{"id":79880,"date":"2022-12-05T00:01:41","date_gmt":"2022-12-04T23:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79880"},"modified":"2022-02-24T18:31:00","modified_gmt":"2022-02-24T17:31:00","slug":"ein-fliehendes-pferd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/05\/ein-fliehendes-pferd\/","title":{"rendered":"Ein fliehendes Pferd"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein fliehendes Pferd entstand im Sommer 1977 als Nebenarbeit innerhalb weniger Wochen. Die Novelle schildert das Aufeinandertreffen zweier Paare mittleren Alters im Urlaub am Bodensee. Die beiden M\u00e4nner, ehemalige Schulfreunde, haben einen ganz unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. W\u00e4hrend der Gymnasiallehrer Helmut Halm sich mit seiner Ehefrau Sabine von der Welt zur\u00fcckzieht und sein Gl\u00fcck darin findet, von der Welt verkannt zu werden, jagt der Journalist Klaus Buch dem Erfolg und der gesellschaftlichen Anerkennung hinterher und sucht die Selbstbest\u00e4tigung auch bei seiner deutlich j\u00fcngeren Frau Helene. Im Lauf der Novelle werden beide Lebenseinstellungen in Frage gestellt. Ihren H\u00f6hepunkt findet die Auseinandersetzung der Schulfreunde in einem Segelt\u00f6rn auf dem st\u00fcrmischen Bodensee, bei dem einer der Kontrahenten \u00fcber Bord geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein fliehendes Pferd<\/em> war in Walsers Werk in mehrfacher Hinsicht ein Wendepunkt. Die Novelle erwies sich als der Bestseller, auf den Walser, obwohl l\u00e4ngst ein etablierter Schriftsteller, lange hatte warten m\u00fcssen. Der Erfolg bei Publikum wie Kritik brachte Walser die finanzielle Sicherheit, sich vollkommen auf seine schriftstellerische T\u00e4tigkeit konzentrieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inhaltlich wurde die Novelle vielfach als Abkehr von Walsers fr\u00fcheren politischen Positionen hin zu einer Neuen Subjektivit\u00e4t gewertet. So urteilte Marcel Reich-Ranicki in seiner lobenden Rezension, Walser habe \u201eoffenbar nicht mehr den Ehrgeiz, mit der Dichtung die Welt zu ver\u00e4ndern. Er will nur ein St\u00fcck dieser Welt zeigen. Mehr sollte man von Literatur nicht erwarten.\u201c J\u00f6rg Magenau \u00fcbersetzte dies als: \u201eEr hat sich vom Sozialismus losgesagt und bekommt daf\u00fcr nun den Lohn.\u201c Walser selbst verwahrte sich gegen eine solche Wertung. \u201eWo, wo h\u00e4tte ich diesen Ehrgeiz ausgedr\u00fcckt, wo? Ich habe immer gesagt: Ein Autor ver\u00e4ndert im besten Fall dadurch, da\u00df er schreibt, sich selber.\u201c Gleichzeitig sei <em>Ein fliehendes Pferd<\/em> durchaus kein unpolitisches Buch: \u201eWenn ich die Novelle anschaue, dann scheint mir das kein privater Befund zu sein, wie diese beiden M\u00e4nner, Halm und Buch auf verschiedene Weise Schein produzieren, Konkurrenzhaltungen leben, die gewisserma\u00dfen die Person auffressen.\u201c Der politische Hintergrund der Novelle sei, dass sie sich nur in unserer Gesellschaft auf diese Weise abspielen k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch stilistisch bedeutete <em>Ein fliehendes Pferd<\/em> eine Wende im Werk Walsers. Gerald A. Fetz konstatierte in der Novelle \u201edie diszipliniertere Sprache, die gr\u00f6\u00dfere \u00dcberschaulichkeit der Handlung, die klar nachvollziehbare Fabel \u2013\u00a0es gibt sogar \u201aAction\u2018!\u00a0\u2013 die abgeschlossenere Form und die allgemeine Verst\u00e4ndlichkeit\u201c gegen\u00fcber Walsers fr\u00fcheren Romanen. Joachim Kaiser vermisste deren \u201etausendmal anfechtbareren, tausendmal herrlicheren Seelen- und Wort-Dschungel\u201c in der Novelle. Und Martin L\u00fcdke konstatierte, der \u201estetig steigende Unterhaltungswert\u201c von Walsers Prosa fordere einen hohen Preis: \u201eWalsers R\u00fcckgriff auf die \u00fcberlieferten literarischen Formen [Novellenform] l\u00e4uft einher mit dem R\u00fcckgriff auf eine l\u00e4ngst zerdepperte Bewu\u00dftseinsform. [\u2026] Martin Walser bewegt sich auf die flie\u00dfende Grenze zu, die \u201aLiteratur\u2018 von \u201aUnterhaltung\u2018 trennt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie in vielen anderen Werken Walsers ist auch der Protagonist aus <em>Ein fliehendes Pferd<\/em> mit Z\u00fcgen seines Autors ausgestattet. So schrieb Paul F. Reitze in einer Rezension der Novelle: \u201eSein Hauptthema hei\u00dft Walser. Die eigene Person wird zerlegt, wird mit dem spitzen Aper\u00e7umesser in Viertelst\u00fccke und H\u00e4lften tranchiert.\u201c Die N\u00e4he Walsers zu Helmut Halm reicht von dessen Midlife Crisis \u2013 Walser selbst war wenige Monate vor Entstehung der Novelle 50 geworden \u2013\u00a0\u00fcber die r\u00e4umliche Umgebung\u00a0\u2013 Walser wohnt in Nu\u00dfdorf am Bodensee \u2013 bis zur kleinb\u00fcrgerlichen Perspektive Halms. Walser erkl\u00e4rte zur Figurenkonstellation in <em>Ein fliehendes Pferd<\/em>: \u201eich war, als ich das Buch schrieb, der Meinung, ich vertrete mit meiner Spielfigur Helmut Halm einfach meine eigene Position gegen\u00fcber einer Reihe von Figuren, die ich in Wirklichkeit kenne und die ich zusammengefasst habe in der Figur Klaus Buch.\u201c Andere Leser sahen in den beiden m\u00e4nnlichen Protagonisten zwei Seiten von Walsers Pers\u00f6nlichkeit. Laut Hans-Erich Struck sei Walser wie Klaus Buch ein guter Segler und er besitze wie dieser eine besondere Empfindlichkeit gegen Abh\u00e4ngigkeit und Beleidigung. F\u00fcr Michael Zimmer spaltete Walser seine Biografie als Germanist in die Alternativen Gymnasiallehrer und Journalist auf, die er in der Novelle durchspiele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Handlungsort und das Personal der Novelle kehren in Walsers Werk mehrfach wieder. Die besondere Beziehung des Autors zu seiner Heimat am Bodensee dr\u00fcckte sich im zweiten 1978 erschienenen Buch <em>Heimatlob<\/em> aus, das Texte von Walser mit Aquarellen des Malers Andr\u00e9 Ficus verband. 1985 schrieb Walser mit dem Roman <em>Brandung<\/em> das Leben von Sabine und Helmut Halm fort und versetzte sie vom heimischen Bodensee nach Kalifornien, wo Halm eine Gastprofessur an einem amerikanischen College annahm. Gottlieb Z\u00fcrn, der Vermieter der Ferienwohnung der Halms, ist die Hauptperson von Walsers Romanen <em>Das Schwanenhaus<\/em>, <em>Jagd<\/em> und <em>Der Augenblick der Liebe<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein fliehendes Pferd<\/strong>, Novelle von Martin Walser, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein fliehendes Pferd entstand im Sommer 1977 als Nebenarbeit innerhalb weniger Wochen. Die Novelle schildert das Aufeinandertreffen zweier Paare mittleren Alters im Urlaub am Bodensee. Die beiden M\u00e4nner, ehemalige Schulfreunde, haben einen ganz unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. 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