{"id":81182,"date":"2023-12-21T00:01:37","date_gmt":"2023-12-20T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81182"},"modified":"2022-02-26T14:08:18","modified_gmt":"2022-02-26T13:08:18","slug":"der-offizier-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/21\/der-offizier-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Der Offizier der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Arno Voigt, als <i>Miles <\/i>einer der wenigen deutschen Offiziere, die im Kriege die Wahrheit zu sagen sich nicht gescheut haben, gibt (bei Engelhorn in Stuttgart) <i>\u203aGedanken eines Unmilit\u00e4rischen\u2039 <\/i>heraus: <i>\u203aDer deutsche Offizier der Zukunft\u2039.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht\u00ab, hei\u00dft es einmal bei Nietzsche, \u00bbhabe ich niemals etwas gelesen, zu dem ich derma\u00dfen, Satz f\u00fcr Satz, Schlu\u00df f\u00fcr Schlu\u00df, bei mir Nein gesagt h\u00e4tte wie zu diesem Buche: doch ganz ohne Verdru\u00df und Ungeduld.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einleitende R\u00fcckblick zwar ist ausgezeichnet. Er fa\u00dft noch einmal die schweren S\u00fcnden des Offizierkorps im Kriege zusammen, in einem Kriege, der den deutschen Offizieren f\u00fcr immer den Ruf der Unbemakeltheit genommen hat, und das von Rechts wegen. Leute, die heute noch an dem alten Idol festhalten, tun dies aus politischen Gr\u00fcnden \u2013 sie wollen nicht erkennen, und verdienen daher nicht, \u00fcberzeugt zu werden. Wir andern wissen, was auch Voigt best\u00e4tigt: \u00bbOffiziere \u2013 B\u00fcrger \u2013 Landser: das war die Gliederung.\u00ab Und: \u00bbDas Charakteristikum des alten Offiziers war seine Isoliertheit.\u00ab Und weiter jene Melodie, die heute noch viel zu wenig und viel zu zaghaft bei uns gesungen wird: das Lied vom deutschen Offizier im Kriege \u2013 und es ist ein etwas mi\u00dft\u00f6nendes Lied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Buch hei\u00dft: <i>\u203aDer deutsche Offizier der Zukunft\u2039. <\/i>Wie nun \u00e4ndern? Wie bessern? Und Voigt schl\u00e4gt vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Offizier der Zukunft soll ein geistiger Mensch sein. Das ist in einem Satz das Postulat dieses Offiziers, der selbst sicherlich ein guter Offizier war. Er verlangt von einem F\u00fchrer mit Recht gr\u00f6\u00dfere Qualit\u00e4ten, als sie in den k\u00fcmmerlichen Offiziersexamen und in der mangelhaften Kasinoerziehung heraussprangen: er verlangt menschliche Qualit\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wozu? Zum Mord. Denn hier ist <i>das, <\/i>was das ganze Buch wertlos und die Vorschl\u00e4ge utopisch macht: es wird sich eben kein geistiger Mensch bereit finden, sein Leben und seine Person f\u00fcr einen solchen Quark, wie es die nationalistischen Interessen eines Staates sind, aufs Spiel zu setzen. Er wird, wenn er ein wertvoller Mensch ist, dieser k\u00fcmmerlichen Angelegenheit sein Leben eben nicht widmen. Wohl wird er F\u00fchrer sein wollen \u2013 aber niemals Schl\u00e4chtermeister. Und die Gedankeng\u00e4nge Voigts erinnern an die Schilderungen Hearns, wenn er von den japanischen Geishas spricht: vor lauter Lyrismen vergi\u00dft er ganz, dass es sich doch immerhin um Frauen handelt, um Frauen aus Fleisch und Blut, die man sich kaufen kann und die jeden Abend einem andern geh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Offizier der Zukunft all diese guten Ratschl\u00e4ge Voigts befolgt, so wird er ein Adelsmensch werden, meinetwegen auch vielleicht ein F\u00fchrer seiner Volksgenossen: aber er wird kein Mann sein, der Blut vergie\u00dft um des Staates willen. Denn die Mittel und die Werkzeuge des Geistes lassen sich nicht prostituieren (wie der Militarismus irrt\u00fcmlich 1914 glaubte, als er die reklamierten Dichter mobil machte) \u2013 sie sind um ihrer selbst willen da und g\u00e4nzlich unpraktisch. Es war klug vom ancien r\u00e9gime, dem Offizier nicht so viel zum Lesen in die H\u00e4nde zu geben; denn dann h\u00e4tte er denken gelernt, und das war nicht gut. In den B\u00fcchern stand: Du sollst nicht t\u00f6ten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sehen zu sehr auf die Au\u00dfenseite. Wir hatten alle vergessen \u2013 aber jetzt wissen wir es \u2013, dass ein M\u00f6rder ein M\u00f6rder ist, auch wenn er hohe Lackstiefel tr\u00e4gt und ein blonder, schlanker, eleganter und am\u00fcsanter junger Mann ist. Und wir haben nicht gearbeitet, um dessen Stellung zu befestigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wird also Arno Voigt, der es so gut gemeint hat, fragen: \u00bbJa, aber wie denn? Ungeistig ist es nicht recht \u2013 und nun versuche ich es geistig, und da ist es wieder nicht recht &#8230; ? Welcher Offizier der Zukunft wird denn von dir herbeigew\u00fcnscht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wir antworten: Gar keiner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Arno Voigt, als Miles einer der wenigen deutschen Offiziere, die im Kriege die Wahrheit zu sagen sich nicht gescheut haben, gibt (bei Engelhorn in Stuttgart) \u203aGedanken eines Unmilit\u00e4rischen\u2039 heraus: \u203aDer deutsche Offizier der Zukunft\u2039. \u00bbVielleicht\u00ab, hei\u00dft es einmal bei&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/21\/der-offizier-der-zukunft\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-81182","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81182"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100853,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81182\/revisions\/100853"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}