{"id":79901,"date":"2024-01-24T00:01:38","date_gmt":"2024-01-23T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79901"},"modified":"2024-01-04T09:41:47","modified_gmt":"2024-01-04T08:41:47","slug":"eine-flut-von-erkenntnissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/24\/eine-flut-von-erkenntnissen\/","title":{"rendered":"Eine Flut von Erkenntnissen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Es erweist sich als lyrischer Drahtseilakt, wenn der Autor, ein angesehener Diplomat und seit 2015 Botschafter der Rum\u00e4nischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland mit seinem seit Ende der 1970er Jahre in der \u201eVolksrepublik\u201c Rum\u00e4nien publizierten lyrischen Werk nunmehr gemeinsam mit seinen nach 1990 aufgelegten Gedichten an die deutschsprachige \u00d6ffentlichkeit geht. \u201eZ\u00e4rtlichkeit, Routine\u201c, ein solcher Titel l\u00f6st &#8211; gemeinsam mit dem Untertitel \u2013 gewisse Vorstellungen eines Gemischs aus Professionalit\u00e4t und Kargheit aus. Eine solche \u201eVorausahnung\u201c verst\u00e4rkt sich nach dem ersten pr\u00fcfenden Blick auf das Inhaltsverzeichnis. Der erste Teil <i>Die Anatomiestunde<\/i> mit den drei Abschnitten <i>Abend-, Nacht- und Morgenwache <\/i>umfasst die fr\u00fche Phase (Cluj 1979) seines Werkes; <i>Die Ersten, die Letzten <\/i>dokumentiert ___STEADY_PAYWALL___die mittlere Phase (Bucuresti 1994) und der letzte Abschnitt, der zwei Poeme, abgedruckt in Zeitschriften der 1990er Jahre sowie die neuesten, kultursemiotisch aufgeladenen Gedichtreflexionen aus dem XX. Jht. enth\u00e4lt.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Welche ersten Leseeindr\u00fccke vermittelt der volumin\u00f6se Gedichtband, der auf dem Paperback-Umschlag (Emilian Ro\u0219culescu Papi) die fein ziselierten Umrisse einer clownhaften Gestalt aufweist,\u00a0 hinter der sowohl die Partitur eines augenscheinlich gelungenen Werkes als auch die angebrannten Konturen verschmorter Papiere zu erkennen sind? Sind die 1979 erschienenen Gedichte, die der Pop-Verlag als Einzeltitel bereits publiziert hat, \u201ekeine verstohlenen Hinweise auf das Viele, das im sozialistischen Rum\u00e4nien nicht gesagt werden durfte und darum umwunden zur Sprache gebracht wurde\u201c? (S. 332) <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_Aescht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Georg Aescht<\/a>, renommierter \u00dcbersetzer und Kulturwissenschaftler, beantwortet diese Frage mit der Feststellung, dass \u201ediese Verse \u2026 keine Flaggen sind, die dem Leser den Weg in den Unter- und Hinter- und sonstige Gr\u00fcnde weisen. Hier flattert nichts, hier spricht einer, der Herr ist \u00fcber das Mittel allertiefster und allerh\u00f6chster Subversion: Authentizit\u00e4t.\u201c (S. 332) Und die umfangreiche Kollektion der sp\u00e4ten Gedichte? Sind es nur \u201eFundst\u00fccke eines Bildungsreisenden auf Lebenszeit\u201c, die \u201ezu dichterisch gestalteten Denkw\u00fcrdigkeiten geronnen sind?\u201c Klingt hier \u201edas Vordergr\u00fcndig Anekdotische meist nur an und tritt hinter lyrischen Reflexionen (\u2026) eines Menschen zur\u00fcck, den die Zeitl\u00e4ufte gereift, gealtert, aber nie gel\u00e4utert haben?\u201c Auch diese hier zu einer fragenden Geste umformulierte Feststellung findet eine affirmative Antwort: Die \u201eschonungslose Stringenz der Aussage von nachgerade unerbittlichem Bem\u00fchen, weder der Welt noch sich selbst etwas zu vergeben\u201c (S. 332)<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Angesichts der F\u00fclle an lebensweltlichen Themenfeldern und kulturphilosophischen Reflexionen, auf denen sich die freien Verse von <a class=\"ext\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Emil_Hurezeanu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Emil Hurezeanu<\/a> bewegen, soll ein ausschnittartiger \u00dcberblick gen\u00fcgen, um zu einer vorl\u00e4ufigen Aussage des vorliegenden Bandes zu gelangen. Auff\u00e4lligstes Merkmal dieser unterschiedlichen Rhythmen annehmender Texte ist der Wechsel zwischen dem reflektierenden lyrischen Ich und den realen und virtuellen Objekten, die in den kommunikativen Akt einbezogen werden. Ein Beispiel aus dem ersten Gedichtband (1979) im Zyklus \u201aAbendwache\u2019 unter der \u00dcberschrift <i>K\u00f6rper <\/i>belegt es. Die erste Strophe setzt ein mit:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Du atmest mit dem ganzen K\u00f6rper-\/<\/span><\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Ein Baum gereckt nach der frischen Luft.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\"><i>\u2026<\/i><\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Die zweite Strophe beginnt mit:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">In meinem Leib liegen Falter, besiegt<\/span><\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Weil sie dem Blut ins Netz gegangen sind.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Die abschlie\u00dfende dritte zweizeilige Strophe lautet:<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\">Das Schweigen in deinem K\u00f6rper<\/span><\/p>\n<p class=\"rtejustify\">Wie Blut, das von einer Messerklinge rinnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Einbezogen in die Reflektionen sind sowohl das autokommunikative Du als auch ein Ich, das sich mit der \u00e4u\u00dferen (sichtbaren) und der inneren (nur indirekt wahrnehmbaren) Natur austauscht. Diese intensive Einbeziehung sowohl der \u00e4u\u00dferen wie auch inneren Natur in den Ablauf der kommunikativen Handlung verleiht den meisten Texten einen hohen Grad an Sensibilit\u00e4t, ohne dass der Rezipient eine unmittelbare \u201eAnsprache\u201c erf\u00e4hrt.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Beispiel ist <i>Elegie<\/i> aus dem Zyklus <i>Abendwache <\/i>(vgl. S. 51<i>). <\/i>Ein sechzehn Jahre alter Junge liegt in einer Wiese. Ganz unterschiedliche \u00dcberlegungen und Visionen \u00fcberfallen ihn, darunter auch lyrisch nachgezeichnete Bilder eines Todes, den weder der Junge noch der in den kommunikativen Akt einbezogene Leser \u201enachempfingen kann\u201c, auch \u201eBienen, kleine Tiere und Singv\u00f6gel\u201c nicht, die nehmen nur Ger\u00e4usche war.<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Auch vierzig Jahre sp\u00e4ter f\u00fchrt das lyrische Ich von Emil Hurezeanu im <i>Gedicht mit Brodsky<\/i> einen Dialog, in dem die Leiden des jungen Brodskij nicht nur im Leningrad der Sowjet\u00e4ra einf\u00fchlsam beschrieben werden. Selbst im \u201eamerikanischen Get\u00f6se\u201c sei im Dichter die Erinnerung an Leningrad wach geblieben. Und das dieses Leid nachempfindende Ich? Welche Auswirkungen beobachtet es, um seinen Lesern mitzuteilen, dass es dieses Gedicht mit Brodsky geschrieben hat? Die letzte Zeile lautet: \u201eNur seine Freundin und ich haben ihn noch nicht vergessen.\u201c (S. 253) Dieses Bekenntnis erweist sich als Botschaft, in dem der Tr\u00e4ger seine hohe Sensibilit\u00e4t und sein poetisches Einf\u00fchlverm\u00f6gen signalisiert. Doch auf welche Weise vermag es in den Diskurs mit den Lesenden einzudringen, ihm den Status eines aktiven Kommunikators zu verleihen?<\/p>\n<p class=\"rtejustify\" style=\"text-align: justify;\">Mit dem vorliegenden aussagem\u00e4chtigen Gedichtband von Emil Hurezeanu tauchen Leser*innen in eine tiefgr\u00fcndige kulturphilosophische, poetologisch ausgefeilte Welt ein, deren rezeptive Wahrnehmung viele Anregungen bietet und den H\u00f6renden\/ Lesenden zugleich mit einer Flut von Erkenntnissen \u00fcbersch\u00fcttet. Ein Lese- und H\u00f6r- Vergn\u00fcgen, an dem nunmehr auch das deutschsprachige Publikum teilnehmen kann, dank der kongenialen \u00dcbertragungen aus dem Rum\u00e4nischen von Georg Aescht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong>Z\u00e4rtlichkeit, Routine<\/strong>. Gedichte eines Knauserers 1979 \u2013 2019, von <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\">Emil Hurezeanu.\u00a0<\/span><\/span>Tandre\u021be, rutin\u0103. Poemele unui parcimonios 1979 \u2013 2019.\u00a0\u00dcbersetzung: Georg Aescht.\u00a0Pop Verlag,\u00a0<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"><span class=\"field-content\">2020<\/span><\/span><\/p>\n<div class=\"views-field views-field-title\" style=\"text-align: justify;\"><span class=\"field-content\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/zaertlichkeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79904 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/zaertlichkeit-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/zaertlichkeit-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/zaertlichkeit-260x356.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/zaertlichkeit-160x219.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/zaertlichkeit.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><\/strong><\/span><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p>\u2192\u00a0 Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte <span data-offset-key=\"d96ve-1-0\">Wolfgang Schlott<\/span><span data-offset-key=\"d96ve-2-0\"> KUNO dieses post-dadaistische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/03\/handwerkliche-anleitungen-zur-ueberwindung-von-schreibblockaden\/\">Manifest<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p>\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es erweist sich als lyrischer Drahtseilakt, wenn der Autor, ein angesehener Diplomat und seit 2015 Botschafter der Rum\u00e4nischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland mit seinem seit Ende der 1970er Jahre in der \u201eVolksrepublik\u201c Rum\u00e4nien publizierten lyrischen Werk nunmehr gemeinsam&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/24\/eine-flut-von-erkenntnissen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2865,2116],"class_list":["post-79901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-emil-hurezeanu","tag-wolgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79901"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105199,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79901\/revisions\/105199"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}