{"id":79809,"date":"2022-06-07T00:01:41","date_gmt":"2022-06-06T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79809"},"modified":"2022-06-04T13:28:06","modified_gmt":"2022-06-04T11:28:06","slug":"der-schimmelreiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/07\/der-schimmelreiter\/","title":{"rendered":"Der Schimmelreiter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich \u00fcber Jahrzehnte befasste. Die Hattstedtermarsch und der Hattstedter Neue Koog bilden den landschaftlichen Hintergrund f\u00fcr die Novelle. Die <em>Gro\u00dfe Wehle<\/em> n\u00f6rdlich der Hattstedtermarsch, das ehemalige Gasthaus <em>Schimmelreiterkrug<\/em> in Sterdeb\u00fcll sowie die Harmelfshallig gelten als Vorbilder f\u00fcr Schaupl\u00e4tze der Novelle. Ein Bericht von der Sturmflut vom 7. Oktober 1756 mit 600 Toten an der Nordsee diente Storm als weitere Anregung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Theodor Storm untertitelte seinen Schimmelreiter selbst als Novelle. Dies l\u00e4sst sich an einigen rudiment\u00e4ren Kriterien auch belegen. Schon zu Beginn f\u00e4llt die novellentypische Rahmenkonstruktion auf, die Storm kunstvoll \u00fcber die Erz\u00e4hler \u201eZeitungsleser\u201c, \u201eReisender\u201c und \u201eSchulmeister\u201c doppelt. Der gesamte Aufbau best\u00e4tigt Storms eigene Forderung, die Novelle solle dem Drama entsprechen. Ob der Falke \u2013 nach Heyses g\u00e4ngiger Falkentheorie \u2013 hier der Schimmel ist oder doch eher der Deich, ist umstritten. Klar ist, dass der Konfliktkern der Novelle weder auf die Thematik des kulturschaffenden Kampfes des Menschen gegen die Natur noch auf das Problem un\u00fcberwindlichen Aberglaubens in der eigentlich aufgekl\u00e4rten Moderne begrenzt werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Novelle <em>Der Schimmelreiter<\/em> geht es um die Lebensgeschichte von Hauke Haien, die der Schulmeister eines Dorfes einem Reiter in einem Wirtshaus erz\u00e4hlt. Die Deiche in Nordfriesland, Handlungsort der Geschichte, spielen in Haukes Leben eine bedeutende Rolle. Am Ende stirbt Hauke mitsamt seiner Frau und seinem Kind einen tragischen Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hauke Haien, der Sohn eines Landvermessers und Kleinbauern, setzt sich, anstatt sich mit Gleichaltrigen zu treffen, viel lieber mit der Arbeit seines Vaters auseinander. Er schaut dem Vater zu und hilft ihm beim Ausmessen und Berechnen von Landst\u00fccken. Er lernt mit Hilfe einer holl\u00e4ndischen Grammatik Niederl\u00e4ndisch, um eine niederl\u00e4ndische Ausgabe von Euklids Werken lesen zu k\u00f6nnen, die der Vater besitzt. Fasziniert scheint er von der See und von den Deichen zu sein. Oft sitzt er bis in die tiefe Nacht am Deich und beobachtet, wie die Wellen an den Damm schlagen. Er \u00fcberlegt, wie man den Schutz vor Sturmfluten verbessern k\u00f6nnte, indem man die Deiche zur See hin flacher anlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der \u00f6rtliche Deichgraf Tede Volkerts einen seiner Knechte entl\u00e4sst, bewirbt sich Hauke um die Stelle und wird angenommen. Doch auch hier hilft er dem Deichgrafen mehr beim Rechnen und Planen als in den St\u00e4llen, was dem Deichgrafen zwar gut gef\u00e4llt, ihn aber bei Ole Peters, dem Gro\u00dfknecht, unbeliebt macht. Da Hauke auch das Interesse von Elke, der Tochter des Deichgrafen, wecken kann, versch\u00e4rft sich der Konflikt zwischen Hauke Haien und Ole Peters weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem nordfriesischen Winterfest gewinnt Hauke das Bo\u00dfeln und erf\u00e4hrt so erste gesellschaftliche Anerkennung. Danach beschlie\u00dft er, Elke einen Ring anfertigen zu lassen und ihr auf einer Hochzeit von Verwandten einen Heiratsantrag zu machen. Doch Elke lehnt vorerst ab, da sie noch warten will, bis der Vater sein Amt aufgibt. Der Plan ist, dass Hauke, der das Amt inzwischen inoffiziell f\u00fchrt, durch die zur rechten Zeit angek\u00fcndigte Hochzeit sich anschlie\u00dfend als Nachfolger bewerben soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Binnen kurzer Zeit versterben Haukes und Elkes V\u00e4ter. Hauke erbt Haus und Land seines Vaters. Als es darum geht, die Stelle des Deichgrafen neu zu vergeben, keimt der Konflikt zwischen Hauke und Ole erneut auf. Traditionell kann nur Deichgraf werden, wer ausreichend Land sein Eigen nennt. Dies tr\u00e4fe auf Knecht Hauke nicht zu, weshalb einer der \u00e4lteren Deichbevollm\u00e4chtigten bef\u00f6rdert werden soll. Gegen\u00fcber dem Oberdeichgrafen, der die Stelle des \u00f6rtlichen Deichgrafen zu vergeben hat, ergreift Elke allerdings das Wort und erkl\u00e4rt, sie sei bereits mit Hauke verlobt und durch eine Hochzeit werde Hauke das Land ihres Vaters bekommen und damit gen\u00fcgend Grundbesitz aufweisen. So wird Hauke Deichgraf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unheimlich erscheint den Dorfbewohnern ihr Deichgraf durch sein Pferd: einen edel aussehenden Schimmel, den er, krank und verkommen, einem zwielichtigen Durchreisenden abgekauft und aufgep\u00e4ppelt hat. Der Schimmel soll, darin best\u00e4tigen sich die Einwohner gegenseitig, das wiederbelebte Pferdeskelett von der verlassenen Hallig Jeverssand sein, das mit dem Kauf des Schimmels verschwunden war. Oft wird das Tier mit dem Teufel in Verbindung gebracht und sogar als dieser selbst bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hauke setzt nun die neue Deichform, die er als Kind bereits geplant hat, in die Tat um. Manche Leute sind dagegen. Doch Hauke setzt sich mit Zustimmung des Oberdeichgrafen durch. Vor einem Teil des alten Deiches l\u00e4sst er einen neuen bauen, ein neuer Koog entsteht und somit mehr Ackerfl\u00e4che f\u00fcr die Bauern. Als die Arbeiter einen Hund eingraben wollen, da es alter Brauch ist, etwas \u201eLebiges\u201c in den Deich einzubauen, rettet er diesen, und so sehen viele einen Fluch auf diesem Deich lasten. Ebenfalls auf Missmut st\u00f6\u00dft die Tatsache, dass Hauke Haien, teils durch Planung, teils durch Zufall, bereits gro\u00dfe Landst\u00fccke in dem neuen Koog besitzt und daher selbst stark vom Deichbau profitiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tagein, tagaus beobachtet er seinen Deich, indem er ihn mit seinem Schimmel abreitet. Der neue Deich h\u00e4lt den St\u00fcrmen stand, doch der alte Deich, der rechts und links des neuen Kooges weiterhin verl\u00e4uft und dort die vorderste Front zur See darstellt, scheint marode und von M\u00e4usen durchgraben. Angesichts der Beschwichtigung durch Ole Peters und der bereits maulenden Arbeiter f\u00fchrt Hauke an dem Deich keine umfassenden Bauma\u00dfnahmen durch, sondern beschr\u00e4nkt sich mit gro\u00dfen Gewissensbissen lediglich auf Flickwerk. Als Jahre sp\u00e4ter eine Jahrhundertsturmflut hereinbricht und der alte Deich zu brechen droht, will man auf Anordnung des Bevollm\u00e4chtigten, Ole Peters, den von Hauke konstruierten neuen Deich durchsto\u00dfen, da jener sich damit erhofft, dass sich die Kraft des Wassers in den neuen, noch unbewohnten Koog ergie\u00dfen und damit der alte Deich gerettet werde. Hauke stellt die Arbeiter kurz vor dem Durchstich zur Rede und verhindert die Vollendung dieser Arbeit, kurz darauf bricht der alte Deich endg\u00fcltig. Als in jener Nacht auch Elke mitsamt ihrer gemeinsamen Tochter Wienke, die geistig behindert ist, aus Angst um Hauke in Richtung Deich hinausf\u00e4hrt, muss dieser mit ansehen, wie die durch den Deichbruch in den alten Koog schie\u00dfenden Wassermassen Frau und Kind unter sich begraben. In seiner Verzweiflung st\u00fcrzt er sich ebenso mitsamt seinem Pferd in die tosenden Wasser, die das Land \u00fcberfluten, und ruft: \u201eHerr Gott, nimm mich; verschon die andern!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit endet die Erz\u00e4hlung des Schulmeisters. Er weist darauf hin, dass andere die Geschichte anders erz\u00e4hlen w\u00fcrden. So seien seinerzeit alle Einwohner des Dorfes \u00fcberzeugt gewesen, dass das Pferdeskelett nach Haukes und seines Pferdes Tod wieder auf der Hallig gelegen habe. Au\u00dferdem erw\u00e4hnt er, dass der neue, von Hauke Haien erschaffene Deich noch immer den Fluten standhalte, obgleich sich die erz\u00e4hlte Geschichte bereits vor fast hundert Jahren zugetragen haben soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Schimmelreiter<\/strong> ist eine Novelle von Theodor Storm aus der Literaturepoche des Realismus. Die Novelle erschien das erste Mal im April 1888 in der Zeitschrift <em>Deutsche Rundschau,<\/em> Bd.\u00a055.<\/p>\n<div id=\"attachment_10301\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Peter-Ettl-B\u00fcrohengst-e1577255064112.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-10301\" class=\"wp-image-10301 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/Peter-Ettl-B\u00fcrohengst-e1577255064112.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10301\" class=\"wp-caption-text\">Der &#8222;B\u00fcrohengst&#8220; von Peter Ettl<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich \u00fcber Jahrzehnte befasste. Die Hattstedtermarsch und der Hattstedter Neue Koog bilden den landschaftlichen Hintergrund f\u00fcr die Novelle. Die Gro\u00dfe Wehle&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/07\/der-schimmelreiter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2860],"class_list":["post-79809","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theodor-storm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79809","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79809"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79809\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100145,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79809\/revisions\/100145"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79809"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79809"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79809"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}