte sie ihm fast schon geschenkt. Sie tanzte auf Padersteins Hausball beinahe zu viel mit ihm. Er wurde Mode. Elischen fand zwar, er sei viel zu wissenschaftlich f\u00fcr Dora und f\u00fcr die unkomplizierten, lachlustigen M\u00e4dchen in G\u00e4secke. Einmal lockte sie ihn durch intensives R\u00e4uspern ans Ende ihres Gartens in die Jasminlaube, wo sie ihn durch gelehrte Taktik in der D\u00e4mmerung f\u00fcr sich einfing. Hingegen Regine hatte wenig Gl\u00fcck bei M\u00e4nnern. Au\u00dferdem waren ihre H\u00e4nde rot. Der h\u00fcbsche Provisor verordnete ihr eine Kleie und\u00a0sie tauchte in die schleimige, bleichende Masse jeden Abend vorm Schlafengehen ihre wirtschaftlich begabten Finger. Eigentlich war \u00bbsie\u00ab die Frau im Haus! \u00dcberall machte sie sich was zu tun. Manchmal konnte sie ihre Sch\u00fcrze nicht finden; bebend und r\u00e4sonnierend eilte sie in den Gutsgarten, da\u00df die bunten und wei\u00dfen Pfauen aufflatterten. Am Zwetschgenbaum hing diesesmal die Sch\u00fcrze wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Gespenst pflegte sie doch bisweilen \u00fcber die Kieswege zu schleichen. Wehe, wenn sie dann den Bengel packte!! Die Regina sammelte den Honig in kleinen irdenen T\u00f6pfen und der Imker wu\u00dfte wohl \u00bbjede der Bienen hat sie gez\u00e4hlt, gezeichnet wo am Leib\u00ab. Und er f\u00fcrchtete sich weit mehr vor dem Stachel der T\u00fcchtigkeit Reginens, der Tochter seines Brotherrn, als vor der s\u00fc\u00dfsummenden Regina. Dem kleinen Lenchen, dem Lieblingsschwesterchen Arthurs, waren alle im Haus und im Garten und die Menschen im ganzen Dorf vom Herzen gut; niemand tat ihm was zu Leide. Es sa\u00df ja auch eigentlich noch mit den kleinsten Geschwistern im Nest. Nur der Bruder holte es \u00f6fters hervor und dann marschierten sie Hand in Hand an bunten Strohblumenbeeten der G\u00e4rten niedlicher, westf\u00e4lischer H\u00e4uschen vorbei ins benachbarte Dorf; brachten Gr\u00fc\u00dfe von der lieben Mutter. \u00bbNa, was macht denn eure liebe Mutter?\u00ab fragte sie die Sanit\u00e4tsr\u00e4tin Gr\u00fcnebaum. \u00bbKaffee, wenn G\u00e4ste kommen!\u00ab erwiderte mein kleiner Papa. Ganz Westfalen wu\u00dfte binnen \u00bbvorgestern\u00ab von dieser schlagfertigen Antwort des kecken Jungen und selbst der Gro\u00dfvater konnte sich eines Schmunzelns nicht erwehren, wenn er auch den vorlauten Mund seines Sohnes Arthur Aronymus tadelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem jungen Pfarrer des Dorfes und all seinen Lehrern zusammen, f\u00fcrchtete der sich nicht allzusehr wie vor seinem gestrengen Herrn Vater. Er konnte ja eigentlich nicht daf\u00fcr, da\u00df er so \u00bbdumm\u00ab war, untenan in der Klasse sa\u00df, trotzdem er im Turnen und Singen immer recht gut bekam. \u00bbEr mu\u00df doch nicht alles k\u00f6nnen\u00ab, nahm ihn seine liebreiche Mutter in Schutz, denn er war wieder sitzengeblieben. Und sie reiste mit ihrem \u00bbarmen\u00ab Jungen schnurstracks ab in ihr Elternhaus nach Paderborn. Der Gro\u00dfvater-Rabbuni lag zwar schon ein Jahr im Gew\u00f6lbe, aber eben darum bot sich ihr der triftige Grund, in ihre Heimat zu fahren, den Willen ihres frommen Vaters laut Testament: Ein Jahr nach seinem Tode, seine m\u00e4chtigen in Schweinsleder gebundenen Werke der Stadtbibliothek einzuverleiben. Das leuchtete auch Arthurs respektierenden Vater schlie\u00dflich ein. Die Mutter erinnerte sich nur noch schattenhaft an den Heiligen Abend und an das Pogrom, von dem ihres Gatten Erz\u00e4hlung handelte. Durch alle Zeitungen eilte die blutige Kunde in die Welt. Einzelne Christen gaben den Hebr\u00e4ern den gutgesinnten Rat, weniger industrielle Berufe zu ergreifen, ohne des Paragraphen zu gedenken, der den Juden den Zugang zu christlichen Lehranstalten verbot. Und Priester hungerten genug im j\u00fcdischen Volke. Aus Spanien hatte man sie fast alle schon mit ihren Gemeinden vertrieben oder sie gezwungen, zum christlichen Glauben \u00fcberzutreten. Der Gro\u00dfvater-Rabbuni betete so oft im Tempel f\u00fcr die Maranen, Juden, die man in fremde Kr\u00fcge gegossen hatte, des Henkels entledigt und deren man sich darum nicht mehr so leicht wieder bem\u00e4chtigen konnte. Da\u00df tausendj\u00e4hrige Sehnsucht doch einmal den Stein sprengen werde \u2013 und wenn auch nach Jahrhunderten,\u00a0prophezeite Arthur Aronymus&#8216; ehrw\u00fcrdiger Gro\u00dfvater-Rabbuni.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weinende spanische Juden kamen so oft zu seinem Gro\u00dfpapa und suchten Trost bei ihm. In den engen Gassen des Ghettos bildeten sie Gruppen mit der ans\u00e4ssigen Judenbev\u00f6lkerung, sich in wirtschaftlichen, vor allem in religi\u00f6sen Fragen zu einigen. Stoff war ja in \u00dcberflu\u00df vorhanden, leider mit Blut gef\u00e4rbter Stoff; ihn zu pr\u00fcfen, zu beschneiden, endlich die erl\u00f6sende Form zu entr\u00e4tseln, aller Bedr\u00e4ngten Wunsch. Manche unter ihnen trugen Flor um den Arm, besonders Ergriffene wankten in \u00e4rmliches Sackleinen geh\u00fcllt durch die Winkel des Judenviertels in den vertrauten Synagogentempel. Ihre Augen waren ausgebrannt, grau verweint, Asche. Ins Ged\u00e4chtnis stiegen diese Erinnerungen Arthurs lieber Mutter und sie weinte bitterlich, ihren kleinen Schelm an der Hand f\u00fchrend, vom Bahnhof bis vor das Haus des verstorbenen Gro\u00dfvaters. Dort brannte noch das kleine Lichtchen in der roten Glasampel \u2013 ein ganzes Jahr schon f\u00fcr seine Seele. Und Arthurs Mutter, auf den getreuen Knecht ihres Vaters weisend, erkl\u00e4rte ihrem Kinde, der passe auf, da\u00df Gro\u00dfvaters Seele nicht erl\u00f6sche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am andern Morgen schien die Sonne ganz dick. Meine Gro\u00dfmutter mit meinem kleinen Papa machten sich auf den Weg zum Friedhof. Die Mama k\u00f6nnte doch mal aufh\u00f6ren zu weinen, dachte Aronymus und machte ohne jede eigentliche Veranlassung ein paar Spr\u00fcnge, trotzdem er seiner Mutter versprochen hatte, im Heiligen Garten recht brav zu sein, leise zu sprechen und vor allem, ruhig an ihrer Seite zu schreiten. Auf einmal rief ein Kuckuck. Arthur Aronymus z\u00e4hlte ganz leise: Kuckuck! Kuckuck!\u00a0Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! \u00bbSiebenmal!!\u00ab Und dann betonte er auf westf\u00e4lisch Plattd\u00fctsch im Ton der Bauern: \u00bbGenau so alt wie eck bin, wurd&#8216; der Groatvatter. Een sch\u00f6net Alter, wat Modder?\u00ab Sie konnte nicht schelten, auch sah sie den teuren Rabbuni sich im Grabe freuen, seine heilige Seele vom blauen Himmel l\u00e4cheln, \u00fcber ihren kleinen Arthur Aronymus, seinem verh\u00e4tschelten Enkelkinde. Endlich wurde es dem klar, warum ihm die Mutter kleine Steinchen in die Tasche gesteckt hatte und sich von derselben Sorte etwas gr\u00f6\u00dfere, denn sie hob ihn in die H\u00f6he und er mu\u00dfte sie auf den oberen Rand des breiten Denksteins kunstgerecht wie ein Maurer bis in den Himmel nebeneinanderlegen. Das war sein erster ernster Bau. Zwei betende H\u00e4nde bemerkte er zwischen den\u00a0Quadern des frommen Steines eingraviert. Nach der Inschrift wollte Arthur Aronymus, aus Angst, seine liebreiche Mutter beginne wieder zu heulen, lieber nicht erst fragen. \u2013 Fast niemand an dem gro\u00dfen Eichentisch bemerkte die tiefe Bewegtheit schweben um die Schl\u00e4fen meiner Gro\u00dfmama, au\u00dfer der mitleidigen Dora mit ihren runden braunen Augen. Auf einmal fiel der Arthur Aronymus seiner Mutter um den Hals, gab ihr einen schallenden Ku\u00df auf den Mund, ein donnerndes Amen; ein unerwarteter gl\u00fccklicher Ausgang des Dramas, der selbst seinen Vater \u00fcberraschte, und er lie\u00df es damit bewenden, wie schon gesagt, eine seiner diktatorischen Brauen im Bogen zu weiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Junge hatte ja eigentlich selbst noch keine b\u00f6sen Erfahrungen mit den Christen bis heute gemacht, im Gegenteil, er konnte den flei\u00dfigen Ernst Paderstein in seiner Klasse nicht ausstehen, der sa\u00df unentwegt der Erste;\u00a0die Fl\u00fcsse in der Geographie fl\u00f6ssen alle aus seinem aufgesprungenen Mund. Der war schon so wulstig wie der seines Vaters unter dem Bart. Den Kaspar Setzdich und den Willi Himmel hatte er viel lieber, trotzdem sie ihn einmal Jud! Jud! Jud! hepp! hepp! ausschimpften, weil sie bei ihm ein Korinthenbr\u00f6tchen im Ranzen gefunden hatten und er ihnen nichts mitgeben wollte. Desto t\u00fcchtiger verhauen hat er sie! Und probierte seitdem \u00f6fters mit den gleichen Schimpfworten die Kr\u00e4fte seiner Schulkameraden und der Gassenkinder herauszufordern. Die Leute G\u00e4seckes munkelten, der Arthur Aronymus Sch\u00fcler sei ein Christenkind, m\u00f6glicherweise ein von der Amme verwechseltes Milchkind. Die Kaffeeschwestern beschnatterten die Neuigkeit im Kaffeekr\u00e4nzchen mitsammen, am Stammtisch die V\u00e4ter die interessante Anekdote. Da\u00df man das nicht schon l\u00e4ngst dem gesunden, ausgelassenen Jungen hatte angesehen! Viele streichelten ihn darum mitleidig im Vorbeigehen und fanden es k\u00f6stlich, wenn er ihnen die Zunge daf\u00fcr rausstreckte. Der Kolonialwarenh\u00e4ndler schenkte ihm aus dem gro\u00dfen Glas dicke Malzbonbons, die er so gerne a\u00df. Eines Tages redete ihn auf dem Schulweg der muntere Pfarrer an, f\u00fcr den seine Schwestern, alle durch die Bank, schw\u00e4rmten. Er schien sich zu am\u00fcsieren \u00fcber Aronymus&#8216; frische Antwort. Seine schlanke, gepflegte Hand legte er auf des Buben frischgezogenen Scheitel. Fr\u00e4ulein Paderstein kam gerade vorbei, die hagere Seniorin der Familie Paderstein, die unverehelichte \u00e4lteste Schwester des Gro\u00dfmanufakturwarenbesitzers en gros: Alfred Paderstein, und hinterbrachte auf ihrer spitzz\u00fcngigen Weise Herrn Sch\u00fcler die kuriose Auszeichnung seines Sohnes Arthur. Der alte Vater Sch\u00fcler war ja eigentlich ihr versprochen\u00a0gewesen, ihr vom Himmel ausersehener Ehegemahl. So boshaft die Kunde der verschrumpften Jungfer dem Gutsbesitzer auch \u00fcberbracht wurde, schmeichelte und besch\u00e4ftigte sie ihn den ganzen Tag. Und er begann sein von ihm bis dahin vernachl\u00e4ssigtes S\u00f6hnchen f\u00fcrder in der Landwirtschaft zu unterrichten. Arthur war&#8217;s ja ganz schnuppe, ob der gro\u00dfe Baum, an dem die Eicheln wuchsen, aus denen er und Lenchen Waagen zum Verkaufen fabrizierten, Eiche oder Tanne hei\u00dfe, oder der starke Baumstamm da gegen\u00fcber, an dem im Herbst die gr\u00fcnen Igel hingen, mit denen er und sein Schwesterchen Menagerie spielten, Kastanie oder Linde hei\u00dfe, wenn er nur an beiden heraufklettern konnte. Und wenn sich eben nur eine kleine Schleuse \u00f6ffnete, der Vater in der Lektion unterbrochen wurde, rannte sein Arthur Aronymus davon. Weit mehr interessierte es ihn ja, St\u00e4dte zu bauen mit den Kl\u00f6tzen seines neuen gro\u00dfen Baukastens, namentlich Aussichtst\u00fcrme, wie einer bei Ervitte stand. Lenchen sollte bei ihm oben in den Wolken wohnen!! \u00bbWir werden dann regnen\u00ab, versprach er dem Schwesterlein. Und er \u00fcbte sich mit den Kl\u00f6tzen seines neuen Baukastens, den Fanny ihm zur Belohnung gekauft hatte, f\u00fcr die Wache, die er vor ihrem Fenster gehalten hatte, w\u00e4hrend der Verehrer aus M\u00fcnster ihr die Cour schnitt. Oft besuchten Freier die stattliche Fanny; schon auf dem kleinen Dorfbahnhof fielen sie, ihrer Lackschuhe wegen und gro\u00dfst\u00e4dtischen, karierten Beinkleider und neumodischen Krawatte, dem Inspektor auf. Eine Kamille trug Herr Emil im Knopfloch. Aber der Schwester Gesicht sah ganz sauerrot aus wie die letzte saure Kirsche am Sauerkirschenbaum. Arthur war n\u00e4mlich zugegen, wie sich beide verabschiedeten. Er stotterte ja und sein Unterkiefer\u00a0klappte auf und zu. Dora kam hinzu und erbarmte sich seiner, denn sie brachte ihm ein Glas Tokayer. Es war zum Totlachen, wie er aus der Haust\u00fcr schwankte in Elischens Arme. Und sie stellte auch bei diesem Manne fest, er sei zu wissenschaftlich f\u00fcr ihre \u00e4u\u00dferliche Schwester Fanny. Arthur und der Kaspar und der Willy h\u00f6rten all den gelehrten Unsinn, den der Liebhaber auskramte, die belesene Schwester nicht zu entt\u00e4uschen. Am Abend beim Griesbrei nahm sich Arthur Aronymus vor, sp\u00e4ter seine Schwester Lenchen zu heiraten, damit sie nicht an einen gelehrten Mann gerate; und er schenkte ihr zu ihrem Geburtstag von seinen gesparten Pfennigen eine Porzellanpuppe und bedauerte, da\u00df sie nackt zur Welt gekommen sei. Eine ganze Reihe davon stand im kleinen Schaufenster frierend zwischen Strohk\u00f6rbchen mit Anisk\u00fcgelchen beim Kr\u00e4mer zum Kauf ausgestellt. Am Heiligen Abend vor Weihnachten kam eine Frau in weiter, nagelneuer Sch\u00fcrze in das Haus meiner Gro\u00dfeltern. Die \u00fcberbrachte einen Brief des Herrn Pfarrers, der eine Bitte enthielt. Mein kleiner, strahlender Papa sollte zur Bescherung ins Pfarrhaus kommen. Jedes Wort des freundlichen Schreibens wurde mit der Familie Paderstein gepr\u00fcft und erwogen. Man kam zum Ergebnis, des jungen liebensw\u00fcrdigen Pfarrers Einladung zu akzeptieren, ihn nicht mit einer Absage zu beleidigen, der katholischen Welt keinen Anla\u00df zu einem \u00c4rgernis zu geben und etwa ein Pogrom heraufzubeschw\u00f6ren. Mit dem Lehm an seinen derben Stiefeln w\u00e4re der Arthur Aronymus einfach am Weihnachtsabend ins Pfarrhaus gerannt, sich ausmalend die Geschenke, die seiner erwarteten. Am Zipfel seines Kittels ergriff ihn noch rechtzeitig seine erschrockene Mama im Flur des gro\u00dfen Gutshauses, s\u00e4uberte\u00a0ihn selbst, zog ihm die braunen gestreiften Samth\u00f6schen an und steckte zur Vorsicht <i>zwei<\/i> gro\u00dfe Taschent\u00fccher in seine Taschen \u2013 und einen blendend wei\u00dfen Kragen legte sie um sein ungeduldiges H\u00e4lschen, vereinte die Enden mit einer rosa Rosette, die sich eine der Schwestern von einem Hausierer gekauft hatte. \u00bbIch bin doch ein Junge, Mutter!!\u00ab Auch mu\u00dfte er sich die Z\u00e4hne schon zum \u00bbzweiten Male!\u00ab heute putzen und er gurgelte danach w\u00fctend mit dem mit Pfefferminzpasta durchgetr\u00e4nkten Wasser, da\u00df das stille Lenchen vor Vergn\u00fcgen einen Purzelbaum auf dem gro\u00dfen Teppich schlug. Nur ihr werde er mitgeben von den Zuckersachen, die er beschert bekomme. Er konnte ja \u00fcberhaupt, fiel ihm ein, nicht begreifen, da\u00df darum, weil sie Juden waren, nicht Weihnachten in ihrem Hause gefeiert wurde. Das ging so schnell wie in der Rutschbahn, als sich Arthur mit dem Sonntagsanzug auf dem Treppengel\u00e4nder herabgleiten lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Punkt f\u00fcnf Uhr stand er vor dem gelben Pfarrhaus. Der Herr Pfarrer guckte aus dem Fenster und der Arthur brauchte gar nicht erst die Schelle ziehen. Als er an seiner Hand die glitzernde Stube betrat, knieten seine beiden kleinen Nichten in der Nische vor Herrn Jesus am Kreuze. Blumen standen neben ihm auf einem Eckbrett und davor brannte eine gro\u00dfe Kerze. Die letzten Worte vom Vaterunser hatte Arthur Aronymus noch vernommen; ihm war unheimlich \u2013 aber er brauchte ja nicht weiter hingucken. Der fr\u00f6hliche Geistliche bewunderte seine gute Kinderstube, wie geziemend der wilde Junge, in angemessener Entfernung, in der Pfarrstube den leuchtenden Tannenbaum betrachtete. \u2013 Sie tranken Schokolade aus ganz gro\u00dfen Tassen mit Zuckerzwiebacken.\u00a0Aus der gr\u00f6\u00dften Tasse trank der liebe Pfarrer Bernard. Auf der war was geschrieben. Neben ihm sa\u00df Narzissa. Sie trug ein blaues Band im Haar und hatte blaue Ohrringe in den Ohren. Und die Ursula r\u00fcckte ganz nah an ihn, Aronymus, heran, um zu sehen, wer von ihnen beiden schneller ausgetrunken habe. Dann f\u00fchrte Bernard die Kinder an den mit Geschenken bedeckten Tisch. Darauf standen nebeneinander zwei Puppenstuben, ein Wohnzimmer und eine K\u00fcche und f\u00fcr \u00bbihn\u00ab auf dem wei\u00dfgescheuerten Fu\u00dfboden ein Schaukelpferd!! Am liebsten w\u00e4re er dem Onkel Bernard, wie ihn seine kleinen Nichten nannten, direkt um den Hals gefallen. Aber die beiden M\u00e4dchen fingen an zu singen in Begleitung des Herrn Pfarrers: \u00bbStille Nacht, heilige Nacht, alles schl\u00e4ft, einsam wacht &#8230;\u00ab Er sch\u00e4mte sich auch nur mitzusummen, aber als das Lied beendet war, hatte er seine Sch\u00fcchternheit \u00fcberwunden und es bedurfte keiner Aufforderung. Er sang: \u00bbO Tannenbaum, o Tannenbaum! O, o, o Tannenbaum! Wie sch\u00f6n sind deine Bl\u00e4tter. Du gr\u00fcnst nicht nur zur Winterszeit, nein, auch im Sommer, wenn es schneit &#8230;\u00ab Er sang das Lied viel besser als der Kaspar Setzdich und der Willy Himmel; wo die standen, quietschten sie den Leuten Weihnachtsstrophen in die Ohren. Und er durfte mit den kleinen Nichten vergoldete \u00c4pfel und N\u00fcsse und vom leckeren Spekulatius des Christbaums pfl\u00fccken. Auf einmal bog die kleine Ursula einen Zweig zu sich herab, im Glauben, der Onkel sehe es nicht, um die prachtvolle rote Glasschaumkugel zu stibitzen, als sie schon einen Klaps weghatte und der Herr Pfarrer sie r\u00fcgte: \u00bbDu willst doch nicht etwa ein kleines Judenm\u00e4dchen werden? &#8230;\u00ab\u00a0An diesem Teufel, der seinem keuschen Munde entschl\u00fcpfte, litt der Priester eigentlich sein ferneres Leben lang. Selbst seinem Heiland vermochte er keinerlei Rechenschaft zu geben, wer die giftige Muschel einer l\u00e4ngst vererbten und verebbten Quelle an den Strand seiner Lippen gewissenlos zu schleudern sich erfrechte! Er hatte ja den Jungen, den kleinen Arthur Aronymus, vom Herzen lieb und er mu\u00dfte sich eingestehen, er bevorzugte ihn selbst vor den ihm anvertrauten Schafen seiner Gemeinde, trotzdem er im Programm seiner theologischen Laufbahn bis vor kurzem noch jede Bevorzugung gewissenhaft vermied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie tief er das jauchzende Herz des kleinen Knaben getroffen haben mu\u00dfte, zeigte dessen ratloses, rundes Knabengesichtchen. Nach Hause zur Mutter wollte er partu! Schlie\u00dflich schwang er sich entschlossen in den Sattel des h\u00f6lzernen Rappen, spornte ihn an und ritt im Galopp, trotzig, ohne sich weiter umzudrehen, davon! Aus dem Weihnachtssilbergew\u00f6lk des geschm\u00fcckten Baumes holte der betroffene Priester den heiligen Wachsengel im Sternenkleid \u2013 \u00bbf\u00fcr Lenchen\u00ab, Arthurs Schwesterchen. Mit ihm trat Arthur in sein Elternhaus, wissend, warum Vater und Mutter nicht Weihnachten feiern und er und seine Geschwister von ihnen keine Pr\u00e4sente bekommen; und die Padersteins auch keinen Baum kauften auf dem Markt um die Kirche, wo noch Tannenzweige herumlagen und allerlei zertretener Baumschmuck. Die Gedanken hinter seiner Kinderstirn, die sonst unbek\u00fcmmert herumtummelten, hatten auf einmal alle pechschwarze, feierliche R\u00f6cke an und konnten sich nur m\u00fchevoll weiterschleppen, \u00e4hnlich wie der arme Hausierer, der aus Galizien stammte, mit den Locken an den beiden\u00a0Seiten unter dem flachen Hut. Ja, er war ihm auf einmal gut. Wie kam das? Bis jetzt pflegte er ihn doch immer auszulachen mit Kaspar und Willy. Und er heuchelte und log zum erstenmal im Leben, da er lachend seiner Mama um den Hals fiel und im Herzen bitterlich weinte. Nachts tr\u00e4umte er von der Stadt Paderborn, wo sein Gro\u00dfvater-Rabbuni gelebt hat. Dem vertraute er sich im Traume an. Sie gingen beide durch die alten Stra\u00dfen der alten Kaplanstadt, manchmal gebeugt, manchmal machten sie sich ganz d\u00fcnn: schoben \u00e4hnlich wie seine beiden H\u00e4nde zu tun pflegten beim Aufbauen der bemalten Kl\u00f6tze, durch die schmalen H\u00e4userreihen der westf\u00e4lischen Residenz. Fronten ohne innere R\u00e4ume wuchsen \u00fcberall aus der Erde, eine an die andere vorbei, und wenn der Gro\u00dfvater mit ihm durch eine der Haust\u00fcren wollte, fielen sie, plumps! in ein weites Loch. Au\u00dferdem die Giebelnasen, die ihnen Fratzen zuschnitten, und alle die spitzen T\u00fcrmchen, die ihnen drohten auf die K\u00f6pfe zu fallen! Als er aufwachte, sa\u00dfen seine Schwestern im Kreis um sein schlichtes Bettchen. Er mu\u00dfte vom gestrigen Heiligen Abend beim \u00bbsch\u00f6nen\u00ab Pfarrer erz\u00e4hlen. Fanny wie Dora haben es nicht erwarten k\u00f6nnen, selbst Regine und das gelehrte Elischen auch nicht l\u00e4nger. Keine Streitigkeiten zwischen den T\u00f6chtern heraufzubeschw\u00f6ren, lie\u00df ihre Mutter den G\u00e4rtner den gro\u00dfen Rosenstrau\u00df in der artigen Papiermanschette, von der Familie Sch\u00fcler, Herrn Pfarrer h\u00f6flichst \u00fcberbringen. \u2013 Kurz nach dem Feste verlobte sich Fanny, die \u00e4lteste Tochter der Eltern, Arthur Aronymus&#8216; gro\u00dfe Schwester. Und ihre Freundinnen bewunderten ihren geschmackvollen Verlobungsring mit dem roten Granat in der Mitte. Regine erhielt von ihren Eltern einen Nerzkragen zur Entsch\u00e4digung;\u00a0Elischen einen B\u00fccherschrank aus Rosenholz und Dora eine kleine perlenbestickte Pelerine. Das arme D\u00f6rken, es konnte nicht mehr ruhig auf seinem Stuhl sitzen, es hatte den Veitstanz. Der Doktor zwar tr\u00f6stete die Eltern: das k\u00e4me in \u00bbden\u00ab Jahren \u00f6fters vor, und verschrieb ihr Baldriantropfen, dreimal t\u00e4glich 25 in einem halben Glas voll Wasser zu nehmen, und er verordnete dem M\u00e4dchen einen bes\u00e4nftigenden Tee aus Lindenbl\u00fcten, Fenchel und Kamille. Sie war \u00fcberhaupt so komisch geworden, die Dora, verglotzte die Augen und betete die halbe Nacht. Immer begann sie von neuem wieder zu flehen, im Glauben, sie habe irgend eines der Geschwister zu nennen vergessen. Auch litt sie an fixen Ideen, schnappte Arthur Aronymus einmal von den \u00e4lteren Br\u00fcdern auf. Immer b\u00fcckte sie sich ein-, zwei-, dreimal mit dem wackelnden K\u00f6rper, bevor sie auf der Wiese im Garten ein G\u00e4nsebl\u00fcmchen oder eine Butterblume abpfl\u00fcckte. Elischen nahm Dora ins Gebet. Die beichtete ihr, da\u00df, wenn sie sich nicht dreimal b\u00fccke, bevor sie eine Blume abbreche, w\u00fcrde \u00bbAlex\u00ab sterben. Elischen erkl\u00e4rte ihr genau wie ein Doktor der Medizin den wahnsinnigen Aberglauben ihrer wahnsinnigen Handlungen und trieb ihr zu guterletzt mit einer Ohrfeige den Teufel aus. In Paderborn war&#8217;s an der Tagesordnung, Teufel auszutreiben. Hexen wurden verbrannt oder eingemauert. Und der Veitstanz war ein von D\u00e4monen besessenes Gesch\u00f6pf. Und mit Vorliebe plazierten sich die b\u00f6sen Geister in jungfr\u00e4uliche Judenleiber. Darum durfte sich Dora nicht mehr, selbst im eigenen Garten, sehen lassen; andauernd passierten ihn die Einwohner G\u00e4seckes. Schon viel zu viele hatten sie beobachtet, wie sie hin und her tanzte. Ernstlich fragte man die Dienstboten aus bis zur Melkerin und\u00a0Kuhhirten des Gutshauses, ob die Dora wirklich \u00bbGlas\u00ab esse und \u00bbFeuer\u00ab schlucke? Und sie f\u00fcrchteten sich schlie\u00dflich vor dem b\u00f6sen Blick des armen gutherzigen M\u00e4dchens. Zu sp\u00e4t kam es den erschrockenen Eltern zu Ohren, da\u00df ihr Kind denunziert worden sei, und zwar von geh\u00e4ssigen Neidern, gerade von den Leuten G\u00e4sekkes, die sich das Fallobst vom Rasen im Gutsgarten im Herbste sammeln durften. Die Christen in G\u00e4secke freuten sich schon auf die weihnachtliche Sensation, \u00bbauf Dora auf dem Scheiterhaufen\u00ab. Ein Witzbold hatte behende ein Liedchen daraus ersonnen. Erst eine einzige Hexe hatten sie verbrennen sehen, nicht weit von ihrer Heimat. Und mancher der Dorfbewohner eilte ungeduldig in diesem Jahre schon lange der Weihnacht entgegen. Im Gutshause aber war man noch zu keinem annehmbaren Resultat gelangt, die Katastrophe, die ihrem Hause bevorstand, aufzuhalten; der Vater noch die Mutter, noch Padersteins, auch Verwandte, die man benachrichtigt hatte, versagten. Gemeinsam \u00fcberlegten sie oft bis tief in den N\u00e4chten des verhangenen Wohngemachs, als zum erstenmal der junge Pfarrer sich ungerufen melden lie\u00df, das weite Terrain meiner Gro\u00dfeltern betrat. Wie ein junger Konradin, selbstherrlich, blau\u00e4ugig, schritt er ger\u00fcstet, doch mit \u00bbgeistlichem\u00ab Stahl, die hohe Freitreppe des alten Gutshauses empor. Arthur hatte ihn \u00fcber einer Steinzacke des Daches Arabeske aus, kommen sehen und lauschte durch das Schl\u00fcsselloch der noch abf\u00e4rbenden, neu angestrichenen Doppelt\u00fcr, die einen kleinen Nebenraum mit dem geselligen verband. Die olle Paderstein sa\u00df neben der Mutter auf dem Kanapee und r\u00e4usperte sich ab und zu und ihr fetter Truthahn stolzierte vor dem Kamin auf und ab, bl\u00e4hte sich auf, als ob\u00a0er auch mal gern ein Ei legen m\u00f6chte. Der bunte Zipfel seines gro\u00dfen Schnupftuches hing wieder aus seiner Buchsentasche, im hohen Bogen \u00fcber dem Podachs. Immer schielte er auf die gro\u00dfen Zigarren in der Kiste seines Herrn Vaters. Darin hatte Simeon ganz recht, da\u00df die ihm \u00bballzu\u00ab gut schmeckten. Endlich erkannte Arthur Aronymus zwischen den schluchzenden, gleichm\u00e4\u00dfigen Litaneien der sich beratenden Gesellschaft des lieben Pfarrers ermunternde Stimme. So feierlich kam die ihm heute vor, \u00e4hnlich so hell wie auf ihren gemeinschaftlichen Spazierg\u00e4ngen vor dem Dorfe. Ja, er l\u00e4utete geradezu: \u00bbBim, Bam, Bim, Bam, Bim Bam\u00ab, bevor er zu meinem Vater sagte: \u00bbLassen Sie Ihren Sohn Arthur Aronymus im katholischen Glauben erziehen. Mit diesem dem\u00fctigen Entgegenkommen in Jesu geheiligtem Namen brechen Sie ein f\u00fcr allemal\u00ab, betonte er, \u00bbjeder Gefahr, die Ihrer jungen Tochter Dora dr\u00e4ut, die Spitze ab.\u00ab Arthurs ver\u00e4ngstigte, gequ\u00e4lte Mutter, beinahe schon einverstanden, fiel der Vater, sich feierlich erhebend, mitten ins Wort: \u00bbHerr Pfarrer\u00ab, begann er zu sprechen mit einer Hoheit in der Geb\u00e4rde, wie sie h\u00f6chstens noch dem f\u00fcrstlichen Vater seiner Mutter, dem Rabbunivater, zu eigen war, \u00bbHerr Pfarrer, gestatten Sie mir, Ihnen in unser aller Namen f\u00fcr Ihren ebenso sinnigen wie gutgemeinten Vorschlag unseren Dank auszusprechen. Leider zwingen mich aber folgende Umst\u00e4nde, denselben mit respektvollstem Kompliment von der Hand weisen zu m\u00fcssen. Ich wie mein Vater noch meines hochseligen Vaters hochseliger Vater und dessen V\u00e4ter, V\u00e4ter, V\u00e4ter, noch die V\u00e4ter Frau Henriettens, meiner Gattin, in Gott ruhenden V\u00e4ter, pflegten auf direktem Weg zu Gott zu gelangen, und ich sollte Seinem Sohne meinen noch unm\u00fcndigen Sohn auf Umwegen zuf\u00fchren lassen? Der Herr beh\u00fcte uns vor allem B\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann beobachtete Arthur Aronymus ganz genau, wie sich der Vater zu seiner Mutter neigte, sie auf die wei\u00dfe Stirne k\u00fc\u00dfte. Das war gewi\u00df das Werk der N\u00e4chstenliebe, von dem so oft der Bernard sprach. Denn so was Liebes, einer zum anderen, hatte er noch nie bisher erlebt. Und die Padersteins heulten ja beide! Aber der Bernard war auf einmal gar nicht mehr in der Wohnstube? Instinktiv eilte Arthur auf seinen Siebenmeilenstiefeln davon, \u00fcberholte den ergriffenen Freund auf dem Heimweg zum Pfarrhaus und dr\u00fcckte ihm unversehens sein kleines Metallpfeifchen, dessen schriller Ton die Einwohner G\u00e4seckes aufschreckte, seinen Talisman am hellgr\u00fcnen Bande, eine kostbare Reliquie, in die herabh\u00e4ngende schlanke Hand. Genau wie im Rahmen der M\u00f6nch im Weihnachtszimmer des Pfarrhauses, sah sein Bernard aus! Ihm war sicher wie jenem der Schutzengel der Kinder erschienen &#8230; Von ihm erz\u00e4hlte die Mutter so oft. Die f\u00fchlte sich, und wu\u00dfte es selbst nicht aus welchem Grunde, von der furchtbaren Last, die wie ein M\u00fchlstein auf ihrem Herzen lag, endlich befreit. Auch dem Vater erging es wie ihr und das bemerkten die beiden Padersteins wohl, denn sie umarmten meine gepr\u00fcften Gro\u00dfeltern und nach ihnen ihren Sohn, den langen Hugo, der immer wie ein Bindfaden pl\u00f6tzlich durchs Schl\u00fcsselloch kam. Aber wie der Vater sich ver\u00e4ndert hatte \u2013 er sah ja genau wie Jakob aus auf dem Bilde im Religionsbuch. Dabei hatte der ja nur zw\u00f6lf S\u00f6hne gehabt und der Herr Vater fast zwei Dutzend Kinder in die Welt gesetzt; unter ihnen sogar T\u00f6chter wie \u00bbdie sch\u00f6ne Fanny\u00ab. So r\u00fchmte der dicke Apotheker oft die \u00e4lteste Schwester. Er, Arthur, fand ja nur sein Lenchen sch\u00f6n, aber heute abend erschienen ihm seine s\u00e4mtlichen Schwestern hinter seinen m\u00fcden Augenlidern, rosa Rosetten zwischen den Schultern seiner Br\u00fcder. \u2013 Und sein Vater erw\u00e4hlte einige aus der Schar seiner 23 Kinder zu Kundschaftern. Zun\u00e4chst den vern\u00fcnftigen \u00e4ltesten Sohn, Menachem, und dessen junge Frau und den feinen Berthold und Ludwig und den wohlgen\u00e4hrten Albert und zwei von den j\u00fcngeren Br\u00fcdern. Und von den T\u00f6chtern, Fanny-Deborah, Regine-Naemi und das Elischen und au\u00dferdem noch Padersteins schlauen Hugo. Und sie machten sich auf den Weg, schritten behutsam durch die dunklen Dorfgassen G\u00e4seckes und beschlichen das kleine, friedliche Pfarrhaus. Die liebe Petroleumlampe brannte auf Bernards Tisch und ein befriedigtes, friedvolles L\u00e4cheln spielte um seine Lippen. Der lange Hugo, der, auf den Zehen stehend, die ruhige Stube \u00fcberblicken konnte, beobachtete, wie der Pfarrer seinen m\u00e4chtigen Schreibebogen sorgsam faltete, ihn in ein Kuvert steckte und versiegelte. \u00bbEs war eine gewichtige Urkunde!\u00ab &#8230; beteuerte Hugo Paderstein immer wieder den aufhorchenden Geschwistern \u2013 doch \u2013 im Nu sprangen sie alle auf einmal \u00fcber die Rosenhecke, sich zu verstecken hinter der R\u00fcckseite des kleinen gelben Geb\u00e4udes. Elischen lie\u00df ihr halbes Beinkleid in den Dornen zur\u00fcck. Denn der entschlossene Herr Pfarrer hatte seinen schwarzen Kragen umgelegt und war im Begriff, seine Pfarre zu verlassen; der Postillon tutete schon das zweitemal durch sein verstimmtes Horn &#8230; Wenn auch Tage, die nicht enden, und N\u00e4chte, die nicht schlafen konnten, dem denkw\u00fcrdigen Abend im Elternhause Arthur Aronymus&#8216; folgten, so waren dennoch seine Eltern \u00fcberzeugt von seinem guten Resultat. Und doch wohl schon das hundertste Mal, da die liebe Mutter, beobachtete ihr Arthur kopfsch\u00fcttelnd, aber heimlich, sehr tief seufzte, \u00e4hnlich wie die schneewei\u00dfe Kuh, der man ihr K\u00e4lbchen genommen hatte. Doch die \u00e4ltesten Br\u00fcder erwogen so mancherlei: Julius&#8216; dicke Augen kugelten manchmal \u00fcber die Seiten im Werke des Altmeisters. Er hatte eine Idee: der Vater tue gut, dem Kloster der Heiligen Veronika auf der Anh\u00f6he vor Paderborn ein Geldpresent zu frommen Zwecken zu stiften. Nicht ohne \u2013 dachte der Vater. Man las seine Zustimmung im erw\u00e4genden Ausdruck seiner Mienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Simeon erhob sich unwirsch, protestierte entschieden dagegen und beeinflu\u00dfte das Urteil der anderen gro\u00dfen Geschwister. \u2013 Fannys Hochzeit wurde verschoben. \u00bbWillst du etwa\u00ab, r\u00fcgte der Vater sie, \u00bbHochzeit feiern in einem Trauerhause, M\u00e4dchen?\u00ab Fanny wurmte sich und doch f\u00fchlte sie sich als sch\u00f6ne M\u00e4rtyrerin. Regine strickte nachdenklich schon Wochen an ein und demselben Strumpf, ohne es zu bemerken, f\u00fcr sie hing der Schwester Scheiterhaufen noch sehr in der Schwebe. Vorigen Sonntag hatte sie sich Doras perlengestickte Pelerine seufzend um die Schulter gelegt, sp\u00e4t unter dem Vollmond Atem zu sch\u00f6pfen. Elischen sa\u00df in der Zeit an Doras gebl\u00fcmtem Himmelbett. Die kranke Schwester f\u00fcrchtete sich n\u00e4mlich vor Gespenstern. Dann kam aus Lippstadt die gro\u00dfe Kapazit\u00e4t \u2013 \u00bbein Professor \u00fcber 250 unheilbare Kranke\u00ab, erz\u00e4hlte Arthur Aronymus und sein geistlicher Freund schlug staunend die H\u00e4nde zusammen und beteuerte wichtig: \u00bbNa, der wird sicher deine Schwester Dora kurieren!\u00ab Mit leuchtenden verhei\u00dfendblickenden\u00a0Kornblumen betrat der Pfarrer Bernard das weite Heim seines kleinen Spielgef\u00e4hrten und traf die Familie Sch\u00fcler nebst Kindern und Freunden wieder in der Wohnstube versammelt. Den \u00e4ltesten verheirateten Sohn riefen Pflichten daheim zur\u00fcck und Simeons und Julius&#8216; Semester hatten begonnen in der Universit\u00e4t der Reichshauptstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fannys Br\u00e4utigam wollte auch nicht l\u00e4nger warten; in der kleinen Synagoge wurden sie getraut und fuhren dann den Rhein herunter bis Aachen. Dort beabsichtigten sie, das Schlo\u00df Kaiser Karls zu besichtigen. Die gro\u00dfe Fanny hatte Angst gekriegt pl\u00f6tzlich vor der Hochzeitsreise und Max und Lenchen sollten mit, erz\u00e4hlte Aronymus, S\u00fc\u00dfholz kauend, dem Willy und dem Kaspar: \u00bbEck mach&#8216; meck jo n\u00f6mmes aus d\u00e4m langweeligen Rhein, wenn&#8217;s noch Regensburg am Regen war, so een St\u00e4dtken h\u00e4tt eck meck gern ens angegickt.\u00ab \u2013 Anwesend waren also noch neunzehn leibliche Kinder und dazu ein Enkel: der neunj\u00e4hrige Oskar, der \u00e4lteste Sohn Menachems, der Neffe des ein Jahr j\u00fcngeren Aronymus, au\u00dferdem der Lange Hugo, Padersteins hoffnungsvolles Riesenfr\u00fcchtchen, und der neue Volont\u00e4r des Gutes: Herr Filligrand. Er pflegte immer seinen Namen franz\u00f6sisch durch die Nase zu ziehen. Und es erhoben sich der Herr Vater und die Frau Mutter mit den Kindern und G\u00e4sten zu gleicher Zeit, als der Pfarrer freudig erregt im Rahmen der T\u00fcr erschien. Arthur Aronymus&#8216; bebende Mama lie\u00df den gro\u00dfen L\u00f6ffel, mit dem sie im Begriff war, eine Anzahl Gl\u00e4ser mit Limonade zu f\u00fcllen, wie einen silbernen Fisch in die gl\u00e4serne Terrine plumpsen. Aber der Vater nahm die gewichtige Rolle mit beherrschter, verhaltener Freude aus den H\u00e4nden des hohen Boten und Arthur Aronymus staunte, wie \u00bbder Vatter\u00ab sich auch in freudigen Augenblicken zu z\u00fcgeln verstand. Aber dann schimmerten gro\u00dfe Wassertropfen in seinen k\u00fchlen Augen und \u00fcberzogen sie mit Sonne! \u00bbFrau Mutter, lesen Sie, lesen Sie.\u00ab Er nannte die Mutter immer: \u00bbSie\u00ab bei feierlichen Anl\u00e4ssen. \u00bbLesen Sie!\u00ab Aber der Mutter zitternde H\u00e4nde vermochten die begl\u00fcckende Kunde nicht ruhig zu halten und die neunzehn noch anwesenden Kinder, unter ihnen die vierj\u00e4hrigen Zwillinge: Meta, konnten doch auf einmal lesen \u2013 \u2013 standen um Vaters und Mutters Scho\u00df und entzifferten klipp und klar, was der Bischof aus Paderborn, \u00bbeigenh\u00e4ndig\u00ab, betonte Bernard, geruhte, der Christenheit zu verk\u00fcnden. Jeder Satz begann mit einem ganz gro\u00df gemalten Buchstaben und endigte mit einem Punkt wie ein Kreis so rund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst beim kr\u00e4chzenden Kikeriki erwachte mein kleiner Papa. Seine Geschwister, bis zur allerkleinsten Schwester, standen schon zum Aufbruch bereit an der Gartenpforte. Und er selbst h\u00e4tte doch beinahe nicht mehr daran gedacht, da\u00df sein Bernard der Gemeinde G\u00e4seckes und den benachbarten D\u00f6rfern und Flecken den Hirtenbrief seines Bischofs \u2013 vielleicht \u2013 schon angefangen habe \u2013 vorzulesen. In die unmodernen Buchsenbeine seines Neffen Oskars stieg er irrt\u00fcmlich in der Eile und wieder ging&#8217;s \u00fcber die Rutschbahn des Treppengel\u00e4nders, verflucht und zugen\u00e4ht!! Im Galopp per pedes zum katholischen Marktplatz. Gerade trat sein gro\u00dfer Freund aus der kleinen, alten Kirchent\u00fcr, verharrte sinnend auf der obersten Stufe der grauen, morschen Steintreppe, in der Hand das kostbare Schreiben des hohen Hirten an seine Schafe. Er schwang die gewichtige Rolle mit besonderer Wucht \u00fcber die K\u00f6pfe seiner Herde, die sich auf sein Gehei\u00df versammelte, schon im Fr\u00fchgel\u00e4ute. Mein kleiner Papa angerast, bemerkte seine Eltern Hand in Hand bange lauschend hinter einer der Obstbuden, die schon aufgestellt wurden immer den Tag vorher f\u00fcr den Mittwochmarkt. Der Vater trug seinen grauen Bratenrock und die noch hellgrauere Samtweste und sein braungestreiftes Sabbattuch um den hohen Kragen gebunden; und den vornehmen grauen Zylinder hatte er sich aufgesetzt und die Mutter sich ihren Samt\u00fcberwurf angezogen mit den langen Fransen. Noch bevor Bernard die Predigt aufrollte, blitzte es auf einmal aus der dunklen, kalten Novemberwolke so unheimlich und unerwartet \u2013 selbst der Gendarm f\u00fcrchtete sich; und der Herr Pfarrer deutete den erschrockenen abergl\u00e4ubigen Leuten das Naturereignis, wie der Bruder Julius sp\u00e4ter erkl\u00e4rte, \u00bbgradezu monumental!\u00ab Niemand der Versammelten zweifelte, da\u00df der Himmel sich mit Seiner Gnaden dem Bischof verb\u00fcndet habe und aus dem Munde des hohen Hirten spreche. Arthur und seine Freunde hatten zwar verstanden, da\u00df der Bischof aus dem Munde des Himmels zu seinen Schafen geredet habe und sie ermahnte mit einem Donnerschlag: \u00bbIch gr\u00fc\u00dfe Euch mit sorgendem Herzen im Namen Jesu Christo, meine irregeleiteten, vom Wege geratenen Schafen und ermahne Euch, Vernunft anzunehmen und nicht weiter zu beharren in Eurer S\u00fcnde Aberglauben. \u2013 Noch ist es Zeit,\u00ab las Bernard und blickte \u00fcber die vielen K\u00f6pfe; \u00bbnoch ist es Zeit zur Reue und Bu\u00dfe, meine armen Kinder, um deren Seelenheil Ich \u2013 schreibt der Bischof \u2013 unabl\u00e4ssig schwerste Sorge und Verantwortung im Herzen trage. Wehe Euch, im Namen Jesu Christo Eure b\u00f6se Lust zu stillen am Feuertode an Schwestern unseres lieben, seligmachenden\u00a0katholischen Glaubens noch an Schwestern aus dem alten Hause Israels. Vergesset nicht in Eurem schwarzen Hasse, da\u00df unser Heiland Jesus Christus selbst ein Jude war, dem Blute Davids entsprossen. Mit tausend Zungen werde ich dem Himmel jedes Frevlers S\u00fcnde verk\u00fcnden und seine Seele brate bis zum j\u00fcngsten Tag!!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum kehret in Euch, Ihr schwarzgewordenen Schafe. Lasset ab! Lasset ab! Zum dritten Mal: Lasset ab von der S\u00fcnde um Jesu Christo willen, unserem Herren!&#8230; Et vos igitur nunc quidem tristitiam habetis, iterum autem videbo vos, et gaudebit cor vestrum: et gaudium vestrum nemo tollet a vobis. So habt Ihr jetzt zwar Trauer, aber ich werde Euch wiedersehen, Euer Herz wird sich freuen &#8230; und Eure Freude nimmt niemand von Euch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schon blitzte es wieder, so hell von allen Seiten, bis der ganze katholische Kirchplatz in bengalischem Fegefeuer stand. Und die ermahnten bebenden Menschen sanken in ihre Kniee, auch Arthurs Mutter in ihrem weiten Reifrock. Nur der Vater stand aufrecht, aber er wischte sich die Schwei\u00dftropfen von der Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Wiesen bl\u00fchten wieder die duftenden M\u00e4rzveilchen; die Kinder pfl\u00fcckten die Lieblingsblumen ihres Vaters und stellten sie ihm in einem Glase auf seinen Schreibpult. Er pflegte seinen S\u00f6hnen und T\u00f6chtern, seitdem ihm der Allm\u00e4chtige so g\u00fctig beigestanden hatte, des \u00f6fteren Kapitel aus der biblischen Geschichte vorzulesen. So sch\u00f6n und spannend wie der Gro\u00dfvater-Rabbuni zu erz\u00e4hlen verstand, dachte Arthur, kann der Vater es nicht. Dieses Jahr fiel auf den 28. M\u00e4rz das Ostern der Juden; und in der Speisekammer, auch schon im Buffet\u00a0lagen Pakete mit unges\u00e4uertem Brot. Die liebe Mutter hatte ihrem Aronymus schon im voraus so einen schmackhaften runden Mehlkuchen mit Honig bestrichen, zum Knuspern heimlich am Morgen, mit auf den Schulweg gegeben. Seitdem stand er immer so etwas verlegen neben dem gro\u00dfen Speiseschrank und schielte abwechselnd auf die Mutter und auf die verschlossene Lade. Der Auszug der Kinder Israels aus \u00c4gypten imponierte ihm gewaltig und er konnte den Abend vor dem Ostertag kaum erwarten. \u00bbMorgen ist J\u00fcdisch-Ostern\u00ab, vertraute er seinen beiden kleinen Schulkameraden an. Die neckten ihn nicht mehr deswegen, da sie wu\u00dften, da\u00df der geschiedene Pfarrer Bernard dieses Brot auch nicht verachtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Gnaden der Bischof hatte den Neffen in Christo l\u00e4ngst an den Dom von Paderborn gerufen. Und schon ein Jahr lebte der junge Geistliche fern von Hexeng\u00e4seckes blumigen Pfaden hinter allen Tierhecken, wei\u00dfen und roten. Doch ein Handwerksbursche, ein geb\u00fcrtiger G\u00e4seckeianer, behauptete felsenfest, den Pfarrer in Rom im Sankt Petri gesehen zu haben. Neben dem Papst habe er gesessen und \u2013 Bernard w\u00fcrde sein Nachfolger werden. Aber der reiste mit seinem Bischof ein wenig durch die St\u00e4dte und D\u00f6rfer Westfalens, die Gemeinden zu besuchen, \u00c4mter zu verteilen und Anerkennungen, aber auch die Reichen zu ermahnen und \u2013 \u00bbZeit wird es\u00ab, betonte der Bischof, \u00bbden Aberglauben endlich mit der Wurzel auszurotten.\u00ab Arthur Aronymus&#8216; Mama sa\u00df am hohen Bogenfenster und n\u00e4hte Hemdchen und H\u00f6schen f\u00fcr ihre Kleinsten; flickte die vielen L\u00f6cher in den Hosen der Jungens, und im Korb neben ihr lagen unz\u00e4hlige buntgeringelte Str\u00fcmpfe. Sie bemerkte zwei gro\u00dfe\u00a0Gestalten durch das Tor in den Garten schreiten; schon d\u00e4mmerte der Vorabend des jubelnden Passahfestes. Die Kinder spielten noch mit den Jungens und M\u00e4dchen des Dorfes in ihrem gro\u00dfen Garten. Sie legten Reisig \u00fcbereinander und fluchten und speiten aus wie die Fuhrleute Westfalens. Den Zaun entlang tanzte der kleine Arthur Aronymus mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen wie die krank gewesene Schwester Dora. Er hatte sich in eines ihrer Kleider heimlich gesteckt und ihren Hut trug er mit dem Kleeblumenkranz und den langen Samtb\u00e4ndern. Der Bischof und sein junger Begleiter hielten sich hinter den grau gewordenen Herbsthaaren der Weide verborgen, beobachteten so das Spiel der Kinder. \u00bbWie die Alten gesungen, so zwitschern die Jungen.\u00ab Der Oskar versicherte den Spielgef\u00e4hrten, sein Neffe, der Aronymus, verstehe am interessantesten die Hexe zu spielen. Er selbst trug eine Schnur um den Leib geschlungen und an der hing ein Kreuz aus Stengeln des Hagebuttenstrauchs gebogen; eine zerquetschte klebte noch am weichen Holz, ein Tropfen geronnenes Rosenblut. Und nachdem die Schar der Henker die \u00bbDora\u00ab an die Brandst\u00e4tte gezerrt hatten, tanzten sie um ihr Opfer einen Teufelsreigen: \u00bbIne wine wink pank tink tank ose wose wacker dir eier weier weg!\u00ab Vorher aber hielt der finstere achtj\u00e4hrige M\u00f6nch der b\u00f6sen Hexe sein gro\u00dfes Kreuz zum Kusse dar und geleitete nach der \u00fcblichen Weihe die B\u00fc\u00dferin auf dem letzten Weg zum Scheiterhaufen. Ihn wirklich anzuz\u00fcnden, traute sich keines der Kinder. Der heulenden Hexe aber, dem dampfenden Arthur Aronymus, wurde das Spiel \u2013 mit dem angeblichen Feuer \u2013 etwas zu hei\u00df und er setzte mit einem k\u00fchnen Sprung \u00fcber die K\u00f6pfe der schm\u00e4henden Spielgef\u00e4hrten und nun begann erst das richtige Vergn\u00fcgen, los im Galopp \u00fcber die Rasen, \u00fcber die herbstlichen Beete mit einem Get\u00f6se der stampfenden, n\u00e4gelbeschlagenen Kinderstiefeletten, da\u00df die Katzen aus den Kellerl\u00f6chern gelaufen kamen. Ein Gl\u00fcck, da\u00df der Herr Vater mit dem Herrn Apotheker im kleinen Bahnhofsraum sa\u00dfen und Lotto spielten. \u00bbVor dem Vater hat er gro\u00dfe Angst,\u00ab fl\u00fcsterte Bernard dem Bischof ins Ohr. \u00bbAber Zeit wird es wahrlich, da\u00df Euer Gnaden aufr\u00e4umen werden.\u00ab Der war allerdings heute selbst Augenzeuge des grotesken Schauspiels in miniature gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nur das ungest\u00fcme Lachen der unschuldigen Kinder hinderte seine Gnaden, den Ernst des kindlichen Spieles zu erfassen. Solch einen Spa\u00df wie heute hatte die Schar bisher noch nicht erlebt. Ihr junges Tausendlachen wirkte ansteckend und setzte das Zwerchfell des Bischofs in st\u00fcrmische Bewegung. Sich am Arme Bernards festhaltend, trat der hohe geistliche Herr zwischen den \u00c4sten des gottalten Baumes hervor. \u00bbNa, na, na, na, na, mein lieber gestrenger Sohn in Christo, Euer Bischof ist beileibe nie ein Lachver\u00e4chter gewesen, darum verzeihet ihm, Eurem alten geistlichen Bruder, da\u00df er mittut, zumal aus dem Herzen des Kindes des Lachens Quelle entspringt \u2013 und \u2013 wer wei\u00df, wie bitter sie des \u00f6fteren \u2013 m\u00fcndet.\u00ab Das war so recht sein Bischof, dachte Bernard und er h\u00e4tte ihn am liebsten f\u00fcr seine weisen, jovialen Worte umarmt, aber \u00bbdie Blagen\u00ab, wie man im Westfalenlande die Kinder zu nennen pflegt, mu\u00dfte er seinem Bischof, dem gr\u00f6\u00dften Kinde, alle herbeiholen. Seine liebe Not hatte er, die temperamentvolle Hexe Dora einzufangen, seinen Wildfang von Freund, den kleinen Arthur Aronymus. Auf den Armen, lebendig aber, brachte er\u00a0ihn Seiner Gnaden Lavater von Westfalen. Schon watschelten die M\u00e4gde des Gutshauses, von Frau Sch\u00fcler gesandt, herbei, zu sp\u00e4hen, wer die beeden versp\u00e4teten fremden Stat\u00fcen seien, die bei Neit on N\u00e4bel seck in den Gutsgarten verirrt tu haben schienen? Und die Kinder schleppten sie einfach auf ihren Schultern aufgeladen wie Fuhren ins Haus. \u00bbGebaden m\u00fcssen die Ferkels werden, om schmuck teiltun\u00e4hmen am h\u00fctigen Pesahowend.\u00ab Aber als die Mutter vernahm, der Herr Pfarrer sei gekommen mit seinem Bischof aus Paderborn, eilte sie wacker selbst aus dem Hause \u00fcber die Kieswege, denn sie war noch schlank und wohlgebaut und behende. \u2013 Auf dem gestickten Vaterstuhl sa\u00df heute abend Seine Gnaden Lavater und neben ihm der liebe Bernard. Dann kam der strahlende Arthur Aronymus, dann kam Dora, sie schien anmutiger wie vor ihrer M\u00e4dchenkrankheit. Dann kam Berthold, der schw\u00e4rmerische J\u00fcngling. Dann kam Elischen; dann kam Julius; neben ihm sa\u00df Regine und neben Regine nahm ihr frischgebackener Br\u00e4utigam, Herr Provisor aus Elberfeld im Wuppertale, Platz. Anf\u00e4nglich meckerten seine Eltern gegen seine Wahl, denn Engelhard entstammte einer lutherischen Muckerfamilie; und da Regine, ihres Vaters Lieblingstochter, die \u00fcberhaupt f\u00fcr die Pharmazie ein Faible besa\u00df, sich nun auch noch zu den H\u00e4nden die Augen rot weinte, entschlo\u00df sich Herr Sch\u00fcler dem jungen christlichen Freier eine Apotheke zu kaufen. Seitdem stand Tinchen im bekr\u00e4nzten Rahmen auf der Kommode ihrer zuk\u00fcnftigen Schwiegereltern. An der rechten Seite des Br\u00e4utigams sa\u00df heute das kleine Lenchen. Manchmal streifte des Bischofs Auge das zarte, stille M\u00e4dchen besonders z\u00e4rtlich. Es erinnerte ihn an sein Schwesterlein Helene,der jetzigen \u00c4btissin des Klosters bei Schwelm. Dann kamen die beiden Meta. Sie sa\u00dfen nebeneinandergeschmiegt, als ob sie zusammengewachsen seien und aus einem Herzen pochten; hatten beide braunes Lockenhaar und f\u00fchrten immer zu gleicher Zeit den L\u00f6ffel oder die Gabel in den Kirschenmund. Und dann kam &#8230; Judith, Johanna, Eugenie, Luise, Maierlein, die Grete, Elfriede und neben ihr die Titi. Von der Mutter so gerufen; und neben Titi: Albert, Edmund, Alfons, Ludwig, Emmi, der Simeon, Hedwig, Paula und Eleonore, nach B\u00fcrgers Gedicht: Eleonore fuhr ums Morgenrot \u2013 benamet; und der leidende, liebe Alex sa\u00df wie immer neben seinem Vater im Krankenstuhl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem gegen\u00fcber die S\u00f6hne seines spanischen Schulfreundes, der ermordet wurde vor einigen Jahren in Zaragossa in der Synagoge im Gebet. \u2013 Der Oskar lie\u00df keinen Blick von Bernard seinem Bischof; dem kleinen Onkel Arthur Aronymus war das geradezu \u2013 unangenehm! Da\u00df dieses verkleidete, fanatische Kn\u00e4blein in der Kutte einmal vom herzlieben Freund, dem getauften Kardinal Paulus Kassel, getauft werden k\u00f6nne, der weiland empfing die heilige Taufe vom getauften heiligen Franziskanerm\u00f6nch Paulus Kassel, kam seiner Gnaden nicht im entferntesten in den Sinn. \u2013 Der vermi\u00dfte Max trat pl\u00f6tzlich mit eingezogenem Podex in den weiten E\u00dfraum. Geweint hatte er. Denn den mit M\u00fche gezeichneten Kalbskopf im Sand hatten die Kinder beim Spielen verrammelt. Der Vater steckte ihm einen Louisdor in die kleine Hosentasche. Sympathisch ber\u00fchrte es Seine Gnaden, da\u00df die \u00c4rmsten der j\u00fcdischen Gemeinde, sieben Israeliten, geladen waren, am Ostermahle teilzunehmen; und Vater Sch\u00fcler und seine liebreiche Gattin in taktvollster Weise sich gerade\u00a0diese G\u00e4ste zu bem\u00fchen schienen. \u00bbHier unser lieber, verehrter Gast und Osterbruder: Perlmutter. Er fehlte nie an diesem Abend an unserem Tische. Und jener, mein Freund,\u00ab der Vater zeigte auf den Hausierer, den Arthur mit Willi und Kaspar noch vor einem Jahr zu verspotten pflegten, \u00bbmein lieber Freund\u00ab, wiederholte der Vater, \u00bbL\u00e4mmle Zilinsky aus Lemberg.\u00ab Der blickte verst\u00f6rt an seinem Kaftan auf und nieder. \u00bbUnd jene wissensbed\u00fcrftigen beiden Br\u00fcder, Siegfried Ostermorgen und Alexander Ostermorgen, bitten um Eurer Gnaden F\u00fcrsprache beim Rektor in Paderborn.\u00ab Der greise Nachtw\u00e4chter, der sich heute schon um Mittag erhoben hatte, suchte gewohnheitsgem\u00e4\u00df nach seinem Horn, aber der Vater, der das bemerkte, legte seinen Arm um seine schmalen Schultern und meinte, zum Bischof sich neigend: \u00bbDieser nimmerm\u00fcde Schutzpatron von G\u00e4secke hat viel gewacht und sich darum tief versenken k\u00f6nnen in das Wort des Herrn.\u00ab \u2013 Dasselbe h\u00e4tte Gro\u00dfvater- Rabbuni sagen k\u00f6nnen \u2013 und Arthur ha\u00dfte im Augenblick unbegreiflich seinen gewandten Papa. \u2013 Und nun kam der geschw\u00e4tzige Handwerksbursche an die Reihe. Als seinen Schulfreund stellte ihn der Vater dem hohen geistlichen Gast vor: \u00bbNathanael Brennessel, unser unerm\u00fcdlicher Wanderer\u00ab. Heiliger Strohsack, dachte Aronymus und streckte heimlich der erschrockenen, abwehrenden Dora, die seit kurzem gern \u00bberwachsen\u00ab spielte, die Zungenspitze heraus, denn Brennessel hatte ja \u2013 den Bernard auf dem Papststuhl sitzen sehen. Neben dem flotten Wanderer l\u00e4chelte mit weit aufgetanen Augen: \u00bbJosefje\u00ab, des \u00e4ltesten Perlmutter: Sohn. Der konnte Tr\u00e4ume deuten wie Josef von \u00c4gypten&#8230; Endlich \u2013 brachte Christine die dampfende Ostersuppe\u00a0mit den \u00bbleckeren Kl\u00f6skens\u00ab auf den Tisch und die Eltern bemerkten mit Freuden, da\u00df ihr f\u00fcrstlicher Gast kein Kostver\u00e4chter war. Und ihm auch das unges\u00e4uerte Brot, im Tropfen Mosel getaucht, vorz\u00fcglich mundete. Er bat seinen verehrten Gastgeber, <i>genau<\/i> wie an jedem vorangegangenen Osterabend die Zeremonie einzuhalten, nicht etwa zu k\u00fcrzen; er k\u00e4me sich sonst wie ein Eindringling vor und er f\u00fchle sich doch wie zu Hause. Und in der Zeit, in der der Vater und der Bischof \u00fcber die Worte der Thora diskutierten, die geschrieben wurde mit Blitz und Donner von Gottselbst in Harfenschrift, zeigte Arthur Aronymus, gl\u00fcckselig, seinen heimgekehrten Freund wieder bei sich zu haben, ihm den neuen Turm im Spielzimmer, den er aus tausend Kl\u00f6tzen und bunten Steinen erbaut hatte. Er wollte doch gerade wieder fluchen, aber Bernard merkte es noch fr\u00fchzeitig und Aronymus schluckte den kleinen zischenden Teufel mit Haut und Haaren herunter. \u00bbUnd gehalten wird das Gesetz\u00ab, erkl\u00e4rte gerade der Vater, als Bernard, mit meinem kleinen Papa an der Hand, wieder in die gro\u00dfe E\u00dfstube eintrat, \u00bbsorglich wie ein Kind im samtnen Tragkleid und Schellengeschmeide &#8230;\u00ab Seine Gnaden bejahten aufmerksam jedes Wort des klugen Herrn Vaters, meines Vaters Vaters, mit wohlwollender Geste und beide Herren kamen dar\u00fcber ein, \u00bbmit einem bi\u00dfchen Liebe geht&#8217;s schon, da\u00df Jude und Christ ihr Brot gemeinsam in Eintracht brechen\u00ab \u2013 \u00bbnoch wenn es unges\u00e4uert gereicht wird\u00ab, vollendete artig die Mutter meines nun auch schon in Gott ruhenden Vaters: Arthur Aronymus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_75724\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75724\" class=\"size-medium wp-image-75724\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-260x417.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75724\" class=\"wp-caption-text\">Else Lasker-Sch\u00fcler aka Prinz Yussuf (1912)<\/p><\/div>\n<div class=\"mod\" lang=\"de-DE\" style=\"text-align: justify;\" data-md=\"61\">\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\"><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">\u201eDie gr\u00f6\u00dfte Lyrikerin, die Deutschland je hatte\u201c, sagte Gottfried Benn \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler. Sie bewegte sich wie eine M\u00e4rchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf. <\/span><\/span><\/div>\n<div class=\"LGOjhe\" style=\"text-align: justify;\" role=\"heading\" data-attrid=\"wa:\/description\" data-hveid=\"CA0QAA\">Else Lasker-Sch\u00fcler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld.<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wenn hinter den Fenstern der H\u00e4user Westfalens die Weihnachtsb\u00e4ume angez\u00fcndet wurden, erz\u00e4hlte der Vater meines Vaters, also mein Gro\u00dfvater, seinen dreiundzwanzig Kindern die himmelschreiende Trag\u00f6die aus seiner Jugendzeit, die sich am Heiligen Abend der Christenheit abspielte mit allen Schrecknissen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/28\/arthur-aronymus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":180,"featured_media":98108,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2738],"class_list":["post-81314","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-else-lasker-schueler"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81314","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/180"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81314"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81314\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100376,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81314\/revisions\/100376"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98108"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81314"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81314"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81314"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}