{"id":81140,"date":"2023-08-03T00:01:46","date_gmt":"2023-08-02T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81140"},"modified":"2022-02-25T18:34:07","modified_gmt":"2022-02-25T17:34:07","slug":"leichenreden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/03\/leichenreden\/","title":{"rendered":"Leichenreden"},"content":{"rendered":"<div>\n<p class=\"r\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Versehn is ooch verspielt!<\/em><\/span><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p class=\"r\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Berliner Redensart<\/span><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMensch\u00ab, sagt der Berliener, wenn er beim Skat sitzt und der Gegner klaubt ihm gar zu genau auseinander, wie er h\u00e4tte spielen sollen und wie er nicht h\u00e4tte spielen sollen, \u00bbnu halt dir nich bei die Leichenreden auf! Spiel!\u00ab \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir halten jetzt bei der Zeit der Leichenreden \u2013 die Hasardeure, die das Spiel verloren haben, setzen dem deutschen Volk ausf\u00fchrlich auseinander, warum es hat verlieren m\u00fcssen, und wie es h\u00e4tte gewinnen k\u00f6nnen. Und wir m\u00f6chten ihnen so gerne zurufen: Haltet euch nicht bei den Leichenreden auf! \u2013 Bessert!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem Wust von Entschuldigungsschriften der Milit\u00e4rs fische ich ein Heftchen heraus <i>\u203aDas Marne-Drama des 15. Juli 1918\u2039 <\/i>von Kurt Hesse (Berlin 1919 bei Mittler und Sohn). Der Verfasser war Oberleutnant und hat viereinhalb Jahr im Felde gestanden. Das B\u00fcchlein scheint mir so typisch f\u00fcr den deutschen Offizier und seine Welt, dass ich es hier n\u00e4her betrachten will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zitiere: \u00bbUnsre Presse hat unendlichen Schaden angerichtet. Wie weit sie auf \u203aBefehl\u2039 handelte, wei\u00df ich nicht. Darum erhebe ich auch nur bedingt gegen sie einen Vorwurf. Am Silvestertage schrieb ich nach Haus: \u203aDie Zeitungsnachrichten bringen immer nur Siegesnachrichten, wir merken hier tats\u00e4chlich wenig vom Siegen. Wir wissen nur das zu sagen, dass wir niemals so schwer zu k\u00e4mpfen gehabt haben, wie in den letzten Wochen.\u2039\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Pressemann es wagen w\u00fcrde, \u00fcber milit\u00e4rische Angelegenheiten zu schreiben, ohne zu wissen, dass die Ulanen keine Infanterieformation sind, w\u00fcrde ihn der Offizier mit Recht f\u00fcr unzust\u00e4ndig halten. Da\u00df aber ein deutscher Offizier heute noch nicht wei\u00df, dass wir im Kriege \u00fcberhaupt keine Presse, sondern nur ein machtloses Druckinstrument hatten, das sich vollkommen in H\u00e4nden von Milit\u00e4rs, also von Offizieren befand, das ist besch\u00e4mend. Zugegeben, dass es Zeitungsm\u00e4nner gab, die der Kriegskoller \u00fcbermannte \u2013 sie sind hier oft genug bek\u00e4mpft und angeprangert worden. Aber h\u00e4tte denn die Stimme der besonnenen Anst\u00e4ndigkeit und der ruhig \u00fcberlegenen Vernunft durchdringen k\u00f6nnen? W\u00e4re nicht die Zeitung sofort verboten worden, die nicht in diesen Siegestaumel mit eingestimmt h\u00e4tte, ja, sind solche Zeitungen nicht verboten worden? Wir brauchen nicht weit zu gehen, um auf Beispiele zu verweisen &#8230; Davon wei\u00df der Offizier nichts. Von dieser ma\u00dflosen Schuld seiner eigenen Kameraden, die in Deutschland etwas machten, was sie Politik nannten, was aber verbrecherischer Unfug war \u2013 davon wei\u00df er nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zitiere: \u00bbViel Schuld, dass zwischen Heer und Heimat nicht die Harmonie bestand, die h\u00e4tte sein m\u00fcssen \u2013 sie war \u00e4u\u00dferlich sehr innig, aber nicht tief gefestigt, weil eben einer vom anderen die Wahrheit nicht wu\u00dfte \u2013 sehr viel Schuld daran trug die t\u00e4gliche Heeresberichterstattung. Gewi\u00df, ihre Sprache war zeitweise stolz, klassisch, deutsch. Aber was n\u00fctzen die besten Worte, wenn sie \u00fcber die Wirklichkeit hinwegt\u00e4uschen. L\u00fcgen enthielten sie zwar nie, aber sie sagten vieles nicht.\u00ab Folgen eine Reihe schwerwiegender Beispiele, Verschweigungen, L\u00fcgen. L\u00fcgen \u00fcber Fliegerei (\u00bbWir sind die Herren der Luft\u00ab), L\u00fcgen \u00fcber das Sanit\u00e4tswesen, die Aushungerung des Gegners. Und zwei Seiten sp\u00e4ter: \u00bbLudendorff &#8230; Da fa\u00dften wir fester noch Vertrauen zu ihm, und er t\u00e4uschte uns nicht.\u00ab \u2013<\/p>\n<div class=\"google-auto-placed ap_container\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was uns hier aber besonders angeht, das ist nicht der mangelnde Mut des Verfassers, aus gut beobachteten Einzelheiten nun auch die einzig m\u00f6gliche Schlu\u00dffolgerung zu ziehen, sondern das sechste Kapitel der Schrift <i>\u203aVom Offizier, Unteroffizier und gemeinen Mann\u2039. <\/i>Hier haben wir den preu\u00dfischen Ungeist in Reinkultur, und ihn wollen wir uns vornehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErzogen zum F\u00fchrer, war der Offizier der Halt im Gefecht. Um ihn scharten sich die Leute. Sie wu\u00dften einfach nicht, wo sie ohne ihn bleiben sollten.\u00ab Also waren sie schlecht ausgebildet. Also hatte der nicht zum Erzieher getaugt, der sie unterrichtet hatte: denn was sind das f\u00fcr Soldaten, die nur arbeiten k\u00f6nnen, wenn der Dresseur neben ihnen stand! Und weil ich das Gef\u00fchl habe, dass Hesse einer der Ehrlichen ist, die ihre Sache lieben und um der Sache willen vor der bitteren Wahrheit \u2013 soweit sie sie erkennen \u2013 nicht zur\u00fcckscheuen, deshalb freue ich mich, meine alten Behauptungen, wegen deren man mich fast gest\u00e4upt h\u00e4tte, auch hier best\u00e4tigt zu finden.<\/p>\n<div class=\"google-auto-placed ap_container\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn erster Linie wird dem Offizier jetzt vorgeworfen, er h\u00e4tte auf Kosten der Mannschaften gelebt. Man soll offen sein: es ist vielfach geschehen. Es ist aber im Felde energisch dagegen angegangen worden, viel mehr von unten als von oben. Es wurde \u2013 das mu\u00df ich ehrlich sagen \u2013 der eiserne Besen vermi\u00dft, der mit dem Wohlleben energisch aufr\u00e4umte; aber da durfte nicht vorn angefangen werden, sondern hinten war das \u00dcbel am gr\u00f6\u00dften. Auch nicht mit schriftlichen Verboten, sondern mit der Tat.\u00ab Die Tat hat gefehlt, mein Herr Oberleutnant. Die Tat war da, wenn es galt, einen unbequemen Soldaten abzutun, der sich dar\u00fcber aufhielt, dass Heimatkisten, Wein, Annehmlichkeiten nur f\u00fcr die \u203aHerren\u2039 da war. Die Tat blieb aus, wenn irgend ein Etappenkaiserchen das halbe Dorf f\u00fcr sich requirierte. Die Tat blieb aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine andre Welt, in der die da lebten (und noch leben). \u00bbIch komme zum gemeinen Mann\u00ab, steht in der Schrift. \u00bbSoll ich noch sagen, dass mein Herz f\u00fcr ihn schl\u00e4gt?\u00ab \u2013 Du sollst es nicht sagen. Das Herz soll nicht f\u00fcr ihn schlagen, darauf verzichtet er. Du sollst dazu geh\u00f6ren, als Deutscher zum Deutschen; du sollst dich nicht besser d\u00fcnken denn er, der den Dreck ausfri\u00dft. Wir pfeifen auf dein Herz. Sei einer von den unsern! Komm heraus aus deiner Kaste!<\/p>\n<div class=\"google-auto-placed ap_container\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn eine Kaste wars. Eine Kaste, die sich nicht denken konnte, dass gute milit\u00e4rische Erziehung ohne Drill denkbar sei \u2013 auch heute noch nicht denken kann. Eben nur durch den Drill kommt keine Disziplin in die Truppe; da kommen wohl jene vielgeliebten strammen Ehrenbezeugungen hinein. Ach! die schlimmen Schieber rissen am knallendsten die Knochen zusammen, und wohlgef\u00e4llig ruhte das Auge des Herrn Kommandeurs auf ihnen. Durch den Drill entstand jener widerw\u00e4rtige preu\u00dfische Kadavergehorsam, mit dem Friedrich der Gro\u00dfe noch seine Kriege gewinnen konnte. Die Welt hat ihn \u00fcberholt und \u00fcberfl\u00fcssig gemacht. Seine Zeit ist vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ihr habt den Krieg gewollt. \u00bbDer Wille zum Kriege lag in unserm Blut, das einer Reinigung bedurfte.\u00ab Eures vielleicht, unsres nicht. Wir h\u00e4tten ganz gut leben k\u00f6nnen, ohne halb Europa mit dem Blut unserer Besten zu d\u00fcngen. Wir haben ihn nicht gewollt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn nicht und den Popanz eurer fossilen \u203aEhre\u2039 nicht, die ihr noch bei den Unteroffizieren vermi\u00dft, die sie wei\u00df Gott nicht hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben den Krieg nicht gewollt, wie wir eure Welt nicht wollen, die noch heute \u2013 1919 \u2013 fest und treu glaubt, ein halbes Jahr Blutvergie\u00dfen mehr h\u00e4tte uns gen\u00fctzt, noch weiter, durchhalten, noch zwei Monate, drei, vier &#8230; Und ihr sammelt m\u00fchsam Entschuldigungsgr\u00fcnde: die \u203agegnerische Propaganda\u2039 \u2013 als ob ein innerlich gesundes und zufriedenes Heer solchen Dingen zug\u00e4nglich w\u00e4re; \u2013 der fehlende Diktator \u2013 hatten wir einen? und was f\u00fcr einen \u2013 dies und das, dieses und jenes &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nur das eine seht ihr nicht. Wollt ihr nicht? K\u00f6nnt ihr nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df ein unfreies Volk in gez\u00fcchteter Sklaverei gehalten, nimmermehr andre befreien kann, dass Kastenwirtschaft aus dem vierzehnten Jahrhundert nicht den Siegeslauf in der heutigen Welt antreten kann, da\u00df diese Armee, dieser Geist da mit vollem Recht zusammengebrochen sind. Und dass wir uns deutsche T\u00fcchtigkeit, deutschen Stolz, deutsche Geltung ganz, ganz anders denken, als blitzend auf dem Kasernenhof, glei\u00dfend emporgereckt auf dem R\u00fccken gebeugter, stummer, wehrloser Tausender! \u2013 So nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Marnedrama war eine milit\u00e4rische Angelegenheit, \u00fcber die milit\u00e4rische Sachverst\u00e4ndige rechten m\u00f6gen. Wir sehen weiter als bis \u00fcber die n\u00e4chste Nachbarfront.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Krieg ist nicht verloren worden, weil der herrschende Ungeist in Deutschland nichts getaugt hat. Der Gr\u00fcnde sind wohl mancherlei. Aber weil er nun einmal verloren ist, la\u00dft uns daran arbeiten, dass dergleichen nicht wiederkehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Heftchen ist mir von einem Freund mit dem Bemerken zugeschickt worden: \u00bbSo ungef\u00e4hr denke ich mir positive Kritik.\u00ab Ich nicht. Salben und Quacksalbereien helfen nichts, wenn das Bein brandig ist. Messer!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Spiel ist aus. Die Partner halten aufgeregt Leichenreden und beschuldigen einander des Versehens und der Unterlassungss\u00fcnden. Sie h\u00e4tten sich \u203aversehen\u2039.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir andern zucken die Achseln. \u00bbVersehn is ooch verspielt!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg\" alt=\"\" width=\"177\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky-177x300.jpg 177w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Tucholsky.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 177px) 100vw, 177px\" \/><\/a>Quelle:\u00a0Berliner Volkszeitung, 03.08.1919.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versehn is ooch verspielt! 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