{"id":81156,"date":"2007-12-21T00:01:02","date_gmt":"2007-12-20T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81156"},"modified":"2022-02-17T17:36:17","modified_gmt":"2022-02-17T16:36:17","slug":"eine-neue-buecherzensur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/21\/eine-neue-buecherzensur\/","title":{"rendered":"Eine neue B\u00fccherzensur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum sind die Kriegsmacher und ihre stimmungerzeugende Pressemeute vom Schauplatz der Katastrophe verschwunden, macht sich eine Schar M\u00e4nner ans Werk, die Arbeit der Abgetretenen von neuem aufzunehmen. Der deutsche Buchhandel f\u00fchrt selbst\u00e4ndig \u2013 gegen die Verfassung \u2013 eine neue Zensur ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dass der Laie Bescheid wisse: der Verleger, der ein neues Buch anzeigt, damit es die einzelnen Buchh\u00e4ndler, die Sortimenter, vertreiben, ist nach den Satzungen seiner Organisation, die fast alle deutschen Verleger und Buchh\u00e4ndler umfa\u00dft, verpflichtet, seine Ware im <em>\u203aB\u00f6rsenblatt f\u00fcr den deutschen Buchhandel\u2039 <\/em>anzuzeigen. Ein anderes Organ f\u00fcr diese Anzeigen gibt es nicht. Das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt\u2039 <\/em>erscheint t\u00e4glich, es wird von allen Verlegern und Buchh\u00e4ndlern des Landes gelesen, und eine Anzeige in diesem Organ ist \u2013 neben der kostspieligen Sonderpropaganda \u2013 die einzige M\u00f6glichkeit, den Kreis der B\u00fccherh\u00e4ndler kaufm\u00e4nnisch zu erfassen. Nun hat die Redaktion dieses Blattes nach ihren Satzungen das Recht, B\u00fccheranzeigen zur\u00fcckzuweisen. Sie tat das bisher immer dann, wenn es sich um ein Werk handelt, das zwar noch nicht beschlagnahmt war, das aber seinem ganzen Charakter nach nichts darstellte als eine glatte Schmutzschrift. Wer einmal die Kataloge der in Deutschland verbotenen B\u00fccher durchbl\u00e4ttert hat, wei\u00df, wie gro\u00df die Anzahl dieser unsittlichen Werke war, B\u00fccher, die mit Recht vom Staatsanwalt verboten wurden und die zu vertreiben sich kein anst\u00e4ndiger Buchh\u00e4ndler hergab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neuerdings ist nun aber das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt f\u00fcr den deutschen Buchhandel\u2039 <\/em>dazu \u00fcbergegangen, auch die Anzeigen <em>politischer <\/em>Werke zur\u00fcckzuweisen. Es m\u00fcssen ihm wohl von aufrechten M\u00e4nnern des Sortiments dar\u00fcber Klagen zugegangen sein, denn es sieht sich am 23. Oktober 1919 zu einer gro\u00dfen Erkl\u00e4rung veranla\u00dft, die <em>\u203aUnsittliche Literatur\u2039 <\/em>\u00fcberschrieben ist. Es wird darin von jener erw\u00e4hnten Schmutzliteratur gesprochen, die das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt\u2039 <\/em>von je zur\u00fcckweise, und es hei\u00dft dann:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs hie\u00dfe den Begriff der Unsittlichkeit verengen, wollte man ihn ausschlie\u00dflich auf sexuelles Gebiet beschr\u00e4nken. Obwohl sich der B\u00f6rsenverein auf den Boden der gegebenen Tatsachen gestellt hat, k\u00f6nnen wir es nicht mit den Aufgaben seines Organs vereinbaren, durch Aufnahme von Anzeigen bei dem Vertrieb von B\u00fcchern mitzuwirken, die auf eine Herabsetzung unseres Volkes oder auf die Beschimpfung (nicht Beurteilung!) einzelner, vielen Deutschen noch heute verehrungsw\u00fcrdigen M\u00e4nner gerichtet sind und keinen anderen Zweck verfolgen, als Deutschland noch tiefer in den Sumpf zu ziehen und seinem Ansehen in der Welt zu schaden. Es gen\u00fcgt, wenn diese, meist aus dem Auslande und dort aus recht tr\u00fcben Quellen stammende Literatur in der Bibliographie verzeichnet wird, falls ein deutscher Sortimenter mit ihrer Besorgung betraut werden sollte. Reklamehafte Anzeigen dar\u00fcber in das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt\u2039 <\/em>aufzunehmen, hie\u00dfe nichts anderes, als sich an einer Irref\u00fchrung des Sortiments beteiligen, das in Kenntnis der wahren Natur dieser Schriften und der Absichten ihrer Verleger und Verfasser schwerlich sich f\u00fcr sie einsetzen w\u00fcrde.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt\u2039 <\/em>hat nun Grellings Werke von der Anzeige ausgeschlossen, mit der brieflichen Begr\u00fcndung, das Buch sei verboten, was wahrheitswidrig ist. Alle B\u00fccher Grellings d\u00fcrfen in Deutschland verkauft werden. Es hat Ank\u00fcndigungen des Freien Verlages in Bern zur\u00fcckgewiesen, die \u00fcber die Schuld Deutschlands am Weltkriege Ansichten verbreitete, die sich allerdings nicht mit denen des unseligen Kriegspresseamts decken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer entscheidet nun, was \u203aBeurteilung\u2039 ist, und was \u203aBeschimpfung\u2039? Das Manifest ist von vier Herren unterzeichnet: Paul List, Paul Eger, Oskar de Liagre und Dr. Hermann v. Hase. Dieses Quartett bestimmt nun fortan, welche politischen Ansichten dem gesamten deutschen b\u00fccherkaufenden Publikum vorgetragen werden d\u00fcrfen, und welche nicht. Das Manifest der vier M\u00e4nner spricht von einem \u00bbohnehin nicht leichten, daf\u00fcr aber um so undankbareren Amt\u00ab. Wer hat es ihnen verliehen? Sie haben es sich angema\u00dft. Es ist mit jeder politischen Freiheit unvertr\u00e4glich, wenn sich eine Str\u00f6mung innerhalb des Verk\u00e4uferkreises zu einer Zensur aufschwingt. Es ist eine \u00dcberheblichkeit, B\u00fccher, deren Niveau weit \u00fcber der politischen Haltung des <em>\u203aB\u00f6rsenblattes\u2039 <\/em>im Kriege liegt, mit widerw\u00e4rtigen Schmutzschriften aus Budapest gleichzustellen. Wenn hier etwas gleichzustellen ist, so mu\u00df ich sagen, dass mir das \u00e4rgste Dirnenbuch immer noch lieber ist als eine kriegsbegeisterte Sudelei Max Bewers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es geht hier nicht um politische Standpunkte. Es handelt sich darum, dass diese vier M\u00e4nner den deutschen Buchhandel und damit das deutsche Publikum geistig bevormunden wollen, und im Begriff sind, die geistige Freiheit des Landes, die ohnehin nicht allzu gro\u00df ist, zu knebeln. Ich nehme nicht an, dass sie bei diesem Vorgehen den ganzen Buchhandel hinter sich haben. Wir anderen verlangen, dass das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt\u2039, <\/em>das ein Monopol hat, seine Machtstellung nicht zu politischen \u00dcbergriffen mi\u00dfbraucht. Es ist seine Aufgabe, B\u00fccher zu vertreiben. Die Beurteilung mag es anderen \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es empfiehlt sich, jeden Fall der Zur\u00fcckweisung einer politischen Anzeige durch das <em>\u203aB\u00f6rsenblatt\u2039 <\/em>sofort an die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Der deutsche Buchh\u00e4ndler aber mag sich gegen die Dunkelm\u00e4nner in seinem eigenen Lager verteidigen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle:<em> Berliner Volkszeitung, 30.11.1919.<\/em><\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Kurt Tucholsky z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Als politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift <i>Die Weltb\u00fchne<\/i> erwies er sich als Gesellschaftskritiker in der Tradition Heinrich Heines. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker (Literatur, Film, Musik). Er verstand sich selbst als linker Demokrat und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten\u00a0\u2013 vor allem in Politik, Milit\u00e4r und Justiz\u00a0\u2013 und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. &#8222;Der niemals zu unterdr\u00fcckende Drang, die Wahrheit zu sagen&#8220;, ist Tucholskys Motiv, und als er erleben muss, dass in Deutschland die Republik versinkt und ein umjubelter Diktator mit ausgestrecktem Arm an die Macht kommt, verstummt die mahnende Stimme Tucholskys im schwedischen Exil: &#8222;Man kann nicht schreiben, wo man nur noch verachtet.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Kaum sind die Kriegsmacher und ihre stimmungerzeugende Pressemeute vom Schauplatz der Katastrophe verschwunden, macht sich eine Schar M\u00e4nner ans Werk, die Arbeit der Abgetretenen von neuem aufzunehmen. 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