{"id":79918,"date":"2020-08-22T00:01:11","date_gmt":"2020-08-21T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79918"},"modified":"2022-03-01T10:15:29","modified_gmt":"2022-03-01T09:15:29","slug":"ein-plot-mit-rocklyrik-und-satzfetzen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/22\/ein-plot-mit-rocklyrik-und-satzfetzen\/","title":{"rendered":"Ein Plot mit Rocklyrik und Satzfetzen"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer seinen Plot mit Rocklyrik und Satzfetzen aus Telephongespr\u00e4chen der sp\u00e4ten 1990er Jahre einleitet, dann ein Sieben-Tage-Programm\u00a0 f\u00fcr seine unterschiedlichen \u201eTatorte\u201c entwirft, um anschlie\u00dfend seinem Leser etwas \u00fcber \u201ehalbgare Buddhisten\u201c und einen \u201efehlenden Waffenschein\u201c vorzuschwafeln, mehr noch: bei seiner hundertj\u00e4hrigen dementen Mutter sich den t\u00e4glichen Pflegedienst mit bzzzt-Ger\u00e4uschen des Sessels zu vers\u00fc\u00dfen, der ist \u2026 Sie sagen es: ziemlich meschugge. Doch der Mann ist sechzig, er hat eben seine Mutter beerdigen lassen, hat mit seinem besten Freund Lennox, ziemlich turbulente Jahre verbracht, sieht ihn jetzt nach vierzig Jahren\u00a0 wieder, geht mit ihm auf eine verr\u00fcckte Reise, auf der die beiden in Hotels von Robos bedient werden und in irgendwelchen Nightbars ihre Zeit verbringen. Er muss nun \u201eseinem\u201c Lennox Geschichten erz\u00e4hlen, denn schlie\u00dflich ist er Schriftsteller, wenn auch einer, der nichts mehr auf die Reihe bringt. Kein Wunder, sein abgebrochnes Kunstgeschichtsstudium brachte ihm die Erkenntnis ein, dass die Kunst tot ist, n\u00e4mlich seit 2007, als er im Amsterdamer Rijks-Museum den mit Diamanten besetzten Sch\u00e4del von Damien Hirst gesehen hatte, einen \u201ePlatinsch\u00e4del, \u00fcbers\u00e4t mit mehr als achttausend kleinen Diamanten\u201c, der den bizarren Titel \u201eFor the Love of God\u201c tr\u00e4gt. Seit diesem Augenblick war der Zauber der Kunstwerke f\u00fcr ihn verflogen. Und was nun? Zur\u00fcck in die verzauberte Jugendzeit, die von der Freude an der Arbeit in einem Archiv, an der Rekonstruktion von Mordf\u00e4llen mit Hilfe von pensionierten Polizisten und an dem lustvollen Anblick von halbnackten M\u00e4dchen in Studentenwohnheimen erf\u00fcllt ist und \u2026 ziemlich geil macht. Besonders wenn sein Kumpel De Meester eine Gratisvorstellung vom Ficken an einem Fenster gegen\u00fcber vom Amsterdamer Zentralarchiv gibt, und alle von ihm benachrichtigten Kumpels in Ekstase versetzt werden. Also alles ziemlich verquatscht? Wenn es nicht diesen schnoddrigen Erz\u00e4hlstil g\u00e4be, diese coolen R\u00fcckblenden, das st\u00e4ndige Einblenden von irgendwelchen Episoden, die den Erz\u00e4hlfluss vorantreiben und den Leser in Spannung halten, ihn in eine st\u00e4ndige Wartehaltung versetzen mit Fragen wie: \u00a0Was macht der Rezeptionsrobo mit der Service-Robotronin? Wie kann das selbstfahrende Auto, das Lennox f\u00fcr den Ich-Erz\u00e4hler installiert hat, seine Gedanken lesen, mit ihm stundenlang durch eine vertraut-unbekannte Landschaft fahren, alle seine Fragen beantworten, ihm sogar auf ironische Weise die \u201eWelt interpretieren\u201c? Der Ich-Erz\u00e4hler schl\u00fcpft auf diese Weise so geschickt in die Rolle des Lesers, dass dieser, angetrieben von seiner Neugier auf die Funktionsweise realer und imagin\u00e4rer Technologien, mit seinem Text einen spannungsgeladenen Dialog f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass der Autor sich auch der Verfahrensweisen des Thrillers bedient, um zus\u00e4tzliche Spannung zu erzeugen. So wird ein Kloster als Ort eines verdeckten Drogenhandels und einer inszenierten Entf\u00fchrung benutzt, an der auch andere ehemalige Kumpels des Ich-Erz\u00e4hlers beteiligt sind. \u00dcberhaupt erweist sich van Essens Strategie der Verschiebung von Orten und der Dyslozierung von Handlung in den abschlie\u00dfenden Kapiteln als spannungsaufladend. W\u00e4hrend er in einem selbstfahrenden Auto mit einem unsichtbaren Roboter \u00fcber die letzten Jahre seiner Mutter im Pflegeheim berichtet, immer wieder angetrieben von den neugierigen Fragen seines imagin\u00e4ren Chauffeurs, jagt er durch geheimnisvolle Landschaften, begegnet irgendwelchen Gestalten, die keinerlei Kontakt mit ihm aufnehmen. Und der Ich-Erz\u00e4hler? Ganz am Schluss seiner Erz\u00e4hlhandlung schl\u00fcpft er in eine Wir-Rolle, die nun seine alten Freunden \u00fcbernehmen sollen. Doch wie so oft in bizarren Handlungsstr\u00e4ngen, wehrt sich einer von ihnen gegen diese gewaltsame \u00dcbernahme. Ganz sch\u00f6n abgefuckt oder doch nur \u201everquatscht\u201c?<\/p>\n<p><a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rob_van_Essen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rob van Essen,<\/a> 1963 in\u00a0 Amstelveen , Niederlande geb., benutzt in seinem mit unterschiedlichen Genres operierenden Roman g\u00e4ngige Cliches, mithilfe derer der Ich-Erz\u00e4hler sich so geschickt zwischen den die einzelnen Handlungsstr\u00e4ngen bewegt, ohne dass beim Rezipienten das l\u00e4stige Gef\u00fchl des D\u00e9j\u00e0-vu aufkommt. Vielmehr treibt ihn der Ich-Erz\u00e4hler sowohl durch vertraute Handlungsr\u00e4ume in und um Amsterdam herum als auch in die flimmernde Ungewissheit imagin\u00e4rer R\u00e4ume. Mehr noch: dieser Erz\u00e4hler macht ihn mit den M\u00fchen der l\u00e4stigen Altenpflege auf eine ironisch erfrischende Weise vertraut, reflektiert seine Haltung gegen\u00fcber einer demografischen Situation, die vor allem in westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern immer bedrohlicher wird. Diese Komponenten und die Einsicht der niederl\u00e4ndischen Juroren, dass der vorliegende Roman sich sowohl postmoderner Erz\u00e4hlweisen bedient als auch dringende demografische Probleme auf ironische und dann und wann auch sarkastische Weise thematisiert, haben sicherlich zu seinem Erfolg in den Niederlanden beigetragen. Ob \u201eDer gute Sohn\u201c sich nun auch auf dem hektischen deutschsprachigen B\u00fcchermarkt durchsetzen wird, h\u00e4ngt in diesen pandemischen Zeiten wie immer auch von zuf\u00e4lligen Faktoren ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"field field-name-social-media-links\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"field field-name-buchdaten\">\n<div class=\"view view-buchdaten view-id-buchdaten view-display-id-block view-dom-id-58ef7f3462d983a121480e16201043b8\">\n<div class=\"view-content\" style=\"text-align: center;\">\n<p>***<\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/essen-sohn-frontcover-mockup-woocommerce.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79919 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/essen-sohn-frontcover-mockup-woocommerce-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/essen-sohn-frontcover-mockup-woocommerce-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/essen-sohn-frontcover-mockup-woocommerce-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/essen-sohn-frontcover-mockup-woocommerce-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/essen-sohn-frontcover-mockup-woocommerce.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><strong>Der gute Sohn<\/strong>, von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Rob von Essen.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">\u00dcbersetzer Ulrich Faure.\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">homunculus verlag,\u00a0<\/span><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">2020<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer seinen Plot mit Rocklyrik und Satzfetzen aus Telephongespr\u00e4chen der sp\u00e4ten 1990er Jahre einleitet, dann ein Sieben-Tage-Programm\u00a0 f\u00fcr seine unterschiedlichen \u201eTatorte\u201c entwirft, um anschlie\u00dfend seinem Leser etwas \u00fcber \u201ehalbgare Buddhisten\u201c und einen \u201efehlenden Waffenschein\u201c vorzuschwafeln, mehr noch: bei seiner&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/22\/ein-plot-mit-rocklyrik-und-satzfetzen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2866,2116],"class_list":["post-79918","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-rob-von-essen","tag-wolgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79918","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79918"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101359,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79918\/revisions\/101359"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}