{"id":79891,"date":"2021-07-13T00:01:25","date_gmt":"2021-07-12T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79891"},"modified":"2022-03-01T10:13:57","modified_gmt":"2022-03-01T09:13:57","slug":"werkauswahl-in-drei-teilen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/13\/werkauswahl-in-drei-teilen\/","title":{"rendered":"Werkauswahl in drei Teilen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1920 in Moskau geborene post-avantgardistische Dichter und Erz\u00e4hler, mit dessen Texten auch eine Reihe von westlichen Slawistinnen und Slawisten seit den sp\u00e4ten siebziger Jahren vertraut waren, geh\u00f6rte seit den 1950er Jahren der russischen inoffiziellen Literaturszene an. Die dreiteilige Dokumentation mit ausgew\u00e4hlten, aus dem Russischen \u00fcbersetzten Gedichten und Erz\u00e4hlungen, einigen Prosatexten wie auch mit einem Bio-Interview versehen, ist dem 100. Geburtstag von Igor Cholin gewidmet. Das Werk des 1999 in Moskau Verstorbenen zeichnet sich durch eine Reihe von literarischen Merkmalen aus, die sich bei der Lekt\u00fcre der ausgew\u00e4hlten Texte und biografisch verb\u00fcrgten Aussagen herauskristallisieren. Im Teil 1 der Werkauswahl, Gedichte unter dem Titel \u201eEs starb der Erdball\u201c, kongenial von Gudrun Lehmann \u00fcbertragen, widmet sich Cholin umfassenden kosmischen Prozessen wie auch irdischen Abl\u00e4ufen, die er banalisiert, zugleich personalisiert und in oft skurrilen Kontexten verarbeitet. Sein lyrisches Ich versteckt sich hinter historischen, l\u00e4ngst verstorbenen, ber\u00fchmten Pers\u00f6nlichkeiten, die er in unterschiedlichen historischen Prozessen veralbert. Er spielt mit plakativen Aufrufen, erm\u00e4chtigt sich selbst zum Herrscher des Weltalls. Die stakkatoartig aufgereihten Versketten erzeugen beim H\u00f6ren und beim Lesen eine sich steigernde Lust an Texten, in denen auch die Vorbilder von Igor Cholin, die russischen Zaum-Dichter Velimir Chlebnikov und Daniil Charms, und manch andere durch die Textketten tanzen und auch das schelmisch-frivole Spiel mit russischen Sexualmetaphern betrieben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kurzen Prosast\u00fccke, die der Slawist Wolfram Eggeling ins Deutsche \u00fcbertragen hat, zeichnen sich durch zwei unterschiedliche narrative Themen aus. Einerseits sind es Erz\u00e4hlungen, die auf den ersten Blick eine n\u00fcchterne Beschreibung von alltagskomischen Begebenheiten in sowjetischen Kleinst\u00e4dten enthalten. Andererseits sind es Episoden mit religi\u00f6ser und mythischer Thematik aus Jerusalem. Beide thematische Bl\u00f6cke zeichnen sich durch ausgereifte stilistische Merkmale und verdichtete narrative Eigenschaften aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bio-Inter-View, das Sabine H\u00e4nsgen mit Igor Cholin im Teil 3 der Dokumentation als Videoaufzeichnung gestaltet hat, erweist sich als Schl\u00fcssel zur Pers\u00f6nlichkeit des Dichters. Es \u00e4u\u00dfert sich eine Person, die in verschiedenen Lebensabschnitten durch schlimme Erlebnisse gepr\u00e4gt wurde: als Kind in Erziehungsheimen der sp\u00e4ten 1920er Jahre, als Soldat an verschiedenen Frontabschnitten im 2. Weltkrieg, als Arbeiter in unterschiedlichen Berufen w\u00e4hrend der 1940er und 1950er Jahre. Auf der Grundlage dieser Erfahrungen kristallisierte sich eine autodidaktische Pers\u00f6nlichkeit heraus, die in der Moskauer Barackensiedlung Lianosowo zum Dichter reifte. Die acht S-W-Fotografien, die diesem Bio-Interview beigef\u00fcgt sind, verm\u00f6gen diesen schmerzlichen Prozess in Ans\u00e4tzen zu verdeutlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der liebevoll, sachlich und engagiert gestaltete Schuber dient der W\u00fcrdigung eines russischen Dichters, der bislang in der zweiten Reihe hinter der Phalanx der unter dem kommunistischen Regime leidenden russischen Dichterinnen und Dichtern platziert war. Erst die Publikationen von Sabine H\u00e4nsgen und Georg Witte (Sascha Wonders und G\u00fcnter Hirt) in den fr\u00fchen 1990er Jahren zum Werk von Igor Cholin wie auch von anderen Dichtern und K\u00fcnstler*innen aus dem Lianosowo-Umkreis und deren wachsendes Interesse in westeurop\u00e4ischen Literatur- und Kunstkreisen legten die Grundlage f\u00fcr die Anerkennung seines Werkes in westeurop\u00e4ischen und amerikanischen Fachkreisen. Mit der nun aus Anlass des 100. Geburtstags von Igor Cholin vorliegenden ambitionierten Auswahl an Texten und biografisch-authentischen Aussagen ist den Slawisten im Umkreis der Aspei-Edition in Bochum eine w\u00fcrdige Erinnerung an einen Dichter gelungen, der nicht nur der Chronist der einzigartigen K\u00fcnstler- und Dichtersiedlung Lianosowo war, sondern eine eigenst\u00e4ndige, hochsensible Pers\u00f6nlichkeit in der russischen postavantgardistischen Poetik des 20. Jahrhunderts darstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cholin 100<\/strong> Werkauswahl in drei Teilen. Edition Aspei, Bochum 2020.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/cholin2e.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79894 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/cholin2e-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/cholin2e-191x300.jpg 191w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/cholin2e-160x251.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/cholin2e.jpg 254w\" sizes=\"auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/a>1: Igor Cholin. Poesie: Es starb der Erdball. \u00dcbertragung aus dem Russischen von Gudrun Lehmann. 2: Igor Cholin. Prosa. Ein gl\u00fccklicher Zufall. \u00dcbertragung aus dem Russischen von Wolfram Eggeling. 3. Igor Cholin\u00b8 Bio-Inter-View. Eine Videoaufzeichnung von Sabine H\u00e4nsgen, Moskau 1996. Deutsche \u00dcbersetzung Sascha Wonders. Bochum: Edition Aspei, 2020, 38 S., Alle drei Brosch\u00fcren haben Fadenbindung und kosten zusammen im Schuber 25.- Euro. Gestaltung von Martin H\u00fcttel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aspei ist eine Vereinigung von K\u00fcnstlern und Schriftstellern, die den Austausch von Literatur und Kunst zwischen Ost und West f\u00f6rdern. Dies geschieht in einem lebendigen Dialog, in der Organisation von Kunst- und B\u00fccherausstellungen, Lesungen, Vortr\u00e4gen, Konzerten, Performances u.a., ferner in Publikationen von literarischen Werken und Kunstkatalogen. Aspei besteht als informelle Gruppe seit Mitte der 80er Jahre, als gemeinn\u00fctziger Verein mit Sitz in Bochum seit 1996.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der 1920 in Moskau geborene post-avantgardistische Dichter und Erz\u00e4hler, mit dessen Texten auch eine Reihe von westlichen Slawistinnen und Slawisten seit den sp\u00e4ten siebziger Jahren vertraut waren, geh\u00f6rte seit den 1950er Jahren der russischen inoffiziellen Literaturszene an. 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