{"id":80288,"date":"2023-05-11T00:01:30","date_gmt":"2023-05-10T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80288"},"modified":"2023-05-10T19:58:56","modified_gmt":"2023-05-10T17:58:56","slug":"gezeitengespraech-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/11\/gezeitengespraech-5\/","title":{"rendered":"Gezeitengespr\u00e4ch 5"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> In diesem Jahr machen wir das vergriffene <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (im Hier angekommen):\u00a0<\/em><\/strong>Das mit dem Graubrot kannte ich auch. Aber nicht zum nahen B\u00e4cker, der machte nicht so gutes Graubrot. Auch nicht doppelt gebacken, das kostete drei\u00dfig Pfennig mehr. Ein Laib ging bei uns schnell weg &#8211; bei vier Kindern. Strafe war f\u00fcr mich die Hausmacherleberwurst, die Blutwurst von den Schweinen, die ich in der Woche zuvor noch im Stall gestreichelt hatte. Leberwurst, die feine, mochte ich und Fleischwurst, die aus den Ringen geschnitten wurde. So schneide ich heute noch Scheibe f\u00fcr Scheibe der Kindheitserinnerungen und lege sie gen\u00fcsslich in den Mund. Ist denn die Brotkruste nicht immer diese Sehnsucht. Wir naschen am Allt\u00e4glichen und lieben es. Weil die heimliche Versuchung immer reizvoll ist, auch die Gefahr des Entdecktwerdens. Wie eine Kanonenkugel aus einem alten M\u00f6rser schie\u00dft sich diese Gewissheit L\u00f6cher ins Gewissen. Gewiss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:\u00a0<\/em><\/strong>Gestern flatterte ein Kleiner Fuchs durch mein Atelier. Februar. Setzte sich frech auf mein Bild. Die Farben nahmen ihn auf. Mimikry. Ich habe ihn aus dem Auge verloren. Eine dicke Fliege, dunkel, rast \u00fcber mir. Februar. Setzt sich auf mein Rotweinglas. Trinkt, L\u00e4uft. Ist still verharrend. Die Augen haben sich geleert von dem vergangenen Sommer. Und nun: Der Winter, der fast Sommer war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah<\/em><\/strong><em> (<strong>hier nun wieder):\u00a0<\/strong><\/em>Kam aus dem Haus heute, holte der Jahresrhythmus mich ein, wieder diese sehns\u00fcchtigen Schreie. Ja, Februar. Die Kraniche kommen zur\u00fcck und mein Herz tut einen mittelseichten H\u00fcpfer. Das Schlimmste scheint mal wieder \u00fcberstanden und Nick Cave schiebt den Himmel weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:\u00a0<\/em><\/strong>Du hast geschrieben. Ich gr\u00fcbele. Die Stille ruft meine Steine. Mein Blick hackt im Atelier herum. Ein Karton ist vorbereitet. Liegt festgeklebt, wartet. Die Nacht dr\u00f6hnt mal wieder. Will was von mir. Ich bin da. Die schwarze Fliege brummt zum Weinglas. Woher wei\u00df sie die Koordinaten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah<\/em><\/strong><em> <strong>(ja, jetzt):\u00a0<\/strong><\/em>Das Parallele jenseits der Langeweile. Mal Malkarton, mal Leinwand. Die W\u00f6rter finden samengleich den Boden und beginnen zu keimen. Als Bilder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:\u00a0<\/em><\/strong>Hast du das auch? Pl\u00f6tzlich hat man das Gef\u00fchl, es geschieht etwas. Man wartet darauf. Doch nichts. Welche Gedankenverkn\u00fcpfungen im Kopf l\u00f6sen das aus? Keine Erkl\u00e4rung. Es geschieht nichts. Auch eine Langeweile nicht. Die tr\u00e4gt man mit rum. Manche Gegenst\u00e4nde fliegen oder fallen. Ich erinnere mich, als meine Mutter starb. Ich fuhr mit dem Zug zu ihr. Sie lag daheim. Ich schlief die letzte Nacht ihres Lebens neben ihr. Haut an Haut. Hatte einen seltsamen Traum, aus dem Schlaf gerissen, weil sie sprach, dann schlief ich wieder ein.\u00a0 Ich ging \u00fcber eine Br\u00fccke aus Stein. Bei jedem Schritt \u00f6ffneten sich L\u00f6cher. Ich t\u00e4nzelte. Hin und her. Gro\u00dfe Grasb\u00fcschel fielen herunter, wurden aufgefangen von Netzen. Diese hingen unter der Br\u00fccke. Auf verschiedenen H\u00f6hen. Und wieder wach, die F\u00fc\u00dfe meiner Mutter strampelten, so als ob sie weglaufen wollte. Ich hielt sie an der Hand. Dann schlief ich wieder ein. Die Grasb\u00fcschel in den Netzen hingen noch da. Bewegten sich hin und her. Am Morgen war sie tot. Alles flog, alles hing rum. Gras und Haut. Ist 40 Jahre her. Heute wei\u00df ich, Gras und Haut sind auch andere Lieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gezeitengespr\u00e4ch<\/strong> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse in der Edition Das Labor, Neheim 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-80267 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-260x347.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-160x213.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einf\u00fchrung zum Projekt <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/17\/gezeitengespraech\/\">hier<\/a>. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: In diesem Jahr machen wir das vergriffene Gezeitengespr\u00e4ch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar. \u00a0 Zeitnah (im Hier angekommen):\u00a0Das mit dem Graubrot kannte ich auch. 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