{"id":80295,"date":"2023-06-11T00:01:53","date_gmt":"2023-06-10T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80295"},"modified":"2023-06-11T05:29:42","modified_gmt":"2023-06-11T03:29:42","slug":"gezeitengespraech-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/11\/gezeitengespraech-6\/","title":{"rendered":"Gezeitengespr\u00e4ch 6"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> In diesem Jahr machen wir das vergriffene <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah<\/em><\/strong><em> <strong>(hier und heute):<\/strong><\/em> Wir schreiben, reden und tr\u00e4umen uns um Kopf und Kragen. Die Erinnerungen verschmelzen mit der Realit\u00e4t. Die Vergangenheit wird mit jedem dar\u00fcber Reflektieren ver\u00e4ndert, neu interpretiert und vor allem mit L\u00fcgen gef\u00fcllt. Als meine Mutter wusste, dass sie bald sterben w\u00fcrde, sah sie mich fast vorwurfsvoll an. Erst sp\u00e4ter wurde mir bewusst, dass es nicht um den Tod an sich ging, sondern darum, dass sie Wichtiges nicht mehr w\u00fcrde sagen k\u00f6nnen. Welche Geheimnisse sie mitgenommen hat, das wei\u00df ich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> \u00a0 Das hei\u00dft, wenn wir leben, k\u00f6nnen wir etwas Wichtiges sagen. Aber was ist wichtig? Und was wollen wir unbedingt noch sagen, so kurz vor dem Tod? Zenit. Alles bricht. Nicht am Sonntag: Da ist sonnenwei\u00df am Morgen. Sie lachte beim Kaffee. Ber\u00fchrt die F\u00fc\u00dfe. Lustvoll in mir und z\u00e4rtlich. Wir trinken und l\u00e4cheln. (21 Jahre in der Erinnerung). Anhauch m\u00fcde in den Augen. Liebe der Nacht in den Muskeln. Wir lachten am Morgen. Worte ja und egal, nichts, was will ich wichtiges sagen, wenn ich sterbe. Es wird nichts geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (ja, jetzt):<\/em><\/strong> \u00a0\u00a0 Wir m\u00fcssen erst den Tod abhandeln, um zu den Genen zu kommen. Das ist die Antwort auf all das, was du geschrieben hast und ich nie las.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> \u00a0 Ignorant. Nat\u00fcrlich hast du es gelesen. Deine Antwort: \u201eEcht krass.\u201c Der Tod ist kurz. Also viele W\u00f6rter beschreiben das kurze Ende. Und Ende ist vorbei. Nicht mehr denken k\u00f6nnen. Nichts. Auch nicht etwas. Man k\u00f6nnte Millionen W\u00f6rter verwenden. F\u00fcr das Ende. Ich spare das aus. W\u00f6rter f\u00fcr das Leben gibt es noch viele. Das handelnde Prinzip sucht das leidende Prinzip. Die F\u00fclle liebt die Leere. Ich stelle die Lichter um. Jetzt, Februar, der warme. V\u00f6gel baden sehr fr\u00fch. Ich h\u00f6re jetzt: Warme Winde, singen in offener Winterjacke. \u201eDeine Gewalt ist nur deine Suche nach Liebe. Ein stummer Schrei.\u201c (tote Hosen) Die Sprache enth\u00e4lt kein Wort, auf das es ankommt. Aber es gibt dieses Fieber. Wenn ich male. Es verhindert die Form. Der Tod, wo bleibt er? Egal. T\u00f6te mich morgen, lass mich heute noch am Leben. Lalie Lalu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah<\/em><\/strong><em> <strong>(ja, hier):<\/strong><\/em> Zwei Dinge, die mir immer wieder auffallen? Erstens dieses doch so offensichtliche Spiel mit der Dualit\u00e4t: Ja oder nein, kurz oder lang. Alles muss seinen Gegenpol erhalten, auch Leben und Tod. Und das glaube ich einfach nicht. Es gibt nicht nur das Sein und das Nicht-Sein, sondern viele Stufen dazwischen, Zwischen rau und glatt liegt fast schon gl\u00e4ttlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die andere Seite mit der Behauptung fehlender Sprache, neuer, was dabei herauskommt sind Bilder jenseits des Sprechaktes, als sichtbares Manifest des ICH WILL.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> \u00a0 Die Dualit\u00e4t ist unser Leben. Hier wird alles, fast, gefestigt. Die Pole Anfang\/ Ende. Punkt. Also reden wir \u00fcber das \u201eDazwischen\u201c. Wie immer. Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich ziehe umher mit meinen Gedanken. Suche Orte. Was bleibt nach vielen Jahren. Alles w\u00e4chst. Wirft Schatten. Will neue Orte suchen, mit freier Sicht. Neue Lichtungen. Ich brauche Sichtbarkeit. Rundum. Schatten schmerzen. Schattenmale im Kopf. Doch noch mal dazwischen das Sch\u00f6ne. Dualit\u00e4t: Wei\u00dfes Blau, Anmut und Azur, Italiener nehmen keine Butter, Begonien haben oft L\u00e4use. Harte Schw\u00e4mme. Ohne Wasser, Cerberus hat drei b\u00f6se Gesichter. Ich nehme meine Augenbinde ab. Will wieder hier sein. Sorry, Zeitnah, habe mich verzettelt. Und nichts gesagt. Kalibrieren mal. Zum H\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah<\/em><\/strong><em> <strong>(im Raum- und Zeitkontinuum verlaufen):<\/strong><\/em> \u00a0 Wieder einmal wolltest du mich auflaufen lassen. Das Schiff meiner Vorstellungen und liebgewordenen Gewohnheiten hinterr\u00fccks zum Kentern bringen, von wegen verzettelt. Du hast die Zettel stapelweise geworfen und gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Gedankenlandschaft verteilt, wissend, dass ich das nicht so hinnehme, nicht so stehen lassen kann. Es gibt nicht nur das Ja und das Nichtja. Da finden sich auch das Fastja und das Geradenochja, all die Schattierungen des Fragw\u00fcrdigen, die nicht so einfach zu kontern sind, die sich nicht in unsere wohlgebauten und samtgef\u00fctterten Schubladen und Sortenk\u00e4sten einordnen lassen. Immer dann n\u00e4mlich, wenn ich die semantische Unabw\u00e4gbarkeiten, jene paradoxen Ungenauigkeiten entdecke, in den Argumentationen und hochtrabenden Betrachtungen und Erl\u00e4uterungen der Hochgelehrten. In den banalen und flapsigen \u00c4u\u00dferungen des gemeinen Volkes ebenso. Nein, du kannst mich nicht narren und so mir nichts dir nichts in die Irre f\u00fchren. Ich glaube nicht an dieses einfache System.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> \u00a0 Ja, ja, nat\u00fcrlich beinhaltet das Denken die gro\u00dfe Bandbreite des Lebens. Anfang und Ende. Jeder wei\u00df es, jeder sp\u00fcrt es. Ich denke, alles wiederholt sich. Nicht gleich, aber unter anderen Ereignissen. Zum Beispiel: Ich werfe vor vierzig Jahren einen Stein irgendwohin. Was geschieht danach? Ok, das ist Kleinfritzchendenken. Nur anders. Ich meine auch nicht die ber\u00fchmten Schmetterlingsschl\u00e4ge am Amazonas, die irgendwo auf der Welt Sturm ausl\u00f6sen. Ich meine, man tut etwas, eben diesen Stein werfen. Nach zirka vierzig Jahren wiedergefunden. Habe lange gew\u00fchlt im Wald. Aber gefunden. Er hatte sich nicht ver\u00e4ndert. Waldmeister war dar\u00fcber gewachsen. Doch die Erinnerung wei\u00df ich noch. Dieser Ort, nah am Weg. Den es heute nicht mehr so gibt. Da, wo wir gesessen haben, gelegen, im Wald, geliebt. Auf der Hut, weil am Weg. Es war Sommer. Ich nahm einen Stein. Da lagen nicht viele griffbereit. Warf ihn ein paar Meter weg. Sagte: Das soll unser Gl\u00fcck sein. Sie l\u00e4chelte, sagte: Den findest du nicht wieder. Uns, unser Geruch war einst. Wir waren gl\u00fccklich. Erinnerungen dazwischen. Ich habe den Stein noch mal geworfen. Es gibt immer Orte, da ist was Magisches dran geheftet. Im Kopf verankert, ganz tief. Komme ich an diese Orte, springt die Vergangenheit mir ins Gesicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gezeitengespr\u00e4ch<\/strong> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse in der Edition Das Labor, Neheim 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-80267 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-260x347.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-160x213.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einf\u00fchrung zum Projekt <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/17\/gezeitengespraech\/\">hier<\/a>. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: In diesem Jahr machen wir das vergriffene Gezeitengespr\u00e4ch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar. \u00a0 Zeitnah (hier und heute): Wir schreiben, reden und tr\u00e4umen uns um Kopf und Kragen. 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