{"id":80265,"date":"2023-01-11T00:01:34","date_gmt":"2023-01-10T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80265"},"modified":"2023-01-11T06:04:21","modified_gmt":"2023-01-11T05:04:21","slug":"gezeitengespraech-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/11\/gezeitengespraech-1\/","title":{"rendered":"Gezeitengespr\u00e4ch 1"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> In diesem Jahr machen wir das vergriffene <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern<\/em><\/strong><em>:<\/em> Da waren die gro\u00dfen Zementr\u00f6hren, gelagert auf der Stra\u00dfe. Nebeneinander. Ich konnte als Kind darauf springen. Obendrauf. In kurzer Lederhose. Es war wie ein Rausch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitnah: Auf dem Feld zweimal nebeneinander je drei dicke Rollen Stroh. Zu Pyramiden gestapelt. Ein Sp\u00e4tsommertag. Vielleicht ein letzter unbeschwerter unserer Jugend, die uns verlie\u00df. An der wir krampfhaft klammerten. Die ersten Fragen kamen auf und sp\u00e4ter kamen wir nie wieder zusammen. So nicht. Ein Tag der tiefsten Freundschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> Doch der Schnelligkeit meiner Gedanken folgten die Beine nicht. Ein Schritt zwischen den R\u00f6hren und fallen schmerzhaft, rau die Haut gerissen \u2013 Knie bluten. Ellbogenrot tr\u00e4ufelnd. Ich verwirrt \u2013 erschrocken mit Schulranzen nach Haus. Wo warst du? Ich habe dir immer gesagt? Komm setz dich. H\u00f6r auf zu weinen!<br \/>\nDer Sommer br\u00fcllte, kurz vor den langen Ferien, die R\u00f6hren wurden eingegraben. Gibt es heute noch unter Erde. Transportieren Schei\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026und Rollen Stroh sollen sehr gef\u00e4hrlich sein, wenn Regen drauf f\u00e4llt, sagt man. Du mit deinem Rollenstroh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (ein St\u00fcck zumindest):<\/em><\/strong> Vom Risiko hatten alle immer wieder gesprochen, wollte es nicht wissen. Was auch immer geschehen w\u00fcrde, es war egal. Sie rollten nicht, die Dreierpyramiden, wir sprangen. Hin und her. Gl\u00fcck f\u00fcr Augenblicke und der Himmel ist bis heute grau. Ja, auch hier die Schei\u00dfe aber, denn das Stroh landete wohl im Stall, als Streu bei K\u00fchen oder Pferden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> Ich kann voll in der Erinnerung versinken. Doch lieber Zeitferne, muss nun die Verwirrungen k\u00fchlen. Abstand haben wollen. Der Geruch lockte schon wieder. Das Haar, die Haut. W\u00f6rter stammeln. Sich gehen lassen leise. Das Einsaugen der Luft. W\u00e4rme finden \u2013 wo bin ich \u2013 im Stall. Da waren K\u00fche. Sie standen sehr tief hinten im Gatter. Ich konnte die riesigen K\u00f6pfe sehen, jedoch die K\u00f6rper nicht sinnlich erfassen. Der Bauer sagte: \u201eDas sind Stiere.\u201c Sei vorsichtig. Sie wurden gr\u00f6\u00dfer im Kopf. In meiner Erinnerung stierte mich Vater im Wohnzimmer, betrunken. Es regnete. Nass sa\u00df er da. Dieser Vater. Bis auf die Knochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (und wieder sp\u00e4ter):<\/em><\/strong> Ja, immer wieder alles, was mit Natur zu tun hatte, mit f\u00fcnf kannte ich alle wichtigen B\u00e4ume und Pilze. Und konnte nicht verstehen, warum die anderen Kinder das nicht wussten. Jetzt schon. Das interessierte keine Sau. Wald eben, wen interessiert denn schon, wie die B\u00e4ume hei\u00dfen? Die Pilze gibt es in der Dose. Frische Pilze? Auf dem Markt, da brauchste nicht in den Wald gehen \u2013 und das ganze \u00fcber. Der Vater hat gepr\u00e4gt, in den guten Dingen, leider auch in den schlechten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> Der Sommer ist vorbei. Herbst. Hast du den Bussard gesehen? Ist Luft blau, oder sieht das nur der Wattenwurm?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (sehr sp\u00e4t):<\/em><\/strong> Und der Matsch spritzt dir beim Radfahren ins Gesicht. Du wirst zum Dreckfresser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern:<\/em><\/strong> Dreck macht Schmerz. Hier sch\u00fctzt das Stammhirn seinen Joker. Schmerz lass nach. Nach Jahrmillionen. Du schei\u00df Bewusstseinstr\u00fcber. Fixiert auf Warnung. Meine H\u00e4nde sind zu kurz, f\u00fcr meine Umschalter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (n\u00e4chster Tag):<\/em><\/strong> Und zwischen den Dingen und Zeiten sehen, was passiert. Und es dudelt die alte Schweineorgel, w\u00e4hrend irgendwelche Stimmen aus den Lautsprechern pl\u00e4rren. Sie erschrecken mich, verwirren. Welchen Umschalter meinst du, wovon sprichst du? Kannst du etwa noch immer ernsthaft daran glauben, du w\u00fcrdest etwas bewusst ver\u00e4ndern k\u00f6nnen? Determiniert durch deine Vergangenheit. Uns bleibt keine Wahl \u2013 und das meine ich nicht nur unbedingt negativ.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitfern (Jetzt):<\/em><\/strong> Oh, oh, mein n\u00e4chster Tag, endlich hast du die Lust verscheucht und die Geselligkeit, durch h\u00f6chst fremdartige Grillen. Mein Leben, bestehend aus vielen Tagen. Immer das Gef\u00fchl, die Zeit steht still. Aufbauend auf den Tagen und N\u00e4chten. \u201eImmer wieder sind es dieselben Lieder.\u201c (die toten Hosen). Es sind immer die gleichen Pilze, die gleichen B\u00e4ume, der gleiche Dreck im Gesicht vom Fahrradfahren. Und der Himmel ist immer nah. Mal rot, mal sonnig, mal blau, mal dunkel. Und der Mond. Ja, da steht er. K\u00fchl, ruhig. Seltsames Licht. Tr\u00e4ume sind die Fortsetzung. Man kann alles anders sehen. Daf\u00fcr sind wir geschaffen. Im Kulturkreis. Im inneren Kreis gefangen. Doch verdammt lieber \u201eMein n\u00e4chster Tag\u201c, es gibt auch andere Kreise auf unserer runden Welt. Keine Gespensterkreise. Die Frage bleibt pl\u00f6tzlich. Was wird ver\u00e4ndert, weil ich lebe? Oder du?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Eine dritte Person taucht auf und fragt:<\/em><\/strong> Hat sich das alles denn gelohnt? Besteht denn alles nur aus Fragen ohne Antworten, Rapunzel, reicht dein allzu kurz gestutztes Haar nicht, emporzuschwingen und Dinge zu erkennen, die weit entfernt liegen? Der Blues kommt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Zeitnah (so wieder):<\/em><\/strong> Dritte m\u00f6gen sich immer wieder einmischen. Aber nicht die Antworten sind wichtig. Nichtig sind sie. Werfen neue Fragen auf. Best\u00e4ndiges und kindliches Wie und Warum. Immer nur auf eine Zeit begrenztes Wissen. Die Zeit schreitet voran und meint mit Meinungen ein Intermezzo geben zu m\u00fcssen. Antwortenkataloge f\u00fchren zur Autokratie, werden leicht zu leichtem Geschw\u00e4tz. Worth\u00fclsen.<br \/>\nJa, der Himmel ist nah, aber was stellt er dar. Gerade die Doppelb\u00f6digkeit von Realit\u00e4t und Erscheinung, von begrifflicher Fassung und Unf\u00e4higkeit zur Erkenntnis. Zur Wahrheit. Nicht suchen ist der Sinn der Befragung, sondern die richtigen Fragen, die auf der Stra\u00dfe liegen, wie eben jene viel beschworenen Nuggets im Dreck, zu finden, sie aufzulesen und zu stellen. Die Kunst daran ist das freie Mischen des Vorhandenen, die Kunst an sich ist das freie Mischen des Jetzt. So kommt das Neue als Prozess zustande. Ein unsicherer Tanz zwischen Gedanken, Gef\u00fchlen und Traum. Und letztlich vielleicht nicht die Frage nach dem \u201eWoher kommst du?\u201c, sondern \u201eWo stehst du?\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Gezeitengespr\u00e4ch<\/strong> von Haimo Hieronymus und Karl Hosse in der Edition Das Labor, Neheim 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-80267 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-260x347.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch-160x213.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Skizzenbuch.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einf\u00fchrung zum Projekt <em>Gezeitengespr\u00e4ch<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/17\/gezeitengespraech\/\">hier<\/a>. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: In diesem Jahr machen wir das vergriffene Gezeitengespr\u00e4ch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar. \u00a0 Zeitfern: Da waren die gro\u00dfen Zementr\u00f6hren, gelagert auf der Stra\u00dfe. Nebeneinander. 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