{"id":81163,"date":"2017-02-15T00:01:38","date_gmt":"2017-02-14T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81163"},"modified":"2022-03-11T18:55:32","modified_gmt":"2022-03-11T17:55:32","slug":"das-gruene-gesicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/15\/das-gruene-gesicht\/","title":{"rendered":"Das gr\u00fcne Gesicht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals, als die kleinen Geschichten Gustav Meyrinks (jetzt gesammelt in <i>\u203aDes deutschen Spie\u00dfers Wunderhorn\u2039 <\/i>bei Albert Langen) erschienen, h\u00e4tten wir es uns nicht tr\u00e4umen lassen, dass dieser gro\u00dfe Verneiner (also auch gro\u00dfe Bejaher) einmal unter keinem deutschen Tannenbaum w\u00fcrde fehlen d\u00fcrfen. Es war die junge Generation, die ihn lachend verehrte \u2013 und von den \u00c4ltern <i>die, <\/i>die jung geblieben und weise geworden waren im langen Laufe der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute haben <i>\u203aDer Golem\u2039 <\/i>und <i>\u203aDas gr\u00fcne Gesicht\u2039 <\/i>zusammen einhundertundvierzig Auflagen erreicht \u2013 und damals die kleinen Geschichten zusammen noch keine zehn. Was ist da vorgegangen? Abgesehen von einer mutigen und musterg\u00fcltigen Reklame.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweierlei: Meyrink hat auf die Form, die er meisterhaft beherrschte, nicht mehr acht gegeben, und spricht das Idiom der Masse \u2013 und zum zweiten hat er den engen Mantel mit dem weiten vertauscht. Er trug den engen: wem er nicht wie angegossen pa\u00dfte, der zog ihn nicht an. Haarscharf stand sich Plus und Minus gegen\u00fcber, da gab es nichts Verwaschenes, B\u00f6cke und Schafe waren genau getrennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da waren auf der einen Seite die Materialisten, die alles erkl\u00e4ren und alles mit dem Verstand greifen; die \u00fcberorganisierte Menschheit, die ihre eigenen Mittel, das t\u00e4gliche Leben zu bew\u00e4ltigen, als Selbstzweck verehrt; da war das ganze Pack, das seine Kulissen als Erde und Ende aller Dinge begeistert anglotzt \u2013 und auf der andern Seite standen stille und weise Menschen, G\u00fctige, die endlich begriffen hatten, dass es hienieden sicher nichts ist, und dass das Jenseits fraglich und vielleicht eine Erfindung ist. Das war in eine scheinbar spielende Form gekleidet, der Extrakt jahrelanger Erfahrungen und wahrscheinlich mit dem allergr\u00f6\u00dften Flei\u00df und den herbsten M\u00fchen errungen; der <i>\u203aBal macabre\u2039 <\/i>ist ein Meisterst\u00fcck solcher Form. Die Prosa war, lange vor Rilkes Zeit, musikalisch, ohne im Gegensatz zu diesem, auch nur einen Augenblick unklar zu sein \u2013 die Sprache sang sich ein Lied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sch\u00f6n, zum Beispiel, der Satz in der <i>\u203aK\u00f6nigin unter den Br\u00e4gen\u2039, <\/i>den der Doktor Jorre tr\u00e4umt: \u00bbDie einst deines Herzens K\u00f6nigin war, ist K\u00f6nigin jetzt hier unter den Br\u00e4gen \u2013\u00ab. Das las man wieder und immer wieder. Es hat sicher mutigere Groteskclowns gegeben, aber keinen, bei dem \u2013 damals \u2013 Erkenntnis und k\u00fcnstlerische Kraft sich so genau die Waage hielten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist heute anders. <i>\u203aDer Golem\u2039 <\/i>und <i>\u203aDas gr\u00fcne Gesicht\u2039 <\/i>sind ein Abstieg, Nicht etwa wird dies Urteil ihres Erfolges wegen gef\u00e4llt \u2013 obgleich Erfolg immer eine faule Sache ist. Sie sind ein Abstieg, weil die Erkenntnis des Weisen die Kraft des Schaffenden weit \u00fcbersteigt. Fr\u00fcher sa\u00df Satz an Satz wie gegossen: heute wird in Fettdruck gesperrt. Fr\u00fcher hatten alle Figuren scharfe R\u00e4nder: heute schwimmt alles. Fr\u00fcher wurde \u203aan Hand\u2039 einer kleinen Fabel das gro\u00dfe Wissen eines erkenntnisreichen Menschen dem Leser eingepflanzt: heute ahnt man wohl dergleichen, aber man sieht es nicht. An einzelnen Stellen flackert es auf, zum Beispiel im <i>\u203aGr\u00fcnen Gesicht\u2039 <\/i>am Anfang des zweiten Kapitels, wo die Welt nach dem Kriege witzig und treffend gezeichnet wird, und am Anfang des vierzehnten Kapitels, das an den alten Meyrink gemahnt. Der Rest ist \u2013 leider \u2013 Mathematik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zweifle nicht, dass Meyrink zu den einsichtsreichsten Menschen geh\u00f6rt, die unter uns leben. Er wei\u00df ungeheuer viel \u2013 nicht Positiva, sondern eben das, was man nicht lernen kann \u2013, er hat tief hinunter gesehen, und man mu\u00df ihn stets hochachten, eben um dieser Erkenntnis willen. Ich m\u00f6chte gern einmal wissen, was wohl Professor Deu\u00dfen in Kiel zu diesem Priester der Weisheit sagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt also nicht etwa vor: Suchen der Gunst des Publikums. Es liegt aber wohl vor: Bewu\u00dftes oder unbewu\u00dftes Nachlassen der k\u00fcnstlerischen Kraft. Es ist schade, dass ein gro\u00dfer Erkenner uns einen gro\u00dfen K\u00fcnstler kostet. Rechnet man dazu, dass sich heute alles, was sonst unterdr\u00fcckt wird, unter dieses allumfassende Dach der Theosophie fl\u00fcchtet, weil es sich in den unscharfen und verschwommenen Thesen wiedererkennt und best\u00e4tigt zu finden glaubt, so wird man die gro\u00dfe Gefolgschaft dieser B\u00fccher verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist aber noch nie ein gutes Zeichen gewesen, wenn wertvolle Kr\u00e4fte eines Landes sich diesen \u2013 stets falsch verstandenen \u2013 Mysterien hingeben. Dann stimmt etwas nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Meister zaubert wirklich \u2013 stellungslose Kommis und gelangweilte Damen h\u00f6ren zu, freuen sich an den bunten Glaskugeln und sehen den Gott nicht. Der bleibt im Tempel und l\u00e4chelt. Und so ist in Wahrheit keinem geholfen. Der Meister selbst hat kein Publikum, und das Parkett bestaunt, im Grunde genommen, Kulissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der freigeistige Schmock schwenkt mit vollen Fahnen ins Lager dieser so poetischen Kirche. Hoffentlich ist sich Gustav Meyrink bewu\u00dft, dass der Applaus nicht ihm gilt. Wer ihn, den K\u00fcnstler von 1910 und den tiefen Denker von heute, liebt, das sind nicht hundertvierzigtausend, nicht so viele. Es sind wenige und wertvolle. Aber die lieben ihn wirklich und von Herzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle:\u00a0Die Schaub\u00fchne, 15.02.1917, Nr. 7, S. 156.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Damals, als die kleinen Geschichten Gustav Meyrinks (jetzt gesammelt in \u203aDes deutschen Spie\u00dfers Wunderhorn\u2039 bei Albert Langen) erschienen, h\u00e4tten wir es uns nicht tr\u00e4umen lassen, dass dieser gro\u00dfe Verneiner (also auch gro\u00dfe Bejaher) einmal unter keinem deutschen Tannenbaum w\u00fcrde&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/02\/15\/das-gruene-gesicht\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":97977,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2882,1099],"class_list":["post-81163","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-gustav-meyrink","tag-kurt-tucholsky"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=81163"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81163\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98359,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/81163\/revisions\/98359"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97977"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=81163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=81163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=81163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}