{"id":79827,"date":"2022-07-26T00:01:16","date_gmt":"2022-07-25T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79827"},"modified":"2022-02-24T14:18:47","modified_gmt":"2022-02-24T13:18:47","slug":"tragoedie-einer-entwuerdigung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/26\/tragoedie-einer-entwuerdigung\/","title":{"rendered":"Trag\u00f6die einer Entw\u00fcrdigung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Leidenschaft als Verwirrung und Entw\u00fcrdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, \u2013 was ich urspr\u00fcnglich erz\u00e4hlen wollte, war \u00fcberhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die \u2013 grotesk gesehene \u2013 Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen M\u00e4dchen in Marienbad, das er mit Zustimmung der streberisch-kupplerischen Mama und gegen das Entsetzen seiner eigenen Familie partout heiraten wollte, diese Geschichte mit allen ihren schauerlich komischen, zu ehrf\u00fcrchtigem Gel\u00e4chter stimmenden Situationen, [\u2026].\u201c Der Titel des Novellenplanes lautete: Goethe in Marienbad.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Thomas Mann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Mann nannte seine Novelle die Trag\u00f6die einer Entw\u00fcrdigung: Gustav von Aschenbach, ein ber\u00fchmter Schriftsteller von etwas \u00fcber 50 Jahren und schon l\u00e4nger verwitwet, hat sein Leben ganz auf Leistung gestellt. Eine sommerliche Erholungsreise f\u00fchrt ihn nach Venedig. Dort beobachtet er am Strand t\u00e4glich einen sch\u00f6nen Knaben, der mit seiner eleganten Mutter und seinen Schwestern samt Gouvernante im selben Hotel, dem <em>B\u00e4derhotel<\/em>, wohnt. In ihn verliebt sich der Alternde. Er bewahrt zwar stets eine scheue Distanz zu dem Knaben, der sp\u00e4te Gef\u00fchlsrausch jedoch, dem sich der sonst so selbstgestrenge von Aschenbach nun willenlos hingibt, macht aus ihm letztlich einen w\u00fcrdelosen Greis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Mann beschreibt das Scheitern eines asketischen, ausschlie\u00dflich auf Leistung ausgerichteten Lebens, das ohne zwischenmenschlichen Halt auskommen muss. Einsam, ausgeschlossen vom Gl\u00fcck sorgloser Leichtlebigkeit, hart arbeitend, erreicht Gustav von Aschenbach mit seinem schriftstellerischen Werk Ruhm und Gr\u00f6\u00dfe. Stolz auf seine Leistungen, ist er aber voller Misstrauen in seine Menschlichkeit und ohne Glauben, dass man ihn lieben k\u00f6nne. Da tritt ein Knabe in sein Leben, dessen androgyne Anmut f\u00fcr Aschenbach zur Inkarnation vollkommener Sch\u00f6nheit wird. Seine Faszination und Leidenschaft f\u00fcr dieses Idealbild rechtfertigt er mit philosophischen Argumenten, indem er in seinen Tagtr\u00e4umen wiederholt den platonischen Dialog zwischen Sokrates und Phaidros heranzieht und f\u00fcr seine Zwecke modifiziert und \u00e4sthetisch reflektiert: Die Sch\u00f6nheit sei \u201edie einzige Form des Geistigen, welche wir sinnlich empfangen, sinnlich ertragen k\u00f6nnen.\u201c Nur sie sei \u201eg\u00f6ttlich und sichtbar zugleich, und so ist sie denn also des Sinnlichen Weg\u201c und daher \u201eder Weg des K\u00fcnstlers zum Geiste. Glaubst du nun aber, mein Lieber, da\u00df derjenige jemals Weisheit und wahre Mannesw\u00fcrde gewinnen k\u00f6nne, f\u00fcr den der Weg zum Geistigen durch die Sinne f\u00fchrt?\u201c Wie sein selbstkritischer Autor Thomas Mann sieht auch Aschenbach die Scharlatanerie alles K\u00fcnstlerischen: \u201eSiehst du nun wohl, da\u00df wir Dichter nicht weise noch w\u00fcrdig sein k\u00f6nnen? Da\u00df wir notwendig in die Irre gehen, notwendig liederlich und Abenteurer des Gef\u00fchls bleiben? Die Meisterhaltung unseres Stiles ist L\u00fcge und Narrentum, unser Ruhm und Ehrenstand eine Posse, das Vertrauen der Menschen zu uns l\u00e4cherlich\u201c. Und wie der Autor, so sieht auch sein Protagonist die fragw\u00fcrdigen Seiten des K\u00fcnstlers, der den <em>Tod in Venedig<\/em> nicht zuf\u00e4llig findet, sondern wissentlich sucht: \u201efortan gilt unser Trachten einzig der Sch\u00f6nheit, das will sagen der Einfachheit, Gr\u00f6\u00dfe und neuen Strenge, der zweiten Unbefangenheit und der Form. Aber Form und Unbefangenheit, Phaidros, f\u00fchren zum Rausch und zur Begierde, f\u00fchren den Edlen vielleicht zu grauenhaftem Gef\u00fchlsfrevel, den seine eigene sch\u00f6ne Strenge als infam verwirft, f\u00fchren zum Abgrund, zum Abgrund auch sie. Uns Dichter, sage ich, f\u00fchren sie dahin, denn wir verm\u00f6gen nicht, uns aufzuschwingen, wir verm\u00f6gen nur auszuschweifen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Aschenbach gibt sich ganz der Bewunderung des Knaben hin. \u201eDas war der Rausch; und gierig hie\u00df der alternde K\u00fcnstler ihn willkommen\u201c. Nach Art der Dialoge Platons imaginiert \u201eder Enthusiasmierte\u201c Gespr\u00e4che mit dem Bewunderten. In ihnen bricht er mit seiner apollinischen, zuchtvollen Lebenssicht. \u201e[\u2026],\u00a0denn der Leidenschaft ist, wie dem Verbrechen, die gesicherte Ordnung und Wohlfahrt des Alltags nicht gem\u00e4\u00df.\u201c Er erkennt die Sinnlichkeit der Kunst und monologisiert: \u201e[\u2026]\u00a0du musst wissen, dass wir Dichter den Weg der Sch\u00f6nheit nicht gehen k\u00f6nnen, ohne dass Eros sich zugesellt und sich zum F\u00fchrer aufwirft.\u201c Doch damit besch\u00f6nigt von Aschenbach. Nicht Eros leitet ihn. Dionysos ist es, dem er verfallen ist. Von ihm seines apollinisch-klaren Weltbildes beraubt, meint von Aschenbach, dem K\u00fcnstler sei \u201eeine unverbesserliche und nat\u00fcrliche Richtung zum Abgrunde eingeboren\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen wilden H\u00f6hepunkt findet von Aschenbachs Entartung in dem Traum des f\u00fcnften Kapitels. Er ger\u00e4t unter die z\u00fcgellos Feiernden eines antiken Dionysos-Kultes. \u201eAber mit ihnen, in ihnen war der Tr\u00e4umende nun dem fremden Gotte geh\u00f6rig. Ja, sie waren er selbst, als sie rei\u00dfend und mordend sich auf die [Opfer-]Tiere hinwarfen und dampfende Fetzen verschlangen, als auf zerw\u00fchltem Moosgrund grenzenlose Vermischung begann, dem Gotte zum Opfer. Und seine Seele kostete Unzucht und Raserei des Unterganges.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Tod in Venedig<\/strong>\u00a0ist eine\u00a0Novelle\u00a0von\u00a0Thomas Mann, die 1911 entstanden ist. Sie erschien zun\u00e4chst als Luxusdruck in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren, danach in der\u00a0<em>Neuen Rundschau<span class=\"Apple-style-span\">\u00a0<\/span><\/em>\u00a0und ab 1913 als Einzeldruck im\u00a0S.\u00a0Fischer Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-18521 size-full\" title=\"Venedig_Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"253\" \/><\/a>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Thomas Manns Erz\u00e4hlung <em>Der Tod in Venedig<\/em> findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/12\/aschenbach-und-wir\/\">hier<\/a> ein Artikel. Zum 50. Jahrestag des Erscheinens liest Ulrich Bergmann Thomas Manns <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/27\/narrative-kaelte\/\">Doktor Faustus<\/a>.\u00a0 War\u2019s nicht auch bei dem von ihm <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54875\">gesch\u00e4tzten<\/a> Thomas Mann so \u2013 im Kleid des vollendeten Realismus gebar er eine deutsche Variante des magischen Erz\u00e4hlens lange vor Marquez und Co. Und Bergmanns \u00dcberlegungen <em>Zum Schluss des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/08\/12\/neuschnee\/\">Zauberbergs<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leidenschaft als Verwirrung und Entw\u00fcrdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, \u2013 was ich urspr\u00fcnglich erz\u00e4hlen wollte, war \u00fcberhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die \u2013 grotesk gesehene \u2013 Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen M\u00e4dchen in Marienbad, das er&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/26\/tragoedie-einer-entwuerdigung\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[282],"class_list":["post-79827","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-thomas-mann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79827"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79827\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100195,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79827\/revisions\/100195"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}