{"id":81177,"date":"2023-04-03T00:01:46","date_gmt":"2023-04-02T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81177"},"modified":"2022-02-25T13:36:09","modified_gmt":"2022-02-25T12:36:09","slug":"stufen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/03\/stufen\/","title":{"rendered":"Stufen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war einem Berufenern \u00fcberlassen worden, das herrliche Buch aus dem Nachla\u00df Christian Morgensterns: <i>\u203aStufen\u2039 <\/i>(bei R. Piper &amp; Cie. in M\u00fcnchen) eingehender und tiefer zu w\u00fcrdigen, als ich imstande gewesen w\u00e4re. Ich m\u00f6chte nur eines dazu sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mir und meinen Freunden, die an diesem Blatte mitarbeiten, so oft \u203aFrechheit\u2039 vorgeworfen worden. Ich wei\u00df sehr gut, dass wir scharf zugepackt haben. Aber ich bei\u00dfe niemals sch\u00e4rfer, ich bin nie frecher, als wenn ich etwas so Abgekl\u00e4rtes, etwas so Weises, etwas so G\u00fctiges kennen gelernt habe, wie zum Beispiel Morgensterns Verm\u00e4chtnis. Wenn man sieht, wie ein St\u00fcck Gottestum, solch ein Mann, solange er ernst war, ignoriert wurde; wie man ihn als Schw\u00e4rmer abtat; wie man ihm dies alles, was er da von der Liebe der Menschen untereinander auf dem Herzen hatte, nur um seiner schnurrigen Galgenlieder willen verzieh \u2013 dann darf man schon sagen: Pfui!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist bezeichnend, wie stark die positive Seite dieses tiefen Spa\u00dfmachers gewesen ist, die positive Seite, ohne die nun einmal keine Satire, kein Scherz, kein Ulk denkbar ist, und die bei unsern heutigen Herren Humoristen so verdammt schwach geraten ist. Die Satire ist nur die Konkav-Ansicht eines Gem\u00fcts; wenn es nach hinten nicht buckelt, klafft vorn keine H\u00f6hlung, und das Ganze bleibt platt. In den <i>\u203aStufen\u2039 <\/i>ist nur ein einziger Satz, der den Verfasser der Galgenlieder erkennen l\u00e4\u00dft: \u00bbIch h\u00f6rte einen Vogel Chirurgie pfeifen.\u00ab (\u00dcbrigens ein typisch Morgensternscher Spa\u00df, den man nur f\u00fchlen, nicht erkl\u00e4ren kann: wie der Vogel, wahrscheinlich ein Pirol, auf dem Baum sitzt und unheimlich wie im M\u00e4rchen und fast sp\u00f6ttisch dieses gelehrte blutige Wort pfeift: Chirurrrgie!)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil ich aber wei\u00df, dass die gro\u00dfe Mehrzahl der Deutschen den Mann abtut, weil ich wei\u00df, dass er wehrlos war und alle gleichklingenden Seelen wehrlos sind, deshalb glaube ich: es mu\u00df ein Tier an der Hofmauer liegen und bei\u00dfen. Es mu\u00df einer da sein \u2013 nein, das ist gewi\u00df nicht g\u00fctig und nicht vorgeschritten in der Erkenntnis \u2013, einer, der dem r\u00e4ubernden Wanderer in die Hosen f\u00e4hrt. Der nimmt ja auch keine R\u00fccksicht; der schl\u00e4gt kleine Kinder auf den Kopf, weil ihre Mama nicht getraut war; der h\u00f6hnt ja auch und knallt mit der Peitsche nach dem Bettler \u2013 auch Christus war ein Bettler \u2013; der pfeift sich einen, wenn er satt ist, und fragt den Teufel nach angewandter Ethik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sollen drinnen im stillen Garten ihre Blumen pflanzen und dem Sumsen der Bienen zuh\u00f6ren. Wir aber wollen am Tor liegen, Landsknechte des Geistes, und mit den langen Hellebarden den satten Kr\u00e4mern den Weg sperren. Gott verzeih uns die S\u00fcnde! Aber das haben wir von unsern Feinden gelernt, denen es in der Welt gar nicht macchiavellistisch genug zugehen kann \u2013 mit Ausnahme ihres Haushaltes; und wenns denn sein mu\u00df, wollen wir dem Teutschen, niemals dem Deutschen, gern klar machen, dass der St\u00e4rkere befriedigt nach Hause trollt und der Schw\u00e4chere sich pl\u00f6tzlich heulend auf die Bibel und alle sieben Nothelfer besinnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Still. Der Kies knirscht. Und wenn es wieder ein dicker Bursche ist, der sich noch vor Tirpitz und Ludendorff stellt, weil man unter ihnen wenigstens ungest\u00f6rt Gesch\u00e4fte machen konnte \u2013: Spring an!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle:\u00a0Die Weltb\u00fchne, 03.04.1919, Nr. 15, S. 386.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war einem Berufenern \u00fcberlassen worden, das herrliche Buch aus dem Nachla\u00df Christian Morgensterns: \u203aStufen\u2039 (bei R. Piper &amp; Cie. in M\u00fcnchen) eingehender und tiefer zu w\u00fcrdigen, als ich imstande gewesen w\u00e4re. Ich m\u00f6chte nur eines dazu sagen. 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