{"id":81167,"date":"2023-07-26T00:01:47","date_gmt":"2023-07-25T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81167"},"modified":"2022-02-25T17:52:47","modified_gmt":"2022-02-25T16:52:47","slug":"vorher","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/26\/vorher\/","title":{"rendered":"Vorher!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Albert Langen ist im Jahre 1910 ein Buch erschienen, das bereits hundertmal vorher geschrieben worden ist und noch Hunderte von Malen nachher geschrieben werden wird. Es hei\u00dft <i>\u203aHinter Schlo\u00df und Riegel\u2039 <\/i>und schildert mit unerbittlicher Genauigkeit die deutsche Art der Strafverb\u00fc\u00dfung in einem Zuchthaus. Es ist jetzt nicht die Zeit, die l\u00e4ngst erkannten Fehler dieser S\u00fchne aufzuz\u00e4hlen \u2013 genug, so wie es Tausende getroffen hat, so traf es in diesem Buche, das sich in nichts von seinen Br\u00fcdern unterscheidet, einen Juristen. Der sah nun seine Welt von unten, wunderte sich und schrieb das Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er h\u00e4tte es vorher schreiben sollen! Da h\u00e4tte ers nicht gekonnt? Dann hat er keine Augen gehabt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Buche <i>\u203aHinter Schlo\u00df und Riegel\u2039 <\/i>z\u00e4hlt der so deutsche Verfasser minuti\u00f6s die Qu\u00e4lereien seines wasserpolackischen W\u00e4rters auf, schildert seine widerlichen Roheiten an den wehrlosen Gefangenen, die er nicht etwa schlug, sondern mit Nadelstichen peinigte \u2013 man kennt das; die Schilderung langweilt den, der die Augen in seinem Leben aufgemacht hat. Sehen wir das nicht alle Tage? Dem Deutschen hat einmal einer mangelnden Sinn f\u00fcr Wirklichkeit vorgeworfen: hier offenbart er sich aufs herrlichste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben stelzt unantastbar, sauber, und hinter sich im wesenlosen Scheine das, was uns alle b\u00e4ndigt: oben stelzt \u2013 nun, sagen wir, dieser und jener. Das Podium wird gehalten und getragen von Kaschuben, von dickk\u00f6pfigen, meist minderwertigen Menschen, f\u00fcr die es keine n\u00e4here Bezeichnung gibt, die man kennen und lieben gelernt haben mu\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Burschen \u2013 es ist eine ganze breite Klasse, und jeder von uns kennt sie; wer im Kriege ist, doppelt und dreifach \u2013 diese Burschen vertreten nach unten hin die Macht. In ihnen ist der jeweils Regierende personifiziert \u2013 aber welch ein Zerrbild! Man m\u00fc\u00dfte die Gattung konfiszieren, weil sie das tut, was der <i>\u203aCharivari\u2039 <\/i>in seinen besten Zeiten nicht besser gekonnt hat: weil sie die Macht in einem Lachspiegel h\u00f6hnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie werden gehalten. Vielleicht wei\u00df es der Herr aus dem obern Stockwerk, dass der Pf\u00f6rtner die Leute peinigt, dass er seine Vorteile und Vorteilchen aus seinem Amt schl\u00e4gt, aber vor allem: dass er den K\u00f6nig macht. Er macht ihn, wie ihn der Gockel macht, der sich auf dem H\u00fchnerhof aufbl\u00e4ht \u2013 aber dieser ist so unendlich gef\u00e4hrlich, weil er schaden kann, weil er eine kleine oder gro\u00dfe Macht geliehen bekommen hat, die er benutzt, als w\u00e4re es seine eigene. Das war die Absicht der Herrschaft nicht? Aber dann m\u00f6ge sie aufpassen, dann soll sie wissen, dass der da unten, alles, aber alles verdirbt, was sie in gutem deutschen Idealismus plante. \u00bbIn Preu\u00dfen\u00ab, hei\u00dft ein altes Wort, \u00bbsind die Geheimr\u00e4te liberal.\u00ab Nun, das Wort stammt aus dem Frieden und stimmt heute nicht mehr ganz \u2013 aber der bewu\u00dfte Gegensatz, in den man die Geheimr\u00e4te zu jemand anderm setzen wollte, ist richtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verdanken unsre Unbeliebtheit, die Schwierigkeiten, die man uns heute noch \u00fcberall macht, nicht den h\u00f6hern Beamten und ihren meist verst\u00e4ndigen Anordnungen. Wer aber einmal die Wandlungen gesehen hat, die ein guter und von gutem Geist diktierter Befehl, ein Erla\u00df, eine Verf\u00fcgung gemacht hat, ehe er unten ankommt, wer einmal gesehen hat, wie das Zehnpfennigst\u00fcck, das als Geschenk gedacht war, auf dem Hofe aufschl\u00e4gt, der wei\u00df, dass es nicht genug getan ist, wenn der Geist erfindet und sich etwas ausdenkt \u2013 er mu\u00df auch \u00fcberwachen und st\u00e4ndig auf der Lauer sein, dass nicht umgef\u00e4lscht wird, was aus einem reinen Herzen kam. Vorher! vorher m\u00fcssen wir das tun, nicht nachher in schmerzlicher Erkenntnis, dass es nun zu sp\u00e4t ist. Auf deutsch erfunden, auf kaschubisch verdorben \u2013 das Ergebnis haben wir auszukosten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wem eine Macht gegeben ist, der mu\u00df ihr Siegelbewahrer sein. Der mu\u00df \u2013 ausgekocht und argw\u00f6hnisch \u2013 wissen, dass es ein viel schlimmeres Geschw\u00fcr am K\u00f6rper des deutschen Volkes gibt als die vielberufene d\u00e9cadence, von der viele knapp den accent aigu kennen. Das ist der kleine Mann, der seinesgleichen peinigt, weil das das einzige ist, was ihm das Leben gab. Den schlagt auf die Finger, bis sie bluten. Denn er hat viele Herzen bluten gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber vorher! nicht nachher!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle:\u00a0Die Schaub\u00fchne, 26.07.1917, Nr. 30, S. 80.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bei Albert Langen ist im Jahre 1910 ein Buch erschienen, das bereits hundertmal vorher geschrieben worden ist und noch Hunderte von Malen nachher geschrieben werden wird. Es hei\u00dft \u203aHinter Schlo\u00df und Riegel\u2039 und schildert mit unerbittlicher Genauigkeit die deutsche&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/07\/26\/vorher\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1099],"class_list":["post-81167","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81167","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81167"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81167\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100657,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81167\/revisions\/100657"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81167"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81167"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81167"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}