{"id":79815,"date":"2022-06-26T00:01:24","date_gmt":"2022-06-25T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79815"},"modified":"2022-06-23T04:44:26","modified_gmt":"2022-06-23T02:44:26","slug":"leutnant-gustl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/26\/leutnant-gustl\/","title":{"rendered":"Leutnant Gustl"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ein Einfall war da, die Gestalt tritt hinzu, die dazu dient, den Einfall zu illustrieren, und der Einfall tritt im Laufe der \u00dcberlegung, eventuell erst im Laufe der Arbeit hinter der Gestalt zur\u00fcck.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Arthur Schnitzler<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Novelle ist fast g\u00e4nzlich als innerer Monolog gestaltet, was als Neuheit in der deutschsprachigen Literaturgeschichte gew\u00fcrdigt wird; er stellt die \u00c4ngste, Obsessionen und Neurosen eines jungen Leutnants der k.u.k. Armee aus der Innenperspektive des Protagonisten dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Leutnant Gustl<\/em> ist ein Paradebeispiel f\u00fcr die Erz\u00e4hltechnik des ununterbrochenen inneren Monologs. Schauplatz der Handlung ist ausschlie\u00dflich Gustls Denken. Daher wird der Akzent auch nicht von einem Erz\u00e4hler auf bestimmte Aspekte der Handlung gelegt, sondern der Leser muss Gustls Gedanken selbst werten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gustl bezieht sein Selbstwertgef\u00fchl allein aus der Tatsache, dass er eine Uniform tr\u00e4gt. Er bedauert es, keinen Krieg erlebt zu haben und verachtet Nichtmilit\u00e4rs, wie man an seiner groben Behandlung des B\u00e4ckers sieht. Als diese Autorit\u00e4t ersch\u00fcttert wird, scheint Gustl konsequent zu seinen Ehrbegriffen zu stehen. Doch sobald er vom Tod Habetswallners erf\u00e4hrt, vergisst er seinen Vorsatz sofort. So wird der Ehrbegriff des K.u.k.-Milit\u00e4rs als hohl und selbstgerecht entlarvt. Dass manche b\u00fcrgerliche Zivilisten schon l\u00e4ngst gefahrlos den Respekt vor einem jungen vorlauten Leutnant verlieren k\u00f6nnen, zeigt au\u00dferdem die br\u00f6ckelnde Fassade des milit\u00e4rischen Selbstbilds.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Gedanken Gustls drehen sich um Frauen, mit denen er Aff\u00e4ren hatte. Er ist \u00fcberzeugt, ungemein attraktiv auf diese Frauen gewirkt zu haben, hat l\u00e4ngerfristige Bindungen aber immer abgelehnt, da diese M\u00e4dchen (\u201eMenscher\u201c) nicht gesellschaftsf\u00e4hig gewesen seien. Gleichzeitig vertritt der Leutnant einen r\u00fcden Antisemitismus, der sich gegen die Juden im Zivilleben und Milit\u00e4r gleicherma\u00dfen richtet. Einen Bezugspunkt hierzu bildet die Dreyfus-Aff\u00e4re, die sich zur selben Zeit in Frankreich abspielte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die Jahrhundertwende pflegte das Milit\u00e4r in \u00d6sterreich-Ungarn einen Ehrenkodex, der zeittypische Besonderheiten aufwies: So bestand noch bis 1911 die Pflicht f\u00fcr jeden Offizier, einer Duellforderung unbedingt nachzukommen. Schnitzler traf mit seiner Novelle die Schwachstelle dieses Ehrenkodexes, denn \u201esatisfaktionsf\u00e4hig\u201c, also mit der Waffe zur Rechenschaft zu ziehen, waren nur Adelige, Milit\u00e4rs und Akademiker. Gustl, der sich von einem einfachen B\u00e4ckermeister bedroht f\u00fchlt, kann seine Ehre also nicht mittels eines Duells verteidigen oder zur\u00fcckerlangen, weshalb er glaubt, seine verlorene W\u00fcrde nur durch einen Suizid wiederherstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Inhalt, mit Spoiler<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Anschluss an ein abendliches Konzert, das er gelangweilt verfolgt hat, ger\u00e4t Gustl an der Garderobe des Konzerthauses in einen Streit mit dem ihm bekannten B\u00e4ckermeister Habetswallner. Gustl will seinen S\u00e4bel ziehen, wird aber durch seinen k\u00f6rperlich \u00fcberlegenen Kontrahenten daran gehindert und als \u201edummer Bub\u201c beschimpft. Die Schmach, von einem gesellschaftlich tiefer stehenden B\u00e4ckermeister beleidigt worden zu sein, vermag Gustl nicht zu verwinden. Dem milit\u00e4rischen Ehrenkodex verhaftet, beschlie\u00dft er, am n\u00e4chsten Morgen um sieben Uhr Selbstmord zu begehen, unabh\u00e4ngig davon, ob der B\u00e4ckermeister den Vorfall publik machen wird oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf seinem Weg nach Hause durchquert Gustl den Wiener Prater. Der Duft der ersten Fr\u00fchlingsblumen l\u00e4sst ihn in seinem Selbstmordentschluss wanken. Das Bewusstsein, von all diesen sch\u00f6nen Dingen Abschied nehmen zu m\u00fcssen, entfacht in ihm eine neue Lebenslust. Die Erinnerung an seine Familie, insbesondere seine Mutter und seine Schwester, sowie an diverse aktuelle und verflossene Geliebte versetzt ihn in eine tiefe Betr\u00fcbnis, die er mit der Feststellung, als \u00f6sterreichischer Offizier zum Suizid verpflichtet zu sein, vergeblich zu bet\u00e4uben versucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schl\u00e4ft auf einer Parkbank ein und erwacht erst am fr\u00fchen Morgen. Bevor er nach Hause zur\u00fcckkehrt, wo er seinen Revolver gegen sich zu richten beabsichtigt, besucht er sein Stammkaffeehaus. Der dort arbeitende Kellner Rudolf berichtet ihm, sein Beleidiger, der B\u00e4cker Habetswallner, sei in der Nacht unerwartet an einem Schlaganfall gestorben. \u00dcber alle Ma\u00dfen erleichtert, nimmt Gustl freudig von seinen Suizidpl\u00e4nen Abstand und ergeht sich in Betrachtungen anstehender Unternehmungen. So wird er sich schon am Nachmittag desselben Tages duellieren \u2013 mit dem Gedanken an seinen Kontrahenten endet der Text:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDich hau&#8216; ich zu Krenfleisch!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Leutnant Gustl<\/strong> (im Original: <strong>Lieutenant Gustl<\/strong>) ist eine Novelle von Arthur Schnitzler. Sie wurde 1900 in der Weihnachtsbeilage der Wiener Neuen Freien Presse erstmals ver\u00f6ffentlicht und erschien 1901 mit Illustrationen von Moritz Coschell im S. Fischer Verlag (Berlin).<\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-300x284.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"284\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Einfall war da, die Gestalt tritt hinzu, die dazu dient, den Einfall zu illustrieren, und der Einfall tritt im Laufe der \u00dcberlegung, eventuell erst im Laufe der Arbeit hinter der Gestalt zur\u00fcck. 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