{"id":81132,"date":"2019-12-30T00:01:26","date_gmt":"2019-12-29T23:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81132"},"modified":"2023-09-20T11:20:10","modified_gmt":"2023-09-20T09:20:10","slug":"fontane-und-seine-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/30\/fontane-und-seine-zeit\/","title":{"rendered":"Fontane und seine Zeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer, der am 30. Dezember 1919 hundert Jahre geworden w\u00e4re, wenn Menschen im allgemeinen so alt werden w\u00fcrden. Und der es nicht geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser m\u00e4rkische Goethe wirkt auf uns so lange nach \u2013 nicht als K\u00fcnstler: denn leicht angestaubt scheinen heute schon seine Romane, in der Technik, in altbacknen Stellen, die unsere Z\u00e4hne nicht mehr recht bei\u00dfen wollen, in der Linienf\u00fchrung und schlie\u00dflich auch in der Anschauung von Gut und B\u00f6se. Wir denken anders, wir werten anders, wir f\u00fchlen anders, und wir urteilen anders. Und ein solcher Riesenkerl, dass er uns das vergessen machen k\u00f6nnte, war Fontane nicht. Der Romanschreiber Fontane schwindet mit seiner Zeit. Anders stehts schon mit den Gedichten, besonders mit denen aus den letzten Jahren des Alterns. Das sind T\u00f6ne, die so bald nicht vergehen; da ist Herzschlag und eine weise Resignation, die niemals tr\u00e4nenselig ist. Schlagt die Altersgedichte von Wilhelm Busch auf, und ihr habt in (herrlichen) Versen, noch einmal niederdeutsch, was Fontane auf seine grazi\u00f6se Art gesagt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Literaturhistoriker wird diesen Mann nicht ganz erfassen. Er war mehr, ja er war eigentlich erst ganz er selbst, neben der Literatur. Nicht neben der Kunst. Er war kein Lebensk\u00fcnstler, kein Held und kein Weltbefahrer. Alles, was menschlich und literarisch in den Briefen, in den viel zu wenig gekannten Theaterkritiken reizt, hat irgend etwas mit Kunst zu tun \u2013 ist k\u00fcnstlerisch empfunden bis in die Fingerspitzen \u2013: Werke des Mannes aus einer Mischrasse. M\u00e4rker und Emigranten \u2013 dieses Konglomerat hat der Mark Brandenburg schon manchen guten Mann geschenkt. Aber es war ja nicht die Literatur, nicht die Kunst und all das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was diesen Mann uns unvergleichlich macht, das ist \u2013 wie bei Goethe \u2013 die Luft, in der er lebte und die er atmete. Das ist jene Aura um die Dinge seines Seins herum, dieses Undefinierbare, das Fontane zu einem Symbol macht, zu einem Symbol einer Zeit, und mehr; zu dem einer ganzen kleinen Welt. Sie ist dahin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was war es denn schlie\u00dflich mit ihm \u2013? Er schrieb seine B\u00fccher, und arbeitete \u2013 er war einer der gewiegtesten Techniker, die die deutsche Literatur je gehabt hat, ohne dass man Versen und S\u00e4tzen ansieht, wie sie gebosselt sind \u2013 er schrieb und lebte bescheiden daher. Und das Leben auf der gro\u00dfen Weltb\u00fchne rauschte vorbei, umbrauste ihn, und er l\u00e4chelte. Wer so l\u00e4cheln kann \u2013!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein Gemisch, ein prachtvolles Gemisch von Lavendelduft und neuer Zeit, wie er sie verstand, aus edelstem Menschentum und jenem Schu\u00df Ironie und Skepsis, die den Mann so anziehend machten. In seinen Augen lag immer das gewisse leichte Zwinkern, der kleine berliner \u203aPlinzler\u2039, der die M\u00f6glichkeit zum R\u00fcckzug offenl\u00e4\u00dft, und der deshalb jedes Pathos ertr\u00e4glich macht \u2013 weil man wei\u00df: der bullert keinen Theaterdonner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere m\u00f6gen entscheiden, was er uns als K\u00fcnstler gewesen ist. Thomas Mann tuts in dem neuen Fontane-Gedenkbuch, das jetzt bei S. Fischer in Berlin erschienen ist; in einem wundersch\u00f6nen Aufsatz (da ist Seelenverwandtschaft) zeigt er den Spie\u00dfer auf, der gar keiner war, und den K\u00fcnstler, der jene unstillbare Sehnsucht nach dem Philistertum, nein, nach den Menschen hatte. Andere m\u00f6gen untersuchen, was er der von ihm versifizierten preu\u00dfischen Geschichte genommen und gegeben hat, welch ein Theaterkritiker der Mann war und welch ein Briefschreiber. La\u00dft mich hier den Menschen Fontane betrachten, das Symbol seiner Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie war es denn? Er lebte dahin, wohl wissend, dass alles gedr\u00fcckt und klein war um ihn, und dass er niemals Geld machen w\u00fcrde, und dass Amerika auch ein Land sei, aber Gott sei Dank \u2013 ein fernes. Er lebte und l\u00e4chelte leise, wenn er merkte, dass ein ordensbedeckter Kanzlist der alten Schule ihm bei Festlichkeiten vorgezogen wurde. Er l\u00e4chelte, aber es war ein seltsam trauriges L\u00e4cheln. Denn er geh\u00f6rte zu diesen ungl\u00fcckseligen Naturen, die auf der b\u00f6sen Kippe stehen: auf dem schmalen Grenzseil zwischen Literatur und Leben. Und er liebte beides gleich hei\u00df, und er wu\u00dfte von beiden viel und sehnte sich nach beiden. Und wenn er das Leben hei\u00dfer liebte als die Literatur, so geschah das deshalb, weil er ein gr\u00f6\u00dferer Literatur war als ein Mann dieses lauten Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Einflu\u00df reichte weit. Durch die Jahre, durch die Jahrzehnte war der alte Fontane ein Wappenschild, so, wie der alte Raabe eins war oder Wilhelm Busch oder vielleicht noch Keller. Einem Induktionsstrom gleich glitt durch unsere Herzen derselbe Takt des Blutes, wenn wir ihn lasen \u2013 die scheinbar improvisierten Verse der Alterszeit und die Briefe, diese vollen, satten, tiefen Briefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war bis zum Kriege nicht eben ohne Wichtigkeit. Man konnte sich doch damals noch schlie\u00dflich bei einiger Anstrengung vormachen, die Zeiten h\u00e4tten sich nur wenig gewandelt, und man sei selber so ein St\u00fcck alter Fontane und gehe durch das kleine Hafenst\u00e4dtchen und verachte durchaus nicht die \u203aneue Zeit\u2039 \u2013 bewahre! \u2013 aber stehe ihr doch ein wenig zweifelnd gegen\u00fcber, nicht wahr? und habe so seine eigenen Gedanken, und dies und jenes sei eben ein weites Feld, das man nicht so obenhin beackern k\u00f6nne. Und heute \u2013?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der alte Fontane ist nicht am 20. September 1898 gestorben. Er starb am 1. August 1914. Er w\u00e4re heute etwas v\u00f6llig Unm\u00f6gliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts dokumentiert den Abstand dieser beiden Weltalter so sehr, wie die Vorstellung, der Alte wandele heute noch unter uns. Jeder reichgewordene Schieber w\u00fcrde ihn verlachen. Nicht wegen seiner hausv\u00e4terlichen Anschauungen \u2013 die sind dem neuen Mann gleich \u2013, sondern wegen seiner Hemmungen, wegen seiner Bedenken, wegen seiner Schw\u00e4che. Das Bootsverdeck ist verdammt kleiner geworden, und es ist nun die Frage, wer da hinunter mu\u00df und wer oben bleiben darf, \u00bbEs ist eine Frage der besseren Ganglien\u00ab, sagte mir neulich jemand. Ach, ich f\u00fcrchte, es wird auf die gr\u00f6bern hinauslaufen, und die hat nicht jeder. Ein neues Zeitalter ist aufgezogen, und das kommt nicht allein von der Valuta her. Ihr wollt tatkr\u00e4ftige M\u00e4nner, zum Sinnieren ist jetzt nicht die Zeit, und die Jugend lernt spanisch und will hinaus, auf den Weltmarkt, hinaus, wo es bunt hergeht und laut, und wo die M\u00f6glichkeiten schlummern. Liebe, wolltest du nicht auch in die Welt? Ist es nur eine solche Beschaffenheit deines Blutes, die dich ruhelos macht? Du bist ein Kind dieser Zeit; Amerika und die englischen Kolonien und eine Farm und vielleicht die Gesandtschaften in Lissabon \u2013 nur Leben, wildestes, bewegtestes Leben! Genrebilder aus dem Biedermeier (denn der alte Herr ist f\u00fcr dich schon fast Biedermeier) \u2013 pah! Und wir andern, die wir leider, leider immer noch so fontanisch sind, wir wollen dich halten, halten. Aber die Uhr tickt, und du gehst weiter. Und bist doch nur ein M\u00e4dchen; also wie sind die, die du liebst, wie sind deine M\u00e4nner? Sie sind \u2013 in ihren besten Exemplaren \u2013 so, dass auch nur ein innerliches Gespr\u00e4ch zwischen ihnen und dem alten Fontane eine Unm\u00f6glichkeit w\u00e4re. Er war fein und still; er ging \u00fcber den Asphalt und kannte alle geistigen Leute in Berlin und umspannte gewi\u00df nicht die ganze Menschenwelt, aber alles war so klar und einfach und wohl abgegrenzt \u2013 bis hinunter zur Rangordnung der preu\u00dfischen Verwaltung, die er ironisierte, aber doch irgendwie ernst nahm. Und das konnte er damals ja auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorbei, vorbei. Dieser Gedenktag bietet noch einmal Anla\u00df, sich liebevoll in die Einzelheiten dieses kargen und reichen Lebens zu versenken, noch einmal abzutasten, wie er arbeitete und sich m\u00fchte, wie er mit freundlichen H\u00e4nden \u00fcber die Dinge strich, und wie er so unendlich m\u00fchevoll erreichte, was er wollte. Das m\u00f6gen die Gedenkschreiber untersuchen, das und sein altes Berlin, seine alte Mark. Beide sind endg\u00fcltig dahin. Vielleicht entwickelt sich einmal aus dem Neuen etwas Ersprie\u00dfliches, vielleicht geht ein neuer alter Fontane in hundert Jahren durch diese graue Stadt und wird vielleicht \u2013 obgleich er uns heute wie ein L\u00f6we erschiene \u2013 von seinen Leuten genau so ein ganz klein wenig bel\u00e4chelt wie dieser: mit seiner entz\u00fcckenden Vorliebe f\u00fcr die kleinen Anekdoten, f\u00fcr das Reale, f\u00fcr die winzige Menschlichkeiten, die aus allen L\u00f6chern gucken, mit seinem scharfen Blick und mit seinem tiefen Herzen. Vielleicht. Wir stehen aber da, dass wir Geschichte treiben, wenn wir vom alten Fontane sprechen, wir stehen da, wo die junge Generation wenig von ihm wei\u00df. Und gar nichts von ihm wissen will, und erkennen wieder, dass Geld auf alle F\u00e4lle, ob mans hat oder nicht, ein Malheur ist. Worauf der Alte sicherlich ein charmantes Gedicht gemacht h\u00e4tte &#8230; Aber dann w\u00e4re er, lebte er heute noch, schlafen gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theodor Fontane ist nicht am 20. September 1898 gestorben, er starb am 1. August 1914 \u2013 gerade zu Beginn der gro\u00dfen Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-60132 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-260x327.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-160x201.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><\/a>Quelle:\u00a0Berliner Tageblatt, 27.12.1919, Nr. 619.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Einer, der am 30. 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