{"id":81122,"date":"2023-03-27T00:01:06","date_gmt":"2023-03-26T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=81122"},"modified":"2022-02-25T13:30:32","modified_gmt":"2022-02-25T12:30:32","slug":"der-untertan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/27\/der-untertan\/","title":{"rendered":"Der Untertan"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Aber es w\u00e4re unn\u00fctz, euch zu raten. Die Geschlechter m\u00fcssen vor\u00fcbergehen, der Typus, den ihr darstellt, mu\u00df sich abnutzen: dieser widerw\u00e4rtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autorit\u00e4tsgl\u00e4ubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den V\u00e4tern, die sich zerrackerten und Hurra schrien, kommen S\u00f6hne mit Armb\u00e4ndern und Monokeln, ein Stand von formvollen Freigelassenen, der sehns\u00fcchtig im Schatten des Adels lebt &#8230;<\/span><\/em><\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heinrich Mann 1911<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in aller H\u00e4nde, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosit\u00e4t, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hie\u00df Vaterlandsverr\u00e4ter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu sch\u00fctteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erstaunlichste an dem Buch ist sicherlich die Vorbemerkung: \u00bbDer Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914.\u00ab Wenn ein K\u00fcnstler dieses Ranges das schreibt, ist es wahr: bei jedem andern w\u00fcrde man an Mystifikation denken, so \u00fcberraschend ist die Sehergabe, so haarscharf ist das Urteil, best\u00e4tigt von der Geschichte, best\u00e4tigt von dem, was die Untertanen als allein ma\u00dfgebend betrachten: vom Erfolg. Und es mu\u00df immerhin bemerkt werden, dass die alten Machthaber \u2013 ach, w\u00e4ren sie alt! \u2013 dieses Buch von ihrem Standpunkt aus mit Recht verboten haben: denn es ist ein gef\u00e4hrliches Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein St\u00fcck Lebensgeschichte eines Deutschen wird aufgerollt: Diederich He\u00dfling, Sohn eines kleinen Papierfabrikanten, w\u00e4chst auf, studiert und geht zu den Korpsstudenten, dient und geht zu den Dr\u00fcckebergern, macht seinen Doktor, \u00fcbernimmt die v\u00e4terliche Fabrik, heiratet reich und zeugt Kinder. Aber das ist nicht nur Diederich He\u00dfling oder ein Typ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist der Kaiser, wie er leibte und lebte. Das ist die Inkarnation des deutschen Machtgedankens, das ist einer der kleinen K\u00f6nige, wie sie zu Hunderten und Tausenden in Deutschland lebten und leben, getreu dem kaiserlichen Vorbild, ganze Herrscherchen und ganze Untertanen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Parallele mit dem Staatsoberhaupt ist erstaunlich durchgearbeitet. Diederich He\u00dfling gebraucht nicht nur dieselben Tropen und Ausdr\u00fccke, wenn er redet wie sein kaiserliches Vorbild \u2013 am lustigsten einmal in der Antrittsrede zu den Arbeitern (\u00bbLeute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier k\u00fcnftig forsch gearbeitet wird.\u00ab Und: \u00bbMein Kurs ist der richtige, ich f\u00fchre euch herrlichen Tagen entgegen.\u00ab) \u2013 er handelt auch im Sinne des Gewaltigen, er beugt sich nach oben, wie der seinem Gotte, so er seinem Regierungspr\u00e4sidenten, und tritt nach unten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn diese beiden Charaktereigenschaften sind an He\u00dfling, sind am Deutschen auf das subtilste ausgebildet: sklavisches Unterordnungsgef\u00fchl und sklavisches Herrschaftsgel\u00fcst. Er braucht Gewalten, Gewalten, denen er sich beugt, wie der Naturmensch vor dem Gewitter, Gewalten, die er selbst zu erringen sucht, um andere zu ducken. Er wei\u00df: sie ducken sich, hat er erst einmal das \u203aAmt\u2039 verliehen bekommen und den Erfolg f\u00fcr sich. Nichts wird so respektiert wie der Erfolg; einmal hei\u00dft es gradezu: \u00bbEr behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.\u00ab Aber wie wird dieser Erfolg geachtet! W\u00fcrde er es mit n\u00fcchternem Tatsachensinn, so h\u00e4tten wir den Amerikanismus, und das w\u00e4re nicht sch\u00f6n. Aber er wird geachtet auf ganz verlogne Art: man sch\u00e4mt sich der alten Vergangenheit und beschw\u00f6rt die alten G\u00f6tter, die den wirklichen Dichtern und Denkern von einst noch etwas bedeuteten, zitiert sie, legt Metaphysik in den Erfolg und donnert voll \u00dcberzeugung: \u00bbDie Weltgeschichte ist das Weltgericht!\u00ab Und appelliert an keine h\u00f6here Instanz, weil man keine andre kennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ganze bombastische und doch so kleine Wesen des kaiserlichen Deutschland wird schonungslos in diesem Buch aufgerollt. Seine Sucht, Am\u00fcsiervergn\u00fcgen an Stelle der Freude zu setzen, seine Unf\u00e4higkeit, in der Gegenwart zu leben, ohne auf die Leseb\u00fccher der Zukunft hinzuweisen, und seine Unf\u00e4higkeit, anders als nur in der Gegenwart zu leben, seine Lust am rauschenden Gepr\u00e4nge \u2013 tiefer ist nie die Popularit\u00e4t Wagners enth\u00fcllt worden als hier an einer <em>\u203aLohengrin\u2039- <\/em>Auff\u00fchrung, die voll witziger Beziehungen zur deutschen Politik strotzt (\u00bbdenn hier erscheinen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erf\u00fcllt. Emp\u00f6rung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum h\u00f6chster Wert gelegt, und das Volk, ein von den Ereignissen ewig \u00fcberraschter Chor, schlug sich willig gegen die Feinde seiner Herren\u00ab) \u2013, und vor allem zeigt Heinrich Mann, wonach eben das Buch seinen Namen f\u00fchrt: die Unfreiheit des Deutschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alte Ordnung, die heute noch genau so besteht wie damals, nahm und gab dem Deutschen: sie nahm ihm die pers\u00f6nliche Freiheit, und sie gab ihm Gewalt \u00fcber andere. Und sie lie\u00dfen sich alle so willig beherrschen, wenn sie nur herrschen durften! Sie durften. Der Schutzmann \u00fcber den Passanten, der Unteroffizier \u00fcber den Rekruten, der Landrat \u00fcber den D\u00f6rfler, der Gutsverwalter \u00fcber den Bauern, der Beamte \u00fcber Leute, die sachlich mit ihm zu tun hatten. Und jeder strebte nur immer danach, so ein Amt, so eine Stel-lung zu bekommen \u2013 hatte er die, ergab sich das \u00dcbrige von selbst. Das \u00dcbrige war: sich ducken und regieren und herrschen und befehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vollkommene Unf\u00e4higkeit, anders zu denken als in solchem Apparat, der weit wichtiger war denn alles Leben, die Stupidit\u00e4t, zwischen Beamtenmi\u00dfwirtschaft und Anarchie nicht die einzig m\u00f6gliche dritte Verfassung zu sehen, die es f\u00fcr anst\u00e4ndige Menschen gibt: sie bildet den Grundba\u00df des Buches. (Und offenbart sie sich nicht heute wieder aufs herr-lichste?) Sie k\u00f6nnen alle nur ihre Pflicht tun, wenn man sie ducken und geduckt werden l\u00e4\u00dft; unzertrennlich erscheint Bildung und Sklaventum, Besitz und Duodezregierung, b\u00fcrgerliches Leben und Untergebene und Vorgesetzte. Sie fassen es nicht, dass es wohl Leute geben mag, die sachlich Weisungen erteilen, aber nimmermehr: Vorgesetzte; wohl Menschen, die f\u00fcr Geld ausf\u00fchren, was andre haben wollen, aber nimmermehr: Untergebene. Das Land war \u2013 war &#8230; \u2013 ein einziger Kasernenhof.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch eins scheint mir in diesem Werk, das auch noch die kleinen und kleinsten Z\u00fcge der Hurramiene mit dem aufgeb\u00fcrsteten Katerschnurrbart eingefangen hat, auf das gl\u00fccklichste dargestellt zu sein; das R\u00e4tsel der Kollektivit\u00e4t. Was der Jurist Otto Gierke einst die reale Verbandspers\u00f6nlichkeit benannte, diese Erscheinung, dass ein Verein nicht die Summe seiner Mitglieder ist, sondern mehr, sondern etwas andres, \u00fcber ihnen Schwebendes: das ist hier in nuce aufgemalt und dargetan. Neuteutonen und Soldaten und Juristen und schlie\u00dflich Deutsche \u2013 es sind alles Kollektivit\u00e4ten, die den einzelnen von jeder Verantwortung frei machen, und denen anzugeh\u00f6ren Ruhm und Ehre einbringt, Achtung erheischt und kein Verdienst beansprucht. Man ist es eben, und damit fertig. Der Musketier Lyck, der den Arbeiter erschie\u00dft \u2013 historisch \u2013 und daf\u00fcr Gefreiter wird; der B\u00fcrger He\u00dfling, der \u2013 nicht historisch, aber mehr als das: typisch \u2013 alle andersgearteten wie Wilde ansieht: sie sind Sklaven der r\u00e4tselvollen Kollektivit\u00e4t, die diesem Lande und dieser Zeit so unendlich Schmachvolles aufgeb\u00fcrdet hat. \u00bbDem Europ\u00e4er ist nicht wohl, wenn ihm nicht etwas voranweht\u00ab, hat Meyrink mal gesagt. Es wehte ihnen allen etwas voran, und sie schw\u00f6ren auf die Fahne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleine und kleinste Z\u00fcge belustigen, b\u00f6se Blink-feuer der Erotik blitzen auf, der Kampf der Geschlechter in Flanell und m\u00f6blierten Zimmern ist hier ein Guerillakrieg, es wird mit vergifteten Pfeilen geschossen, und es ist bitterlich spa\u00dfig, wie Liebe schlie\u00dflich zum legitimen Geschlechtsgenu\u00df wird. Eine bunte F\u00fclle Leben zieht vorbei, und alles ist auf die letzte Formulierung gebracht, und alles ist typisch, alles ein f\u00fcr alle Mal. Die alte Forderung ist ganz erf\u00fcllt: \u00bbWenn nun gleich der Dichter uns immer nur das einzelne, individuelle vorf\u00fchrt, so ist, was er erkannte und uns dadurch erkennen lassen will, doch die Idee, die ganze Gattung.\u00ab Leider: so ist die ganze Gattung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus kleinen Ereignissen wird die letzte Enth\u00fcllung des deutschen Seelenzustandes: am f\u00fcnfundzwanzigsten Februar 1892 demonstrierten die Arbeitslosen vor dem K\u00f6niglichen Schlo\u00df in Berlin, und daraus wird in dem Buch eine grandiose Szene mit dem opernhaften Kaiser als Mittelstaffage, einer begeisterten Menge Volks und in ihnen, unter ihnen und ganz mit ihnen: He\u00dfling, der Deutsche, der Claqueur, der junge Mann, der das Staatserhaltende liebt, der Untertan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und aus all dem Tohuwabohu, aus dem Gewirr der spie\u00dfigen Kleinstadt, aus den Klatschprozessen und aus den Schiebungen \u2013 man sagt: Verordnungen; und meint: Grundst\u00fccksspekulation \u2013, aus l\u00e4cherlichen Ehrenkodexen und simpeln Gaunereien strahlt die Figur des alten Buck. Man mu\u00df so hassen k\u00f6nnen wie Mann, um so lieben zu k\u00f6nnen. Der alte Buck ist ein alter Achtundvierziger, ein Mann von damals, wo man die heute geschm\u00e4hten Ideale hatte, sie zwar nicht verwirklichte, schlecht verwirklichte, verworren war \u2013 gewi\u00df, aber es waren doch Ideale. Wie sch\u00f6n ist das, wenn der alte Mann dem neuen He\u00dfling sein altes Gedichtbuch in die Hand dr\u00fcckt: \u00bbDa, nehmen Sie! Es sind meine <em>\u203aSturmglocken\u2039! <\/em>Man war auch Dichter \u2013 damals!\u00ab Die von heute sinds nicht mehr. Sie sind Realpolitiker, verlachen den Idealisten, weil er \u2013 scheinbar \u2013 nichts erreicht, und wissen nicht, da\u00df sie ihre k\u00fcmmerlichen kleinen Erfolge neben den charakterlosen Pakten jenen verdanken, die einst wahr gewesen sind und unersch\u00fctterlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Buch <em>\u203aDer Untertan\u2039 <\/em>(erschienen bei Kurt Wolff in Leipzig) zeigt uns wieder, dass wir auf dem rechten Wege sind, und best\u00e4tigt uns, dass Liebe, die nach au\u00dfen in Ha\u00df umschlagen kann, das einzige ist, um in diesem Volke durchzudringen, um diesem Volke zu helfen, um endlich, endlich einmal die Farben Schwarz-Wei\u00df-Rot, in die sie sich verrannt haben wie die Stiere, von dem Deutschland abzutrennen, das wir lieben, und das die Besten aller Alter geliebt haben. Es ist ja nicht wahr, dass versipptes Cliquentum und gehorsame L\u00fcgner ewig und untrennbar mit unserm Lande verkn\u00fcpft sein m\u00fcssen. Beschimpfen wir die, loben wir doch das andre Deutschland; l\u00e4stern wir die, beseelt uns doch die Liebe zum Deutschen. Allerdings: nicht zu diesem Deutschen da. Nicht zu dem Burschen, der untert\u00e4nig und respektvoll nach oben himmelt und niedertr\u00e4chtig und geschwollen nach unten tritt, der Radfahrer des lieben Gottes, eine entartete species der gens humana.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil aber Heinrich Mann der erste deutsche Literat ist, der dem Geist eine entscheidende und mitbestimmende Stellung fern aller Literatur einger\u00e4umt hat, gr\u00fc\u00dfen wir ihn. Und wissen wohl, dass diese wenigen Zeilen seine k\u00fcnstlerische Gr\u00f6\u00dfe nicht ausgesch\u00f6pft haben, nicht die Kraft seiner Darstellung und nicht das seltsame R\u00e4tsel seines gemischten Blutes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wollen wir k\u00e4mpfen. Nicht gegen die Herrscher, die es immer geben wird, nicht gegen Menschen, die Verordnungen f\u00fcr andre machen, Lasten den andern aufb\u00fcrden und Arbeit den andern. Wir wollen ihnen <em>die <\/em>entziehen, auf deren R\u00fccken sie tanzten, <em>die, <\/em>die stumpfsinnig und immer zufrieden das Unheil dieses Landes verschuldet haben, <em>die, <\/em>die wir den Staub der Heimat von den bebl\u00fcmten Pantoffeln gerne sch\u00fctteln s\u00e4hen: die Untertanen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_15606\" style=\"width: 186px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-15606\" class=\"size-medium wp-image-15606\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-TucholskyParis19282-176x300.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-15606\" class=\"wp-caption-text\">Tucholsky in Paris (1928)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle: <em>Die Weltb\u00fchne, 20.03.1919, Nr. 13, S. 317.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber es w\u00e4re unn\u00fctz, euch zu raten. 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