{"id":80283,"date":"2023-04-10T00:01:34","date_gmt":"2023-04-09T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80283"},"modified":"2023-04-09T23:32:26","modified_gmt":"2023-04-09T21:32:26","slug":"gezeitengespraech-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/10\/gezeitengespraech-4\/","title":{"rendered":"Gezeitengespr\u00e4ch 4"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> In diesem Jahr machen wir das vergriffene <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> \u00a0 Die Eiszeit kommt. Wir denken an Urlaub vermehrt. Weil dort die Sonne lacht. Keine Bl\u00e4ssh\u00fchner. Aber Strand, Kormoran. M\u00f6wen sowieso. Das Ger\u00e4usch der Eisw\u00fcrfel im Glas. Dort wo die Nacht endet. Das Herz raschelt, in meinen Schlafb\u00e4umen. Der Winter radikal, wird erwartet. Eisblumen k\u00f6nnten bl\u00fchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Jalousien geschlossen. Die Augen schieben sich durch die Spalten. Es liegt Schnee. Ich h\u00e4tte was anderes erwartet. Diese Stille schl\u00e4gt wie ein Stachel, wei\u00dfe Striche vor Augen.\u00a0 Und Lots Frau ist ein entfernter Schneemann. Erinnerst du dich, Zeitnah, an dieses Lichtgef\u00fcge beim \u00d6ffnen des Fensters am Morgen. Dieses fremde Wei\u00df. Das Herz wurde weit, ob dieser Fremdheit. Und Spuren im Schnee. Und darunter gekehrt die toten Bl\u00e4tter, das Ger\u00f6ll. Das Meer im Traum. Wir kriechen nicht mehr mit Kniesch\u00fctzern, wir brauchen jetzt dicke Winterschuhe. Die Liebe wird enger im heimischen Raum. Man r\u00fcckt zusammen. Haut auf warmer Haut. Wir kuscheln und bleiben ineinander, aneinander. Die Rests\u00fc\u00dfe zieht unsern Gaumen zusammen, von der Liebe, die wir hatten. Fr\u00fch ist es dunkel. Sch\u00f6n. Wir sch\u00fctten mehr Licht aus. Du h\u00f6rst auf Farben. Formen flie\u00dfen, lieber Zeitnah, ich wollte eigentlich \u00fcber den Sommer reden. Doch diese Jalousien Blendwerk\u00a0 Blicke haben mich zur\u00fcck geworfen. Also nochmal, die Eiszeit kommt. Trotzdem: Da schwimmen Eisberge Wei\u00df und sauber. Doch nochmal hier genau hinsehen: Da gibt es auch Staub, der Geruch wei\u00dfer W\u00e4nde, Blaue Schatten. Hitze. Salz. Eine S\u00e4ttigung liegt \u00fcber den Stra\u00dfen, der kurze Waffenstillstand des Sommers? Hoppla, doch Sommer. Du bist dran, schreib was. Ich bin etwas verwirrt. Winter oder Sommer?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (jetzt wieder jetzt)<\/em><\/strong><strong>:\u00a0<\/strong>Hatte gescheut zu schauen, zu lesen sowieso, brauchte Abstand von unserem Gespr\u00e4ch, du magst das entschuldigen bitte. Zu viele Bilder im Kopf. Bilder, die geh\u00e4ngt werden wollen oder etwas gehangen? Ausstellung. Und genau dann die Frage, ob wir unsere Bilder \u00fcberhaupt dem Anderen mitteilen k\u00f6nnen. Die Assoziationen teilen? Der Schein der Flammen aus dem Kaminofenfenster dieser Tage auf ihrer Haut vielleicht. Was sehen wir da und was, bittesch\u00f6n, f\u00fchlen und riechen wir. Den Geschmack der k\u00f6rperlich Liebe sicherlich, aber immer die Vergleiche mit einem Damals. Wei\u00dft du noch, wie sie sich anf\u00fchlte? Ich habe es vergessen, versuche trotzdem manchmal dem nachzusp\u00fcren, zu fassen, was mich begeistert gebunden hat. Dieser K\u00f6rper,\u00a0 dort\u00a0 in feuchter Erwartung und Seligkeit. Was bitte war das? Nur Lust, unsere absolute Lust nach Vereinigung, v\u00f6llig, oder spielte auch das Ausleben von Fantasien eine Rolle, auch von Macht und Abh\u00e4ngigkeit? Schon allein der Gedanke l\u00e4sst mich, angestachelt durch die treibend bunte Hippiemusik und ein Glas Wein err\u00f6ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du versuchst mich mit deinen Ankl\u00e4ngen an einen virtuellen Urlaub, gemeinsam nie, du auf der Insel in der N\u00e4he eines Wogenden oder tr\u00fcgerisch ruhigen Meeres, ich auf einem Berg, zwischen Himmel und den gr\u00fcnen Matten, die winzige Bl\u00fctenwunder in sich bergen. Ja, jetzt kommt der echte Winter, endlich. Endlich, aber nicht f\u00fcr immer, auf die Zeit zu warten, die wir in der Ferne wandeln k\u00f6nnen. Urlaubserlebnis zur Seelenerholung. Alles l\u00e4sst die Bilder fluten in uns und da sind wir dann gemeinsam weg, irgendwo und ganz konkret wird der Stift, der Pinsel, der sein Zeichen setzt. Als Andenken unseres Denkens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:\u00a0<\/em><\/strong>Pinselstriche halten das Leben fest. Jede Erfahrung ein K\u00fcrzel. Wir bannen den Tod. Wir \u00fcben ihn ein. Die schlechten Enden werden mit Farbe bedeckt. Zugedeckt. Es gibt dieses Farbenschicksal: Wei\u00df wie Schnee, Rot wie Blut, Schwarz wie Ebenholz. Auch zugedeckt. Zeichen setzen? O.K., Zeitnah, lass und f\u00fcr zwei Dialoge schweigen von der Liebe. (Obwohl sie immer brennt.) Ein bisschen Melancholie im Januar. Ja, gestattet. Heute ein Rotkehlchen gesehen. Der Apfelbaum, entfernt von meinem Fenster tr\u00e4gt noch einen Apfel, rot, gelb, leuchtend. Ganz oben in der Spitze. Er will nicht fallen. Dieses Rot. Wir reden jetzt nicht \u00fcber die Liebe. Mir f\u00e4llt auf, M\u00e4nner reden viel von Liebe. Tag und Nacht. In alten Filmen ist dieses Wort raumf\u00fcllend. Wir wollen unseren Dialog winterfest gestalten, k\u00fchl. Es soll Schnee fallen, kommen. Wie A.J. Weigoni sagt: Ein Szenario f\u00fcr Klangmaler. Also: Reden wir \u00fcber den Moment, der vergeht vor der Err\u00f6tung. Bleich wei\u00df. Hart ist hart, sagte der Pathologe und setzte das Seziermesser an. Klarer Moment. Wei\u00dfe K\u00e4lte. Schon wieder Winter. Aber wie versprochen, keine Liebe. Januar-Melancholie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah<\/em><\/strong><em> (<strong>hier und jetzt):<\/strong><\/em> \u00a0 Nein, mein Lieber, nat\u00fcrlich keine Liebe, denn wenn immer wir davon sprechen, geht wohl ein Teil von ihr verloren, verliert sich im Raum, so dass wir nicht wieder finden k\u00f6nnen. Nein, die Liebe geht nicht verloren, sie hat nur die bl\u00f6de Eigenschaft \u2013 wie jede Energie \u2013 sich zu verteilen. Gleichm\u00e4\u00dfig im Raum, in Zeit und wird nach und nach den Raum f\u00fcllen, wie jene Rose, die Magritte gemalt hatte. Die den Raum geflutet hat. Ihn vielleicht demn\u00e4chst sprengen wird. Ein Physiker erkl\u00e4rte mir das Gesetz der Energie. Entropie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wollen aus der Distanz in diese eben welche hineinbetrachten. Die Dinge und Menschen und nat\u00fcrlich ihre Verh\u00e4ltnisse zum Sein. Gro\u00dfkotziger Philosophengedanke. Nein, den will ich auch nicht. Jenes Kunstvokabular mag ich nicht. Mag es weder zu fassen, noch anzuwenden. Wenn sich die Wortbeschreibungen des Lebens so weit vom Leben entfernen, dass sie einer Beschreibung bed\u00fcrfen, dann handeln sie sich um reine Selbst-Gef\u00e4lligkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Januar zog einfach vorbei, hinterlie\u00df keine Spuren. Der Schnee ist andernorts gefallen. Wei\u00df wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Und ein St\u00fcck Gold, das vom Himmel f\u00e4llt, jedes Mal, wenn ich dich sehe, Zeitfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> \u00a0 Auf H\u00fcgeln ausgestreut liegen die Steine, von meinem Tun im Leben. Du hast erkannt: Sie sind nicht hart, sondern durchsichtig, weich und zug\u00e4nglich, b\u00fcndeln alle Reflexe des Lebens. Bilder und W\u00f6rter geschrieben, gemalt f\u00fcllen die Nischen. Damit ich wei\u00df, wohin ich gehe. Und die Orte, angenehm. Und nicht verdunsten. Und da bist du auch ein Ort. Neben mir im Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Steine k\u00f6nnten auch Brote sein. In meiner Erinnerung aufgelaufen. Kind ich. \u201eHol mal ein Graubrot beim B\u00e4cker.\u201c Ich holte gerne dieses Graubrot. Lang und gewichtig. Es roch gut. Wurde in eine kleine Papierbahn, d\u00fcnn, eingeh\u00fcllt. So konnte ich es unter den Arm nehmen. Das Geld war abgez\u00e4hlt. Auf dem Weg zur\u00fcck brach ich lustvoll die vorderen harten Krusten ab. Das war ein Geschmack. Ein Genuss ohne Ende. Daheim angekommen, noch kauend, gab es jedes Mal Kritik. Sieh mal, wie das Brot wieder aussieht. Kannst du das mal lassen. Den Knapp musste ich dann essen. Die Strafe machte das Brot weniger lecker. Ich nenne das, liebevolle Strafe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-80267 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-260x347.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-160x213.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Gezeitengespr\u00e4ch<\/strong> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse in der Edition Das Labor, Neheim 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einf\u00fchrung zum Projekt <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/17\/gezeitengespraech\/\">hier<\/a>. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: In diesem Jahr machen wir das vergriffene Gezeitengespr\u00e4ch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar. \u00a0 Zeitfern: \u00a0 Die Eiszeit kommt. Wir denken an Urlaub vermehrt. Weil dort die Sonne lacht. 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