{"id":79837,"date":"2022-10-18T00:01:36","date_gmt":"2022-10-17T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79837"},"modified":"2022-02-25T18:44:24","modified_gmt":"2022-02-25T17:44:24","slug":"ein-tragisches-reiseerlebnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/18\/ein-tragisches-reiseerlebnis\/","title":{"rendered":"Ein tragisches Reiseerlebnis"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mittelpunkt der Novelle <i>Mario und der Zauberer<\/i> steht die Frage nach der Willensfreiheit. Nicht nur die zahlreichen hypnotischen Erfolge Cipollas thematisieren deren Grenzen, sondern auch das immer wieder (von ihm selbst) in Frage gestellte Verhalten des Erz\u00e4hlers, der eigentlich abreisen will, sich aber dennoch irgendwie mit einem merkw\u00fcrdig gemischten Gef\u00fchl aus Angst, Spannung, Bewunderung, Neugier und Hass \u00fcber seine eigenen Skrupel hinwegsetzt. Einem jungen Mann, der bei einem Kartentrick fest entschlossen ist, den hypnotischen K\u00fcnsten zu widerstehen und seinen Eigenwillen gegen den Willen Cipollas durchzusetzen, antwortet dieser:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sie werden mir &#8230; damit meine Aufgabe etwas erschweren. An dem Ergebnis wird ihr Widerstand nichts \u00e4ndern. Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit richtet, st\u00f6\u00dft ins Leere. Sie sind frei, zu ziehen oder nicht zu ziehen. Ziehen Sie aber, so werden Sie richtig ziehen, &#8211; desto sicherer, je eigensinniger Sie zu handeln versuchen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die oft formulierte Reduzierung der Handlung auf eine blo\u00dfe Faschismusparabel wird dem Werk nicht gerecht. Beschrieben werden die Grundkonstituenten menschlichen Handelns im Verst\u00e4ndnis von Thomas Manns Weltsicht, z.\u00a0B. die Verf\u00fchrbarkeit zum Tode und die Sehnsucht nach der Ganzheit. Hier lassen sich Verkn\u00fcpfungen zur faschistischen Bewegung der 1930er Jahre erkennen, die, oberfl\u00e4chlich betrachtet, in einer \u00e4hnlich erscheinenden Geisteshaltung zu suchen sind.<sup id=\"cite_ref-4\" class=\"reference\"> <\/sup>Au\u00dferdem sieht die heutige Forschung in Cipolla <i>eine ex negativo \u00fcberzeugend dargestellte K\u00fcnstlerfigur, die ihre k\u00f6rperliche Verwachsenheit durch \u00e4u\u00dferste Willensanspannung mit zweifelhaftem Erfolg ausgleicht<\/i><sup id=\"cite_ref-5\" class=\"reference\"> <\/sup>und erkennt insofern in <i>Mario und der Zauberer<\/i> in erster Linie eine weitere Variation der typisch mannschen K\u00fcnstlerproblematik.<sup id=\"cite_ref-6\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts des t\u00f6dlichen Ausgangs der Novelle k\u00f6nnte man annehmen, Thomas Mann wolle den Lesern den Ratschlag geben, in einer Diktatur aktiv zum Befreiungsschlag auszuholen und sich notfalls auch mit drastischen Mitteln ihrer Demagogen zu entledigen. 1940 schreibt er in \u201eOn Myself\u201c \u00fcber die von ihm gesehene Wirkung in Deutschland: \u201eDie politisch-moralistische Anspielung, in Worten nirgends ausgesprochen, wurde damals in Deutschland, lange vor 1933, recht wohl verstanden: mit Sympathie oder \u00c4rger verstanden, die Warnung vor der Vergewaltigung durch das diktatorische Wesen, die in der menschlichen Befreiungskatastrophe des Schlusses \u00fcberwunden und zunichte wird.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch sind aus einem Briefwechsel Manns mit dem Schriftsteller Otto Hoerth vom 12. Juni 1930 anf\u00e4nglich andere Intentionen ersichtlich: \u201eDa es Sie interessiert: Der &#8218;Zauberk\u00fcnstler&#8216; war da und benahm sich genau, wie ich es geschildert habe. Erfunden ist nur der letale Ausgang: In Wirklichkeit lief Mario nach dem Ku\u00df in komischer Besch\u00e4mung weg und war am n\u00e4chsten Tage, als er uns wieder den Tee servierte, h\u00f6chst vergn\u00fcgt und voll sachlicher Anerkennung f\u00fcr die Arbeit &#8218;Cipollas&#8216;. Es ging eben im Leben weniger leidenschaftlich zu, als nachher bei mir. Mario liebte nicht wirklich, und der streitbare Junge im Parterre war nicht sein gl\u00fccklicherer Nebenbuhler. Die Sch\u00fcsse aber sind nicht einmal meine Erfindung: Als ich von dem Abend hier erz\u00e4hlte, sagte meine \u00e4lteste Tochter: \u201aIch h\u00e4tte mich nicht gewundert, wenn er ihn niedergeschossen h\u00e4tte\u2018.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So behauptet Mann klar, dass er mit diesem Werk nicht politisch agieren wollte, sondern \u2013 im Nachhinein vielleicht unbewusst \u2013 ein St\u00fcck faschistischer Zeitatmosph\u00e4re eingefangen habe. In sp\u00e4teren Briefen 1932 schlie\u00dft Thomas Mann politische Anspielungen allerdings nicht aus. So hei\u00dft es in einem Brief aus dem Jahre 1941 an Hans Flesch: \u201eIch kann nur sagen, dass es viel zu weit geht, in dem Zauberer Cipolla einfach die Maskierung Mussolinis zu sehen, aber es versteht sich andererseits, dass die Novelle entschieden einen moralisch-politischen Sinn hat.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i><b>Mario und der Zauberer \u2013 Ein tragisches Reiseerlebnis<\/b><\/i> ist eine Novelle von Thomas Mann, die 1930 zun\u00e4chst in <i>Velhagen und Klasings Monatsheften<\/i> publiziert wurde<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"> <\/sup>und anschlie\u00dfend im S. Fischer Verlag erschien. In <i>psychologischem Realismus<\/i> schildert Mann darin die Wirkungen eines im faschistischen Italien hereinbrechenden D\u00e4mons anhand der Figur des Showhypnotiseurs <i>Cavaliere Cipolla<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Thomas Manns Erz\u00e4hlung <em>Der Tod in Venedig<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/12\/aschenbach-und-wir\/\">hier<\/a> ein Artikel. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens liest Ulrich Bergmann Thomas Manns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/27\/narrative-kaelte\/\">Doktor Faustus<\/a>.\u00a0 War\u2019s nicht auch bei dem von ihm <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54875\">gesch\u00e4tzten<\/a> Thomas Mann so \u2013 im Kleid des vollendeten Realismus gebar er eine deutsche Variante des magischen Erz\u00e4hlens lange vor Marquez und Co. Und Bergmanns \u00dcberlegungen <em>Zum Schluss des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/12\/neuschnee\/\">Zauberbergs<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-100084 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/>\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Im Mittelpunkt der Novelle Mario und der Zauberer steht die Frage nach der Willensfreiheit. 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