{"id":80351,"date":"1997-04-30T00:01:41","date_gmt":"1997-04-29T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80351"},"modified":"2021-03-28T07:02:36","modified_gmt":"2021-03-28T05:02:36","slug":"bruder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/04\/30\/bruder\/","title":{"rendered":"Bruder"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Karin war noch unterwegs, als ich die Wohnungst\u00fcre hinter mir abschloss. Ich hatte ihr nichts erz\u00e4hlt. Die Strecke zum Heim kenne ich auswendig. Frank wartete schon vor der T\u00fcr. Ich lie\u00df die Plattform des Transporters herunter, bis ich Franks Rollstuhl bequem darauf schieben konnte. Dann stellte ich die Bremsen des Rollstuhls fest. Den Rest machte die Hydraulik. Oben l\u00f6ste ich die Bremsen, schob den Rollstuhl in den Transporter und fixierte die R\u00e4der am Boden. Wir waren beide schweigsamer als sonst. Keine Geschichten aus meinem B\u00fcro, kein Klatsch von seinen Pflegern. Es war dunkel geworden und es hatte aufgeh\u00f6rt zu regnen. Ich kletterte nach vorne und fuhr los.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Frank war angespannt, er wippte im Rollstuhl hin und her, mehr noch als sonst. Auch versuchte er sich unter dem Lederhelm zu kratzen, ein Zeichen von Nervosit\u00e4t, seit fr\u00fchester Kindheit schon. Als wir durch die Stra\u00dfe fuhren, sah Frank aus dem Fenster. Speichel lief seinen Mundwinkel he- runter. Ich fand einen Parkplatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich verlange zu viel von dir, sagte er von hinten, wir soll- ten wieder nach Hause fahren. Ein Krimi l\u00e4uft im Fern- sehen, kam es leise hinterher. Quatsch, sagte ich. Ich hievte den Rollstuhl wieder heraus und schloss den Wagen ab. Frank sa\u00df im Rollstuhl auf dem B\u00fcrgersteig, zitterte vor K\u00e4lte und vor Aufregung. Ich hatte vergessen, die Schein- werfer auszuschalten und musste noch mal zur\u00fcck. Wir hatten den Aluminiumrollstuhl genommen, er war leicht, aber Frank konnte ihn nicht alleine bewegen. Also man\u00f6vrierte ich ihn am Hundedreck und zerbrochenen Bierflaschen vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wir kamen zu den ersten Frauen, die in kleinen Gruppen mit dem R\u00fccken zu den Schaufenstern standen. Ich sprach mit ihnen, und sie winkten ab. Lass uns wieder fahren, fl\u00fcs- terte Frank. Eine taxierte uns kurz, zuckte die Schultern und sagte: Schei\u00dfe, ich brauche das Geld. Sie ging uns voran, mit kleinen, entschlossenen Schritten. Sie trug alte Turnschuhe, keine High Heels. Ich hatte Schwierigkeiten, ihr mit dem Rollstuhl zu folgen. Frank schwitzte. Sie verschwand in einem Hauseingang. Es ging eine Treppe hoch. Frank ist leicht, doch der Rollstuhl war sperrig. Ein unbeleuchteter Flur, es roch nach Linoleum und Sagrotan. Fast wie in schlechten Filmen, fl\u00fcsterte Frank. Was sagt er, fragte die Frau, von der wir jetzt wussten, dass sie sich Maja nannte. Nichts, antwortete ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Schlie\u00dflich waren wir da: Ein kleines, schmales Zimmer, eine Campingliege, ein Brad-Pitt-Poster an der Wand, ein brummender K\u00fchlschrank in der Ecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie geht es weiter, fragte ich. Sie setzte sich auf die Liege. Zuerst kriege ich das Geld. Ich gab es ihr. Frank lief der Speichel die Mundwinkel herunter. Ich wischte ab. Maja schaute an ihm vorbei, nicht abweisend, aber verunsichert. Sie blickte auf das Geld in ihrer Hand. Das ist vielleicht ein bisschen wenig, sagte sie leise. Warum, fragte ich. Ihre Mundwinkel schafften das verlegene L\u00e4cheln nicht ganz. Er t\u00f6rnt nicht sehr an. Ich legte noch einen Schein nach. Sie nickte und stand auf. Ich stellte mich hinter den Rollstuhl. Maja begann die ersten Kn\u00f6pfe ihrer Bluse aufzumachen. Ihr Blick suchte meine Augen. Ich sah auf Frank. Die Bluse war herunter. Sie trug einen schwarzen BH. Im schlechten Licht sah die Narbe der Pockenschutzimpfung wie eine auf die Schultern gerutschte Brustwarze aus. Frank schaute. Ma- ja streifte den Mini herunter. Ihre Unterw\u00e4sche war nicht sehr aufregend. Na, gef\u00e4llt dir das, sagte sie zu Frank.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Frank sagte nichts. Sie legte sich auf die Campingliege, turnte etwas herum. Dann zog sie den BH aus. Ihre Br\u00fcste rutschten auf die Rippen. Frank schaute. Sie stand wieder auf, ging zum K\u00fchlschrank, kam mit einer Cola-Dose zu- r\u00fcck. Mit der strich sie sich \u00fcber die Brustwarzen, st\u00f6hnte. Ich wischte Frank den Speichel ab. Er schaute. Ihre Brust- warzen waren spitz geworden. Sie beugte sich zu Frank he- runter. Na, willst du mal lutschen, sagte sie. Sie lachte \u00fcber- raschend hell. Bitte fassen Sie ihn nicht an, sagte ich leise. Sie zuckte zur\u00fcck. Vielleicht f\u00fcrchtete sie eine unkontrollierte Reaktion. Frank versuchte, sich umzudrehen. Einen Augenblick z\u00f6gerte ich. Machen Sie weiter, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sie streifte den Slip ab, drehte sich um, st\u00fctzte sich auf der Liege ab, beugte sich herunter, spreizte die Beine und streckte den Po heraus. Frank schaute. Gut so, fragte sie. Ich wischte wieder seinen Speichel weg. Sie achtete auf Distanz zum Rollstuhl und wackelte mit den H\u00fcften. Dann legte sie sich mit dem R\u00fccken auf die Liege, zog die Knie an und spreizte die Beine. So blieb sie liegen. Frank schaute. Sie blickte mich hilfesuchend an. Weiter, fragte sie. Ja, sagte ich. Sie nahm die rechte Hand zwischen ihre Beine und begann sich zu massieren. Frank schaute. Es ist so wulstig bei ihr da unten, sagte er leise. Maja schauspielerte. Zwischendurch fragte sie, ob ich nicht Lust auf sie bekommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sp\u00e4ter fragte der Pf\u00f6rtner des Heimes, ob es sch\u00f6n war, im Tierpark. Als ich zuhause die T\u00fcr aufschloss, kam Karin gerade aus der Dusche. Ich presste sie gegen die Wand und versuchte sie zu nehmen. Sie rang nach Luft, lachte und k\u00fcsste mich. Dabei sah sie mich an und ihr Gesichtsaus- druck ver\u00e4nderte sich. Was ist los mit dir, fragte sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine Leseprobe aus:\u00a0<strong>Trash-Piloten: <\/strong>Texte f\u00fcr die 90er. (Hrsg. von Hainer Link), Reclam, Leipzig 1997<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1997\/04\/Trashpiloten_COver.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-80354\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1997\/04\/Trashpiloten_COver.jpg\" alt=\"\" width=\"155\" height=\"240\" \/><\/a>W<\/b><b><\/b><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Trash<\/a>. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Karin war noch unterwegs, als ich die Wohnungst\u00fcre hinter mir abschloss. Ich hatte ihr nichts erz\u00e4hlt. Die Strecke zum Heim kenne ich auswendig. Frank wartete schon vor der T\u00fcr. 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