{"id":79863,"date":"2022-08-05T00:01:12","date_gmt":"2022-08-04T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79863"},"modified":"2022-02-24T14:34:15","modified_gmt":"2022-02-24T13:34:15","slug":"die-taube","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/05\/die-taube\/","title":{"rendered":"Die Taube"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">\u2026 als auch ich den gr\u00f6\u00dften Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer f\u00e4llt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschlie\u00dft, dass es sich beim Verlassen selbst mitnimmt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Patrick S\u00fcskind<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach zwei drastischen Erlebnissen in seiner Vergangenheit (die Deportation seiner Eltern in ein Konzentrationslager und seine missgl\u00fcckte Ehe), an die er sich am liebsten gar nicht mehr erinnert, zieht Jonathan Noel ein ereignisloses Leben vor. Er zieht nach Paris, wo er eine Arbeit als Wachmann einer Bank findet. Er lebt in einem Zimmer ohne jeden Komfort, welches ihm aber einen sicheren und verl\u00e4sslichen Hafen bietet. Um diese Sicherheit und Gleichf\u00f6rmigkeit zu garantieren, erwirbt er das Zimmer per Mietkauf: Nur noch eine Rate ist f\u00e4llig, dann geh\u00f6rt es ihm. Sein Tagesablauf ist minuti\u00f6s festgelegt, er lebt gen\u00fcgsam, gewissenhaft und einsiedlerisch. Den Kontakt zu anderen Menschen vermeidet er bewusst. Eines Freitagmorgens im August 1984, sitzt unerwartet eine Taube vor seiner Zimmert\u00fcr, die durch ein ge\u00f6ffnetes Fenster in den gemeinsamen Hausflur gekommen sein muss. Die Taube versetzt Jonathan in Angst und Schrecken. Er verschanzt sich erst in seinem Zimmer und wagt es nicht mehr, den Flur zu betreten. Er versucht, an seinem routinierten Tagesablauf festzuhalten, verl\u00e4sst das Zimmer dann aber nur, weil er zur Arbeit muss. Schwer vermummt in Winterkleidung wagt er mit gepacktem Koffer den Ausfall aus seinem Zimmer. Er ist \u00fcberzeugt, nicht mehr zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Weg zur Bank f\u00fchrt er ein kurzes Gespr\u00e4ch mit der Concierge des Hauses. Da er sich st\u00e4ndig von ihr beobachtet f\u00fchlt, und dies als \u00fcbergriffig empfindet, will er ihr in seinem aufgebrausten Zustand die Meinung dazu sagen. Er kann seine Wut aber nicht \u00e4u\u00dfern und informiert sie lediglich \u00fcber die Taube, hat jedoch keine Hoffnung, dass sie etwas unternehmen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Taube aus dem Gleichgewicht gebracht, wird der Tag f\u00fcr Jonathan zum Desaster. Am Vormittag verpasst er es, der Limousine seines Chefs rechtzeitig das Tor zu \u00f6ffnen, was ihm als unverzeihliches Vergehen erscheint. In der Mittagspause mietet er in einem Hotel das billigste Zimmer, um nicht mehr nach Hause zur\u00fcckkehren zu m\u00fcssen. Dann rei\u00dft er an einer Parkbank versehentlich ein Loch in seine Hose. Den Nachmittag h\u00e4lt er dann mit notd\u00fcrftig geflickter Hose wieder Wache vor der Bank. Dabei verf\u00e4llt Jonathan in Gr\u00fcbelei und durchleidet seinen Wachdienst schwitzend in der Sommersonne. Er verweigert sich selbst jede Linderung und empfindet einen brennenden Hass auf seine Umwelt. Innerlich phantasiert er davon, seinen Hass mit Gewalt auszudr\u00fccken und mit seiner Dienstwaffe um sich zu schie\u00dfen. Er bleibt allerdings unt\u00e4tig, da er seine Gef\u00fchle nicht ausdr\u00fccken- und sich seiner Umwelt nicht mitteilen kann. Er ist &#8222;kein T\u00e4ter, sondern ein Dulder&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Dienstschluss empfindet Jonathan sich als von seinem K\u00f6rper getrennt, w\u00e4hrend er mit anderen Mitarbeitenden die Bank verriegelt, und im dienstlichen Rahmen unpers\u00f6nliche H\u00f6flichkeiten austauscht. Er l\u00e4sst sich dann anfangs mit der Menge der Fu\u00dfg\u00e4nger treiben, sp\u00fcrt aber durch den k\u00f6rperbetonten Akt des Gehens, wie sich K\u00f6rper und Geist einander wieder ann\u00e4hern. Er setzt daraufhin seinen Spaziergang mehrere Stunden durch Paris fort, ehe er Hunger und M\u00fcdigkeit versp\u00fcrt. Wieder im Hotelzimmer, verspeist er sein unterwegs gekauftes Abendessen, welches ihm gr\u00f6\u00dften Genuss bereitet. Dennoch entscheidet er vor dem Einschlafen, dass er sich am Folgetag umbringen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den fr\u00fchen Morgenstunden gibt es ein heftiges Gewitter. Aus dem Schlaf gerissen, meint Jonathan zuerst, die Welt gehe unter. Da weder Tageslicht noch Ger\u00e4usch in das Zimmer dringen, ist Jonathan v\u00f6llig desorientiert, glaubt schlie\u00dflich, er sei ein Kind im Keller seines Elternhauses, habe alles nur getr\u00e4umt und drau\u00dfen herrsche Krieg. Von kindlicher Angst vor dem Verlassensein \u00fcberw\u00e4ltigt, will er um Hilfe schreien, doch gibt ihm das Ger\u00e4usch prasselnden Regens seine Orientierung zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jonathan begibt sich auf den Heimweg, genie\u00dft die Eindr\u00fccke der erwachenden, regennassen Stadt und planscht mit kindlicher Freude durch die Pf\u00fctzen. Als er sein Zuhause erreicht, \u00fcberwindet er seine Angst vor der Taube, und betritt den Hausflur, um festzustellen, dass die Taube verschwunden ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0***<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Taube<\/strong>, von Patrick S\u00fcskind, Diogenes Verlag, 1987<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 als auch ich den gr\u00f6\u00dften Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer f\u00e4llt. 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