{"id":79746,"date":"2022-04-07T00:01:48","date_gmt":"2022-04-06T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=79746"},"modified":"2022-02-24T05:57:38","modified_gmt":"2022-02-24T04:57:38","slug":"der-schuss-von-der-kanzel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/07\/der-schuss-von-der-kanzel\/","title":{"rendered":"Der Schu\u00df von der Kanzel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Novelle geht zur\u00fcck auf eine Anekdote um den Ziegelh\u00e4user Pfarrer Christoph Schmezer (1800\u20131882), der in der Heidelberger Gesellschaft <em>Der Engere<\/em> verkehrte und engen Kontakt mit dem Dichter Josef Victor von Scheffel und weiteren Heidelberger Geistesgr\u00f6ssen pflegte. Schmezer hatte anl\u00e4sslich einer geselligen Zusammenkunft eine Spielzeugpistole f\u00fcr seinen Sohn erworben und war nach durchzechter Nacht und wenig Schlaf von Heidelberg zur Predigt nach Ziegelhausen zur\u00fcckgekehrt, wo sich bei einer betreffenden Bibelstelle dann ein Schuss aus der Spielzeugpistole gel\u00f6st hat. Die Anekdote um den als \u00abflottesten Pfarrherr des Jahrhunderts\u00bb bekannten Schmezer wurde von Joseph Viktor Widmann, der von 1862 bis 1864 in Heidelberg studiert hat und mit Gottfried Keller befreundet war, \u00fcberliefert. Entweder von diesem oder von Meyers Verwandten Meyer-Ott in Z\u00fcrich, die ihrerseits mit Scheffel in Kontakt standen, kam die Geschichte zu Conrad Ferdinand Meyer.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Inhaltsangabe, mit Spoiler<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfannenstiel, Kandidat der Theologie, ist ein schwacher und naiver Mensch. Er f\u00fchlt sich der \u00abWelt des Zwanges und der Maske\u00bb nicht gewachsen. Deshalb glaubt er auch, auf seine Liebe zu Rahel, der Tochter des Pfarrers von Mythikon, wegen des zu grossen Standesunterschieds verzichten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sucht General Wertm\u00fcller auf, einen Vetter des Pfarrers, um eine Stelle als Milit\u00e4rkaplan in dessen <em>venezianischer Kompanie<\/em> von ihm zu erbitten. Der General lehnt diese Bitte ab, da er Pfannenstiel als zu schwach ansieht. Im weiteren Verlauf des Gespr\u00e4chs erf\u00e4hrt der General, dass Pfannenstiel seine Grosscousine Rahel liebt. Der General, der in Mythikon aufgrund der Tatsache, dass er ungl\u00e4ubig ist und ausl\u00e4ndische Sklaven anstellt, nur mit Unbehagen aufgenommen worden ist, heckt einen Plan aus, um die beiden Liebenden zu vereinen. Zudem ist es ein langersehnter Wunsch des Generals, sich auf Kosten der Kirche lustig zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Pfannenstiel im Hause des Generals am n\u00e4chsten Morgen aufwacht, ist dieser bereits, mit zwei gleichartigen Waffen best\u00fcckt, in die Kirche seines Vetters gegangen. Dort schenkt er seinem Vetter eine der beiden Pistolen. Diese hat allerdings einen sehr schwerg\u00e4ngigen Abzug. Der Vetter nimmt dankend an, doch in einem g\u00fcnstigen Augenblick, kurz vor Beginn der Predigt, vertauscht der General die schwerg\u00e4ngige Waffe gegen die zweite, die mit einem leichteren Abzug versehen ist. Der Pfarrer steckt sich die Pistole unter seinen Talar und beginnt die Predigt. Bei der letzten Strophe des Lieblingsliedes der Mythikoner (\u00abLobet Gott mit gro\u00dfem Schalle!\u00bb), als der General seinen Plan schon gescheitert sieht, zieht der Pfarrer die Waffe und gibt aus Versehen einen Schuss ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der General bes\u00e4nftigt die aufgebrachte Mythikoner Gemeinde, indem er sie in sein Testament aufnimmt. Dem Mythikoner Pfarrer vererbt er ein Schloss, wo er leben und sich um die Jagd k\u00fcmmern kann. Dieser muss aber sein Amt niederlegen und den beiden Liebenden seinen Segen geben. Die Gemeinde Mythikon erh\u00e4lt das begehrte Land unter der Bedingung, niemandem die Geschichte vom <em>Schuss von der Kanzel<\/em> zu erz\u00e4hlen. Der General starb w\u00e4hrend des Feldzuges an einer mysteri\u00f6sen Krankheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Schu\u00df von der Kanzel<\/strong> ist eine humoristische Novelle von Conrad Ferdinand Meyer (1825\u20131898), die vom Werk Gottfried Kellers beeinflusst ist und zwischen Mai und August 1877 entstanden ist. Sie wurde erstmals im <em>Z\u00fcrcher Taschenbuch auf das Jahr 1878<\/em> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_100084\" style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-image-100084 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Falke-e1645678580633.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-100084\" class=\"wp-caption-text\">Regelm\u00e4\u00dfig wird im Zusammenhang mit der Novelle die von Paul Heyse formulierte \u201eFalkentheorie\u201c angef\u00fchrt, die die Kategorien der Silhouette (Konzentration auf das Grundmotiv im Handlungsverlauf) und des Falken (Dingsymbol f\u00fcr das jeweilige Problem der Novelle) als novellentypisch benennt. Photo: Ph. Oelwein<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform<\/a>\u00a0Novelle. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck. Dieser Ausschnitt verzichtet bewu\u00dft auf die Breite des Epischen, es gen\u00fcgten dem Novellisten ein Modell, eine Miniatur oder eine Vignette. Wir gehen davon aus, da\u00df es sich bei dieser literarischen Kunstform um eine k\u00fcrzere Erz\u00e4hlung in Prosaform handelt, sie hat eine mittlere L\u00e4nge, was sich darin zeigt, da\u00df sie in einem Zug zu lesen sei. Und schon kommen wir ins Schwimmen. Als Gattung l\u00e4\u00dft sie sich nur schwer definieren und oft nur ex negativo von anderen Textsorten abgrenzen. KUNO postuliert, da\u00df viele dieser Nebenarbeiten bedeutende Hauptwerke der deutschsprachigen Literatur sind, wir belegen diese mit dem R\u00fcckgriff auf die Klassiker dieses Genres und stellen in diesem Jahr alte und neue Texte vor um die Entwicklung der Gattung aufzuhellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Novelle geht zur\u00fcck auf eine Anekdote um den Ziegelh\u00e4user Pfarrer Christoph Schmezer (1800\u20131882), der in der Heidelberger Gesellschaft Der Engere verkehrte und engen Kontakt mit dem Dichter Josef Victor von Scheffel und weiteren Heidelberger Geistesgr\u00f6ssen pflegte. 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