{"id":79858,"date":"2022-09-29T00:01:38","date_gmt":"2022-09-28T22:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79858"},"modified":"2022-02-24T16:41:39","modified_gmt":"2022-02-24T15:41:39","slug":"schachnovelle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/29\/schachnovelle\/","title":{"rendered":"Schachnovelle"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgef\u00fcllt habe in diesen Jahren, Erkl\u00e4rungen bei jeder Reise, [\u2026] wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Beh\u00f6rden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, [\u2026] wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenw\u00fcrde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert [\u2026].<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Stefan Zweig<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zentrum der Handlung steht die Konfrontation der psychischen Abgr\u00fcnde, die ein Gefangener der Gestapo erlebt hat, mit der oberfl\u00e4chlichen Lebenswelt wohlhabender Reisender in der Rahmenhandlung. Das Schachspiel spielt anfangs nur die Rolle einer blo\u00dfen Unterhaltung bzw. eines eintr\u00e4glichen Sports und erh\u00e4lt erst durch die Figur des Gefangenen Dr. B., der sich w\u00e4hrend seiner Haftzeit intensiv mit Schach besch\u00e4ftigt hat, seine tiefere Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rahmenerz\u00e4hlung spielt an Bord eines Passagierdampfers von New York nach Buenos Aires. Der Ich-Erz\u00e4hler, ein \u00f6sterreichischer Emigrant, erf\u00e4hrt von einem Bekannten, dass der amtierende Schachweltmeister Mirko Czentovic mit an Bord ist, und versucht, in pers\u00f6nlichen Kontakt mit dem zur\u00fcckhaltenden und verschlossenen Spr\u00f6ssling einer einfachen Donauschifferfamilie zu treten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Czentovic wurde als Waise von einem Pfarrer aufgezogen. Doch auch nach jahrelangen Bildungsbem\u00fchungen blieb das Kind ein langsamer und ungebildeter Landbursche ohne ersichtliche Begabung, bis er ein durch Zufall zustande gekommenes Schachspiel gegen einen Freund des Pfarrers souver\u00e4n gewann. In diesem Moment zeigt sich Czentovics au\u00dferordentliche Begabung f\u00fcr das Schachspiel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit beginnt Czentovics Aufstieg. Im Alter von zwanzig Jahren erlangt er schlie\u00dflich den Weltmeistertitel und reist als bezahlter Turnierspieler durch die Welt. Die Tatsache, dass ein einfacher Junge ohne intellektuelle Begabung die gesamte Schachwelt d\u00fcpiert, andererseits aber auch aus Gewinnstreben gegen Amateure spielt, bringt ihm die Missgunst der Schachspielerzunft ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Bord des Schiffes befindet sich auch ein wohlhabender Tiefbauingenieur namens McConnor. Als dieser von der Anwesenheit des Schachweltmeisters erf\u00e4hrt, setzt er sich in den Kopf, siegreich gegen diesen anzutreten. Czentovic erkl\u00e4rt sich \u2013 gegen Zahlung eines Honorars \u2013 zu einer Schachpartie bereit, will aber nicht nur gegen McConnor, sondern gegen alle Anwesenden spielen. Der Schachweltmeister gewinnt m\u00fchelos die erste Partie, und der ehrgeizige \u00d6lmillion\u00e4r verlangt Revanche. Die bereits abzusehende zweite Niederlage McConnors wird durch den spontanen Eingriff eines Fremden abgewendet, der sich Dr.\u00a0B. nennt und offenbar ein weitaus besserer Spieler ist als McConnor \u2013 zumindest verh\u00e4lt sich Czentovic so, als sei jetzt \u00fcberhaupt erst ein Gegner vorhanden. Die Partie endet Remis. Allerdings ist Dr.\u00a0B. nicht gewillt, eine weitere Partie zu spielen, was erst recht das Interesse des Ich-Erz\u00e4hlers weckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser sucht daraufhin das Gespr\u00e4ch und Dr.\u00a0B. erz\u00e4hlt seine Lebensgeschichte: Im \u00d6sterreich der 1930er Jahre, also im austrofaschistischen St\u00e4ndestaat, war er Verm\u00f6gensverwalter des \u00f6sterreichischen Adels und Klerus. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in \u00d6sterreich 1938 interessierten sich die Nationalsozialisten f\u00fcr ihn, da sie sich die Besitzt\u00fcmer der Kl\u00f6ster aneignen wollten. Um Einzelheiten \u00fcber den Verbleib der von ihm verwalteten Verm\u00f6gensposten zu erlangen, sperrten sie Dr.\u00a0B. \u00fcber Monate in Einzelhaft in ein Hotelzimmer und verwehrten ihm jegliche Form der Ablenkung. Nach zweiw\u00f6chiger v\u00f6lliger Isolation begann man, ihn zu verh\u00f6ren. Aufgrund der totalen geistigen Deprivation verschlechterte sich Dr.\u00a0B.s Geisteszustand. Um nicht dem Wahnsinn anheimzufallen und dabei unter Umst\u00e4nden noch Mitwisser zu verraten, stahl er schlie\u00dflich ein ertastetes Buch aus der Tasche eines Mantels, der im Warteraum des Verh\u00f6rzimmers hing. Zu seiner Entt\u00e4uschung handelte es sich dabei jedoch nicht \u2013 wie erhofft \u2013 um anregende Literatur, sondern um eine Sammlung ber\u00fchmter Schachpartien. Um trotzdem einer geistigen Bet\u00e4tigung nachzugehen, begann Dr.\u00a0B., der nur w\u00e4hrend seiner Gymnasialzeit Schach gespielt hatte, in seiner Isolation die Partien nachzuspielen und auswendig zu lernen, was ihm nach einigen Monaten vollst\u00e4ndig gelang. Dann begann er, neue Partien gegen sich selbst zu spielen, wozu er zwei unabh\u00e4ngige geistige Instanzen erschuf und dadurch schlie\u00dflich eine Pers\u00f6nlichkeitsspaltung erlitt. Der Umstand, dass das jeweils unterlegene \u201eIch\u201c \u2013 er bezeichnet seine beiden Pers\u00f6nlichkeiten als \u201eIch Schwarz\u201c und \u201eIch Wei\u00df\u201c \u2013 nach einer Partie sofort und vehement Revanche forderte, f\u00fchrte bei Dr.\u00a0B. zu einem Zustand, den er als \u201eSchachvergiftung\u201c bezeichnet. Er geriet in eine wahnartige Verfassung, griff seinen Zellenw\u00e4rter an und schlug ein Fenster ein, wobei er sich schwer an der Hand verletzte. Im Krankenhaus diagnostizierte der ihm wohlgesinnte behandelnde Arzt eine Unzurechnungsf\u00e4higkeit, was Dr.\u00a0B.s R\u00fcckkehr in die Einzelhaft verhinderte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dr.\u00a0B. erf\u00e4hrt dann vom Ich-Erz\u00e4hler, dass es sich bei seinem Gegner um den Schachweltmeister Czentovic handelt, und l\u00e4sst sich aus Neugier zu einer Partie \u00fcberreden \u2013 er hat seit seiner Gymnasialzeit keine Partie mehr gegen einen realen Gegner gespielt. Um eine erneute Schachvergiftung zu vermeiden, stellt er die Bedingung, nur eine einzige Partie zu spielen, die er zum allgemeinen Erstaunen souver\u00e4n gewinnt. Es macht ihn jedoch nerv\u00f6s, wie viel Zeit sich sein Gegner, der Weltmeister, f\u00fcr jeden Zug l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach seiner Niederlage bietet Czentovic eine weitere Partie an, worauf Dr.\u00a0B. sofort eingeht. W\u00e4hrend der Meister nun absichtlich extrem langsam spielt, erwacht bei Dr.\u00a0B. offenbar die Schachvergiftung erneut: er verf\u00e4llt in typische Verhaltensweisen der Einzelhaft, geht planlos hin und her, versp\u00fcrt brennenden Durst und herrscht seinen Gegner unh\u00f6flich an. W\u00e4hrend Czentovic am Zug ist, schweift Dr.\u00a0B.s rastloser Sinn ab zu anderen Partien, bis reale Spielsituation und die Spiele im Kopf sich mischen, so dass er schlie\u00dflich verwirrt feststellen muss, dass seine Strategie \u00fcberhaupt nicht mehr mit der Situation auf dem Brett \u00fcbereinstimmt. Der Ich-Erz\u00e4hler, der um Dr.\u00a0B.s geistige Situation wei\u00df, erinnert ihn eindringlich an seine Krankheit und den Vorsatz, nur eine einzige Partie spielen zu wollen. Dr.\u00a0B. versteht den Hinweis, entschuldigt sich bei den Anwesenden, beendet das Spiel und erkl\u00e4rt, dass er niemals wieder Schach spielen werde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <strong>Schachnovelle<\/strong> ist eine Novelle von Stefan Zweig, die er zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil schrieb. Die Erstausgabe erschien postum am 7. Dezember 1942 in Buenos Aires in einer limitierten Auflage von 300 Exemplaren. In Europa wurde das Werk im Dezember 1943 im Stockholmer Exilverlag von Gottfried Bermann Fischer verlegt.<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgef\u00fcllt habe in diesen Jahren, Erkl\u00e4rungen bei jeder Reise, [\u2026] wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Beh\u00f6rden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, [\u2026] wie viele Durchsuchungen an&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/29\/schachnovelle\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2121],"class_list":["post-79858","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-zweig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79858","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79858"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79858\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100275,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79858\/revisions\/100275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79858"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79858"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79858"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}