{"id":79779,"date":"2021-03-27T00:01:54","date_gmt":"2021-03-26T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79779"},"modified":"2021-03-26T06:42:20","modified_gmt":"2021-03-26T05:42:20","slug":"das-monster-in-mir","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/27\/das-monster-in-mir\/","title":{"rendered":"Das Monster in mir"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vladimir Zarev ist einer der wichtigsten Erz\u00e4hler und Lyriker Bulgariens.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Lesebuch &#8222;Wenn dies die Zeit ist&#8220; stellt sein Werk vor<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schatten der V\u00e4ter k\u00f6nnen lang und besonders dunkel sein. Das musste auch Vladimir Zarev erfahren, der heute wohl wichtigste Erz\u00e4hler und Lyriker Bulgariens. Als der damals 22-J\u00e4hrige 1969 mit einem Lyrikband in seinem Heimatland deb\u00fctierte, deuteten zwar bereits viele der Verse das immense sprachliche Potential des Jungautors an. St\u00e4rker jedoch verst\u00f6rte es die literarische \u00d6ffentlichkeit, dass dieser Schriftsteller eben auch Sohn seines Vaters war, immerhin kein Geringerer als der Vorsitzende des einflussreichen bulgarischen Autorenverbands; Herausgeber der f\u00fcr Studierenden obligatorischen sechsb\u00e4ndigen Literaturgeschichte und nicht zuletzt gesch\u00e4tzter Jagdgenosse des hochverehrten Staatschefs Todor \u017divkov. Zugegeben, unter diesen Vorzeichen war es nicht allzu kompliziert, im regulierten staatlichen Literaturbetrieb einen Verlag zu finden. Ein Umstand, der Zarev selbst dann noch vorgehalten wurde, als Bulgarien l\u00e4ngst der Sozialismus abhandengekommen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da scheint es schon fast eine absurde Pointe, dass ausgerechnet Zarev mit \u201eRazruha\u201c, 2007 unter dem Titel \u201eVerfall\u201c auch auf Deutsch erschien, einen der wohl wuchtigsten \u201eWende-Romane\u201c des gesamten ehemaligen \u201eOstblocks\u201c vorlegte. Als Chronist erz\u00e4hlt er darin die Geschichten der Gerissenen und Gebeutelten, die zwischen der aufflammenden organisierten Kriminalit\u00e4t, dem Machtverfall der Nomenklatura und dem ums nackte \u00dcberleben k\u00e4mpfenden Volk lavierend ihren Platz suchten. Eine Geschichte, die nicht zuletzt wegen ihres hochbegabten Erz\u00e4hlers aufgeht und fesselt. Immer wieder geht es dabei um die Frage: Wie wirkt Macht und wie transformiert sie Menschen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Potential, das auch deutschen Verlagen nicht entgangen ist. Anfang der 2000er Jahre brachten Deuticke und Kiepenheuer &amp; Witsch einige von Zarevs wichtigsten Romanen auf den deutschsprachigen Buchmarkt, mit wenig Enthusiasmus und noch weniger Erfolg. So obliegt es Zarevs langj\u00e4hrigen \u00dcbersetzer Thomas Frahm, in seinem Duisburger Chora-Verlag eine aussagekr\u00e4ftige Auswahl von Prosa-Texten, Gedichten und Essays vorzulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr seine \u00dcbersetzung von Zarevs Romantrilogie \u201eFeuerk\u00f6pfe\u201c war Frahm auf die Short-List zum Preis der Leipziger Buchmesse gesetzt worden, nun lotst er mit dem Band \u201eWenn dies die Zeit ist\u201c kundig durch das Werk eines Autors, der seine Protagonisten mit hartem, aber genauen Strich zeichnet. So erz\u00e4hlt er von Pavel, der seine Geliebte zur\u00fcckl\u00e4sst, um den im katatonischen Schweigen eingefrorenen Vater in der Heilanstalt zu besuchen oder von den Vertretern kirchlicher und weltlicher Hierarchien, denen au\u00dfer den leeren Insignien einstiger Macht nicht mehr viel geblieben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darunter sind immer wieder Momente grotesker, entlarvender Komik: \u201eIn der siebten Klasse, pl\u00f6tzlich und unerwartet, glaubte Simeon eine ganze Stunde lang an den Kommunismus\u201c, das ist gar nicht mal schlecht f\u00fcr einen Sch\u00fcler, der anstatt einer wenig gesch\u00e4tzten Mathestunde einen leidenschaftlichen Vortrag \u00fcber den Segen des Kommunismus lauschen durfte. Derma\u00dfen begeistert gibt der hingerissene Sch\u00fcler dem jugendlichen Agitator ungefragt noch einen Tipp zur Bek\u00e4mpfung seiner hartn\u00e4ckigen Akne mit auf den Weg. Ein Rat, der sich nicht unbedingt vorteilhaft auf Simeons zuk\u00fcnftige Schullaufbahn auswirken wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese ebenso bitterb\u00f6se, wie am\u00fcsante Episode stammt aus Zarevs 2019 ver\u00f6ffentlichten, stark autobiographischen Roman \u201e\u010cudovi\u0161tito\u201c (Das Ungeheuer), in dem sich der Autor den ihm eigenen sezierenden Blick auch auf sich selbst nicht erspart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die in dem Band versammelte Lyrik zeigt eine weitere Seite dieses Autors, mitunter filigran ziselierte Verse, die vom genauen Beobachten, vom sich konsequent auf Situationen und Atmosph\u00e4re einlassen k\u00f6nnen zeugen. \u201eWenn dies die Zeit ist\u201c bietet mehr als die Begegnung mit einem Autor, der hierzulande bislang nicht \u00fcber den Rang eines Geheimtipps herausgekommen ist. Dieser Band erm\u00f6glicht auch den Blick auf die bulgarische Gegenwartsliteratur, in der es viel zu entdecken gibt, wie gerade auch Vladimir Zarev zeigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wenn dies die Zeit ist<\/strong>. Lyrik. Prosa. Publizistik von Vladimir Zarev. \u00dcbersetzt und herausgegeben von Thomas Frahm, 140 S., Chora Verlag Duisburg 19,00 \u20ac ISBN 978-3-929634-85-3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/cover-zarev-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79783 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/cover-zarev-1-191x300.png\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/cover-zarev-1-191x300.png 191w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/cover-zarev-1-260x409.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/cover-zarev-1-160x252.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/cover-zarev-1.png 391w\" sizes=\"auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vladimir Zarev ist einer der wichtigsten Erz\u00e4hler und Lyriker Bulgariens. 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