{"id":79907,"date":"2020-02-06T00:01:52","date_gmt":"2020-02-05T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79907"},"modified":"2022-03-01T13:06:15","modified_gmt":"2022-03-01T12:06:15","slug":"wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-beruehmt-wurde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/06\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-beruehmt-wurde\/","title":{"rendered":"Wie wir uns lange Zeit nicht k\u00fcssten, als ABBA ber\u00fchmt wurde"},"content":{"rendered":"<div class=\"field-name-body\" style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass die schwedische Popgruppe ABBA im Fr\u00fchjahr 1974 beim <i>Grand Prix Eurovision de la Chanson<\/i> mit <i>Waterloo <\/i>den gro\u00dfen Abr\u00e4umer macht, ist f\u00fcr Ben Schneider und seine Freunde aus Lippfeld am Rand des Ruhr-Potts ein echter Schocker. Sie stehen auf die fetzigen Rhythmen ihrer Helden Jimmy Hendrix, John Lennon, Keith Richards, Bob Dylan, Deep Purple. ABBA ist im Vergleich dazu, wie Ben seiner Susanna ver\u00e4chtlich die Meinung sagt, \u201eeine Erfindung f\u00fcr Kleinb\u00fcrger mit Pl\u00fcschgarnitur und zu viel Ohrschmalz in den Geh\u00f6rg\u00e4ngen.\u201c Was Susanna nicht daran hindert, sich den ABBA-Rhythmen mit wippendem Fu\u00df hinzugeben. Kein Zweifel, da zeichnet sich zwischen Ben und Susanna eine musikalische Rhythmus-St\u00f6rung ab, ebenso wie unter der jugendlichen Dorfgemeinschaft in Lippfeld. Die Studierten unter ihnen, wie Bens Bruder Paul, ein angehender Soziologe, meinen, ABBA sei nicht <i>authentisch<\/i>, zwei glattgeb\u00fcgelte Kost\u00fcme auf Plateausohlen w\u00e4ren das, einfach peinlich. Mehr noch, Verrat am Geschmack derjenigen, die voll auf die fetzigen und peitschenden Rhythmen der angesagten angloamerikanischen Revoluzzer-Gruppen abfahren. Doch je st\u00e4rker ABBA im Sommer 1974 im Kommen ist, desto schwieriger gestalten sich die Liebesrhythmen zwischen Ben und Susanna. Vor allem weil wegen der sp\u00fcrbaren musikalischen St\u00f6rungslinien zwischen beiden ihre gegenseitige Zuneigung einen h\u00f6heren Aufwand an Gestik und Mimik erfordert. Doch Ben bleibt optimistisch, so wie die Stimmung in den Songs: <i>Open up your heart and let the lovin\u2019 start <\/i>. Ganz wie Leser\/innen, die ganz sicher sind, dass das Liebesband zwischen Ben und Susanna halten wird, selbst wenn erst mal der <i>Zug nach Nirgendwo<\/i> f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Der neugierig gewordene Leser wird nunmehr auch in Bens intime famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse eingeweiht, erf\u00e4hrt, dass sein Vater Musiker ist, Humphrey-Bogart-Fan, Schlagzeuger und Alkoholiker, der Whiskey in einem Schnapsglas entflammen kann. Und weil es mit Susanna nicht so richtig l\u00e4uft, taucht ganz unverhofft Mona auf. Sie setzt \u2013 nicht ganz \u00fcberraschend &#8211; neben Manni auf einer Parkbank mit einer <i>Slim-Size<\/i>&#8211;<i>Kim<\/i> auf den Lippen<i>,<\/i> w\u00e4hrend Ben Mick Jaggers <i>Mona <\/i>h\u00f6rt. \u00dcberhaupt, es l\u00e4uft vieles drunter und dr\u00fcber in der Gef\u00fchls-und Anmach-Szene von Ben, Mona, Manni \u2026 und Susanna. Doch weil es bald <i>Don\u2019t let it be <\/i>hei\u00dft, wirft Ben auch mal einen Blick in Nietzsches <i>Zarathustra<\/i>, denn sein Lebensmotto lautet nun: <i>Fliehe, mein Freund, in Deine Einsamkeit!<\/i> Zumindest bis zur n\u00e4chsten Party und all den Ger\u00fcchten, wer mit wem es angeblich getrieben hat, wer mal wieder so besoffen war, dass \u2026, wer bei wem in der Klassenarbeit \u00fcber den <i>Bellum Gallicum <\/i>abgeschrieben hat, welcher Hit am besten r\u00fcberkommt. Und so ganz nebenbei erf\u00e4hrt man, dass Ben inmitten des ganzen Tohuwabohu sich auf die Aufnahmepr\u00fcfung im Fach Piano am Folkwang-Konservatorium vorbereitet und dort auch angenommen wird. Trotz Psycho-Stress mit seiner Susanna, die dennoch weiter zu ihm steht. Kein Wunder, die ABBA-Rhythmen sind bei ihr jetzt ganz in den Background gerutscht, und Ben, der nun auf <i>allegro barbaro<\/i> und Beethoven eingestimmt ist, braucht die Abwechslung. Sp\u00e4testens jetzt wird der\u00a0LeserIn klar, dass er sich in einer spannenden Biografie fest gelesen hat und voller Neugier und Spannung durch satte 346 Seiten hastet. Wilde Teeny-Partys, Ger\u00fcchte am laufenden Band, rasante Einblicke in die Hard Rock-Milieus aus Lippfelder Perspektive, Dorf-Kirmes, klassische Piano-Ausbildung am <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/www.folkwang-uni.de\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Essener Folkwang-Konservatorium<\/a>, der Langzeit-Flirt mit Susanna samt Happyend, und die st\u00e4ndigen Treffs mit seinen vielen Kumpels werden lebendig, raffiniert, ironisch und sarkastisch pr\u00e4sentiert. Ein Deb\u00fctroman? <a class=\"ext\" href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/heidtmannperson.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andreas Heidtmann<\/a>, 1961 in H\u00fcnze geboren, zwischen Ruhrgebiet und M\u00fcnsterland, Ausbildung als klassischer Musiker, Germanist, Lektor, Verleger ist ein begnadeter Erz\u00e4hler, dem es gelingt, die oft beklagte Distanz zwischen Unterhaltungskultur und klassischer Hochkultur spielend zu \u00fcberbr\u00fccken. Dabei greift er zur\u00fcck auf die in den 1970er Jahren \u2013 nach der 1968-Revolte \u2013 sich abzeichnenden kulturelle Verschmelzung von hard rock-Musik, rhythmisch gegl\u00e4tteter Unterhaltungsmusik und klanglich \u00fcberzeugenden Einsch\u00fcben in die klassisch-akademische Konzertszene. Diese dreidimensionalen Sph\u00e4ren verbindet der Autor mithilfe geschickt montierter Dialoge, anschaulicher Milieuschilderungen, eleganten \u201eSchl\u00e4nkern\u201c zwischen Ich-Kommentaren und Autorrede, kulturkritischen Anmerkungen und h\u00e4ufigen Perspektivenwechseln. Auf diese Weise ist eine kultursoziologisch angereicherte Biografie entstanden, die einen quicklebendigen Einblick in die sp\u00e4ten 1970er Jahre vermittelt und zugleich die oft beklagte Kluft zwischen Massen- und Hochkultur \u00fcberwindet. Ein sogenannter Deb\u00fctroman also, in dem die geb\u00fcndelte Erfahrung von mehr als f\u00fcnfzig Jahren bundesdeutscher Alltags- und Musikgeschichte steckt. Gl\u00fcckwunsch an den Autor und den Steidl-Verlag f\u00fcr sein wohlkalkuliertes Risiko!<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: center;\">***<\/div>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/02\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-291710137.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79911 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/02\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-291710137-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/02\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-291710137-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/02\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-291710137-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/02\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-291710137-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2029\/02\/wie-wir-uns-lange-zeit-nicht-kuessten-als-abba-291710137.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a>Wie wir uns lange Zeit nicht k\u00fcssten<\/strong>, als ABBA ber\u00fchmt wurde, von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor-fix\">Andreas Heidtmann.\u00a0<\/span><\/span>Steidl,\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2020<\/span><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Dass die schwedische Popgruppe ABBA im Fr\u00fchjahr 1974 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson mit Waterloo den gro\u00dfen Abr\u00e4umer macht, ist f\u00fcr Ben Schneider und seine Freunde aus Lippfeld am Rand des Ruhr-Potts ein echter Schocker. 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