{"id":79753,"date":"2022-12-27T00:01:54","date_gmt":"2022-12-26T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79753"},"modified":"2022-02-24T19:03:26","modified_gmt":"2022-02-24T18:03:26","slug":"unterm-birnbaum-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/12\/27\/unterm-birnbaum-2\/","title":{"rendered":"Unterm Birnbaum"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fontane verfasste die Novelle im Zeitraum von 1883 bis April 1885. Als Kriminalgeschichte galt sie in der Literaturwissenschaft lange Zeit eher als weniger gelungenes Nebenwerk Fontanes. Obwohl der Leser bereits von Beginn an die T\u00e4ter und ihre Motive kennt, wird durch Einbindung psychologischer Aspekte und die genaue Schilderung des Dorfmilieus, in dem ein Verbrechen begangen wird, der Spannungsbogen aufrechterhalten und eine d\u00fcstere Grundstimmung erzeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Geschichte eines von einem Ehepaar gemeinsam begangenen Raubmordes verarbeitet Fontane Kindheitserinnerungen \u2013 sein Vater hatte als Mitglied der B\u00fcrgergarde in Swinem\u00fcnde mit \u00e4hnlichen F\u00e4llen zu tun. Eine Jahre zur\u00fcckliegende Information seiner Schwester Elise \u00fcber einen erschlagenen franz\u00f6sischen Soldaten, der in Dreetz in Brandenburg vergraben worden war, weckte ebenfalls Fontanes Interesse und floss in die Handlung ein. Das Urbild des Tatortes war der Gasthof <i>Zum alten Fritz<\/i> in Letschin.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Inhaltsangabe, mit Spoilern<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abel Hradscheck, die Hauptperson, hat seit etwa zehn Jahren einen Kramwarenladen mit Wirtshaus in dem Oderbruchdorf Tschechin. Ungef\u00e4hr gleich lang ist er schon mit seiner etwa vierzigj\u00e4hrigen Frau Ursel verheiratet. Ursel hat ein bewegtes Leben hinter sich; offenbar aus geordneten Verh\u00e4ltnissen stammend, wurde sie in ihrem Elternhaus, einem Gasthof, nicht wieder aufgenommen, nachdem sie eine Zeitlang unter anderem als Schauspielerin und Seilt\u00e4nzerin gelebt hatte. Zuf\u00e4llig wurde Hradscheck, der damals gerade im Gasthaus ihres Vaters \u00fcbernachtete, Zeuge dieser Szene. Sein spontaner Heiratsantrag gab seinem Leben eine unerwartete Wende: Als Zimmermannssohn hatte er zun\u00e4chst das Handwerk seines Vaters gelernt und war auf Wanderschaft gezogen, hatte dann aber einen Laden in Neulewin er\u00f6ffnet. Nachdem ihm ein Verh\u00e4ltnis mit einer Frau dort offenbar l\u00e4stig geworden war, fasste er den Beschluss, nach Amerika auszuwandern. Er war auf dem Weg nach Holland, als er in der Gegend von Hildesheim die Bekanntschaft mit Ursel machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ursel ist zwecks Eheschlie\u00dfung mit Hradscheck vom katholischen zum evangelischen Glauben \u00fcbergetreten und hat deswegen beim Pfarrer Eccelius einen Stein im Brett. Die \u00fcbrigen Dorfbewohner halten sie jedoch f\u00fcr unnahbar und hochm\u00fctig, zumal sie ihren Mann \u00fcberreden konnte, bei einer Auktion mehrere M\u00f6bel zu erwerben, die in ihrer l\u00e4ndlichen Umgebung sehr unpassend wirken. Das Ehepaar lebt aber offensichtlich in Harmonie miteinander, obwohl seine zwei Kinder am selben Tag gestorben sind und Ursel ihrem Mann regelm\u00e4\u00dfig Vorw\u00fcrfe macht, weil er zu viel trinkt und mit ungl\u00fccklicher Hand spielt, weshalb auch etliche Schulden aufgelaufen sind, von denen sie offenbar zu sp\u00e4t erfahren hat. Als eine Firma, bei der er erhebliche Zahlungsr\u00fcckst\u00e4nde hat, die bevorstehende Ankunft ihres Reisenden Szulski meldet und gleichzeitig darauf dr\u00e4ngt, dass die Schulden endlich beglichen werden, sieht Hradscheck zun\u00e4chst keinen Ausweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch bei Gartenarbeiten unter seinem Birnbaum st\u00f6\u00dft er zuf\u00e4llig auf die \u00fcber 20 Jahre alte Leiche eines franz\u00f6sischen Soldaten und hat nun eine Idee, wie er dem Schuldensumpf entkommen k\u00f6nnte. Er weiht seine Frau ein, der die Idee zun\u00e4chst widerstrebt, die aber schlie\u00dflich einwilligt. Die Hradschecks streuen das Ger\u00fccht aus, sie seien durch eine Erbschaft zu Geld gekommen. Gleichzeitig sorgt Hradscheck durch einen kleinen Wechsel und andere Geldquellen daf\u00fcr, dass er Szulski, als dieser wie angek\u00fcndigt aus Polen anreist, die geschuldete Summe zahlen kann. Nach einem langen Abend in der Gaststube sucht Szulski sein Zimmer mit der Weisung auf, ihn um vier Uhr am n\u00e4chsten Morgen zu wecken, da er um f\u00fcnf Uhr weiterfahren wolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht erwacht die alte Nachbarin Jeschke durch ein Unwetter und beobachtet im Garten Hradschecks eine verd\u00e4chtige Szene: Trotz des starken Sturms gr\u00e4bt der Nachbar ein Loch unter dem Birnbaum, sch\u00fcttet es jedoch nach kurzer Zeit wieder zu. Am n\u00e4chsten Morgen t\u00e4uscht \u2013 so kann der Leser ahnen \u2013 Ursel, als Szulski verkleidet, dessen Abreise vor. Wenig sp\u00e4ter werden Szulskis Wagen und seine M\u00fctze in der Oder aufgefunden und alle glauben, der Pole sei verungl\u00fcckt. Auf Grund von Verd\u00e4chtigungen wird Hradscheck verhaftet; ihm kann allerdings nichts nachgewiesen werden. Die Nachbarin Jeschke plaudert nun ihre Beobachtung aus, sie habe Hradscheck in der Nacht vor Szulskis \u201eAbreise\u201c etwas unter dem Birnbaum vergraben sehen. Als man daraufhin unterm Birnbaum gr\u00e4bt, findet man keine frische Leiche, sondern den toten Franzosen. Hradscheck behauptet, in jener Nacht lediglich verdorbene Speckseiten vergraben zu haben, die tats\u00e4chlich an einer anderen Stelle des Gartens gefunden werden, und so kommt er wieder frei. Damit scheint sein Plan, alle zu t\u00e4uschen, indem er sie von seiner Unschuld \u00fcberzeugt, gelungen. Die Hradschecks f\u00fchlen sich jedoch offenkundig in dem Haus, in dem sie die Mordtat vollbracht haben, unwohl. Hradscheck l\u00e4sst seinen Gasthof aufstocken und Ursel bezieht ein neues Zimmer. Kurzfristig f\u00fchlt sie sich dort wohler; sie kann aber mit der Schuld nicht leben und stirbt einige Monate sp\u00e4ter. Hradscheck fasst w\u00e4hrend der Aufstockungsarbeiten au\u00dferdem den Plan, seinen Keller h\u00f6her w\u00f6lben zu lassen. Als ihm der Sachverst\u00e4ndige vorh\u00e4lt, es sei doch viel einfacher, stattdessen den Boden auszuschachten, um mehr Raumh\u00f6he zu gewinnen, wehrt er entsetzt ab und l\u00e4sst die ganze Sache fallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Jeschke, stets auf ihrem Beobachtungsposten am Nachbarzaun und bewusst ein etwas unheimliches Image pflegend, jagt den Bediensteten Hradschecks Angst ein, so dass sie sich nicht mehr in den Keller wagen. Die Behauptungen, in dem Keller spuke es, werden immer weiter verbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hradscheck will jetzt den toten Szulski, der in der Tat im Keller verscharrt liegt, aus dem Haus schaffen und in die Oder werfen. Als er sich nachts daran macht, Szulski auszugraben, bringt er versehentlich ein Fass ins Rollen, das den Zugang zum Keller blockiert. Am n\u00e4chsten Morgen wird sein lebloser K\u00f6rper neben der halb ausgegrabenen Leiche Szulskis aufgefunden. Was genau zum Tod Hradschecks f\u00fchrte, bleibt ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Novelle <strong>Unterm Birnbaum<\/strong> erschien, beginnend im August 1885, zun\u00e4chst als Vorabdruck in Fortsetzungen in der Zeitschrift Die Gartenlaube. Als Buchausgabe wurde sie erstmals im November 1885 beim Verlag M\u00fcller-Grote, Berlin, als Band 23 der <em>Groteschen Sammlung von Werken zeitgen\u00f6ssischer Schriftsteller<\/em> publiziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-60132 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png\" alt=\"\" width=\"239\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-260x327.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-160x201.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Fontane verfasste die Novelle im Zeitraum von 1883 bis April 1885. Als Kriminalgeschichte galt sie in der Literaturwissenschaft lange Zeit eher als weniger gelungenes Nebenwerk Fontanes. 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