{"id":8041,"date":"2012-10-17T00:03:42","date_gmt":"2012-10-16T22:03:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=8041"},"modified":"2021-12-26T13:17:35","modified_gmt":"2021-12-26T12:17:35","slug":"die-gewalt-beginnt-sobald-man-vor-die-tur-tritt-%e2%88%99-christine-angots-roman-die-stadt-verlassen-%e2%88%99-revisited","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/17\/die-gewalt-beginnt-sobald-man-vor-die-tur-tritt-%e2%88%99-christine-angots-roman-die-stadt-verlassen-%e2%88%99-revisited\/","title":{"rendered":"\u00bbDie Gewalt beginnt, sobald man vor die T\u00fcr tritt\u00ab \u2219 Christine Angots Roman \u00bbDie Stadt verlassen\u00ab \u2219 Revisited"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 30px;\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/517C1W0N4SL._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"210\" \/>Heute morgen ruft mich H\u00e9l\u00e8ne Millau an, die teuerste Floristin der Stadt, auch die mit der besten Ware, den sch\u00f6nsten Str\u00e4u\u00dfen, um zu fragen, ob sie vorbeikommen d\u00fcrfe. Einen Armvoll roter Rosen von Mathilde, um mich zu beruhigen, die Bestie zu beruhigen, die wilde. Ich denke eher, da\u00df sie es sind, die von der Leine gelassen sind. Ich versp\u00fcre niemandem gegen\u00fcber mehr eine Begierde, auch nicht gegen\u00fcber meinen Opfern. Auch keinen Ha\u00df mehr, auch nicht mehr den geringsten Groll, ich habe einfach Lust zu verschwin\u00adden, das ja, ich z\u00f6gere noch zwischen Paris und einem abgelegenen Dorf in der Auvergne, Murat. Der Gru\u00df an den Blumen spricht von einer gegenseiti\u00adgen Gereiztheit, erst ihrerseits, dann meinerseits, sie sagt no comment, und diese Stadt ist viel zu klein. Die Gereiztheiten d\u00fcrfen nicht der Gegenstand von Zwietracht sein, viel zu klein, viel zu schnatternd f\u00fcr das nicht immer leichte Leben. Sie endet mit In Freundschaft. Alle sind es, die gegen mich sind, die denken, da\u00df ich das besser nicht h\u00e4tte sagen sollen, nicht h\u00e4tte tun sollen, da\u00df ich aufh\u00f6ren m\u00f6ge! Ich hoffe, da\u00df sie aufh\u00f6ren wird, sich diesem Spiel zur Verf\u00fcgung zu stellen. Ich kann es mir nicht erlauben, da\u00df mich ihre Ratschl\u00e4ge schw\u00e4chen. Ich sehe sie nicht mehr. Mathilde habe ich einen kur\u00adzen und b\u00fcndigen Brief geschickt. Heute ist Sonntag, das Wetter ist grau, ich w\u00fcrde mir gerne Eyes wide shut ansehen, nur blo\u00df mit wem, und allein, und wenn ich im Saal auf Marie-Christine treffe, mit ihrer neuen Freundin, die schielt, das kann ich nicht machen. Schon gestern allein auf der Stra\u00dfe, ich f\u00fchlte mich dennoch einigerma\u00dfen wohl, aufgrund eines Briefs, der mit gut getan hat, dem Inhalt nach: diese von Ihnen selbst gew\u00e4hlte Position am Ab\u00adgrund, die einen kollektiven Narzi\u00dfmus ihnen gegen\u00fcber ausl\u00f6st, woher r\u00fchrt dieser Anspruch, diese Briefe, und er schiebt ein: Dylan: She\u2019s an artist, she don\u2019t look back. Ach leider doch, ungl\u00fccklicherweise blicke ich doch zu\u00adr\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: right;\">Christine Angot \u00b7 <em>Die Stadt verlassen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wo und wann \u2219 Ziemlich egal<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo Literatur entsteht bzw. verlegt wird, ob in Berlin (mittlerweile wahrscheinlich die Stadt mit den meisten Autoren und Verlagen: An Berlin h\u00e4ngen, nach Berlin dr\u00e4ngen \u2026 alle) oder B\u00fcrvenich (ein Dorf am Rande der Eifel, wo es zur Zeit meines Wissens weder einen Autor und schon gar keinen Verlag gibt), ob in Australien, Bulgarien, Chile, D\u00e4\u00adnemark, England, Frankreich, Geor\u00adgien, Honduras, Irland, Jemen, Kambodscha, Luxemburg, Mali, Ne\u00adpal, \u00d6sterreich, Polen, Ruanda, Schweden, Togo, Uganda, Venezuela, Wales oder auf Zypern, das ist mir immer schon ziemlich egal gewesen. Auch als Kind habe ich naturgem\u00e4\u00df B\u00fccher aus anderen L\u00e4ndern gelesen: Was blo\u00df w\u00e4re ich ohne Runer Jonssons <em>Wicki und die starken M\u00e4nner<\/em> gewesen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleiches \u203aEgal\u2039 gilt f\u00fcr die Frage, wann ein Buch erschienen ist. Die Werbung will mich, un\/verst\u00e4ndlicherweise, Tag f\u00fcr Tag schwach machen f\u00fcr das neueste Buch, mir suggerieren, da\u00df nur die Romane und Gedichtb\u00fccher des aktuellen Jahrgangs von tieferem Interesse f\u00fcr den klugen Leser sein k\u00f6nnen, aber immer wieder gelingt es mir trotz jener \u00dcbermacht, auf B\u00fccher zur\u00fcckzugreifen, deren Erscheinungsjahr bereits einige Zeit zur\u00fcckliegt. Im \u00fcbrigen erscheint mir angesichts der weiterhin steigenden Ver\u00f6ffentlichungswutflut diese Form der R\u00fcckzugslekt\u00fcre nahezu \u00fcberlesensnotwendig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wechselbad<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben Sie den Roman <em>Inzest<\/em> von Christine Angot gelesen? Denn <em>Die Stadt verlas\u00adsen<\/em> ist besonders f\u00fcr die Leser interessant, die sich mit jenem in Frankreich so vieldiskutierten Buch auseinandergesetzt haben: In <em>Die Stadt ver\u00adlassen<\/em> schildert\/protokolliert Christine Angot in ihrer aus <em>Inzest<\/em> bekannten Art und Weise \u2013 aggressiv, direkt, ei\u00adgenwillig, emphatisch, &#8230; \u2013 die Monate nach der Publikation von <em>Inzest<\/em>, die ihr ein extremes Wechselbad der Gef\u00fchle, Er\u00adfahrungen, Stimmungen bereiten, mit dem sie in dieser nervt\u00f6tenden Heftigkeit offenbar nicht gerechnet hatte \u2013 vielleicht aber h\u00e4tte rechnen m\u00fcssen, denn es ist eine Binsenerfahrung, da\u00df die Hy\u00e4nen an je\u00adder Stra\u00dfen\u00adecke warten, um dich zu verfr\u00fchst\u00fccken, wenn du dich unterstehst, den Mund aufzutun, um an Tabus zu ta\u00adsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mitrei\u00dfend<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz besonders interessant sind die beiden B\u00fccher f\u00fcr Liebhaber franz\u00f6sischer Literatur, die sich zudem im zeitgen\u00f6ssischen franz\u00f6si\u00adschen Literaturbetrieb gut auskennen. Zu diesen Lesern geh\u00f6re ich nicht, kann deshalb so manche Pas\u00adsage des Buches nicht unbedingt begreifen oder nachvollziehen, was der durchweg mitrei\u00dfenden Lekt\u00fcre allerdings keinerlei Abbruch tut, zudem es da nat\u00fcr\u00adlich die vielen Ge\u00admeinsamkeiten mit dem Literaturbetrieb im deutschen Sprachraum gibt, mit der Rolle der Medien, des Fernsehens, der Zeitungen und Zeitschriften, der Kritik, der Be\u00adrufskolle\u00adgen, der Buchhandlungen, der Grossisten, der Leser usw., die mich die meisten Passagen des Buches regelrecht \u203afressen\u2039 lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Oder oder oder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es wirkt erb\u00e4rmlich, fortlaufend zu lesen, wie aber auch jeder, der irgend\u00adwie mit dem Buch zu tun hat, ausschlie\u00dflich Interessen nachjagt und es in letzter Konsequenz nur selten um das Buch <em>Inzest<\/em> oder dessen Verfasse\u00adrin Christine Angot geht, sondern um voyeuristische Neugier oder Verkaufs\u00adzahlen oder Sendeminuten oder Spalten in der Zeitung oder oder oder. Das widert mich immer wieder so an, da\u00df ich das Buch weglegen will, was ich nat\u00fcrlich nicht tue, denn <em>Die Stadt verlassen<\/em> mit seinem kaprizi\u00f6sen Stil ist nicht weniger als durch und durch fesselnd.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Oder doch?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christine Angot bew\u00e4ltigt Welt durch Sprache, macht pers\u00f6nliche Erlebnisse durch die Verwand\u00adlung in Sprache zum allgemeinen Thema, offenbart scho\u00adnungslos pers\u00f6nliche Schw\u00e4chen bzw. Abh\u00e4ngigkeiten, die sie als typische Schw\u00e4chen bzw. Abh\u00e4ngigkeiten zahlreicher Mitglieder westlicher Gesellschaften entlarvt. Da\u00df die 1959 geborene Christine Angot (die in <em>Die Stadt verlassen<\/em> das Schicksal der Autorin von <em>Inzest<\/em> fortlaufend mit den Schicksalen der Trag\u00f6dien von Sophokles bzw. dem Epos des Homer verkn\u00fcpft) so sehr betont, da\u00df es nur im Ausnahmefall \u203aechte\u2039 Freunde im Leben gebe, ist eine Erkenntnis, f\u00fcr die man aller\u00addings kein Buch mehr schreiben mu\u00df. Oder doch?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nach Paris<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach langwierigem Hin und Her (und auch aus R\u00fccksicht auf die Toch\u00adter) erfolgt der Wohnungswechsel von Montpellier nach Paris. Bitte lesen Sie selber, wie es nach monatelangen \u00f6ffentlichen und internen Schlammschlachten, f\u00fcr die sich selbst popul\u00e4re Schriftsteller nicht zu schade waren, dazu kam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christine Angot, <strong>Die Stadt verlassen<\/strong>, Roman, aus dem Franz\u00f6sischen von Christian Ruzicska, 187 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Tropen Verlag, K\u00f6ln 2002.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Christine Angot, <strong>Inzest<\/strong>, Roman, aus dem Franz\u00f6sischen von Christian Ruzicska und Colette Demoncy, 186 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Tropen Verlag, K\u00f6ln 2001.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute morgen ruft mich H\u00e9l\u00e8ne Millau an, die teuerste Floristin der Stadt, auch die mit der besten Ware, den sch\u00f6nsten Str\u00e4u\u00dfen, um zu fragen, ob sie vorbeikommen d\u00fcrfe. 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